Occupy bookshelf – die Revolte im Buchregal

Haben sich Ihre Lesegewohnheiten verändert, und wenn ja, wie?“ fragt WissensWert, die Mitmachzeitschrift über Enterprise 2.0, Knowledge Management und E-Learning und ruft zum Blog-Carnival auf.

Nein, haben sie nicht. Zumindest nicht durch den Amazon-Kindle, den ich mir noch im Mai 2010 um stolze EUR 274,84 aus den USA schicken ließ. Nach anfänglichen Missverständnissen (meine Finger wollten immer per Swish am vermeintlichen Touch-Screen umblättern) wurde das Gerät zur fixen Einrichtung am Nachtkästchen. Heute, 39 gelesene ebooks später gibt es den Kindle-Reader um annehmbare EUR 99,00 (Amazon). Ärgere ich mich deshalb? Sag ich nicht. Vermutlich gibt es den Reader nächste Jahr kostenlos zu irgendeinem Zeitschriften- oder Zeitungsabo, sobald die Verlage auch mal Wind davon bekommen, dass es so ein Gerät gibt.

Seit ich Taschengeld bekomme bin ich leidenschaftlicher Büchersammler. Meine Regale platzen aus allen Nähten. Meine Frau teilt diese Leidenschaft. Ich muss Bücher besitzen, ich muss sie ins Regal stellen können, sozusagen als Trophäe, was ich alles in den letzten 34 Jahren gelesen habe. Allerdings wächst der SLB (=Stapel zu lesender Bücher) jedes Jahr in nahezu beängstigender Weise an. Mittlerweile müsste ich jede Woche knapp 1,5 Bücher lesen, um bis zu meinem statistisch vorgesehenen Ableben den Stapel abgearbeitet zu haben. Es ist wie die Schuldenkrise – Schulden ziehen Schulden an. Meine Bücher entwickeln ebenfalls eine erstaunliche Sogwirkung, die durch das Internet noch verstärkt wurde. Es wurde Zeit für die Aktion „Occupy book shelf – nehmt den Büchern ihre Macht im Regal!“.

Was war der Auslöser?

Schuld war George R. R. Martin. 1996 startete er „The Song of Ice and Fire„, von mir relativ spät im Jahr 2007 entdeckt. Ich wühlte mich durch die bislang vier erschienen Paperback-Bände und war hocherfreut auf seinem Blog zu lesen, dass Band fünf 2008 erscheint und bestellte bei Amazon vor: Lieferdatum Juni 2008. Anschließend gab es halbjährlich bis jährliche vertröstende Blog-Updates, bis letztendlich der fünfte Band „A dance with dragons“ am 27. Juni 2011 mit 3 Jahren Verzögerung ausgeliefert wurde.

(Was ich nicht wusste: Durch meine Vorbestellung war ich weltweit unter den ersten 180, die das Buch erhielten, weil Amazon versehentlich noch vor dem offiziellen Erscheinungsdatum auslieferte. Der Autor schäumte. Ich habe es nicht bemerkt, ich schrieb an einer Hausarbeit für das Studium).

Da lag es nun, das gute Stück: Knapp mehr als 1000 Seiten, fast 1469 Gramm schwer. Nun gut. Die Hausarbeit war drei Wochen später abgeschlossen, auch der Rest der Welt hatte das Buch mittlerweile erhalten und „A dance with dragons“ wanderte mit auf die Couch, ins Bett, auf die Gartenliege. Nur irgendwie… nach all den ebooks … es war einfach … ungemütlich und lästig, ein so dickes, schweres Buch herumzuschleppen. Außerdem war es nach fast vier Jahren relativ schwierig, wieder in die Story hineinzufinden. Wer war nochmal Shakaz Shavepate? Wast hatte Victarion Greyjoy nochmal vor?

Nach 178 Seiten hatte ich die Nase voll und kaufte ich mir kurzerhand „A dance with dragons“ ein zweites Mal – als ebook. Statt 1469 Gramm hielt ich ab sofort nur noch 290 Gramm in Händen.

Statt 55 mm ehemaligen Baum nur noch 12 mm Gadget. Statt im Internet in diversen Wikis zu recherchieren kaufte ich mir um günstige $ 17,57 die vorherigen Bände im Kindle-Format als Bundle und konnte so bequem via Volltextsuche in der gesamten Serie schmökern und nachlesen und fand so nach und nach wieder den Lesefaden. Sehr bequem für englischsprachige Literatur ist auch das eingebaute Wörterbuch, das ich nicht mehr hergeben möchte.

Fertig gelesene Bücher landen also ab jetzt kaum mehr im Bücherregal als Trophäe. Wenn mein Ego irgendwann deswegen rebelliert, dann hoffe ich doch, dass die Buchindustrie das passende Geschäftsmodell dazu entwickelt😉 Eine ebook-Edition mit passendem Buchkarton für das Bücherregal. In der „killed-tree“-Luxus Edition gibt es dann echtes, bedrucktes Papier zwischen den Buchdeckeln. Und das Hörbuch gibt es zum geringen Aufpreis als Download dazu. Weil die Kindle-Vorlesestimme, die ist das einzige, was ich am ebook-Reader misslungen finde.

Aber hat sich mein Leseverhalten dadurch geändert? Was Romane betrifft: absolut nicht. Ich lese nicht weniger, ich lese aber auch nicht mehr als früher. Sachbücher lese ich nicht am Kindle. Mit Sachbüchern muss ich arbeiten, also markieren, Anmerkungen reinschreiben, schnell von Seite x zu Seite y springen. Das kann der Kindle zwar auch, aber ungleich unbequemer, als es ein richtiges Buch kann. Für das Studium arbeite ich allerdings sehr gerne parallel: Die Studienbriefe der Fernuni Hagen bearbeite ich am Papier, für Hausarbeiten nutze ich aber intensiv PDF’s, weil bei Zitaten das lästige Tippen erspart bleibt und das Sammeln, Sichten und Auswerten von Literatur mit geeigneter Software das Leben und das Erstellen von Hausarbeiten gewaltig erleichtert. Das ist aber ein Thema für eine andere Geschichte.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s