Wiki in der Schule? Funktioniert heute nicht!

Auf ein amüsantes Wortgefecht hat der Online-Standard diese Woche unter dem Titel „Weber entdeckt Plagiat bei Hauptschulprojekt“ hingewiesen. (Das Gefecht fand schon im November 2007 statt, aber für den Standard und mich war es neu).

Im Projekt „Web 2.0 Klasse“, sammelten 9 österreichische Hauptschulen im Rahmen der Projektwochen Informationen über österreichische Nationalparks in einem Wiki. Beteiligte Lehrer tauschten sich über ein Weblog aus. Das Unterrichtsministerium hat das Projekt gewürdigt und sich dafür bedankt.

Nun hat Dr. Stefan Weber (hier im Interview bei Eule) sich die Mühe gemacht, das Wiki auf Plagiate zu untersuchen. Und siehe da: Die Schüler haben kopiert! Und keiner hat es gemerkt (oder wollte es merken). Zumindest hat niemand was gesagt.

Nun schreibt Weber im Web 2.0 Klasse – Projektblog:

Das Ergebnis der Evaluation, wonach das Web 2.0-Projekt „cooler als Schule“ sei (Zitat Telekom Presse), ist somit mutmaßlich vor dem Hintergrund zu interpretieren, dass die Schüler hier gar nicht die Mühen des Lesens und Schreibens, sondern nur des Googelns und Ausschneidens/Einfügens auf sich nehmen mussten.

Bei uns an der Schule gibt es ein Fach „Textverarbeitung und Informationstechnologie“. Dort lernen die Schüler beispielsweise das 10-Finger-Schreibsystem oder mit MS-Winword umzugehen. Was da geschrieben wird, ist völlig egal, Hauptsache es entspricht der ÖNORM. Gelehrt wird die Methode, ein Handwerk, es geht nicht um den Inhalt.

Jetzt gilt es in einem Projekt, mit Wikis umzugehen. Was da reingeschrieben wird, ist relativ egal, Hauptsache das Projekt wird zeitgerecht fertig, es sind ein paar Bilder drinnen, die Struktur ist halbwegs okay und der Text liest sich einigermaßen flüssig. Gelehrt wird auch hier ein Handwerk: Der Umgang mit einer Technologie.

Dass auf die Copyrightproblematik hingewiesen wurde, glaube ich den Verantwortlichen. Dass die Kontrolle mühsam ist, weiß ich selbst. Und dass diese Problematik eine eher geringe Priorität im Vergleich zur a) Technik b) Organisation des Unterrichts und c) Erfolgsorientiertheit hat weiß ich von meinen Wiki-Projekten auch.

Plötzlich merkt man, dass der Unterricht im Gleichschritt nicht mehr funktioniert, dass man sich als Lehrer in eine seltsame Zukunft versetzt fühlt und dass es da keine Leine mehr gibt, an der die Schüler alle hängen.

Pawlow hat das ja ganz toll vorgeführt, indem er die Glocke läutete und der Hund zu sabbern anfing. Skinner (hier bei Youtube) hat dann diese Belohnungen eingeführt, damit die Tauben willig ein Tänzchen aufführten. Daraus haben wir dann unser Schulsystem kreiert, das den Unterricht im Gleichschritt, verbunden mit Noten als Belohnung bzw. Bestrafung vorsieht. Funktioniert doch, sagen viele, die was zu sagen haben. Doch Tauben sind keine Menschen, Menschen könnten auch anders. (Siehe Alfie Kohn: Der Unsinn mit den Noten in der Schule)

Mit Wikis funktioniert weder ein militärisch geführter Unterricht, bei der alle zur gleichen Zeit dasselbe machen, noch funktioniert ein Belohnungsystem. Wikis funktionieren wie Wikipedia. Also ziemlich unglaublich und außerirdisch. Fremd. Das Schulsystem passt nicht zu Wikis, Wikis passen nicht zum Schulsystem, das im 50-Minuten-Takt daherstottert.

Ein Wiki braucht:

  • eine Menge Leute, am besten Individualisten
  • echtes Interesse
  • Neugierde
  • Zeit und Muße
  • Kreativität

Das Design von Wikis ist grenzenlos. Künstlich geschaffene Begrenzungen wie z. B. Schulfächer, Noten, Unterrichtsstunden, Klassen, Schulen, Nationen, Jobs (Lehrer – Schüler – „Schulfremde“) sind Gift für ein Wiki. Möglicherweise sind Copyrights auch Gift für ein Wiki?

Wenn mich heute wer fragt: Wie kann ein Wiki in der Schule am besten eingesetzt werden? Dann sage ich: Überhaupt nicht. Das Schulsystem passt bestens zu einem LMS, wie Moodle. Das wiederum ist aber reine Spielerei, wenn die Schüler sowieso normalerweise in der Schule sitzen. Bestenfalls wird der Unterricht abwechslungsreicher. Oder sollten wir „cooler“ sagen?

Grüße aus dem Glashaus Schule,  aus dem ich heute ein paar Steinchen geworfen habe. Mein nächstes Wiki-Projekt kommt aber trotzdem. Vielleicht finde ich ja noch den Stein der Weisen, da irgendwo draußen. Oder wer von euch.

(Das ist das Schöne am Bloggen: Kann sein, das ich nächstes Jahr hellauf von Wikis in der Schule begeistert bin, völlig überzeugt und kopfschüttelnd meinen Beitrag von heute lesen werde.)

5 thoughts on “Wiki in der Schule? Funktioniert heute nicht!

  1. hi werner,

    simpel und einfach: danke …
    du redest mir von der seele, denn es ist das bildungssystem generell zu überdenken bei einsatz von wiki&co …

    lg

  2. Ich möchte auch noch mein „Amen“ dazugeben😉

    Ich denke bzw. hoffe aber schon, dass man ein Wiki im Schulsystem gut verwenden kann. Mir schwebt da ein Konzept in Anlehnung des Communal Constructivism vor. Man kann sich zum Beispiel bestimmte Themen erschließen und mit jedem Jahrgang wächst der Umfang. Man kann auch versuchen die Schüler dahin zu bekommen, dass sie mit dem Wiki jüngeren Jahrgängen bestimmte Themen vermitteln sollen.

    Und was haltet ihr denn von der Idee, Wikis als Ersatz für Schulbücher zu sehen? Ich sehe da Potenzial und würde das am Software Freedom Day in Kiel an der Realschule im BZM versuchen mit Schulvertretern zu besprechen.

    -Tim

  3. Danke für das „Amen“🙂

    Die Idee, ein Wiki als Schulbuch-Ersatz einzusetzen, ist super! Wir verzichten in manchen Fächern auf ein Schulbuch, damit andere Fächer ein teureres Schulbuch nutzen können. Im Verzichtsfach werkeln wir dann mit Zetteln. Ein Wiki wäre da eine tolle Alternative. Da könnten ja sogar Lehrer verschiedener Schulen zusammenarbeiten (*träum*).

    Das mit dem Wiki-Wachstum mit mehreren Jahrgängen habe ich probiert. Prima für Lehrer, die wachsen da mit und es ist eine Freude, ein Wiki wachsen zu sehen. Nicht so prima für Schüler, die schon ab dem 2. Jahr (oder bei uns: Lehrgang) vor einer riesigen Wiki-Datenmenge stehen (*übertreib*), obwohl sie ja eigentlich klein anfangen sollten, weil der Lehrstoff für sie neu ist.

    Für mich ist die Wiki-Erstellung eine tolle Lernmethode, weil ich mir überlegen muss, wie ich wo was wann warum reingebe. Ein „fertiges“ Wiki dient mir als Nachschlagewerk, zum Lernen selbst, für den Lernprozess an sich, ist es völlig nutzlos. So nutzlos wie ein Schulbuch (*haha*), mit dem Unterschied, das ich mir wichtige Passagen nicht mal anstreichen kann.

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