Harry Potter und die Luftkammer des Schreckens

2. Klasse Volksschule  – Sachunterricht – Das Ei.

Meine Tochter hat  nächste Woche darüber einen Test. Wie lernt man das „Ei“? 10x durchlesen und dann auswendig können? Das machen viele – bis zur Uni. Aber es ginge auch anders:

1) Zuerst zeichnet sie das Ei neu. Mit verschiedenen Farben. Von innen nach außen.

2) Dann zählt sie die Begriffe. 8 Begriffe sind zu lernen.

3) Sie schreibt (mit denselben Farben) die Begriffe zur Zeichnung dazu. In der Reihenfolge von außen nach innen. Wir sprechen über die Begriffe: Was ist Kalk? Hart oder weich? Ist Eiweiß weiß? Wieviele Häute hat das Ei (Dotterhaut und Schalenhaut). Es gibt die KalkSCHALE und die  SCHALENhaut. Was heißt keimen? Pflanzen können keimen, Keime in Wunden sind zu vermeiden usw. Aus der Keimscheibe wächst ein Küken. Wir suchen Merkwürdigkeiten, Gemeinsamkeiten, Erfahrungen zu den einzelnen Begriffen.

4) Dann nummerieren wir die Begriffe von außen nach innen, von 1 bis 8.

(1) Kalkschale
(2) Lufkammer
(3) Schalenhaut
(4) Hagelschnur
(5)Eiweiß
(6) Dotterhaut
(7) Dotter
(8) Keimscheibe

5) Zuletzt erfinden wir eine Geschichte:

Wir reisen mit einem Raumschiff durch das All. Wir sind auf der Suche nach dem Geheimnis des Lebens. Plötzlich empfangen wir ein Funksignal. „SOS“ – save our souls – rette unser Seelen. Wir rasen darauf zu und prallen plötzlich von einer riesigen (1) Kalkschale ab. Beim zweiten Versuch setzen wir unseren Raumschiff-Bohrer ein und bohren uns durch die Kalkschale durch und kommen in die (2) Luftkammer. Dort sitzt ein Junge. „Who are you – wer bist Du“ fragen wir. „I’m Harry Potter – Ich bin Harry Potter“ sagt der. Voldemort hat ihn in der Luftkammer des Schreckens eingesperrt und er sendete das SOS. „Please rescue me – bitte rettet mich“ sagt Harry  Potter. Aber zuvor müsst ihr noch das Geheimnis des Lebens in diesem Ei entdecken. Ihr lässt Harry Potter einsteigen und ihr bohrt euch mit dem Raumschiff durch die (3) Schalenhaut und kommt in einen langen Tunnel, die (4) Hagelschnur. Wenn ihr links und rechts aus dem Fenster guckt, sehr ihr nur milchiges (5) Eiweiß. Am Ende des Tunnels schießt ihr durch die (6) Dotterhaut und landet im (7) Dotter. Alles gelb, nichts zu sehen. Aber nach einigen Minuten könnt ihr mit Hilfe von Harry Potter das Geheimnis des Lebens finden: Die (8) Keimscheibe, aus der später neues Leben entsteht. Ihr verladet sie ins Raumschiff und reist zurück: Durch den (7) Dotter, die (6) Dotterhaut, das (5) Eiweiß, das ihr durch die (4) Hagelschnur bereist. Ihr durchbohrt abermals die (3) Schalenhaut, kommt durch die (2) Luftkammer des Schreckens, wo ihr Harry Potter gerettet habt und durch das Loch in der (1) Kalkschale zurück ins All, wo ihr auf eurem Heimatplaneten als Helden empfangen werdet.

6) Die Geschichte immer wieder erzählen. Allerdings geschieht das dann in Kurzform: Raumschiff durchbohrt Kalkschale, kommt in Luftkammer, durchbohrt Schalenhaut, Hagelschnur – Blick nach draußen: nur Eiweiß usw. Besonders effektiv: Vor dem Einschlafen wiederholen. Am besten: davon träumen.

Häufigstes Gegenargument dieser Technik (bei meinen Berufsschülern): „Da brauche ich ja viel länger zum Lernen, weil ich ja eine Geschichte erfinden und zeichnen muss.“ Das kann sein, allerdings bringt diese Technik auch einigeVorteile:

  • Durch den strukturierten Aufbau wird kaum ein Element vergessen.
  • Das Erfinden einer eigenen Geschichte ist ein Erfolgserlebnis und weckt positive Emotionen.
  • Diese Emotionen (Dopamin) verstärken den Lerneffekt.
  • Das Erzählen der Geschichte einer anderen Person verstärkt den Lerneffekt nochmal.
  • Geschichtenerfinden übt die kreative Problemelösung.  („Was mache ich nun, wie geht’s weiter“)

Letztendlich ist diese Variante die menschlichere Art, etwas zu lernen. 10x, 20x durchlesen ist pauken, roboterhaftes, stupides Wiederholen. Das können Haustiere auch. Unsere Kinder brauchen nur den Mut, sich menschlichere Lernformen anzueignen. Die TAZ zitiert drei finnische Lehrerinnen: „Gutes Lernen ist wie Sex. Entweder leidenschaftlich – oder mechanisch und ohne Gefühl.“ Dem ist nichts hinzuzufügen😉

(Dieser Beitrag ist Vera F. Birkenbihl gewidmet, die derzeit im Krankenhaus liegt. Gute Genesung! Die Lernenden brauchen Sie, Fr. Birkenbihl.)

12 thoughts on “Harry Potter und die Luftkammer des Schreckens

  1. Das ist ein interessantes Beispiel und ein interessanter Ansatz mit LehrerInnen in Kontakt zu treten. Was mir an der Geschichte nicht gefällt, ist das ein Kind ja mehrere Fächer hat und in einer Woche dann 10 -20 Geschichten erfinden muss.

  2. Hallo @caba,

    DAS wäre etwas einseitig. Der Mensch sollte sich ja auch nicht zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen von Spaghetti ernähren, ich denke, das wird jedem klar sein, oder?

    Aber vielleicht wäre dieser Geschichten-Ansatz ja was für die PH, den Lehrerinnen und Lehrern ein paar Methödchen beizubringen, wie sie den Schülerinnen und Schülern das Lernen beibringen könnten, anstatt die nächste hochwissenschaftliche Haus- oder Seminararbeit abzuliefern? Die könnten die Geschichte ja in eine Hausarbeit schreiben. *haha*. Aber im Ernst: Täuscht mich mein Eindruck, oder ist diese relativ alte Methode für (zu) viele Pädagogen a) neu bzw. b) fremd?

    lg

  3. Mir ist die Methode ganz und gar nicht fremd. Vielen Dank für das Beispiel. Letzte Woche habe ich mit meinen Schülern unter einigen anderen auch diese Lerntechnik behandelt. Darf ich es als Beispiel benutzen?

  4. Hallo @murmel,

    gerne!!! Ich freue mich sehr über die Verwendung in Deinem Unterricht. Dann habe ich diese Zeilen nicht ganz umsonst reingeklopft. Wünsche viel Erfolg dabei!

    lg
    Werner

  5. Na ja, NEU ist diese Technik nun ja wirklich nicht ;-)) Aber ich finde es trotzdem super, dass man wieder mal daran erinnert wird, dass es viele nette, kreative Arten gibt, wie man sich Dinge leichter merken kann (nämlich Verknüpfung mit Altem). Ideen wie diese findet man übrigens in jedem gutem Lerntechnikbuch! Leider sind Lerntechniken viel zu wenig, bis gar nicht, bei SchülerInnen bekannt. Daher unbedingt an JunglehrerInnen weitersagen ;-))

  6. Hallo Martina,

    aber warum sind Lerntechniken einigen (bzw. vielen?)SchülerInnen nicht bekannt? Die verbringen doch Tage, Wochen, Jahre in der Schule? Ich würde den Ball in diesem Fall nicht nur den JunglehrerInnen zuschieben, da tragen auch die älteren Semester gehörig zu diesem Defizit bei. Ist es vielleicht nicht Unwissenheit sondern Faulheit / Trägheit / Bequemlichkeit? Wenn ja: Wessen?😉

    • Lerntechniken sind SchülerInnen nicht bekannt, weil die Lehrenden einfach drauf „vergessen“ es ihren SchülerInnen beizubringen! Lerntechnikkurse gehören als Pflicht (!) an den Beginn jedes Schuljahres. Aber wer macht das schon? Daher wäre es gut, wenn man schon in der LehrerInnenausbildung dringend darauf hinweisen würde.
      Ich habe mich ebenfalls an der Nase genommen und habe mir eine einwöchige Moodlesequenz zusammengestellt, in der meine SchülerInnen über ihre Lerngewohnheiten reflektieren, sich gegenseitig Tipps geben und einen Lerntypentest machen. Diese Moodlesequenz mache ich jedes Jahr am Beginn des Sch

      • (upps…zu früh abgeschickt)
        …zu Beginn des Schuljahres. Und dies geht ganz nebenbei, da die Schülerinnen in den Foren außerhalb des Unterrichts arbeiten. Hat sich bewährt.🙂

  7. Sehr schöner Beitrag,

    hier meinen ‚Senf‘ zum Einwand:
    „Da brauche ich ja viel länger zum Lernen, weil ich ja eine Geschichte erfinden und zeichnen muss.“

    1) die Beschäftigung mit der Erfindung einer Geschichte und einem Bild bedeutet ganz elementar Lernen.

    (Viele meinen Lernen = Pauken. Lernen bedeutet aber viel elementarer die kreative Verknüpfung von Neuem mit dem was man schon weiß)

    2) Lernen bedeutet immer Zeitaufwand! Die Frage ist wie effektiv die Zeit genuzt wird in Bezug auf Freude am Lernen und Nachhaltigkeit. (Gepauktes ist häufig nach Klausuren wieder vergessen)

    Grüße
    Hagen

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