Traraaaa: LehrerInnen, Aus- und Vorbildung neu

Frischgebackene Pädagogen sollen nach einem Wunsch der derzeitigen österreichischen Regierungsparteien (vertreten durch das Sprachrohr einer Experten-Kommission) nach 3 Jahren Uni-Bachelor-Ausbildung in der Klasse unterrichten. Danach ist nebenbei der Master nachzuholen. Im Gegenzug dazu, werden die Lehrerarbeitsplätze durchlässiger: Ein Schultypenwechsel sollte damit möglich sein. Auf der Homepage des bm:ukk ist dies unter „LehrerInnenbildung NEU“ inklusive vieler Stellungnahmen dazu nachzulesen.

Mir gefällt das aus folgenden Gründen:

  • Guter Unterricht hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, akademisch schönschreiben wissenschaftlich arbeiten zu können. Ob jemand Kinder bzw. Jugendliche erreicht, hat kaum etwas mit der Anzahl der Studienjahre zu tun. So wie ein Arzt, bei dem sich seine Patienten wohfühlen, nur teilweise an seinen Noten vor bzw. während der Uni gemessen werden kann.
  • Die Sackgasse „Lehrberuf“ wird endlich offener, Abzweigungen in andere Schultypen sollten möglich sein: Vom Volks- zum Hauptschullehrer (wenn die Klein-Volksschule zusperrt), von der Handelsschul-Lehrerin zur Berufsschullehrerin, vom HTL-Lehrer zum Kindergartenpädagogen. Vielleicht sogar auf Zeit, mit Rückkehrmöglichkeit? Warum nicht? Ich fände das spannend und würde das liebend gerne nutzen. Frei nach dem Motto: Die einzige Konstante unserer Zeit ist die Veränderung.
  • Schulen suchen sich ihre Lehrer selber aus. Lehrer können sich an Schulen bewerben. Schön.
  • Einen Master (nebenbei, zusätzlich) zu machen, während hauptberuflich (oder nebenbei oder zusätzlich) unterrichtet wird, sollte dieses Studium praxisnäher werden lassen als ein Master vor dem Lehrerleben.

Was aber noch diskutiert werden sollte:

  • Die Tendenz, immer mehr in kürzer Zeit von Arbeitnehmern zu verlangen ist zwar ein Merkmal unserer Zeit, aber in drei Jahren den Super-Lehrer hinsichtlich Fachwissen und Pädagogik vom Bachelor-Fließband laufen zu lassen wird nicht so richtig funktionieren. Irgendwann hat das negative Folgen hinsichtlich Qualität und Psyche von Arbeitnehmern.  (Andererseits wissen alle Lehrer, dass ihre Ausbildung an den Hochschulen dort und da verbesserungswürdig ist und dort sinnlose Zeit oft gut bezahlt wird. So verbesserungswürdig, dass das Abschleifen von Kanten eher nicht genügt…)
  • Ob ein Englisch-, Latein-, Mathe-Bachelor für die 5. Klasse Gymnasium reicht? Naja, versuchen wir es.
  • Die Regierung rechnet offensichtlich damit, dass sich alle Pädagogen zusätzlich zum Unterricht ständig weiterbilden. Dazu gehörte allerdings eine neue Weiterbildungskultur in den Schulen. Die sehe ich weit und breit nicht, sehe auch keine Lösung. Wer sich weiterbildet ist derzeit ein Störfaktor in der Schule: Kollegen, die bereits am Limit sind, müssen zusätzliche Stunden übernehmen, die sie lieber zur Aufrechterhaltung der Qualität des eigenen Unterrichts, zur Verbesserung desselben oder einfach zur Erholung nutzen möchten.
  • Sobald sich der Schulstandort Pädagogen in hire & fire Manier selbst aussuchen kann, wird die Mobbing-Debatte im Schulbetrieb um einen hohen Faktor brisanter. Was Parteipolitik betrifft, so könnte die Mitgliedschaft und Mitarbeit bei der „richtigen“ Fraktion wieder ein Muss werden, was ich derzeit nicht so empfinde.
  • Die Entlohnung der Pädagogen aufgrund des Schmalspur-Bachelors zu kürzen (so wie das im anderen öffentlichen Dienst gerade versucht wird), wäre ein falscher Weg. Dann gibt es bald keine Lehrer mehr.
  • Auf den „Nebenbei-Master“ bin ich schon gespannt. Derzeit machen schon einige meiner Berufsschul-Lehrer Kollegen (und ich auch) einen Master bzw. liebäugeln damit. Beim Vergleich der Master-Programme bzw. deren Absolventen scheint es mir aber hier auch haushohe Unterschiede zu geben: Den einen wird er nachgeworfen, die anderen verdienen ihn sich blutig. (Bitte mir diese drastische Ausdrucksweise zu verzeihen, aber derzeit wächst bei mir etwas der Frust, wenn ich nicht mal die Zeit finde, an einer Weihnachtsfeier teilzunehmen, weil ich für die Fernuni-Hagen eine Aufgabe am Montag abgeben muss und ich mit den zu lesenden Skripten sowieso schon einige Wochen im Hintertreffen bin. Bald sind Weihnachtsferien, da wird dann wieder durchgearbeitet und Rückstände aufgeholt. Selbstmitleid…… buhuuu…)

Die Zeit ist schon lange reif für Veränderungen im Schulbetrieb. Begonnen werden muss mit jenen, die Unterricht gestalten, also bei uns Lehrern. Dass dieser Regierungsplan (aus Schulsicht) eine Extremposition darstellt und bei der Realisierung vermutlich wieder eine halbherzige und österreichische Lösung herauskommt, das ist ziemlich sicher. Während der Lehrerausbildung meinte ein Vortragender, dass die notwendige 2/3-Mehrheit für Änderungen im Schulsystem eine gute Sache sei, weil sich Schule dann nicht nach jeder Wahl ändert. Wo Licht ist, da ist auch Schatten.

4 thoughts on “Traraaaa: LehrerInnen, Aus- und Vorbildung neu

  1. 1. Die Sackgasse Schule öffnen: unbedingt.

    2. Flexibilität bei der Einstellung: auch schön, selbst wenn es dann die angesprochenen zusätzlichen Probleme gibt.

    3. Bachelor für die 5. Klasse, z.B. Englisch: ich hätte dort gerne ein recht hohes akademisches Niveau, etwa bei Phonetik. Das vermisse ich jetzt schon gelegentlich. Kann man das in drei Jahren lernen? Im Prinzip schon, in der Praxis sehe ich das nicht kommen.

    4. „So wie ein Arzt, bei dem sich seine Patienten wohfühlen, nur teilweise an seinen Noten vor bzw. während der Uni gemessen werden kann.“ Ist wohlfühlen bei einem Arzt das wichtigste? Dort ist es sicher wichtiger als in der Schule. Ich möchte jedenfalls keine Wohlfühl-Homöopathie-Pädagogik an der Schule, bei der der Kunde sich die esoterische Methode des Monats aussucht – wie ich es in der Medizin immer häufiger sehe.

  2. Hallo Herr Rau!

    zu 4: Dabei meinte ich, dass bei Ärzten oft kritisiert wird, a) zuwenig Zeit für die Patienten und b) zuwenig Sozialkompetenz an den Tag zu legen. Ähnlich werden auch Lehrer, insbesonders Dozenten an der Uni kritisiert: Fachlich super, der Rest: naja. Verschärft wird das Ganze durch Aufnahmebedingungen an der Uni, bei der die notenmäßig Besten studieren dürfen, die anderen nicht. Was nicht zwangsweise heißt, dass die notenmäßig besten angehenden Lehrer (Ärzte) die besten Lehrer (Ärzte) für die Schüler (Patienten) sind.

    Aber zur Wohlfühl-Homöopathie-Pädagogik: Das sollte doch Wasser auf den Mühlen der Fans von Lerntypen-Analysen sein – jeder Schüler sucht sich seine Methode aus. Dass das nicht funktioniert (weder das ein, noch das andere), da bin ich Deiner Meinung.

    lg nach Bayern … die ihr beim Pisa-Test ja offensichtlich viel besser als letztesmal abgeschnitten habt. Bei uns gilt Pisa ja diesmal nicht. (Erstens haben die Schüler boykottiert, und zweitens gelten schlechte Testergebnisse bei uns sowieso nicht!)

  3. Hallo Werner,

    kann Dein Selbstmitleid in puncto Arbeitsbelastung beim Master nachvollziehen. Durchhalten heißt die Devise, Weihnachtsmärkte kommen auch für Dich wieder…

    Beste Nikolausgrüße – Irene

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