Lehrer nach Leistung bezahlen?

Dan Ariely

Daniel Ariely

Die besten Sachbücher sind immer die, deren Inhalt das bestätigt, was unser Bauch wusste und unser Geist bestenfalls ahnte. Bei mir geschehen bei Daniel Arielys Buch „Denken hilft zwar, nützt aber nichts„.

Im Kapitel 4 beschreibt er den Unterschied zwischen „sozialer Norm“ und „Marktnorm“.

Beispiel:

Marktnorm: Rechtsanwälte wurden von einer gemeinnützigen Organisation gebeten, bedürftige Rentner ihre Dienste kostengünster als für andere, etwa um 30 Dollar pro Stunde anzubieten. Die Anwälte lehnten ab. Ihr Marktwert war höher.

Soziale Norm: Daraufhin fragte der Projektleiter der gemeinnützigen Organisation die Anwälte, ob sie ihre Dienste kostenlos anbieten würden. Mit überwältigender Mehrheit sagten die Anwälte zu. Die Anwälte zogen nun soziale Normen heran und waren bereit, ihre Zeit kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Im Buch bringt Ariely noch etliche (längere) Beispiele, hier sein Fazit:  Sobald von Geld die Rede ist (also auch, wenn wir den Wert von Geschenken mitgeteilt bekommen haben), bewerten wir Tätigkeiten mit der Marktnorm. Wir bemühen uns entsprechend der Entlohnung und machen Schluss, wenn das Zeit-Geld-Guthaben erschöpft ist. Geld bewirkt (in weiteren Experimenten bewiesen), dass wir weniger oft um Hilfe bitten. Wir werden egoistischer und selbstsicherer, wollen mehr Zeit alleine verbringen und wählen eher Aufgaben aus, die wir alleine bewältigen können.

Für das Klassenzimmer bedeutet Geld das berühmte „Plus“ oder eben eine Note. Wen wundert es, wenn eine Gruppenarbeit da nicht funktioniert?

Anders die soziale Norm: Darunter versteht man freundliche Bitten (Dienste, Tätigkeiten), die unentgeltlich erfüllt werden. Wir erwarten keine sofortige Belohnung, beide Seiten freuen sich, eine unmittelbare Gegenleistung ist nicht notwendig. Kleine Geschenke sind erlaubt, wenn uns nicht das Preisschild unter die Nase gehalten wird. Darum ist es auch so peinlich, wenn wir das Preisschild nicht entfernt haben.  Soziale Normen sind in unserer Natur und unserem Bedürfnis nach Gemeinschaft verankert. Und das Wichtigste: Wir bemühen uns aufgrund der sozialen Normen mehr, als wenn Marktnormen im Spiel sind.

Darum funktioniert Open Source, Wikipedia usw. Hier die Marktnorm anzuwenden und dafür Geld zu geben bzw. nehmen, würde ein Vermögen kosten.

Was Jobs betrifft, so war früher die Trennung „soziale Norm“ und „Marktnorm“ sehr einfach. Wenn die Fabriksirene heulte, schalteten wir von einer Norm zur anderen um. Einfach und klar.

In Kreativjobs,  zu denen der Lehrerjob gehört, ist diese strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit aufgehoben. Feste Arbeitszeiten sind hier (bis auf die Lehrverpflichtung) abgeschafft. Wer hier mit Marktnormen misst, indem er Stunden und Minuten gegen Geld aufwiegt, der bekommt einen Lehrer für Fließbandarbeiter.

Ariely meint:

„Statt die Aufmerksamkeit von Lehrern, Eltern und Kindern auf Prüfungsergebnisse, Gehälter und Wettbewerb zu richten, wäre es vielleicht besser, bei uns allen Zielstrebigkeit, ein Bewusstsein für die große Aufgabe und Stolz auf Bildung zu wecken. […] Vor geraumer Zeit sangen die Beatles: „Can’t Buy Me Love“. Dies trifft auch auf die „Liebe“ zum Lernen zu. Wenn man es versucht, vertreibt man sie womöglich.“

Das Bildungssystem sollte daher an sozialen Zielen (Armut, Menschenrechte, Umweltschutz, …), technischen Zielen (Nanotechnologie, Energiesparen, …) und medizinischen Zielen (Heilverfahren gegen Krebs, Diabetes, Fettleibigkeit, …) ausgerichtet werden. Eltern, Lehrer und Schüler erkennen dann den höheren Sinn der Bildung und bringen somit mehr Begeisterung und Motivation mit.Und Ariely sagt:

„Aber wir sollten auch viel Mühe darauf verwenden, Bildung als Wert an sich zu vermitteln, und aufhören, die Zahl der Unterrichtsstunden mit der Qualität der Bildung, die ein Schüler erhält, zu verwechseln. […] Es ist unsere gesellschaftliche Aufgabe, Kinder dazu zu bringen, dass sie genauso viel über Nobelpreisträger wissen wollen, wie sie schon über Fussballspieler wissen.“

Ergänzend dazu:

  1. ein FAZ-Artikel von heute: „Von privaten Schulen lernen“ (siehe dort „Dynamische Lehrkonzept“, Stichwort Motivation, via Twitter scheppler)
  2. ein ZEIT-Artikel, der nicht ganz dieser Meinung ist: „Boni für die Besten“ (auch via Twitter scheppler)
  3. mein Blog-Beitrag vom Vorjahr „Lehrerleistung messen„.

Dieses Jahr frage ich mich: Vielleicht messen wir irgendwann mal Lehrerleistungen. Gut. Entlohnen wir Mehrleistung auch monetär? Motiviert das wirklich? Oder sollten wir uns darauf beschränken, Ungerechtigkeiten des Systems auszubügeln und versuchen, die „soziale Norm“ in der Schule zu etablieren. Und dann frage ich mich noch: Wer ist „wir“? Die Bildungsministerin oder die Gewerkschaft? Oder alle anderen vielleicht?

4 thoughts on “Lehrer nach Leistung bezahlen?

  1. Interessante Gedanken, die diese Diskussion um wertvolle Aspekte bereichert, danke dafür!
    Leider zu Zeiten von PISA und Output-Orientierung so schrecklich unpopulär…

  2. Lehrerbesoldung « Bluemac

  3. Wenn gute Vorschläge von Affen nicht akzeptiert werden « Lernen Heute

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