Künftig ohne Anstrengung und Mühe lernen

Mit Hilfe von Technik versuchen Bildungseinrichtungen und auch die Bildungsindustrie, den Aufwand und die Anstrengung für das Lernen zu reduzieren. Die stolze Verkündung eines Herstellers „Bei uns gibt es keine Skripten mehr, Sie können nun alles mit Hilfe des Bildschirms lernen“ bei einer Präsentation eines WBT zur wirtschaftlichen Allgemeinbildung deutet an, wohin zumindest die Softwareindustrie gehen möchte. Etliche Pädagogen versuchen auf andere Weise, Technik und Lernen zu verknüpfen: Sei es mit simplen LernTECHNIKen im Unterricht, Blended Learning, Mobile-Learning Sequenzen oder einfach nur, indem sie verstärkt Frontalunterricht mit Hilfe des Whiteboards machen. Schüler und Studenten dopen sich mit Energy-Drinks, Kaffee oder konsumieren Neuro-Enhancer.

Welchen Anteil an müheloseren (?) Lernen einfach nur die erhöhte Motivation („Mal was Anderes, damit geht es leichter, das hilft mir“) bei Anwendung dieser Techniken und Technologien hat, kann vermutlich nie zweifelsfrei beurteilt werden. Ansonsten wäre das Märchen von der Relevanz der verschiedenen Lerntypen schon längst von der Bildfläche verschwunden.

Wie es mit Lerntechnologien und Lerntechniken demnächst weitergehen könnte, beschreiben zwei Autoren in ihren Science-Fiction Thrillern:

Der Wiener Marc Elsberg (Facebook, Amazon) beschreibt im Roman „Zero – Sie wissen was du tust“, wie mit Hilfe von sozialen Netzwerken Lernen erleichtert werden kann. Andreas Eschbach (FacebookAmazon) überspringt in seinem Fortsetzungsroman „Black*out“, „Time*Out“ und „Hide*Out“ das mühsame Lernen und füllt Wissen direkt in die Köpfe der Nutzer ein.

Beide Autoren vermitteln glaubwürdig, dass sie Ahnung von dem haben, was sie hinsichtlich IT von sich geben: Elsberg wurde ja schon bei „Black Out – Morgen ist es zu spät“, wo es um den Zusammenbruch der Stromversorgung geht, für seine profunde Recherche von der Presse gelobt, Eschbach war Software-Entwickler.

Elsberg geht in „Zero – Sie wissen, was du tust“ von der Quantified-Self-Bewegung aus, wo Nutzer (freiwillig) zum eigenen Vorteil und auch zum Vorteil von beteiligten Unternehmen persönliche Daten preisgeben: Das beginnt bei Bankomat- und Kreditkartenzahlungen, GPS-Positionen ihres Smartphones, Status-Updates in sozialen Netzwerken und hört bei der persönlichen Smartwatch auf, die Ernährungsverhalten und Körperfunktionen wie den Puls an das soziale Netzwerk „Freemee“ übermittelt. Der Nutzer kann freischalten, was übermittelt wird und er erhält dafür monatlich einen Geldbetrag überwiesen. Je mehr er freischaltet, desto mehr Geld wird überwiesen.

Im Roman analyisert das soziale Netzwerk „FreeMee“ diese Daten und berechnet mit Hilfe Tausender anderer vergleichbarer Nutzer Chancen und Risiken des eigenen Lebenswandels. Nutzer haben am Smartphone die „ActApps“ installiert, die laufend Tipps geben, das Leben hinsichtlich Karriere, Mode, Liebe und eben auch Lernen zu verbessern. Hält sich der Nutzer an die Tipps der ActApps, dann steigt er in Ranglisten auf, die öffentlich im Netz einsehbar sind. Diese Rangliste steigert die Motivation, die Tipps zu befolgen.

Zitat aus „Zero“:

„Ein Beispiel: Man kann den Leuten hundertmal sagen, sie sollen ihre Zähne besser putzen. Wirksamer wird es, wenn wir ihnen eine Belohnung dafür geben. Bei Freemee steigen deine Werte – du musst nur eine elektrische Zahnbürste haben, die an dein Konto senden kann, oder einen Sensor an deiner Bürste anbringen, der das übernimmt. Noch weiter angespornt werden die Leute durch den Wettbewerb. Zahnputzwettbewerb.« Er verdreht die Augen. »Innerhalb der Familie. Zwischen Freunden. Und natürlich der Blick in die Zukunft: ein lückenhaftes, faules Gebiss? Und so weiter. Gamification, der Einbau spielerischer Elemente. Und natürlich Priming, Framing, Mere exposure, Heuristiken nutzen oder falsche und ungeeigente korrigieren, kognitive Verzerrungen und Basisratenfehler ausmerzen, Anker-Effekte und so weiter, der ganze psychologische Werkzeugkasten – es ist das Kombinieren von Psychologie, Soziologie und IT, um letztlich Denken und Entscheiden zu automatisieren.«“

Science Fiction ist das nicht: Meine alte Zahnbürste vergibt bereits Sternchen für die Putzzeit, hier ist eine neue im Video.Zahnbuerste

WLAN-Körperwaagen gibt’s auch schon länger, nur ist die Vernetzung des „Internet der Dinge“ noch nicht einmal am Anfang angelangt. Es wird heute noch kein Zahnputz-Zeit Family-, Gemeinde-, Bezirksranking ins Internet gestellt, noch kein Gewichts-Contest Ranking durchgeführt. Oder doch?

Auch IT-averse Schichten wie (sehr viele) Politiker kennen Ranglisten und werden heute nach Anzahl ihrer Twitter-Follower bewertet, obwohl die meisten mit Twitter überhaupt nichts am Hut haben. Science Fiction ist das nicht, wir haben es nur noch nicht ausgebaut und für das Lernen in der Schule angewandt.

Was können wir heute realisieren? Elsbergs ActApp analysiert das Verhalten des Lernenden. Wie ernährt er sich? Wann und wie viel Sport betreibt er? Ist er ein Morgen- oder Abendmensch? Wie lange sitzt er, sieht er fern, spielt, fährt im Bus oder Zug? Intelligent programmiert könnte sie durchaus schon heute Tipps geben, um die Rahmenbedingungen für das Lernen (Schlaf, Bewegung, Ernährung) zu optimieren. Samsung, Garmin und Jawbone experimentieren damit und mit uns schon herum.

Zudem gibt es einheitliche Bildungsstandards. Die ActApp könnte also auch schon heute wissen, welches Lernthema in welcher Zeit in welchem Umfang zu bewältigen ist. Was noch nicht realisiert ist, ist die Vernetzung all dieser Dinge, um Lernen zu fördern.

Andreas Eschbach geht einen Schritt weiter und vereinfacht Lernen in zwei Etappen.

In Stufe 1 wird Nutzern ein „Lifehook“, das ist ein kleiner Chip, in die Nase gepflanzt. (Heutige Ansätze bei den Science-Blogs.) Dieser Lifehook wandelt Gehirnströme in Bits um und sendet diese via Mobilfunk an einen Internet-Browser oder an bis zu 20 andere Lifehook-Nutzer. So können via Gedanken Mails geschrieben, in Wikipedia nachgesehen und Gedanken und Gefühle von Freunden erlebt werden. Einem guten Ergebnis bei Klassenarbeiten und Tests steht also nichts mehr im Wege, wenn man die richtigen Freunde hat.

In einer zweiten Stufe wird die Begrenzung auf 20 Freunde abgeschaltet und der Nutzer wird Teil des gesamten Gedanken-Kollektivs aller Lifehook-Nutzer, Kohärenz genannt. Die eigene Persönlichkeit verblasst (ein wenig), dafür hat man Zugriff auf das Wissen, die Erfahrungen und Gefühle des gesamten Kollektivs. (Die BORG in Star Trek können das auch.)

Das hat natürlich auf manche Fernsehformate (wie die Millionenshow) und auf die Schule gravierende Auswirkungen. Eschbach schreibt:

„Schule war unnötig, wenn man der Kohärenz angehörte. Man musste nichts lernen, man wusste schon alles, was die Kohärenz wusste.“

Somit wären wir am Ziel. Wer, außer der Bildungsindustrie, weil die damit Geld verdient und Jobs schafft, hat echtes Interesse am Lernen? Nur sehr wenige lernen, weil lernen geil ist. Lernen ist heute ein Mittel zum Zweck: Um eine Note, ein Zeugnis, einen Abschluss zu haben, um den Job zu erhalten, um Geld verdienen zu können, um Karriere zu machen und wenn das nicht geht, zumindest ein vernünftiges Leben führen zu können. Das Ziel ist meistens ein Stück Papier, manchmal Wissen, selten die Tätigkeit des Lernens an sich.

Den Stein der Weisen für das Lernen, den hat Eschbach auch nicht gefunden. Kreativität und die Liebe zu künstlerischen Tätigkeiten geht in der Kohärenz verloren. Und damit würden wir wieder dort landen, was Schule mangels zeitgemäßer Reformen ohnehin heute ist: „eine Unterrichtsvollzugsanstalt, in der wir von klein auf dressiert werden, uns zu unterwerfen, uns einzufügen und willig mitzumachen.“ (Zitat Franz Josef Neffe im Kommentar zu „Denke Wild„)

Eine Anmerkungen noch zu den Romanen: Natürlich geht es in keinem der beiden Romane um Lernen, sondern um Missbrauch von Technik zur Überwachung und Manipulation von Gesellschaften. Vielleicht sind sie auch hilfreich, genervte Eltern im Umgang mit ihren Smartphone-Zombies der Generation Smartphone zu unterstützen. Beide Romane sind fundiert recherchiert, spannend, wahre Pageturner und für Jugendliche geeignet. Elsberg hat mich als „Technikbegeisterten“ auf den Boden zurückgeholt. Fazit: Lesenswertes von den zwei kleinen Brüdern des großen Bruders (Orwell’s 1984).

Marc Elsberg: „Zero – Sie wissen, was du tust„, Blanvalet, 2014
Andreas Eschbach, „Black*Out„, Arena, 2010
Andreas Eschbach, „Hide*Out„, Arena 2011
Andreas Eschbach, „Time*Out„, Arena 2012

4 thoughts on “Künftig ohne Anstrengung und Mühe lernen

  1. Hm.. #ScienceFiction? Auch viel von #StarTrek ist schon Realität geworden. Wahrscheinlich aber auch deshalb WEIL es ST gegeben hat und so die Ideen überhaupt im Raum gestanden hatten. Da führte ich interessante Gespräche mit Vera F #Birkenbihl drüber von wegen Henne Ei Problem🙂
    Doch zu deiner These des nicht mehr anstrengenden Lernens: was ist #Lernen? Lernen ist zT auch das Erkennen dass da etwas unbekanntes (potenziell bedrohlich anders) ist (#Pertubation). und so versucht das #Gehirn es in die bestehenden Muster und Schemata einzubauen; und nur wenn es gar nicht mgl ist UND bestenfalls noch gute Gefühle (neugierde) triggert… wird gelernt. vgl Flaschenhals des Lernens.
    SCHULE wozu überhaupt in einer Welt in der praktisch und besser mit computer STOFF vermittelt wird? Dazu empfehl ich die Methode des #FlippedClassroom als Mittel der Wahl. Da gehts ums ANWENDEN um die sozialen Aspekte des Lernens. da die #schüler zuhause ihre eigenen #Lehrer sind, den eigentlichen stoff intus haben… well. was sind denn deine“#Visionen“ eines #LernenDerZukunft ?

  2. Ich misstraue dieser #Argumentation. Man fängt mit einem #Einzelfall an, hier: „Lernen ist zT auch“, der ein paar Zeilen später #verabsolutiert wird: „und nur wenn es gar nicht mgl ist“. Das mit der Perturbation hängt auch sehr vom verwendeten Lernbegriff ab und ist keinesfalls absolut.

    FlippedClassroom – klaro, auch schon alles gemacht. Ist auch nur: „Lest euch mal den Text als Vorbereitung zu Hause durch“ mit einem eigenen Video statt mit Text. Das eine funktioniert nicht besser als das andere – nämlich nur bei manchen Schülern.

    Ansonsten: Eschbach geht mir etwas zu weit, aber der andere interessiert mich mehr, danke für Lesetipp.

  3. Eschbach zeigt in Zero auf, wohin solche Datensammlungen führen können. Ob dies nun tatsächlich so von einigen Firmen gemacht wird, können wir natürlich nicht wissen. Und das viele verschwenderisch mit ihren Daten umgehen, wissen wir auch (siehe FB, Google, etc.). Auf der einen Seite ist es gut für das Netz, aber wiederum schlecht für den einzelnen Nutzer. Man sollte sich auf jeden Fall Gedanken machen, wo und was man alles ins Netz gibt. Tom

  4. Also ich bin immer noch für das Lernen vom Papier. Eine Lehererin von mir sagte immer: „Von der Hand in den Kopf“. Und das wirkt bei mir tatsächlich, wenn ich es mit einem Stift (!) aufschreibe, bleibt es eher hängen, als wenn ich es mit irgendwelchen Lernsoftwares lernen soll. Aber wie ja auch schon geschrieben… Es gibt verschiedenen Lerntypen und das sollte definitiv nicht von der Industrie vergessen werden!

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