Genies werden nicht geboren, sondern haben nur hart gearbeitet

Prof. Carol Dweck

Carol Dweck beschreibt in Ihrem 2006 erschienen Buch „Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt“ den Unterschied zwischen dynamischen und statischem Selbstbild. Die Idee hinter dieser Theorie ist verführerisch einfach, lässt sich vielfach belegen und im Alltag oft beobachen.

Das Selbstbild ist die Vorstellung, die jemand von sich selbst hat und misst sich auch am Wunschbild, wie jemand sein möchte (siehe Wikipedia).

Menschen mit statischem (=nicht empfehlenswertem) Selbstbild denken so:

  1. Intelligenz: Intelligent ist der, der etwas schnell und perfekt erledigen kann oder dem etwas leicht fällt, was andere nicht können. Bei Schwierigkeiten schwindet das Interesse am Thema rapide.
  2. Niederlagen und Rückschläge: Misserfolg heißt: „Dazu bin ich nicht intelligent genug, dazu habe ich zuwenig Talent. Es lohnt sich nicht, dafür zu lernen.Wenn Erfolg Intelligenz und Talent bedeutet, dann muss Misserfolg das Gegenteil bedeuten.
  3. Genies: Es gibt festgefügte Eigenschaften die angeboren sind („Talente“). Deshalb gibt es echte Genies, denen alles in den Schoß fällt. Echte Genies werden geboren.
  4. Ergebnis: Es reicht nicht, erfolgreich zu sein. Das Ziel ist, perfekt und besser als die anderen zu sein.
  5. Erfolg: Kraft wird aus dem Vergleich mit anderen Menschen bezogen. Es geht darum, besser zu sein, erfolgreicher und überlegener zu sein. Dies muss ständig bewiesen werden.
  6. Motto: Die Welt ist in Gewinner und Verlierer eingeteilt, in Schwarz oder Weiß, in Gut oder Schlecht.

Dwecks optimales Selbstbild ist das dynamische, das beispielsweise folgende Merkmale bzw. Aussagen aufweist:

  1. Intelligenz: Menschen mit dynamischen Selbstbild fühlen sich intelligent, wenn etwas schwierig ist und sie arbeiten müssen, um es hinzubekommen bzw. erst nach und nach dahinterkommen, wie etwas funktioniert.
  2. Niederlagen: Nach Niederlagen, Rückschlägen oder Versagen wird härter und entschlossener auf das Ziel hingearbeitet. Rückschläge sind ein Weckruf seine Strategie zu ändern.
  3. Genies: Genies werden nicht geboren, ein Genie hat Zeit seines Lebens hart gearbeitet.
  4. Ergebnis: Die eigene Arbeit ist viel wert, egal wie das Ergebnis aussieht.
  5. Erfolg: Erfolg ist, wenn das Beste gegeben wurde und was dabei gelernt wurde.
  6. Motto: „Wenn Du dich jeden Tag anstrengst, ein bisschen besser zu werden, wirst du über einen längeren Zeitraum viel besser.“; Die Welt ist in Lerner und Nicht-Lerner eingeteilt.

(Soweit eine absolut komprimierte Kurzfassung. Zum näheren Verständnis unbedingt das Buch lesen. Es ist die Zeit wert.)

Ich denke, dass sich bei der Beschäftigung mit Software ein dynamisches Selbstbild ganz gut generieren lässt.Wenn ich die Zeit zum Jahr 1983 zurückdrehe, als ich meinen ersten „Heimcomputer“ geschenkt bekam, dann faszinierte mich vor allem die Möglichkeit, dass ich mit genügend Wissen, Ausdauer und harter Arbeit dasselbe programmieren konnte, was es so in den Läden an Software zu kaufen gab bzw. in Zeitschriften zum Abtippen („Listings„) veröffentlicht wurde, so nach dem Motto „Dort wird auch nur mit Wasser gekocht.“ Deshalb sind Computer faszinierend. Jeder von uns hat alle Möglichkeiten, wenn er sich anstrengt. Menschen mit statischem Selbstbild knien nieder und sagen: „Das schaffe ich sowieso nicht, ich habe kein Talent für Computer. Ich bin kein Computergenie.“ Menschen mit dynamsichen Selbstbild sagen: „Wenn ich genügend Zeit investiere, dann schaffe ich das auch. Und wenn es Jahre dauert.“ Heute ist es einfacher denn je: Beispielsweise hat jedes Werk, das auf youtube hochgeladen wird, das Potential, ein virales Video zu werden.

Lässt sich das auch im Unterricht nutzen?

Sicher. Mittels kurzer Sequenzen könnten Schüler einen Impuls bekommen, der sie ein klein wenig in die Richtung eines dynamischen Selbstbildes bringen kann. Man nehme eine relativ einfache Web2.0-Anwendung, zum Beispiel Animoto, Storybird, SumoPaint, Prezi oder ein Wiki, einen Blog usw. und initiiere ein Unterrichtsprojekt. Schüler mit statischem Selbstbild scheitern oft schon bei der Registrierung, der ersten Hürde. An einem Satz, den sie nicht verstehen oder an der-„Ich kenne mich nicht aus“-Oberfläche. Schüler mit dynamischen Selbstbild sagen: „Hey, das ist neu, am Anfang sicher schwierig. Los geht’s, machen wir was.“

Die Idee ist nun, das alle Schüler die gleichen Voraussetzungen haben (… wer kennt schon Prezi? …) und einige relativ rasch Ergebnisse erzielen werden, während andere weit hinterherhinken. Die Vorausgaloppierenden sollten Zeit bekommen, den anderen ihre Fortschritte vorzuführen, aber nicht nur das Ergebnis, sondern wie sie es gemacht haben und was sie ausprobiert haben, bevor es zum Ergebnis führte. Das kann in Kleingruppen geschehen. Alle werden merken, dass sich mit systematischen Herumprobieren in kurzer Zeit ganz gute Ergebnisse erzielen lassen.

Allheilmittel ist das natürlich keines. Aber vielleicht ein Weg, der versuchsweise mal begangen werden könnte. Vielleicht erwischt man dabei einige Schüler, die mit Playstation & Co ganz gut umgehen können, mit traditionellen Lehrmethoden aber nicht.

(Nachtrag: Danke an Vera F. Birkenbihl für den Buchtipp!)

7 thoughts on “Genies werden nicht geboren, sondern haben nur hart gearbeitet

  1. Danke für diesen Buchtipp. Die Einteilung in Lerner und Nicht-Lerner gefällt mir sehr gut. Trifft das nicht unser eigenes Lernen und Lehren?

    Und: Ich habe (noch) keine Ahnung von Animoto, Storybird, Sumo Paint und Prezi. Aber was nicht ist, kann noch werden…😉.

  2. Ähnlich das Konzept der Selbstwirksamkeitsüberzeugung von Bandura.
    Was ich nicht überzeugend finde, ist die Einteilung in „Lerner“ und „Nichtlerner“. Man kann nicht nicht lernen. Die Frage ist nur immer: was wird gelernt.
    Und interessant ist auch, dass das diagnostizierte „statische Selbstbild“ ja auch wieder eine (statische) Fremdzuschreibung ist.

  3. ich habe auf dem großen lehrer-seminar 2009 von dweck berichtet und das ganze sehr wohl auf schule, lernen und lehren umgelegt. schade, daß Sie diesemal nicht dabei waren… nächstes jahr wieder? nachdem ich ja jetzt wo weit von austria entfernt lebe…
    vfb

    • @Lisa Rosa Du hast Recht. Benjamin Barber hat das mit den „Lernern und Nicht-Lernern“ gesagt. Ich denke, im Zitat geht es um die innere Einstellung, um das Wollen. Im Blog-Artikel ist es aus dem Zusammenhang gerissen. Sorry.

      @birkenbihl Ich bin ja „virtuelles Mitglied“ Ihres Lehrerpiloten. Sie haben auf den DVDs so viel von Dweck erzählt, dass ich das Buch einfach lesen MUSSTE. Nochmals danke für den Buchtipp!

  4. Mehr zu Dweck und eine genaue Darstellung ihrer Studien könnt Ihr euch beim Podcast „Psychologie der Schule“ anhören. Ihr Ansatz ist wirklich sehr spannend und hat mehr Aufmerksamkeit verdient…

  5. Hurra, was für ein schöner Fehler! – Episode 2 « Lernen Heute

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