Die Ausbildung zum Digital Native? Ein Sprachen-Lernproblem!

Mein Vater hat mir heute eine Frage zu Picasa gestellt, die ich ohne Notebook  nicht beantworten konnte. Er wollte von mir wissen, was er bei der Übertragung der Daten von der Digicam auf den PC nach dem Button „Import“ auswählen muss. Ich nutze Picasa alle 6 Wochen mal, wenn die Speicherkarte meiner Digicam voll ist. Ich merke mir aber nicht, was ich wann wo auswähle. Ich mache es einfach und lerne es nicht auswendig. Bei der weiteren Diskussion wurde mir bewusst, wie verschieden wir beide digitale Anwendungen wahrnehmen. Es ist wie beim Sprachen lernen.

Nehmen wir einfach mal kurz an, dass das Lernen einer Sprache durch das Pauken von Vokabeln in Verbindung mit etlichen Grammatik-Übungen viel mühsamer und ineffizienter ist, als wenn die Sprache von klein auf gelernt wurde. Wir gehen hier auch davon aus, dass es noch keine Grammatik-Kurse für < 5jährige gibt bzw. dass jedes Kind seine Muttersprache ohne Hilfe von Kursen oder Vokabeltabellen gelernt hat und „Ich will ein Eis“ sagen kann, ohne dass es die Wörter „Subjekt“, „Prädikat“ oder „Objekt“ kennt. Aufgrund der täglichen Beschallung durch die Muttersprache hat das Kleinkind mühelos komplizierteste grammatikalische Strukturen nach wenigen Jahren automatisch verinnerlicht und kann problemlos neue Sätze bilden.

Und dann vergleichen wir diesen Annahme mit der „Kluft“ zwischen Digital Natives und Digital Immigrants. Warum scheint es für (zu) viele mühsam und fast aussichtslos, die „Sprache“ der Digital Natives zu lernen? Einige Beobachtungen von 15 – 18jährigen (die eine Kategorisierung in Natives / Immigrants nach Alter ad absurdum führen):

  1. „Das Passwort von gestern? Keine Ahnung.“
  2. „Bei mir geht das nicht. Ich habe das Passwort bei der Registrierung schon dreimal eingegeben, die Seite springt nicht weiter.“
  3. „Ich habe aber hier aufgeschrieben: Dreimal ok drücken, dann ’nicht löschen‘, dann ‚Daten übertragen‘. Und nichts geht.“
  4. „Die Facebook-Passwort-Verifizierung per Mail habe ich erhalten. Und auch gelesen.“

Was sagt der medienkompetente Digital Native bei diesen Punkten?

zu 1) „Ich hab da ein Passwort-System (optimal)  oder Kee-Pass (nett) oder immer dasselbe (schlecht).“
zu 2) „Da steht eine Fehlermeldung. In Rot. Diesen Usernamen gibt es schon. Du brauchst einen anderen.“
zu 3) „Nach dem Update geht es anders, ‚Daten übertragen‘ ist jetzt ein Symbol in der Symbolleiste.“
zu 4) „Naja, Du musst den Verifizierungs-Link in der Mail auch anklicken. Nicht nur lesen.“

Bestehende Kurs- und Unterrichtseinheiten werden von Digital-Immigrants konzipiert und sind oft nach folgendem Vorbild geschaffen:

  1. Es wird eine Applikation, z. B.: Winword, Facebook, … unterrichtet.
  2. Schritt für Schritt wird die Benutzung einzelner Funktionen erklärt und von den Teilnehmern kopiert. Alle machen zur gleichen Zeit dasselbe. Sollten sie zumindest.
  3. Aber zuvor: Die theoretischen Grundlagen. Wichtige Begriffe. Grundlegende Konzepte.
  4. Ein Leitfaden wird ausgeteilt: „Zum Bilder hochladen gehen wir auf „Bilder“, dann „Durchsuchen“, …

Bekannt? Gut? Hmm…

Vergleichen wir das mit dem Sprachen lernen:

  1. Es wird ein Thema, z. B.: Farben, das Haus, … unterrichtet.
  2. Schritt für Schritt werden einzelne Vokabeln erklärt und von den Teilnehmern nachgesprochen.
  3. Aber zuvor: die Grammatik. Einzelne Sätze. Ein sinnloser Kurzdialog.
  4. Eine Vokabelliste und einige Beispielsätze werden ausgeteilt: „Billys Hose ist blau.“, …

Bekannt? Ja? Gut? Hmmm…

Erwarten wir nach dieser Lektion, die Sprache sprechen zu können? Wohl nur sehr, sehr eingeschränkt. Wenn wir uns anschließend in der Fremdsprache verständigen wollen, dann sind wir ziemlich hilflos, vor allem, wenn wir uns krampfhaft nur an das klammern, was wir gelernt haben. Bei einer Vorstellungsrunde können wir danach maximal die Farbe unserer Hosen beschreiben. Wohl etwas dürftig…

Eine Sprache lernt man nicht nach einem 40-Stunden-Crashkurs. Der Umweg über Grammatik und Vokabel-Pauken ist sinnlos, da sogar gute Schüler diese Vokabeln kurz nach dem Test vergessen, die schlechteren kurz vorher. Erinnert Sie das an Ihren letzten Excel-Kurs, der vorigen e-learning-Fortbildung oder der Web-Based-Training-Weiterbildung?

Zum Sprachen lernen muss man sich der Sprache aussetzen: in der Fremdsprache hören, sprechen, denken und schreiben. @Papierland beschreibt hier, wie sich eine Digital Native der digitalen Sprache aussetzt: Am besten ein konkretes Problem, eine Aufgabe lösen.

So erlernt man die Sprache der Digital Natives, wobei hier „Sprache“ immer mit „benutzen können“ und im weitesten Sinne mit „Medienkompetenz“ gleichgestellt ist: Ein „40-Stunden-Internet-für-Anfänger-und-leicht-Forgeschrittene“-Kurs kann nur ein dürftiger Anfang sein. Die Sprache der Digital Natives erlernt man nicht, indem man sich Facebook, Google-Docs oder WordPress ansieht oder das Buch eines Zaungastes darüber liest. Sondern, indem man sie sich alles ansieht, was es so gibt, einige Schwerpunkte setzt und dranbleibt. Das kostet Zeit, viel Zeit, dazu braucht es die Bereitschaft, diese zu investieren und die Sprache ständig zu pflegen.

Um bei der Sprachen-Analogie zu bleiben: Wer pflegt eine Fremdsprache ständig im Alltag? Nur der, der sie beruflich benötigt oder der sie als sein Hobby betrachtet. Sprachen pflegt man am besten gemeinschaftlich, in Gruppen. Im digitalen Bereich spricht man hier von sozialen Netzwerken.

Aus diesem Grund ist beispielsweise das häufige benutzte Facebook für Digital Immigrants die wahrscheinlich beste (und überdies kostenlose) Bildungseinrichtung für Medienkompetenz des Jahres 2010. Facebook verbindet eine konkrete Problemlösung (Kommunikation mit Menschen) mit Alltag mit dem Training von Medienkompetenz (Fotos hochladen, Texte schreiben, Interface-Katastrophen, Datenschutz-Diskussionen, etc).

Web2.0-Anwendungen von heute sehen morgen schon wieder ganz anders aus. Aber die Grundstruktur, die bleibt immer gleich. Wenn Digital Immigrants diese Grundstuktur, dieses „Gefühl“ für digitale Mechanismen verinnerlicht haben, dann können sie auch mit künftigen digitalen Anwendungen umgehen. So wie jeder auch ohne Grammatik-Unterricht problemlos sagen kann: Ich google, du googelst, wir haben gegoogelt… (oder haben Sie das so  im Deutsch-Unterricht gehört?). Die Grammatik, das heißt: die (wissenschaftliche) Schritt-für-Schritt-Analyse, die sollten wir jenen überlassen, deren Job es eigentlich wäre, die digitalen Anwendungen benutzerfreundlicher zu gestalten und weiterzuentwickeln. Die anderen müssen sie nur anwenden können, das genügt völlig.

Update:  @stwaidele meint gerade: „#Ausbildung zum #Digitalnative ist so wie Ausbildung zum #NativeSpeaker – #Gehtnicht. (Steckt auch schon im verwendeten Bild)“

Recht hat er. Eine Ausbildung zum „Native Speaker“ ist eher schwierig. Darum müsste es heißen: „Ausbildung zum Digital Inhabitant“. Dieser #kruse Begriff ist aber (noch) nicht so verbreitet.

7 thoughts on “Die Ausbildung zum Digital Native? Ein Sprachen-Lernproblem!

  1. Kreide fressen » Blog Archiv » Das papiergefüllte Büro…

  2. Bei meinen Präsentationen verwende ich imemr folgende Analogie:
    ‚digital natives‘ (z.B. Schüler) –> Digitales als Selbstverständlichkeit (ähnlich Muttersprachler)
    ‚digital immigrants‘ (z.B. Lehrer) –> Digitales als zweckdienliche Instrumente (ähnlich Fremdsprache)
    ‚digital fallow‘ (Brachland; z.B. in manchen Schule) –> Digitales als ungenutzte Möglichkeiten (ähnlich passiver Wortschatz)

  3. Artikel und Bildungs-Website Tipp der Woche 2

  4. Fundsachen der Woche

  5. „Web2.0-Anwendungen von heute sehen morgen schon wieder ganz anders aus.“

    Das stimmt.

    „Aber die Grundstruktur, die bleibt immer gleich.“

    Das stimmt nicht. Vielleicht bleiben die zugrunde liegenden menschlichen Bedürfnisse gleich, nicht jedoch die Struktur von Anwendungen. Gerade die Struktur bzw. die Konzepte ändern sich schnell.

    „Wenn Digital Immigrants diese Grundstuktur, dieses „Gefühl“ für digitale Mechanismen verinnerlicht haben, dann können sie auch mit künftigen digitalen Anwendungen umgehen.“

    Das ist der logische, aber falsche Schluss. Um bei Sprachen zu bleiben: So wie sich die Grammatik der natürlichen Sprache verändert, so ändert sich auch die Grammatik, Sprache, Symbole, Begriffe, Konzepte etc. der digitalen Welt. Es wird immer eine Kluft zwischen den Natives und den Immigrants geben. Der KErn des Problems bleibt bestehen, nur die Technik und die Personen die es betrifft wird sich ändern.

  6. Digital Native vs. Digital Immigrants « einflussneuermedien

  7. Bildungsfundstücke der Woche

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