Mitten in den Ferien: neues Schulprojekt gestartet

Zusammen mit vier Kolleginnen war ich heute zu Besuch in der Berufsschule Schärding, die 2001 ihren Rechnungswesen-Unterricht auf selbstgesteuertes Lernen umgestellt haben. Obwohl die PH-Linz jedes Jahr mit ihren Junglehrern nach Schärding pilgert, hat bisher noch keine Berufsschule das mittlerweile jahrelang bewährte System übernommen. (Vielleicht sollte sie mal nicht gerade mit den Jungspunden fahren – siehe der Versuch mit den Affen).

So wird der Rechnungswesen-Unterricht normalerweise an unserer Berufsschule organisiert:

  1. Die Klasse wird manchmal in N- (=normal) und V-Gruppe (=vertieft) geteilt, manchmal auch nicht.
  2. Beide Gruppen haben einen eigenen Raum, einen eigenen Lehrer, aber grundsätzlich denselben Stoff. Die Vs ein bisserle mehr Beispiele, auch bei der Schularbeit.
  3. Musterbeispiele werden gerechnet, Aufgaben gestellt, Aufgaben gelöst und verglichen. Unterricht im Gleichschritt wie seit 200 Jahren, garniert mit dem einen oder anderen Methödchen.

So sieht der Rechnungswesen-Unterricht in Schärding (und bald bei einigen wenigen Lehrern auch bei uns) aus:

  1. Die Klasse wird immer noch in N und V geteilt, weil das gesetzlich nicht anders geht.
  2. Es gibt immer noch zwei Räume und zwei Lehrer.
  3. Allerdings ist ein Raum für Schüler reserviert, die absolute Ruhe beim Lösen der Aufgaben haben möchten.
  4. Im anderen Raum machen zwei Lehrer folgende Jobs: Lagebesprechung (was machen wir heute?), neue Stoffabschnitte erklären, individuelle Hilfe bzw. Gruppen-Hilfe, Lernprobleme besprechen, Hilfstellung und Tipps geben.
  5. Der Lernstoff ist in Basis-, Super- und Topstoff eingeteilt. Schüler, die „nur“ den Basisstoff lernen möchten, können maximal eine 3 im Zeugnis erhalten, Super = 2, Topstoff = 1.
  6. Die Schüler holen sich für ein Thema jeweils ein Musterbeispiel und übertragen es in ihre Mappe und rechnen dann beliebig viele Übungs- und Hausübungsbeispiele.
  7. Der 10-Wochen-Lehrgang ist in drei Abschnitte geteilt. Während dieser Abschnitte kann der Schüler  beweisen, dass er den Stoff beherrscht indem er  zu einem beliebigen Zeitpunkt eine freiwillige Abschnittskontrolle (=eine Art „Test“) schreibt. Erlangt er dabei mindestens 13 von 16 Punkten, dann hat er auf jeden Fall für diesen Abschnitt eine 3, egal was er nachher bei der für alle verpflichtenden und am Lehrgangsbeginn fixierten Lernzielkontrolle hat. Dadurch schreibt er stressfreier die Lernzielkontrolle, er kann in diesem Abschnitt nicht mehr versagen und sich nur noch verbessern.
  8. Die zwei verpflichtenden Schularbeiten sind für alle gleich. Schüler, die also nur den Basis- und Superstoff gerechnet haben, werden die Beispiele des Top-Stoffes nicht lösen können und lassen diese aus.

Die Erstellung der Materialien für das eigenverantwortliche Lernen ist natürlich um einiges aufwändiger als den Schülern die Buchseite XY an die Tafel zu schreiben. Netterweise stellte uns unser Schärdinger Kollege Roland Schwingenschlögl sämtliche Materialien, von den Musterbeispielen, Übungsbeispielen, Einführungspräsentationen bis zu den Feedbackbögen zur Verfügung. Eine wesentliche Erleichterung für diese Unterrichtsmethode (aber auch für alle anderen Fächer, bei denen Tests gegeben werden)  ist die „Testfabrik“, eine Software, mit der bequem Testfragen gesammelt, ausgetauscht und zu Wiederholungen und Tests  zusammengefügt werden können. Eine Demo-Version kann unter http://www.teachershelp.at heruntergeladen werden.

Über die Feinheiten der Methode werde ich in den nächsten Teilen noch berichten, sie enthält noch einige geniale Merkmale, die nur durch die jahrelange Erfahrung und spezielle Abstimmung auf Berufsschüler entstanden sind.

In Rohrbach werden wir im 5er-Team in den Ferien die Materialien an unseren Lehrplan anpassen, eine Mustersequenz erstellen und dann den Lehrstoff der ersten Klasse Rechnungswesen in die Schwierigkeitsgrade einteilen. Was uns von Schärding unterscheidet: Wir haben ein Lehrbuch. Wir sollten uns also, was die Entwicklung des Basis- und Superstoffes betrifft, sehr leicht tun. Anschließend sind die konkreten Beispiele zu entwickeln, um mit dem Unterricht im November loslegen zu können. (Im Lehrgang Sept – Okt haben wir dieses Jahr keine 1. Klasse).

Organisatorisch brauche wir zwei nebeneinanderliegende Räume und vom Stundenplan her immer ein Zweiergespann der Lehrer, die beim Projekt mitmachen. Kostenmäßig benötigen wir einen PC mit Drucker – das wird ein Problem werden. Falls später noch andere Kollegen einsteigen möchten, haben wir die heutige Veranstaltung mitgeschnitten. (Vielleicht auch ein wenig aus Nostalgie-Gründen, wenn wir im Jahr 2019 sagen können: So hat es angefangen.)

Apropos Kosten: Unserer zuständige Behörde zahlt (gesetzeskonform) keinen Cent für dieses Projekt. Anreise, Verpflegung und Heimreise werden privat bezahlt. Eventuelle Unfälle auf der Strecke sind mangels Dienstauftrag Freizeitunfälle. (Stephan List meinte dann via Twitter, deshalb hieße es ja auch … siehe Link …). Und nein, wir haben auch keinen Dienstwagen. Und ja: Lehrer bekommen in den Ferien ihr Gehalt weiterbezahlt.

Linktipp: Josef Kuffner, ein weiter Kollege aus Schärding, hat seine Diplomarbeit über diese Methode geschrieben und ins Netz gestellt. (Download als PDF)

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