Powerpoint in 4 Stunden – allerdings geschummelt

Im Lehrberuf Bankkaufmann/-kauffrau sind in Oberösterreich 40 Stunden Informatik in der Berufsschule vorgesehen. Nein, nicht pro Lehrjahr – in allen drei Lehrjahren zusammen. In diesen 40 Stunden werden neben einigen Stunden Grundlagen der Informatik (Hard- und Software) auch 8 Stunden Excel, 4 Stunden Powerpoint, 4 Stunden Access, Privatsphäre und Internet-Seitengestaltung gelehrt. Und nein: Wir besitzen nicht den „Time-Turner“ von Hermine Granger.

Um das Optimum aus den 4 Stunden Powerpoint herausholen zu können, bin ich nach den 9 Lehrschritten von Robert Gagné vorgegangen. Gagné gilt als der „Vater“ des Instructional Designs (=ID, zu deutsch: Instruktionsdesign), das sich mit der systematischen Planung, Entwicklung und Evaluation von Lernmaterialien befasst.  Prof. Gabi Reinmann schrieb das Skript zu ID, das im Rahmen des Moduls 1 des Master für Bildung und Medien verwendet wird. ID ist mir während der oberösterreichischen Berufsschullehrerausbildung nicht untergekommen. Kunstück: ID hat viel mit e-learning zu tun und das spielt(e) bei unserer Ausbildung eine eher ähm…, sagen wir es so, „exotische“ Rolle.

Wie sehen die neun Lehrschritte nach Gagné aus?

Neun Lehrschritte nach Gagné

So habe ich die Lernschritte interpretiert:

  1. Aufmerksamkeit gewinnen: Den Schülern werden wertungsfrei(!) 3 – 4 Folien einer uralten und grottenschlechten Powerpoint-Präsentation aus dem Jahr 1999 über Informatik gezeigt: Animationen fliegen rein, 12 Bullet-Points erscheinen brav nach Tastendruck, usw. Hier grinsen die meisten Schüler schon.
  2. Informieren über Lehrziele: 4 Stunden (=200 Minuten) für Powerpoint? Mir erscheint das dürftig. Vor allem dann, wenn die Schüler herumprobieren und sich gegenseitig unterstützen, weil dies meiner Meinung nach den Lerneffekt vergrößert, aber länger dauert. Deshalb habe ich einfach das Thema „Powerpoint“ mit dem Folgethema „Grundlagen der Hard- und Software“ verbunden. Die Schüler haben als Ziel, in Einzelarbeit (aber mit gegenseitiger Unterstützung) eine Powerpoint-Präsentation im Umfang von 7 – 12 Folien zu erstellen und anschließend auch vor (eigenem) Publikum zu präsentieren. 4 Stunden Powerpoint? Geschummelt! In Wahrheit verwenden wir zwei Stunden der Hard- und Software-Grundlagen mit. Folgende Themen stehen für die Einzelarbeit zur Wahl:
      a) Eingabegeräte (Maus, Tastatur, Scanner, Touch-Screen, etc.)
      b) Bildschirme (Flachbildschirm, Röhrenbildschirm, Touch-Screen, Preise, etc.)
      c) Druckerarten (Laser, Tintenstrahl- und Matrixdrucker, Fotodrucker, Funktionsweise, etc.)
      d) Speicherkarten (SD-Karten, Memory-Stick, Compact-Flash, Preise, Funktionsweise, …)
      e) Festplatten (interne und externe, Speicherkapaztitäten, Preise, etc.)
      f) optische Speichermedien (DVD, CD, Funktionsweise, Preise, etc.
      g) Gehäuseformen (Desktop, Notebook, Netbook, All-in-One-PC, …)
      h) PC-Komponenten (Motherboard, CPU, RAM, ROM, Bus, Bios, Lüfter, Schnittstellen wie USB, Firewire, PS/2, …)
      i) Software (Freeware, Open-Source, Office-Software, etc.)
  3. Vorwissen aktivieren: Ich legte via Etherpad zwei Pads an: Merkmale von guten Powerpoint Präsentationen und schlechten Powerpoint Präsentationen, teilte die Schüler in zwei Kleingruppen und sie sammelten gleichzeitig und kollaborativ, was ihnen dazu einfiel. Sie konnten live am Beamer mitschauen, wie die zwei Pads befüllt wurden. Die Sammlung wurde später formatiert und ausgedruckt. (Leider hat Google mittlerweile Etherpad geschluckt, abgeschaltet, wieder eingeschaltet. Zumindest bis März ist der Service in dieser praktischen, anmeldelosen Form verfügbar.)
  4. Darstellen des Lehrstoffes: Mit ist es wichtig, dass die Schüler Präsentationen erstellen, die State-of-the-Art sind: großflächige Bilder, wenig Text, null Animationen. Dazu besprachen wir das Video „Life after Death by Powerpoint“ (als schlechtes Beispiel) und „Death by Powerpoint (and how to fight it)“ als Musterbeispiel, an das sie sich halten sollten. Der Hinweis auf Copyrights wird gegeben, ist aber sowieso Kernthema in einer der späteren Stunden.
  5. Lernen anleiten: In einer knappen Viertelstunde zeigte ich den Schülern, deren Wissensstand sich vom „Noch nie Powerpoint gestartet“ bis zum „ECDL vor zwei Monaten gemacht“ erstreckt, wie man in Wikipedia Themen findet und strukturiert (das wussten sie),  Bilder via Google-Bildersuche findet, rauskopiert, zuschneidet und Titel (für den Foliennavigator) hinzufügt. Zur Demonstration nahm ich an, dass ich selbst das Thema „Netzwerke“ zu machen habe und verwendete beispielsweise für das CAT5-Kabel dieses Bild und ermunterte die Schüler, um die Ecke zu denken. Beispiel: Für das Themengebiet „Speichermedien“ eignet sich das Bild eines menschlichen Gehirns als Einstiegsfolie.  Diese Anleitung erfolgte in aller Kürze, da sich die Schülerinnen und Schüler später ja gegenseitig helfen können und sollen.
  6. Ausführen / anwenden lassen: In den nächsten zwei Stunden erarbeiten die Schüler die Powerpoint-Präsentation. Dies machen sie alleine, weil ich unterdessen auf Seminar bin. Als Unterstützung haben sie ein Powerpoint Skript bzw. verwenden die Seiten  Moodle-DLGI und E-Teaching-Austria.
  7. Informative Rückmeldung geben: In den folgenden zwei Unterrichtseinheiten, sehe ich mir Präsentationen kurz an und gebe Feedback und Verbesserungsvorschläge. Falls Zeit bleibt, beschäftigen wir uns gemeinsam mit einigen Powerpoint-Features, die die Schüler evt. nicht benutzt haben wie Master-Folie, Handzettel usw.
  8. Leistung kontrollieren und beurteilen: Die Präsentationen werden gehalten und beurteilt. Gleichzeitig erhalten die Schüler Einblicke in das kommende Themengebiet Hard- und Software.  Die Schüler fassen die Inhalte ihrer Präsentation in Google-Docs zusammen und tauschen die Dokumente untereinander per Freigabe aus (=Lernstoff).
  9. Behalten und Transfer sichern: In einem anderen Fach erstellen die Schüler im Laufe des Lehrgangs eine Präsentation. Dies genügt mir für diesen letzten Schritt.

Vielleicht fragen sich jetzt manche: „Warum zeigt der den Schülern Powerpoint nicht Schritt für Schritt – so wie in den meisten Informatik-Kursen?“

Dafür gibt es einige Gründe:

  • Da ist zuerst einmal der unterschiedliche Wissensstand der Schüler. Die Powerpoint-Erfahrenen sollen durch diese Methode mit sanfter Hand gezwungen werden, den anderen zu helfen.
  • Durch den unterschiedlichen Wissensstand langweilen sich etliche Schüler bei kleinschrittigen Vorzeig- und Nachmachübungen. Für andere wiederum ist es zu schnell.
  • Offensichtlich ist es nicht das Ziel, Schüler zu perfekten Powerpointidanern zu drillen, da sind 4 Stunden sowieso zu wenig. Weniger ist mehr: Bild, Text, Struktur. Und aus.
  • Die Schüler müssen lernen, mit Software so selbstverständlich umzugehen, wie sie es mit dem Handy gewohnt sind. Keine Angst vor neuer Software – das ist die Devise. Was nützt es, wenn ich ihnen zeige wie PowerPoint 2000 (=kein Tippfehler, unsere Schulversion, aber nächstes Jahr gibt’s die 2010er) funktioniert, wenn sie in der Praxis PPT 2003, 2007 oder 2010 haben. Oder Open-Office? Oder Google Text und Tabellen? (Wobei wir später Google-Text und Tabellen ausprobieren werden…)
  • Ich will den Schülern zeigen, dass sie mit etwas Mut, Recherchieren und dem Internet so relativ simple Produkte wie Powerpoint in relativ kurzer Zeit relativ gut bedienen können (… relativ…). Und dass sie nicht jedesmal ein spannendes 3-Tages-Seminar benötigen, von dem sie eine Woche später das Meiste mangels Anwendung vergessen haben.
  • Letztendlich bin ich der Überzeugung, dass Autodidakten in den Web2.0-Jahren die Nase vorne haben.

Powerpoint müssen wir machen, muss man können, klar. Im Allgemeinen ermuntere ich aber die Schüler, ohne Powerpoint zu präsentieren, wenn ihnen was Besseres einfällt: Fällt mehr auf, wirkt besser und hat sicherlich meistens Erfolg. Mein Psychologie-Professor an der Uni sagte … ach ja, das habe ich hier schon mal erwähnt: „Power-Point und der cognitive-load„.

3 thoughts on “Powerpoint in 4 Stunden – allerdings geschummelt

  1. Super! Kann ich gleich als Anleitung brauchen für unsere Gymnasial-Lehrer, die präsentieren lernen müssen, weil die Schüler im Abitur ab 2011 präsentieren müssen als mündliche Prüfung! Herzlichen Dank!

  2. Danke für deinen Beitrag und den Link. Powerpoint ist eben nur eine Möglichkeit zu Präsentieren. Vielleicht sollten wir bei der Vermittlung mehr Wert darauf legen, dass „Weniger Mehr ist“ –
    ein Bild sagt mehr als tausend Worte, nicht zuviel Text und überflüssige Animationen.

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