Wiki-Wünsche ans Christkind

Obwohl mein Zeitungsausträger sich alle Mühe gibt, mich von meiner gewohnten Tageszeitung „Der Standard“ fernzuhalten, indem er mir am Freitag stattdessen vier idente Exemplare der Oberösterreichischen Nachrichten und heute das qualitativ gleichwertige, aber politisch andersdenkende Konkurrenzblatt „Die Presse“ in den Briefkasten warf, bin ich per Internet auf denStandard-Artikel „Projekt Web 2.0 grundsätzlich positiv evaluiert“ gestoßen.

Grundsätzlich positiv? Aber? Die evaluierten Lehrer berichten in einem (etwas) ausführlicheren Artikel bei der Telekom Austria folgendes:

  • größere Lernmotivation der Schüler: Das habe ich auch beobachtet. Aber? Wie lange hält diese Motivation an, nachdem ein zweites oder drittes Wiki oder Weblog erstellt wurde?
  • Stärkung der Medienkompetenz der Schüler. Nachdem uns Lehrern dem Bildungssystem vorgeworfen wird, dass die Schüler unzureichend auf das Internet vorbereitet werden, sind solche Projekte also eher zwingend notwendig.
  • Verabschiedung vom traditionellen Frontalunterricht. (Wieviele Lehrer müssen eigentlich noch beim Einsatz eines Wikis in diese Falle stolpern…? Werden wir in zwölf Monaten auch noch in Studien lesen, dass Frontalunterricht mit Wikis nicht möglich ist? Oder erklärt sich mal wer bereit, didaktische Konzepte zum Einsatz von Wikis für Lehrer zur Verfügung zu stellen?)

Und sie formulieren auch drei Wünsche:

  • Wunsch 1: Änderung der Unterrichtsstruktur hin zum Projektunterricht.
  • Wunsch 2: Interdisziplinäres Lehrerteam.
  • Wunsch 3: Umgang mit neuen Technologien in der Lehrer-Ausbildung.

Alle drei Wünsche kann ich prima nachvollziehen. Derzeit macht unsere Schule beim lernmit-Wettbewerb mit einem Jugendkultur-Wiki mit. Eingebunden sind vorerst die Fächer Politische Bildung und Informatik, allerdings nicht fächerübergreifend, sondern aus organisatorischen Gründen jede Klasse für sich. Wenn wir Berufsschul-Lehrer von der äußerst straffen Lehrstoffverteilung, wo das Thema jeder Einzelstunde vorgeschreiben ist, einige Einheiten zugunsten dieses Wiki-Projekts abzwacken müssen, dann ist das erstmal mit Stress und schlechtem Gewissen verbunden. Legal ist es doch, denn wir dürfen (danke, danke, danke, *verbeug*) Schwerpunkte setzen. Aber behandeln müssen wir alle Themen dann doch…

Zum Wunsch Nr. 2: Stimme ich grundsätzlich nicht ganz zu. Naja, ich rede mich leicht. Vielleicht ist es für viele Lehrer eine Erleichterung, wenn sie einen Lehrer dabei haben, der schon mal mit einem Wiki gearbeitet hat. So soll es ja Lehrer geben, die zum PC eine eher ambivalente Beziehung haben und beispielsweise ihre Mails eher selten lesen, wie zB Herr Rau berichtet (… und der erkannt hat, dass „leises Jammern“ bei E-Mail-Verweigerung da auch nichts nützt) . Offensichtlich sind die Kollegen von Herrn Rau etwas weiter, bei uns rümpft man (sehr) vereinzelt die Nase über die wöchentliche E-Mail Flut aus der Direktion, die in Spitzenzeiten bis zu zwei Stück betragen kann. Die Beschwerden reichen von „da muss man ja fast jeden Tag ein paarmal reinschauen“ bis hin zu „Wozu E-Mail? Kann man denn diese Infos nicht kopieren? Ich bin doch fast jeden Tag in der Schule. Nein, ich lese meine E-Mails nicht, meine E-Mails les ich nicht.“)

Mist, vergalopiert, zurück zum zweiten Wunsch: Wenn ein Wiki die Schüler zur Selbstständigkeit erzieht und den Lehrer aus der „Sage on the Stage“-Rolle holt … warum brauchen wir dann plötzlich zwei Lehrer? Dafür dürft ihr mich jetzt ganz arg beschimpfen, aber: Es ist Lehrern erlaubt, sich auch abseits vom Unterricht mit Wikis zu beschäftigen. Aber das brauche ich jetzt nicht schreiben, wer das liest, der macht das ja sowieso, die anderen lesen ja keine Weblogs.

Zum Wunsch Nr. 3: Jo man, in der „Junglehrerausbildung“, klar. Aber was tun wir mit den fertig ausgebildeten Lehrern? Doch noch nicht ganz fertig? Hmmm? Lifelonglearning für Lehrer. Es fehlen Konzepte. Zumindest gibt es für mich kein Fortbildungskonzept. Ich belege halt nach Gutdünken ein paar Seminare. Manchmal sind diese Seminare ganz gut, manchmal glaubt man sich auf einer Verkaufsshow, manchmal sind sie gut gemeint. Punkto Weiterbildungskonzept ist mein Lieblingssatz in Dienstaufträgen: „Der Besuch dieser Veranstaltung ist gemäß § 61 GehaltsG bei gänzlichem Unterrichtsentfall auf das Fortbildungskontingent von 5 Schultagen pro Schuljahr anzurechnen.“ Ich habe ein Fortbildungskontingent von 5 Schultagen pro Jahr? Niedlich, nicht? Wenn ich ab sofort zehn Jahre keine Fortbildung besuche, dann müsste sich doch damit nebenbei beinahe ein Fernstudium ausgehen, oder?

Übrigens: Das Projekt ist unter www.web20klasse.at zu finden, das Weblog dazu unter www.web20klasse.weblife.at.

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