Lehrer müssen Selbstversuche machen

Die Bücher und DVDs meiner Lieblingslehrerin brauchen fast einen Meter Platz in meinen Regalen. Das ist fünf- bis zehnmal soviel wie bei allen anderen. Wenn ich dann noch die Buchtipps dieser Frau dazuzähle, dann werden es fast zwei Meter. Damit ist diese Frau die meistgelesene Autorin bei mir. Sie ist auch dafür verantwortlich, dass mein Unterricht so ist, wie er ist. Gestern durfte ich diese Autorin zuhause besuchen. Also: Feiertag.

Gestern war ich bei Vera F. Birkenbihl. Zusammen mit einem Dutzend weiterer interessierter Lehrer holten wir uns eine mächtige Portion Motivation und etliche Unterrichts-Strategien für die nächsten paar Monate. Diese Treffen werden auf DVD aufgezeichnet und sind bei TwinEvents.de erhältlich.

Einge Sätze, Begriffe und Gedanken bleiben bei Treffen mit Gleichgesinnten immer hängen und schwirren einige Tage im Kopf herum. Einige davon sind

  • Lehrer müssen mehr Selbstversuche machen„. Wie ist das, etwas zu lernen, das völlig neu ist? Also eine Fremdsprache von Grund auf, eine Sportart wie z. B. Jonglieren, Malen, Stricken, … Einerseits geht es darum, mal wieder zu erleben, wie das ist, wenn man etwas nicht gut kann und dann besser wird. Andererseits geht es darum, durch Selbstversuche auszuloten, was einem als Schüler wirklich weiterbringt. Ist es das Ausarbeiten von Arbeitsblättern, die Angst vor einer mündlichen Prüfung, das zigfache Wiederholen oder das Kreieren eines Podcasts, einer Geschichte oder eines Rollenspieles zum Lernstoff?
  • „Je weniger wir eingreifen, desto besser kann der Mensch lernen.“ Im Einsteigerbereich ist es erwiesen, dass Kritik sich negativ auf das Lernen auswirkt. Welcher Schüler kann hier nicht etliche Beispiele aus dem Englisch-Unterricht geben?? Bei Fortgeschrittenen oder Profis können wir schon mal sagen: „Das spricht man xyz aus.“ Oder: „Deine Rückhand müsste x, y oder z sein.“ Hintergrund: Wir sollten die Schüler lernen lassen und sie dabei nicht stören. Wir stören mit gutgemeinten Tipps. Wohlgemerkt: Es geht hier insgesamt um das Lernen von Handlungen, wie z. B. Klavierspielen, Origami-Falten, Sprechen oder auch Jonglieren. Der Lerner sollte möglichst lange unbewusst lernen, indem er dem Bereich ausgesetzt wird. Ich habe hier noch das Bild vor Augen, wie zwei ältere Nachbarskinder meiner Tochter viele, viele, viiiiele gutgemeinte Tipps gaben, als sie das Fahrradfahren lernen wollte. Gelernt hat sie es erst, als keiner mehr zusah und keiner mehr, mich eingeschlossen, Tipps gab.Wenn sich der Lerner dem Lernstoff aussetzt, dann bildet er Regeln, die er unbewusst ständig überprüft, korrigert und anpasst. Birkenbihl nennt das „Abstrahieren“. Das macht der Mensch schon ewig, das lernte er vor 10.000 Jahren in der Savanne, bei der Interaktion mit anderen Menschen, deshalb sind wir dort wo wir heute sind. Je mehr der Lehrer den Schüler gängelt, korrigiert und kritisiert, desto schwieriger wird dieser Prozess. Gleichzeitig wird die lerngünstige Dopamindusche im Gehirn unterbrochen. Lernen wird mühsam, wird zur Qual, der Lehrer zum unliebsamen Zellengenossen. Schule von gestern.
  • Kontigenz: Lassen wir den Schülern Wahlfreiheit. Sie müssen Aufgaben lösen? Gut, aber 7 beliebige aus einem Pool von 10. Sie können eine Aufgabe auf diese oder jene Weise lösen. Ellen Langer, deren Leben gerade im Film „Counter Clockwise“ verfilmt wurde wird, hat herausgefunden, dass Leute in Altersheimen gesünder sind, wenn ihnen  nur ein kleines bißchen Wahlfreiheit zugestanden wurde. Lassen wir unseren Schülern genug Kontingenz? Oder arbeiten wir hart daran, sie zu beschränken? Was wollen wir? Starke Lerner oder pseudo-starke Lehrer? Dürfen sie ihre Aufgaben mal selber oder gegenseitig korrigieren. Können Sie auch mal ein Blatt im Querformat beschriften, wenn wir es selbst im Hochformat beschreiben? Dürfen Sie auch mal mit der Aufgabe 4 beginnen, wenn alle anderen mit der Aufgabe 1 anfangen? Oder wirft uns das aus dem wohlvorbereiteten, frontalen Unterrichtskonzept, aus dem Zeitplan oder macht unsere zu erreichenden Feinziele zunichte? (Ähm. Fällt mir jetzt erst auf, hätte beinahe „Feindziele“ geschrieben…)
  • 100 Tätigkeiten: Ja, wir haben gestern auch eine Hausübung bekommen. 100 Tätigkeiten aufschreiben, die unseren Kindern im Leben helfen, weiterzukommen. Diese Liste zeigen wir dann Schülern, denn es gilt: „Jeder Schüler kann irgend etwas besonders gut.“ Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich von meine Unterrichtsidee zum Thema „Talente“ schon hier geschrieben habe, aber ich fand nur den Eintrag „Talente fördern in der Klasse“ vom vorigen Jahr. Darum in aller Kürze: Zu Schulbeginn lasse ich den Schülern entweder anonym oder gemeinsam auf einem A3-Blatt ihre Talente aufschreiben. Zuerst gehört geklärt, was ein Talent ist, also z. B. Gedichte schreiben, Kochen, Haare oder Videos schneiden, LAN-Partys ausrichten, Blumen pflanzen usw. Danach versuche ich, einige dieser Talente im Unterricht einzubauen. Aufruf an alle Leser: Helft Ihr uns bei den 100 Tätigkeiten? Wäre nett. Kommentar ist da unten.

Veranstaltungshinweis: Am 10. Oktober kommt Vera F. Birkenbihl nach Linz in Oberösterreich. Eintrittskarten sind hier noch zu haben. Vielleicht sehen wir uns. Ich freu mich schon.

Nachtrag zu den Büchermetern zu Beginn des Beitrags:

Zugegeben: Isaac Asimov und Terry Pratchett kommen auch auf einen Meter, aber Bücher dieser beiden lese ich genau einmal und benutze sie nicht als Unterrichtsgrundlage.)

One thought on “Lehrer müssen Selbstversuche machen

  1. Interessante Zeiten » Birkenbihl trifft Lehrer

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