Bürokratisierte Lehranstalten im Offline-Modus

Über den derzeit wohl besten Blog über Schule und Lernen, dem D21-Projektblog mit seinem fleißigsten Autor René Scheppler, wurde ich auf den Spiegel-Artikel „Merkel kürt IT-Superlehrer – doch der ist keiner mehr“ aufmerksam. Im Artikel heißt es:

Ausgerechnet der „IT-fitteste Lehrer Deutschlands“ hat sich beurlauben lassen, weil ihm die Schule zu träge ist. […] Im Streit getrennt hat er sich von der Elitesportschule nicht, aber der Vorzeigelehrer hätte gern viel mehr erreicht. Es blieb dabei, dass er den eigenen Unterricht in Mathe, Physik, Informatik komplett digitalisierte – in anderen Klassen wurde weiter klassisch mit Tafel und Zeigestock unterrichtet. Kleinschmidts Ideen überzeugten zwar viele Schüler, das Sportförderzentrum und Sponsoren, doch sie erreichten nicht die ganze Schule. Auch wenn es ihm gelang, Projektmittel und prominente Partner, Beamer und andere Geräte aufzutreiben: Kleinschmidt blieb am Ende ein begeisterter Solist und zog sich deshalb zurück.

Während sich die reale Welt in den letzten Jahren im Bereich der Kommunikation (Handy, E-Mail, Google, …) rasant verändert hat und kaum wiederzuerkennen ist, fährt die Schule zu einem großen Teil in einem Fahrwasser, das sich in den letzten 10 20 30 40 50 60 70 Jahren (nichtzutreffendes streichen) kaum verändert hat. Kommunikation wurde so einfach und billig wie noch nie. Die Schule hat das noch nicht begriffen und nützt diese Tatsache zu selten. Dumm, denn Lernen besteht aus Kommunikation. Indem Schule zeitgemäße Kommunikationsmittel nicht zulässt, verhindert sie Lernen. Verhinderung von Lernen verhindert eine gute Zukunft. Ich als Kind würde mir das nicht gefallen lassen.

Lehrer werden bezahlt, 50 Minuten Unterricht zu halten. Ich werde nicht für diesen Blog bezahlt, ich werde nicht bezahlt, innovativ zu sein. Ich bekomme kein Geld, wenn ich alternative Lehrmethoden einsetze, ich bekomme keine Geld, wenn ich mich monatelang mit Web 2.0 auseinandersetze, herumprobiere, plane, verwerfe, ausprobiere, scheitere und manchmal Erfolge feiern kann. Und wissen Sie was? Ich will auch kein Geld dafür. Guter Unterricht macht Spaß. Aber ich will zwei Dinge:

  1. Ich möchte keine bürokratischen Felsen in den Weg gelegt bekommen.
  2. Ich will mich mit Gleichgesinnten austauschen. Und die gibt es nicht an jeder Schule zuhauf.

Wenn beispielsweise eine Pädagogische Hochschule aus einem anderen Bundesland mich einlädt, anderen Lehrern über meine Aktivitäten mit Wikis, Weblogs und Podcasts im Unterricht zu berichten, dann lehnt die Schulbehörde sowohl Dienstreiseauftrag als auch Sonderurlaub ab und verlangt von mir, dass ich mich einen Tag karenzieren lasse. Weil die Veranstaltung in einem anderen Bundesland stattfindet, weil sie nicht vor Berufsschullehrern sondern AHS und APS-Lehrer stattfindet und weil ansonsten eine Doppelbezahlung erfolgt. Juristen meinen, dass so eine Aktivität in die Kategorie „reines Privatvergnügen“ fällt und in etwa einem Hallenbadbesuch mit meinen Kindern entspricht. Natürlich hätte der Lehrer „Parteienstellung“ bei einer Ablehnung. Aber muss ich darum kämpfen, mehr arbeiten zu dürfen? Nach einer intensiven Vorbereitungszeit für diesen Workshop musste ich fünf Tage vor der Veranstaltung deshalb leider absagen.

Ist es verständlich, dass manche Lehrer sich irgendwann aus der Schule zurückziehen? Noch dazu, wo trotz Finanzkrise derzeit 3800 IT-Stellen allein in Österreich zu besetzen sind?

Die derzeitige Organisation und das derzeitge Schulrecht sollte dringend reformiert werden. Die Möglichkeit, innovativ zu sein, im Team zu arbeiten und die Möglichkeit von schulübergreifenden Kooperationen bzw. Austausch sollte im Dienstrecht (oder wo immer die Juristen das hinschreiben wollen) verankert werden.   Gewerkschaften sollten Veränderungen nicht verhindern, sondern gemeinsam mit dem Gesetzgeber vorantreiben. Lebenslanges Lernen sollte Alltag für Lehrer werden, von der Schulbehörde unterstützt und von der Kollegenschaft toleriert werden. Pädagogische Hochschulen sollten über die veränderte Welt da draußen informiert werden. Lasst die Schulen endlich frei.

Zum Beispiel so:

Veränderungen bringen aber vorerst einmal Angst, Unsicherheit und viele, viele Krisen. Würde die Schule samt Lehrern und Schülern das aushalten? Oder halten wir es aus, nochmal 10 20 30 40 50 60 70 Jahre (nichtzutreffendes streichen) nichts zu verändern?

Andererseits: So furchterregend waren die chinesischen Kids im Video ja nicht. Und das Whiteboard hat auch keinem einen Stromschlag versetzt, soweit ich weiß.

6 thoughts on “Bürokratisierte Lehranstalten im Offline-Modus

  1. Connected Classrooms Video

  2. Tausend Dank für die netten, einleitenden Worte über unseren Blog!
    Auch der Hinweis auf Promethean gefällt mir gut. Ich kenne das Projekt, aber das Video bündelt es nochmal schön.

  3. Weiß nicht. Diese unumstößliche Technikbegeisterung ist auch nicht mein Ding. Vielleicht ist Herr Scheppler auch Solist geblieben, weil er zu verbissen war, weil er sofort alles umwerfen wollte. Und zwar auf SEIN System. Ich wüsste auch nicht, warum man die Schule so extrem digitalisieren sollte. Kommunikation kann auch rein mündlich und über eine traditionelle Tafel stattfinden. Lediglich IT-Geräte anzuwenden, heißt noch lange nicht, guten Unterricht zu machen.

  4. Hallo Christian,

    um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: René Scheppler vom D21-Blog hat „nur“ auf den Spiegel-Artikel verlinkt, der IT-Superlehrer, der alles hingeschmissen hat, heißt Olaf Kleinschmidt. Aber egal.

    Ich stimme Dir grundsätzlich zu. Warum sollten alle Lehrer plötzlich auf Digitalisierung umsteigen, wenn einer sich das in den Kopf setzt. Ich genieße die Buntheit der Lehrergemeinschaft und ich denke, dass dies nur ein Vorteil für die Schüler und das Lernen sein kann. Wie wäre Schule, wenn plötzlich alle Lehrer beispielsweise ausschließlich Lernspiralen nach Klippert praktizieren würden. Wie wäre es, wenn alle plötzlich nur noch Wiks und Weblogs im Unterricht nützen würden?

    Ich meine, dass diese Methodenvielfalt in einer Schule unbedingt sein muss. Lehrer, die so oder so oder anders unterrichten. Allerdings wünsche ich mir, dass Neuerungen ein wenig mehr Unterstützung finden würden. Sowohl unter Kollegen, als auch bei den Behörden. Schule lebt vom Austausch. Und wenn sich einer ständig nur mit sich selbst austauschen muss, dann passiert eben das, was im Spiegel-Artikel beschrieben ist.

  5. In Informatik lernen sie bestimmte Standardprogramme zu öffnen und zu schließen, glaube ich « Lernen Heute

  6. Ist doch fast bei allem in Deutschland so. Bevor da etwas innovatives gemacht oder verändert wird, muss etwas Extremes passieren. Die Einstellung rächt sich irgendwann, weil wir im Vergleich zu anderen Ländern zurückfallen.

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