Kein Rezept für gehirngerechtes Lernen

Im Gegenteil.

Im Heft 11/2009 von Psychologie heute wird so richtig aufgeräumt mit den „Hirngespinsten der Pädagogik“. Hier das Wichtigste in Kürze zum lesenswerten Artikel:

brainegg1. linke Hirnhälfte = intellektuelle Leistungen, rechte Hirnhälfte = kreativ-emotional? Quatsch!

Neurowissenschaftler können keine Belege für diese Theorie finden. Zwar ist es richtig, dass ein Großteil des Sprachzentrums eher links sitzt, jedoch werden bei komplexen Aufgaben beide Hirnhälften aktiviert. Was bewiesen wurde: Kreativität sitzt im präfrontalen Kortex (Stirnhirn, auf beiden Seiten). Die bei Lehrern berühmten Brain-Gym-Übungen (z. B. Achter-Malen in der Luft) wirken sich aufgrund der gymnastischen Bewegung positiv aus, aber nicht weil sie die Gehirnhälften beeinflussen oder gar wieder „zusammenführen“.

2. Wir nutzen unser Gehirn nur zu 10 Prozent? Quatsch!

Unser Gehirn wiegt zwei Prozent unseres Körpergewichts, verbraucht aber 20 Prozent der Energie. Warum sollte es zum größten Teil nicht genützt werden? Hirnforscher haben herausgefunden, dass intelligente Menschen ihr Gehirn beim Lösen von Aufgaben weniger, dafür aber zielgenauer aktivieren. Das kennt jeder Lehrer und jeder Schüler: Wiederholtes Üben (wie Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging) lässt uns genau diese speziellen Aufgaben müheloser lösen.

3. Lernypentest? Quatsch!

Ach, das habe ich voriges Jahr schon hier beschrieben. Frederic Vester hat uns in den 1970er Jahren diesen Floh ohne jedweden Beweis ins Ohr gesetzt und sämtliche Pädagogen haben sich darauf gestürzt und noch immer wird dieser Blödsinn es an den Hochschulen unterricht: Es gibt keine neurowissenschaftliche Forschung über Lerntypen. Wahrnehmung, Reizverarbeitung, Lernen und Gedächtnisbildung ist viel komplizierter, als die naive Vorstellung in den Lerntypen-Büchern. Weder theoretisch noch praktisch ist das Lesen solcher Ratgeber gewinnbringend.

Da fällt mir ein: Der ursprüngliche Titel meiner Diplomarbeit vor zwei Jahren wäre  „Gehirngerechtes e-learning“ gewesen. Pheeeewww. Ich habe dann die Kurve gekratzt und bei der Recherche bemerkt, dass die meisten e-learning-Programme nicht gehirngerecht sind. Unter „gehirngerechtem e-learning“ habe ich damals noch verstanden: Der Lernstoff wird per e-learning so präsentiert, dass besser als mit herkömmlichen Methoden gelernt wird. Auch Quatsch!

15 thoughts on “Kein Rezept für gehirngerechtes Lernen

  1. Gottseidank auch mal in Psycho heute was Gescheites! (Aber ist es nicht so? Erst werden die irreleitenden Mythen geschaffen – dann werden sie Jahre später wieder enttarnt. Auch von Psyhologie heute.) Vielleicht sollte man auch noch mal einen Moment am Begriff „gehirngerechtes Lernen“ verweilen: Kann man sich denn überhaupt ein Lernen vorstellen, dass NICHT gehirngerecht ist? Wenn „es“ nicht mit den Funktionsweisen des Gehirns vereinbar ist, dann kann „es“ doch gar kein Lernen sein. Lehren wohl! Gelehrt wird häufig nicht gerhirngerecht. Das ist wohl wahr. Wenn wir also etwas fordern könnten, dann wäre das „Gehirngerechtes LEHREN“. Aber es ist ja auch nicht das Gehirn, das lernt, sondern der Mensch. Das Gehirn ist nur das Organ dafür. Es sind ja schließlich auch wir, die essen, nicht unsere Verdauungsorgane.

    • Hallo Lisarosa,

      das mit dem „gehirngerechten Lernen“ erinnert mich stark an den Begriff: „biologisch gewachsen“, womit die Lebensmittelindustrie wirbt – Marketinghülse !

      Gruß

      Thorsten

      • Ja genau. Mich ärgert diese Ungenauigkeit. Dabei ist es doch gerade wichtig, genau hinzugucken beim Lernen. Sonst muss man so viel mühsam wieder verlernen.

  2. In dieser Absolutheit ist das, was Psychologie heute als Kritik formuliert hat, genauso Quatsch. Es sind genauso Behauptungen und Vermutungen, manche Begriffe werden ungenau verwendet. Ich entdecke keine Beweise, die diese Kritik felsenfest untermauern. Aber damit musste sich die Hirnforschung bereits in der Vergangenheit und muss sich wahrscheinlich noch in der Zukunft zufrieden geben. Die Neurowissenschaften wissen heute, dass sie erst am Anfang der Hirnforschung stehen. Beweise und Erkenntnisse gibt es nur solange, bis Neues entdeckt worden ist. Daher ist es mehr als sinnvoll, mit Annahmen und Vereinfachungen zu argumentieren, um komplexe Sachverhalte einigermaßen verstehbar zu machen. Manches bleibt nach wie vor bestehen, z. B. die Zweiteilung des Gehirns (Roger Sperry) Und wer genau in der bisherigen Literatur nachliest, dem wird auch meistens das Wörtchen „eher“ begegnen; Beispiel:: Die linke Gehirnhälfte ist eher für logische, rationale Aufgaben zuständig (ist übrigens nicht 1:1 gleichzusetzen mit intelligent), die rechte Hälfte eher für kreative. Bitte einmal die Studie präsentieren, die dies absolut und wasserdicht widerlegt. Und dass es keine neurowissenschaftliche Forschung über Lerntypen gibt, heißt das automatisch, es gibt keine Lerntypen? Auch wenn es der Wissenschaft schwer fällt: sich mit Ungenauigkeiten anfreunden, ist oftmals ein gangbarer Weg. Alles andere artet meist in „Schwarz-Weiß-Denken“ aus – dies schein aber gerade in der Hirnforschung Mode zu sein.

  3. Letztendlich zählt doch die Erfahrung, und zwar die Erfahrung, die unter Nicht-Laborbedingungen gemacht wird.

    Wem das Modell Linkshirn/Rechtshirn hilft, bessere Lernergebnisse zu zählen, der darf sich freuen. Dem wird es egal sein, ob es hier oder da eine Forschung gibt, die das untermauert.

    >> Es gibt keine neurowissenschaftliche Forschung über Lerntypen.
    So viel Logik sollte schon sein, dass Du daraus nicht ableitest, dass es gar keine Lerntypen gibt. Die Erfahrung zeigt doch eindeutig, dass verschiedene Menschen auf unterschiedliche Art und Weise lernen. Die Erfolgsstrategie des einen lässt sich nicht ohne weiteres auf den anderen übertragen.

    >> Naive Vorstellungen in den Lehrbüchern.
    Das, was Du als naiv bezeichnest, bezeichne ich als Modell, das uns helfen soll, hochkomplexe Vorgänge besser zu verstehen. Keines der Modelle hat m.E. den Anspruch, die so genannte Wirklichkeit 100 % genau zu beschreiben und zu erfassen.

    Ach so, und nur weil das in Psychologie Heute steht, einer an erster Stelle gewinnorientierten Publikation, würde ich nicht gleich die dort vertretenen Meinungen so übernehmen, ohne sie kritisch zu hinterfragen. (Ich habe den oder die Artikel dort jetzt nicht gelesen.)

    • Jeder findet das richtig, was bestätigt, was er schon weiß – bzw. zu wissen meint. Ich habe auch selbstverständlich lange an die Lerntypen „geglaubt“, aber nie rausgefunden, welcher ich bin. Bis ich mal folgendes begriffen habe: WIE etwas gelernt wird, hat mit dem Gegenstand zu tun. Eine Orientierung im Gelände/in der Stadt braucht Visualisierung (Kartenlesen), es sei denn man ist blind, aber das ist eine Ausnahme. Tonhöhenunterschiede kann man nur durch fleißiges Hören lernen, egal mit wie vielen Visualisierungsversuchen der Lehrer sich abmüht. Natürlich ist es so, dass dem einen dies, dem anderen das leichter fällt, weil ja nicht jeder alles gleichviel trainiert (hat) in seinem Leben. Aber die Schlussfolgerung für Unterricht heißt daraus eben NICHT: Gib dem, der nicht gut gucken kann, was auf die Ohren, und dem, der nicht gut hören kann, was zum Fühlen – ähäm, jetzt hab ich mich verlaufen … -sondern gib allen gemäß den Erfordernissen des Gegenstands, der glernt werden soll.
      Ein hübsches Video zum Thema „Learnstyles don’t exist“ bestärkt meine Sicht der Dinge:

      Soviel zum Lerntypenthema – aber auch gleichzeitig zur Viabilität von Aussagen und zum Thema „Wahrheit“

      • Klingt sehr einleuchtend. Ich habe mich auch nie gefragt, zu was für einem Lerntyp ich eigentlich gehöre, geschweige denn einen Test gemacht; ich denke, jeder lernt schon, wenn man ihm ein bisschen Spielraum lässt, so, wie es ihm am besten passt.
        Wer als Lehrer versucht, alle Sinne anzusprechen, kann doch eigentlich nicht viel falsch machen, oder?

  4. Die Vieldeutigkeit von Wörtern ist typisch für die Umgangssprache. Man kann sich deswegen allein auf die nicht verlassen und immer genau mitverfolgen, was jeweils gemeint ist.

    Das ist ulkiger Weise schon beim Begriff „Lernen“ so. Schulisches Lernen meint z.B. Pauken – und das ist schlichtes Wiederholen. Was wiederholen wir da? Das wird sogar von Forschern oft nicht besonders betont: beim Pauken wiederholen wir ‚einfach‘ den Prägungsprozess, der immer mit Wahrnehmen einhergeht.

    Kurz zur Erläuterung: Wir prägen uns bei allem, was wir tun, das ein, was wir dabei mitbekommen. Eigentlich drücke ich mich hier nicht richtig aus; ich müsste formulieren: alles von uns Wahrgenommene „prägt sich“ automatisch bei uns ein (mehr oder weniger stark)! Wir können das gar nicht vermeiden. Wahrnehmen und dieser Prägungsprozess ist dasselbe! Sogar die Alltagssprache weiß davon: wir „merken“ uns, was wir „bemerken“, wie wir im Deutschen genialer Weise sagen. Genau so ist es. Umgangssprachlich reden wir hier von „Merkfähigkeit“, Wissenschaftler von „Kurzzeitgedächtnis“.

    Ein zweites: Was wir während eines Tages erleben, vor allem was wir uns dabei absichtlich merken, wissen wir zumindest teilweise noch am Abend. Kein Mensch hat jemals auswendig lernen müssen, was er am Abend vom Tag zuvor noch weiß. Hier wird schon von Langzeitgedächtnis geredet. Dabei geht es aber gar nicht mehr um die Tatsache, dass sich uns was eingeprägt hat. Das würden wir auch daran „(be)merken“, dass wir etwas wiedererkennen, wenn wir es wieder sehen würden. Das „bemerken“ wir beim Wahrnehmungsvorgang schon, und zwar daran, dass uns etwas „bekannt“ vorkommt. Was wir machen, wenn wir uns „erinnern“, ist dagegen etwas völlig anderes!

    Und genau deswegen müssen wir „pauken“! Nämlich so oft den Einprägungsprozess wiederholen, dass wir uns an das, was wir uns einprägen wollen, jederzeit sicher und sofort wieder erinnern können! Erinnern ist nämlich etwas völlig anderes als „Gedächtnis“, obwohl es auf dem beruht.

    Wenn wir uns erinnern, denken wir an etwas, das wir erlebt (oder können wir das wiederholen, was wir absichtlich „einstudiert“) haben. Für dieses Drandenken sagen wir meist Vorstellen! Wenn wir uns nämlich an etwas erinnern, stellen uns das, was wir erlebt haben, innerlich und vielleicht visuell, also bildlich vor, „im Innern“ also, „im Kopf“ oder „im Geist“ oder wie wir sogar sagen können: „in der Vorstellung“! Man könnte sogar davon reden, dass dieses Vorstellen real ein Herstellen ist, die Herstellung desselben Eindrucks, den wir hatten, als wir das erlebt haben, was sich uns dabei eingeprägt hat.

    Die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, ist nun aber – was viel zu wenige Menschen wissen – von Person zu Person ganz unterschiedlich ausgeprägt. Auch und vielleicht sogar vor allem deswegen ist derart verschieden, wie oft jemand den Vorgang, sich etwas einzuprägen, wiederholen muss. Auch die Ausdrücke vom schlechten und guten Gedächtnis beziehen sich auf die persönliche Ausprägung der Fähigkeit sich etwas genau, zuverlässig und detailreich wieder ganz allein in seinem Innern vorstellen zu können. Dabei gibt es regelrechte Extremfälle.

    Es sind nämlich Menschen bekannt, die sich aufgrund einmaligen Hinsehens etwas derart detailreich wieder vorstellen können, dass man bei ihnen von einem „fotografischem Gedächtnis“ spricht. In der Wissenschaft nennt man diese Menschen Eidetiker. Es gibt nur verschwindend wenige davon, aber auf sechs Milliarden Menschen sind es doch zahlreich genug, dass es Forschungen zu ihnen gibt. Auf der anderen Seite gibt es normalerweise keinen Menschen, der sich nichts merken und wieder vorstellen kann. Wer seine Merkfähigkeit verliert, ist deswegen immer krank. Zwischen Eidetikern und dementen Menschen gibt es alle Abstufungen und auch Tagesschwankungen! Deswegen kann es sein, dass man sich zu manchen Zeiten mehr, zu anderen leichter tut, sich etwas so einzuprägen, dass man es sicher wieder „memorieren“ kann…

  5. Kein Rezept für gehirngerechtes Lernen (Lehren) « MatthiasHeil.de

  6. Ich glaube, dass man zum Lernen bzw. Vorstellen und Erinnern von Zusammenhängen bestimmte Reize im Körper aktivieren muss.
    Wenn man zum Beispiel zuhause im Wohnzimmer auf der Couch versucht, komplizierte Zusammenhänge zu lernen, ist dies viel schwieriger als in einer Uni-Bibliothek. Wenn unser Körper sich in einer „Anti-Lern“ Umgebung befindet, prägen wir uns auch weniger ein.

  7. Ha! Das mit den Lerntypen war mir schon damals verdächtig. Ich dachte mir immer, wenn ich lese, dann höre ich das ja innerlich und ich sehe auch oft in Gedanken, was da so beschrieben ist. Allerdings kann ich nicht auditiv sein, da ich im Unterricht immer einschlafe.
    Allerdings sagte er in seinem Buch „Denken, Lernen, Vergessen“ (oder wie das hieß), dass man nie etwas vergisst. Das habe ich ihm geglaubt. Und ich stimme ihm heute noch zu.

    Auf der anderen Seite halte ich 10% für extrem hoch. Soviel nützen die meisten Menschen doch nie. Auf der anderen Seite gibt es heutzutage so viele Ungereimtheiten in unserer Gesellschaft, dass es vielleicht der Fall ist, dass wir 90% aktiv für die Toleranz unserer kognitiven Dissonanzen benützen🙂 Das fände ich glaubwürdig.

  8. Hallo, Werner,
    es ist immer sinnvoll, Mythen zu bezweifeln –
    und man sollte auch noch ein gutes Gedächtnis haben:
    Vor ein paar Jahren lehrte Frau Birkenbihl noch das psycho-logische Lernen, jetzt das gehirngerechte …
    Es gibt halt Leute, die immer auf der neuen Welle mitschwimmen, weil man da Geld verdienen kann,
    und die ganz Cleveren erfinden die neuen Wellen, weil sie damit Karriere machen. —
    Deine Frage nach der Quelle habe ich übrigens in einem Kommentar beantwortet; ich hatte eine Mail an dich geschrieben, aber die kam zurück. War die Endung gmx.de richtig?
    Gruß, Norbert

  9. Ich habe eine Frage bzw. eine Vermutung, die sich auf meine Erfahrungen im Unterrichten in Japan beziehen.
    Also: Lehren und Lernen laufen in unterschiedlichen Kulturen und Ländern anders ab und prägen die Personen so stark, dass sie bei jeder neuen Aufgabe unbewußten Mustern von Lernwegen / Lehrmethoden folgen. Diese Muster sind änderbar, jedoch problembehaftet und meisten mit einschneidenden Erlebnissen im Leben der Person verbunden.
    Gibt es dazu Untersuchungen, Analysen, hat sich das schon mal wer gedacht? Was meinen Sie dazu?

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