Lehrerarbeitszeit – 2 Stunden für mehr Qualität

motorsageIch ging neulich laufen. Dienstag vormittags, wo anständige andere Menschen arbeiten. Ah ja, die obligatorische Rechtfertigung dafür: Ich hatte Montag abends (so zirka von 20.00 bis 00:30 Uhr) meinen Unterricht für Dienstag nachmittag vorbereitet, deshalb konnte ich mir das leisten. Mitten im Wald traf ich einen Waldarbeiter. Schwitzend und fluchend sägte er mit einer altmodischen Handsäge an einem Baum herum. Ich fragte ihn, warum er keine Motorsäge verwendete. Er sagte, dazu hätte er kein Geld, er müsse sparen. Dann sagte ich ihm (… jaja, typisch Lehrer), er solle doch wenigstens seine Säge schärfen. Dazu meinte er, er hätte dazu keine Zeit, er müsse heute noch mit diesem Baum fertig werden. Und er meinte, ich solle ihn doch gefälligst nicht stören und er sägte doppelt so schnell weiter. Und fluchte dabei doppelt so laut.
(Frei nach Stephen Covey)

Mit zwei Stunden ohne begleitende Maßnahmen sparen wir am Wesentlichen: An der Qualität derer, die qualitativ hochwertigen Unterricht produzieren sollten: An den Lehrern, an deren Energie, Begeisterung, Motivation und Lern- und Fortbildungsbereitschaft. Am genau jenem Werkzeug, das Lernen einfach machen sollte. Engagierte Lehrer werden zwei Stunden mehr Unterricht bei erhöhtem Zeitaufwand vermutlich ähnlich gut vorbereiten wie ihren jetzigen Unterricht. Doch was dabei etwas mehr auf der Strecke bleibt ist:

  • Kreativität, den Unterricht spannend gestalten zu können (Kreativität braucht Zeit)
  • Zeit, um neue Methoden zu erfahren und ausprobieren zu können
  • Zeit, um am aktuellen Stand der Didaktik, Pädagogik zu bleiben.
  • Zeit, um sich neue Technologien (Wiki, Weblogs, Podcasts, Google Text und Tabellen, Twitter, etc.) anzueignen
  • Zeit, um Projekte zu planen und zu gestalten, die begleitend oder außerhalb des Unterrichts stattfinden

Was ist das eigentliche Ziel, was brauchen Schüler?

Schüler brauchen jene Qualifikation, die sie für die Gesellschaft wertvoll macht. So wertvoll, dass sie damit Geld verdienen können. Zumindest für die nächsten 5 Jahre bis nach dem Schulabschluss. Bis dahin sollten sie das Lernen gelernt haben, sich selbständig Wissen aneignen können und ein Gefühl für die richtigen Dinge haben. (Wo wird das eigentlich unterrichtet?). Danach sind sie selbst dafür verantwortlich, dass sie für ihre Arbeitgeber beschäftigbar bleiben. Nicht der Staat und nicht die Arbeitgeber sind dafür verantwortlich. Und auch nicht der Obama.

Mark Twain meinte sinngemäß: „Nachdem wir das Ziel völlig aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen“.

Mehr Zeit und Energie in ein dummes System zu investieren wird uns beim nächsten PISA-Test nicht wirklich helfen. Sofern der PISA-Test überhaupt als Maßstab für eine wettbewerbsfähige Gesellschaft gelten kann. Die Handsäge gehört endlich gegen eine Motorsäge ausgetauscht. Investitionen und gravierende Änderungen sind notwendig. Selbstverständlich werden diese Änderungen sowohl Lehrern als auch dem Geldsäckl weh tun. Aber den Status-quo einfach erhalten und das Hamsterrad ein bisserl schneller laufen zu lassen hilft keinem der Beteiligten.

In einem wunderbaren Blog-Eintrag hat Franz Kuehmayer einen 10 Punkte Plan zur Anhebung der Bildungsqualität vorgestellt, den ich hier einfach mal reinkopiere:

  1. Anrecht auf einen sinnvoll ausgestatten persönlichen Arbeitsplatz zum Vorbereiten / Nachbereiten – in der Schule
  2. Anspruch auf x Stunden professionelles Mentoring pro Monat
  3. Gelegenheit, regelmäßig am Unterricht anderer Lehrerkollegen teilzunehmen, um Erfahrungen und Best Practices auszutauschen.
  4. Anrecht, an externen Konferenzen und Kongressen teilzunehmen, um neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Pädagogik und auf ihrem jeweiligen Fachgebiet kennenzulernen
  5. Anrecht regelmäßiges ausführliches Feedback zu seiner Leistung zu erhalten
  6. Einrichtung von verpflichtender Elternpartizipation dergestalt, dass pro Kind mehr Zeit bleibt, als die obligatorischen 5 Minuten pro Semester am Elternsprechtag.
  7. Als neuer Lehrer Anrecht auf Begleitung durch einen erfahrenen Lehrer, der im ersten Jahr als Coach zur Seite gestellt wird, und ihm in der Klasse und abseits des Unterrichts hilft und ihn unterstützt
  8. Leistungsorientierte Anerkennung – gute Lehrer sollen sichtbar und erlebbar belohnt werden, auch finanziell.
  9. Lehrer, die nach dem Unterricht länger in der Schule bleiben wollen, um vorzubereiten, dürfen nicht vom Schulwart des Hauses verwiesen werden
  10. Verpflichtend Teamwork-orientierte Arbeit zur Erstellung von Vorbereitungen, um Erfahrungen zu nutzen und vorhandenes Unterrichtsmaterial wiederzuverwenden. Lernen von den Besten.

Hand in Hand mit einer Arbeitszeitänderung sollte eine Dienstrechtsänderung zugunsten von Qualifikation von Lehrern gehen. Vielleicht sollte sich irgendwer mal zwei Stunden pro Woche Gedanken über das Dienstrecht machen?

5 thoughts on “Lehrerarbeitszeit – 2 Stunden für mehr Qualität

  1. Super Beitrag. Ich bin Mutter von einer Vierzehnjährigen und wünsche mir qualitätvollen Unterricht statt quanitätvollen Untericht.

    Lehrplan kürzen!!!! Schüler und Lehrer geht demonstieren!!!

  2. Lieber Kollege,
    erfrischend ironisch, Ihr Blick auf die ungünstigen Rahmenbedingungen – in Baden-Württemberg sieht es ähnlich düster aus: Mehr Anforderungen bei gleichzeitig fehlenden Mitteln für Renovierung der Schulen (nur Sicherung des Bestands) und auch Ideen, die Lehrbelastung noch mehr zu erhöhen. Dass die immer wieder geforderte Unterrichts-Qualität dabei dann fast notwendigerweise fallen muss, ist den Entscheidern entweder nicht klar oder egal.
    Für mich bleibt die Frage, wie Lehrerinnen und Lehrer dabei gesund überleben und sich Ihre Lust an gutem Unterricht nicht austreiben lassen. – Ich gehe zur Zeit den Weg über kollegiale Fallgruppen und Austausch von Unterrichts-Ideen.
    Liebe Grüße

  3. Schönes spannendes Post – danke! So stelle ich mir reflektierte Erfahrung für einen Austausch in einer Blogpraxisgemeinschaft vor. Mit dem 10-Punkte-Plan zur Anhebung der Bildungsqualität ist endlich mal wieder der Lehrer als Akteur in der ganzen Angelegenheit zur Sprache gekommen. Allerdings werden diese Forderungen – sie sind m. E. Minimalstandards! – nicht ausreichen. Natürlich werden verbesserte Arbeitsbedingungen auch nicht automatisch zu besserem Lernen führen. Aber die Arbeitsbedingungen sind gemessen an dem, wie sie sein müssten, um professionelles Lehren zu ermöglichen, tatsächlich insgesamt so katastrophal, (auch in D.), dass man wirklich von einem Bildungsentwicklungsland sprechen muss.

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