Die Benachteiligung der Jungen

Die Wirtschaftswoche Nr. 44 vom 29. 10. 2007 titelte mit „Wachstumsbremse Ingenieurmangel: Wie die Schulen unsere Jungs verdummen“ und fährt im Artikel dazu starke Geschütze auf, die mich umgehauen haben. Ich zitiere hier die „Highlights“ aus dem Artikel:

Die Jungs sind im Schulsystem in der Krise. Im Durchschnitt schneiden sie um eine ganze Schulnote schlechter ab als ihre Mitschülerinnen. Die Lesekompetenz der 15jährigen Jungs hinkt hinter der von gleichaltrigen Mädchen um ein (!) Jahr hinterher. Im „verweiblichten“ Schulsystem wurde das Verhalten von Mädchen zur Norm gemacht: Mädchen sitzen still, hören zu. Buben tun das nicht, denen fällt das ungleich schwerer. 90 % der Lehrer geben an, dass soziales Verhalten in die jeweilige Fachnote einfließt.

Dazu einige Zitate aus dem Artikel:

  • Wir haben zu lange gedacht, dass die Jungen schlechter als Mädchen sind. Sie sind aber nicht schlechter, sondern anders.“
  • Wir haben geglaubt, die setzten sich alleine durch, sie waren ja das starke Geschlecht. Das war ein Irrtum. Stattdessen werden sie heute in der Schule von cleveren, flexiblen Mädchen geradezu deklassiert.
  • Wenn wir wollen, dass es unsere Töchter einmal leichter haben, müssen wir es unseren Söhnen schwerer machen.“ (Zeitschrift Emma vor 20 Jahren; Gratulation! Ziel erreicht.)

Die Jungs müssen sich entscheiden: Habe ich Einser und gelte ich als Streber oder werde ich doch lieber ein „richtiger“ Junge. Viele entscheiden sich für die Männlichkeit und gegen die Schule. Mädchen hingegen haben Freude an der Leistung und sind stolz auf gute Noten. Dass es lt. Statistik (in Deutschland) in der Grundschule nur 13,3 % männliche Lehrer gibt, sei nur nebenbei erwähnt. Im Artikel wird immer wieder auf Benachteiligung der Jungen durch weibliche Lehrkräfte hingewiesen. (Ein gewichtiger Vorwurf, wie ich meine. Bin auf die Leserbriefe in der nächsten Wirtschaftswoche gespannt…)
Mittlerweile haben wir (… und da wird es in Österreich nicht viel anders als in Deutschland aussehen) einen eklatanten Mangel an qualifizierten Bewerbern in technischen Berufen. Die Hoffnung, dass Mädchen für die Jungs in die Bresche springen, hat sich nicht erfüllt, im Gegenteil: Es wird ein Rückgang von Mädchen verzeichnet, die zB Informatik, Maschinenbauer, Verfahrenstechniker, Bauingenieur oder Elektrotechniker werden wollen.

Ein letztes Zitat: „In der Ausbildung der Lehrer an den Universitäten und in der praktischen Schulpolitik findet sich von diesen Erkenntnissen bislang kaum etwas wieder.“

Stimmt auch für meine Lehrerausbildung. Es gab eine Gelegenheit, wo dieses Thema aufs Parkett kam, nämlich bei einem Pausengespräch mit einer Kollegin, der ich dann tags darauf das wunderbare Buch von Vera F. Birkenbihl: „Jungen und Mädchen: wie sie lernen“ in die Hand drückte und diese nach kurzem Durchblättern und einer kleinen Diskussion meinte: „Da hast du es wieder. Dankeschön. Das muss ich unbedingt haben.“

Was sagt Fr. Birkenbihl zum Thema?

  • Keiner ist 100% männlich oder weiblich, wir sind irgendwo dazwischen.
  • Wenn sich bei Buben vor der Pubertät die Grobmotorik entwickelt, dann entwickelt sich bei Mädchen gerade die Feinmotorik und umgekehrt. (Darum können die Jungs in der Volksschule auch so gut stricken, gell?).
  • Jungen entwickeln (mit 40 % der Körpermasse) fast die doppelte Muskelmasse der Mädchen (24 %), also müssen sie fast doppelt so viele notwendige Nervenbahnen für die „Marionettenspieler im Kopf“ anlegen, damit diese Muskeln bewusst oder unbewusst bewegt werden können. Deshalb müssen sich Buben mehr bewegen als Mädchen (wilde Spiele), sonst leidet auch die geistige Entwicklung der Jungs mit. Soviel zum Stillsitzen in der Schule.
  • Jungs handeln zuerst und denken nachher: Warum hat es funktioniert oder nicht funktioniert? Mädchen wollen zuerst vieles erklärt haben, bevor sie handeln. Was entspricht also eher unserem Schulsystem?

Und noch eine Aussage dazu vom Bildungsforscher und Pisa-Erfinder Andreas Schleicher: „An den Grundschulen werden Selektionsentscheidungen getroffen, die später oft nicht mehr korrigierbar sind. […] Das deutsche System vertieft die Kluft mit seiner frühen Selektion, vor allem Jungen aus sozial schwachen Milieus fallen ihr zum Opfer.“

4 thoughts on “Die Benachteiligung der Jungen

  1. Ich habe gestern im Supermarkt kurz in der WiWo geblättert, aber der Artikel roch mir beim Überfliegen zu stark nach Bildzeitung. Jetzt muss ich vielleicht doch noch mal zum Kiosk…

    Die obigen Hurrelmann-Zitate hängen übrigens seit geraumer Zeit in unserem Lehrerzimmer.

  2. Einen interessanten Artikel zu der Thematik, dass zunehmend zu viele Lehrerinnen in der Grundschule unterrichten findet sich auch in der Novemberausgabe 07 von PSYCHOLOGIE HEUTE (S. 72). Laut Autorin Helga Levend gibt es keine Studie die belegt, dass Jungen unter zu vielen Lehrerinnen leiden…

  3. Ich denke, man(n) darf uns Lehrerinnen nicht unterstellen, Jungs absichtlich zu benachteiligen. Es fehlt sicherlich das Verständnis für die Jungs und ihre manchmal etwas mühsame Art. Klar, bei 33 Kindern in der Klasse macht sich einer, der laut herumspringt nicht wirklich beliebt; und richtig eingehen kann man bei Platz- und Sportstunden mangel auf die Bedürfnisse der Jungs auch nicht.

    Dem Rest kann ich – Mutter eines Sohnes und aufmerksame Beobachterin meiner Klassen – nur zustimmen. Die Jungs funktionieren völlig anders. Und das Birkenbiehl-Buch hat mir viele wichtige Impulse gegeben.

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