Veranstaltungsbericht: Politische Bildung in der Mediengesellschaft, Linz, OÖ

Der Landesschulrat OÖ veranstaltet derzeit die Reihe „Menschenbilder – Menschenbildung„, in der es um Wissen und Werte in Schule und Gesellschaft geht. Heute war das Thema „Politische Bildung und soziales Lernen in der Mediengesellschaft“ im Linzer Schlossmuseum an der Reihe. „Einer soll hinfahren“, hat mein Vorgesetzter mir geflüstert und ich sei an der Reihe.

Nun gut. Ein großer Fan dieser „Tagesausflüge“ bin ich ja nicht, weil erstens jede Menge Vertretungsstunden vorzubereiten sind, jede Menge Kollegen diese Vertretungsstunden halten müssen und diese Vertretungsstunden nachzubereiten sind. Warum Steuergeld, Ressourcen und Zeit investieren, wenn ich die Vorträge hier auch online von zuhause aus sehen kann und mir gezielt das auswählen könnte, was mich wirklich interessiert? Dazu kommt noch eine mit den Jahren exponentiell steigende Aversion gegen miese Powerpoint-Folien, gegen langweilige Vorträge, schlechte Redner und die zu heißen Vortragsräumlichkeiten.

Heute wurde ich positiv überrascht: Die Heizung war ausgefallen. Fing ja gut an und meine Laune besserte sich.

Wolfgang Rohm von der Kinder- und Jugendanwaltschaft OÖ startete mit seinem Vortrag „Mobbing und Gewalt – Herausforderung für Schule und Gesellschaft“.  Ein beeindruckend spannender, lebendiger, praxisnaher und (ohne Powerpoint) guter Vortrag. Da Mobbing ein sehr beliebtes Vortragsthema ist, man als Lehrer zwangsweise mindestens einmal im Jahr über so einen Vortrag stolpert, war in der heutigen Stunde nichts wesentlich Neues dabei. Einzig: Das Wort „Opfer“ sei durch das Wort „Betroffener“ zu ersetzen, da Opfer in der Jugendsprache ungefähr dem „Depp“ meiner damaligen Jugendsprache entspricht. Und merken: Lasst bei Mobbing-Fällen die Experten ran! Expertenkontakte (für Oberösterreich) gibt es auf www.gewaltpraevention-ooe.at.

Den zweiten Block bestritt Harald Kindermann von der FH-Steyr,  der die Studie Die Nutzung neuer Medien und deren Wirkung: Wie gefährdet sind unsere Jugendlichen wirklich durchgeführt hat. Aufgrund von Online-Befragungen, Interviews, Hautwiderstands- und Cortisol-Messungen beim Computerspielen, Eyetracking-Analysen etc. hat er untersucht, wie Jugendliche Medien nutzen. Die Powerpoint-Folien sind leider nicht online, aber ein paar Daten habe ich mir notiert: 9 % der unter 12jährigen haben schon Porno- und Horror-Streifen gesehen, bei den 12-15jährigen sind es 23%. 10% der Jungen und 6% der Mädchen verbringen bis zu 10 Stunden pro Tag mit Neuen Medien. Eine der Hauptaussagen des Vortrags war, dass Ego-Shooter die Verharmlosung von Gewalt bei Jugendlichen tendenziell fördern, was ja im Normalfall ein wenig differenziert betrachtet werden müsste. Spannend ist auch die Aussage, dass ein Großteil der Jugendlichen verneint, dass häufige Computerspiele Auswirkungen auf die schulischen Leistungen haben. Logisch finde ich die Aussage, dass Computerspielen das Lernen stört: Durch die spannende Szenerie im Spiel steigt der Stresspegel im Körper (=der Cortisol-Spiegel), der wiederum Lernen schwieriger macht. Wird vor dem Lernen computergespielt, stört der hohe Cortisol-Spiegel die Erinnerungsfähigkeit, wird erst nach dem Lernen gespielt, ebenfalls. Ich hab’s meinen Schülern immer mit Fernsehen gepredigt: Nie nach dem Lernen fernsehen, weil fernsehen viel spannender als Lernen ist – deshalb merken wir uns das Fernsehprogramm und nicht den Lernstoff.

Von der Uni Wien kam Julia Wippersberg (Twitter-Profil) und machte Schulen ein Angebot, das sie nicht ablehnen können: Sie möchte mir ihrem soeben frisch gegründeten Institut für Medienkompetenz für Schüler, Eltern und Lehrer Medienkompetenz-Workshops veranstalten. Ich hatte den Eindruck, der Schwerpunkt würde auf Facebook liegen, bin mir aber nicht sicher. Interessierte Schulen bzw. Lehrer mögen sich bitte bei ihr melden. In ihrem Powerpoint-Vortrag ging es um den Medienkompetenz-Begriff nach Baacke, wer für die Ausbildung zuständig ist, wo diese stattfinden sollte. Dabei schwirrten mir einige Gedanken durch den Kopf wie: Es sind nicht so die Schüler, die eine Facebook-Schulung benötigen. Es sind die Lehrer und die Eltern. Wenn ich meine 350 Facebook-Schüler-Freunde beobachte, dann sind die ganz gut, was die kompetente Nutzung von Facebook betrifft. Nachholbedarf haben die Zaungäste und die von den alten Medien verzerrt Informierten, also Lehrer und Eltern!

Das Highlight des Tages war für mich Gerhard Jelinek vom ORF, der Redakteur der Sendung „Menschen & Mächte“ und Leiter der Doku-Abteilung im ORF.  In einer Mischung aus beruflichen und privaten Episoden erklärte Jelinek die Medienwelt und spannte den Bogen vom ORF über PRO7/Sat1 bis hin zu Boulevard-Blättern wie „Österreich“ und „Heute“. Zusammfassung: „It’s the economy, stupid!“. (Der Vortrag ist hier online abrufbar.)

Ein paar Notizen, aus dem Zusammenhang gerissen:

  • Das Durchschnittsalter der Zuseher der ZIB1: 64 Jahre. Kein Tippfehler: vierundsechzig Jahre, ja: Durchschnitt. Ich glaub’s kaum. Kann es sein, dass die Geräte zur Einschaltquoten-Messung nur an Pensionisten ausgegeben werden?
  • Filmempfehlung: Wie Politik funktioniert sieht man am besten in Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt. (Schüsselszene, als es um die Bombardierung irgend eines Landes geht, das von der Affäre des Präsidenten mit einer minderjährigen Schülerin ablenken soll: „Why Albania?“ – „Why not Albania?“)
  • Jelinek liest bei Ereignissen in der arabischen Welt bei den Al-Jazeera-Blogs mit. Muss ich mir für den Unterricht vormerken – nützlich für Politische Bildung fächerübergreifend mit Englisch.

Last but not least: In der abschließenden Podiumsdiskussion stellte Angelika Plank von der Kunstuniversität Linz stellte das neue Lehramtsstudium des „Mediengestalters“ vor, das in Fächerkombinationen ab sofort belegt werden kann.

Hat sich das Hinfahren also gelohnt? Nun ja, vermutlich hätte ich mir nicht alle Vorträge online angesehen. Vermutlich hätte ich mich nicht so nett mit ein paar Kolleginnen und Kollegen austauschen können. Vermutlich hätte ich zuhause nicht leckeren Lachs, Antipasti und Törtchen zubereitet. Mit den Tagesausflügen ist das wohl so wie mit dem Laufen gehen: Umziehen und die ersten Schritte im Regen sind grausam, aber im Nachhinein ist es meistens toll.

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