e-Learning: Angst fressen Weiterbildung auf?

In der Zeit Online war neulich dieser Artikel „Das Elend mit dem E-Lernenzu lesen. Eine neue Studie hat wieder mal bewiesen, was wir seit den späten 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wissen: E-Learning ist teuer, die Mitarbeiter setzen sich nur widerwillig vor das e-Learning Programm, die meisten Firmen wollen mehr Output für weniger Input (Zeit und Kosten sind gemeint) und in Summe werden sie durch e-Learning weder produktiver noch erfolgreicher. (Hier ein wirklich typisches Beispiel, so wie es e-Lerner seit fast 20 Jahren ertragen müssen). Bestenfalls  kann e-Learning als Blended-Learning eingesetzt werden, das heißt: Ein Lehrer ist dabei und hilft weiter, wenn wieder mal das Passwort vergessen wurde oder der große „Weiter“-Button rechts unten völlig unauffindbar ist, Frage- und Antwortmöglichkeiten praxisfern sind oder der Lernende sich im Klick-Tunnel verirrt hat.

Tim Schlotfeldt hat den Artikel schon wunderbar und treffend kommentiert und ich wollte mich schon zu zu meinem jährlichen, entrüsteten Blog-Posting zum Thema e-Learning aufraffen, in dem folgendes zu lesen gewesen wäre:

  1. E-Learning funktioniert nur (richtig gut), wenn es in ein konstruktivistisches Lernsetting eingebettet ist. Das heißt: Kein kleinschrittiges Nachhampeln von Vorgehampelten, sondern je nach individueller Interessenslage kreatives und praxisnahes Problemlösen.
  2. Noch besser funktioniert es, wenn es in einen soziokulturellen Kontext eingebettet wird: Gemeinsames Lernen, derzeit über Wikis, Blogs, ein simples Moodle-Forum oder ähnliches. Austausch von Fakten, Zusammenfassungen, Fragen, Unklarheiten, Erfahrungen, Geschichten, Gelernten und Erkenntnissen.
  3. Intrinsische Motivation entsteht durch die Öffentlichkeit im Netz, durch Kooperation und durch Wettbewerb und letztendlich durch den Lerntransfer, das heißt: die konkrete Anwendung in der Berufspraxis.

So ungefähr hätte ich es geschrieben, wenn ich in den letzten Wochen nicht regelmäßig erlebt hätte, dass viele Leute Angst vor Internet und PC haben.

Sie fürchten sich vor Facebook, Twitter und davor, im Netz mit Kreditkarte zu zahlen. Sie haben Angst, ihre E-Mail Adresse weiterzugeben, weil sie sonst mit Spam zugemüllt werden. Sie  wollen ihre Zeit nicht vor dem Bildschirm verbringen, weil sie wenig Kontrolle über das haben, was der PC mit ihrer Zeit anfängt, sobald er nicht so funktioniert, wie er funktioneren sollte. Sie wollen von  sich nichts im Netz preisgeben, weil das Netz nichts vergisst, auch nicht das Intranet. Sie wollen als Lerner nicht gezwungen werden, etwas zu schreiben, dass veröffentlicht und diskutiert wird. Und. So. Weiter.

Gestützt und getrieben werden diese (berechtigten) Ängste teilweise durch die alten Medien (hier zum Beispiel) in Kombination mit der Rechtsunsicherheit im Netz, durch wildgewordene Abmahnanwälte und dem Auseinanderdriften von Realität und Juristerei. Dass Angst Lernen verhindert oder zumindest immens erschwert, ist bekannt.

Für e-Learning in konstruktivistischen Settings braucht es (neben der Rechtssicherheit) aber folgende Lerner:

  • Lerner, die denken, bevor sie posten und die Grundregeln der Rechtschreibung beherrschen.
  • Lerner, die wissen, dass Fehler notwendig sind, um weiterzukommen.
  • Lerner, die mutig und tolerant sind und darauf vertrauen, dass das Internet mehr Chancen als  Gefahren bietet.
  • Lerner, die schon häufig Internet-Plattformen ausprobiert und ein Gefühl für diese entwickelt haben. Die also wissen, wie das Internet tickt.

Wo sind diese zu finden? Na, beispielsweise auf Facebook oder Twitter. Definitiv in Blogs oder Blog-Kommentaren. Haben Sie das Gefühl, dass unsere Kinder schon auf diese Lernsettings vorbereitet werden? Hier eine passende Studie:  Children who blog or facebook have higher literacy levels.

Nachtrag:

11 thoughts on “e-Learning: Angst fressen Weiterbildung auf?

  1. Lieber Werner,
    wenn in nächster Zeit mal wieder die „Bedenkenträgerin“ in mir durchkommt… lese ich hier nach!

    …. und werde dann wieder zu….

    der mutigen M😉

  2. schön, mal wieder bei Ihnen zu landen. der beitrag über schülerInnen, die bloggen etc. ist wunderbar. habe dort einen jungen web-designer „kennengelernt“, dem ich ein wenig folgen werde. die kids machen es groartig in meiner juged gab es einige wunderbare schülerzeitungen, auf ähnlich professionellem niveau, dies ist jetzt „dasselbe“, zwei generationen später. toll. übrigens habe ich bei dem blöden e-lernen-artikel auch einen kommentar hinterlassen (haha). und ich bin heute Xing beigetreten und seit einigen wochen twittere ich, ganz gut für meine 63 jahre, gell? Sie sheen, auch alte sind agiler, wenn sie internetten (hihi).
    vera f. birkenbihl

    • Diesen Artikel von dir sollte man z.B. Studenten aushändigen,die sich mit der Absicht tragen, etwas in diesem Bereich Angesiedeltes zu studieren. Wer , nach der Lektüre, von sich behaupten kann, dass er bereit ist, selbstbestimmt etwas von sich im Internet Preis zu geben, der überzeugt davon ist, dass konstrutivistisches Lernen funktioniert , der sollte sich dann in den entsprechenden Studiengang einschreiben. Aber auch erst dann. Am besten führt man als Zulassungsvoraussetzung einen Twitter- oder wenigstens einen fachebook-account ein…
      Auch ich staune, wie man als Lerner nicht bereit sein kann, seine Gedanken zur Diskussion zu stellen. Nur so kann doch Wissenserweiterung funktionieren. Die Art der Kollaboration, die uns das Web 2.0 bietet, ist faszinierend. (Leider )kann man diese Erfahrung nur machen, wenn man es ausprobiert. Und diesen Mut, diese Neugier kann ich von Lernenden, die sich freiwillig auf diesem Gebite tummeln erwarten. Muss es sogar voraussetzen, sonst wird das Ganze ad absurdum geführt.

      Jedenfalls…sehr guter Artikel! Ich werde ihn in meinem Blog aufgreifen.
      Beste Grüße, Grit Hradetzky

  3. uberVU - social comments

  4. „Wo sind diese zu finden? Na, beispielsweise auf Facebook oder Twitter.“

    Solange sie keine Digital Naives sind… Diese Plattformen haben immer zwei Seiten, denn die neue Währung im Netz ist die Information, sind die persönlichen Daten. Das gilt es gerade auf Facebook, eine Plattform, auf der Daten nicht – oder nur vordergründig – kontrollierbar sind, streng zu beachten. Einfach Account eröffnen und nutzen finde ich gefährlich. Genau wie vor einem Blogeintrag muss man da genau nachdenken, wo man hinklickt.

    @Grit
    „Am besten führt man als Zulassungsvoraussetzung einen Twitter- oder wenigstens einen fachebook-account ein…“

    Damit schließt man Menschen aus, die eine bestimmte in in meinen Augen berechtigte Einstellung zum Thema digitale Selbstbestimmung vertreten. Ich könnte nicht (mehr) mit einem Facebookaccount dienen und das ist eine bewusste Entscheidung. Einen Twitteraccount und ein Blog habe ich aber schon und kenne/nutze eine ganze Reihe von E-Learning Tools…

    • @mccab99: Das ist das, was ich meine! Ich rede nicht von einer Pflicht alles mitmachen zu müssen, aber davon, dass man sich daran selbstbestimmt beteiligt, wenn man sich dafür wirklich interessiert.du hast dich gegen facebook entschieden, bist aber bei twitter und du blogst…du wendest also bewusst an. Darum geht es doch als lernender in diesem bereich, finde ich.

  5. ps und eine frage
    schön, daß weitere kommentare eingehen, werde den beitrag noch mal tweeten heute.
    frage: in manchen blogs tauchen bei kommentaren von twittern ihre bilder auch, in manchen (wie IHrem) nicht. warum? ich werde auch bald einen blog starten (vs. jene, die meine web-aster f. mich „händeln“) und muß erfahren wie schwer/leicht es wäre, diese kleinen pix mit dem kommentar zu verbinden. ohne ist nicht so schön…
    vfb

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