Wikis in der Berufsschule (Teil 4)

Das Lehrgangsende nähert sich mit Riesenschritten, das Ende des Wikispaces-Projekt im Fach Büro-Organisation (Projektmanagement) auch. War das Projekt ein Erfolg? Nein, eigentlich nicht, das Wiki ist nicht wahnsinnig gut und nicht wahnsinnig umfassend geworden. Haben die Schülerinnen was gelernt? Ja, ich denke schon. Habe ich was gelernt? Ja, sicher. Nämlich folgendes:

Gruppengröße

Ein umfassendes Wiki mit 6 Schülerinnen innerhalb von nicht ganz vierzig Stunden aufzubauen, wobei mindestens die Hälfte der Stunden für Diskussionen, Gruppenarbeiten, Präsentationen und Info-Vermittlung (=Frontalunterricht) draufgehen, ist zu hoch gegriffen. Größere Gruppen sind für Wikis sinnvoller. Vielleicht sollte bei kleinen Gruppen als Alternative ein Weblog in Betracht gezogen werden.

Der Gleichschritt-Unterricht funktioniert nicht

Obwohl ich mich in letzter Zeit intensiv mit alternativen Lernmethoden beschäftigt habe, tappe ich immer wieder in die „Gleichschritt-Falle“: Diese Falle schnappt dann zu, wenn die Schülerinnen (auf Kommando) ein und dieselbe Aufgabe zugleich lösen. Eine für ein Wiki völlig ungeeignete Methode. Denn Benutzer können erstens nicht zugleich ein und dieselbe Seite bearbeiten und zweitens macht hat das im Wiki-Unterricht auch keinen Sinn. Ich habe zwei Gruppen-Seiten erstellen lassen (Gruppengröße = 3 Schülerinnen) und die jeweiligen Ergebnisse (für dieselbe Aufgabe) auf diesen Gruppenseiten abgelegt. So konnten die Ergebnisse verglichen werden, die besten Ansätze wanderten dann ins „echte“ Wiki, sprich von den Gruppenseiten in die Projektmanagement-Wiki-Seiten. Für größere Gruppen ist diese Methode nicht geeignet, das Vergleichen wäre zu aufwändig.

Leider ist dieser „Gleichschritt-Unterricht“ sowohl bei Lehrern als auch bei Schülern so internalisiert, dass jede Abweichung davon sehr ungewohnt ist. Lösen die Gruppen verschiedene Aufgaben, so funktioniert die Vermittlung der Ergebnisse hin zur anderen Gruppe nicht optimal. Die Schülerinnen müssten der anderen Gruppe in eher kurzer Zeit und komprimiert das vermitteln, was sie eben erst gelernt haben. Ein wichtiger Social-Skill, nur leider muss er geübt werden. Im regulären Unterricht passiert das zu selten, um in meinem Unterricht auf Anhieb in den wenigen Stunden zu funktionieren.

Die Liebe zur Textverarbeitung

Arbeiteten die Schülerinnen Aufgaben aus, so konnte ich immer wieder beobachten, dass sie diese lieber in Winword eintippten und das Ergebnis dann ins Wiki übertrugen. Klarerweise gibt es dann Probleme mit Formatierungen und Zeitverlust für den Mehraufwand. Sehr erstaunt (… und mit dieser Formulierung bleibe ich jetzt sehr höflich…) war ich über die Vorgehensweise der Schülerinnen beim Ausdruck des Lernstoffes für einen Test: Anstatt einfach die entsprechenden Wiki-Seiten auszudrucken, kopierten sie diese fein säuberlich ins Winword retour, formatierten dort brav die Seiten und druckten dann das Ergebnis aus. Klar, das Ergebnis war schöner als ein simpler Wiki-Ausdruck, aber vom Zeitaufwand ist diese Vorgehensweise schon eher kriminell. Noch dazu, dass nicht eine Schülerin diese Prozedur für alle durchgeführt hatte, nein: alle führten das für sich selbst durch – obwohl es sich um die gleichen Seiten handelte. Von wegen „collaborative working“ – nö – Arbeit im Gleichschritt. So wie es 10 Jahre lang gelehrt wurde. Hatte ich was anderes erwartet? Haben wir Lehrer den Schülerinnen beigebracht, rationell zu arbeiten? Offensichtlich nicht.

Die wöchentliche to-do Liste

Ganz gut funktioniert hat eine wöchentliche to-do-Liste. Für jeweils eine Woche war eine Schülerin „Projektmanager“ und dafür verantwortlich, dass große Teile der to-do-Liste bearbeitet wurden. Die Spielregel war, dass ich mich als Lehrer kaum einmische und sogar zu bestimmten Aufgaben eingeteilt werden konnte. Ich war also „normales“ Teammitglied und weitgehend auf Augenhöhe mit den Schülerinnen. Es war erlaubt, bestimmte Teile der to-do-Liste auf nächste Woche zu verschieben, manche Einträge überhaupt zu streichen. Meine erstellte to-do-Liste war immer absichtlich zu umfangreich für eine Woche. Damit wollte ich zumindest ein wenig „Projektmanagement-Feeling“ vermitteln. Die Schülerinnen mussten entscheiden, welche Aufgaben eher wichtig und welche eher unwichtig waren. Sie mussten lernen, mit mir zu verhandeln, welche Aufgaben gestrichen oder verschoben werden konnten. Nach jeder Doppelstunde war ein Statusbericht an mich verpflichtend. Funktioniert hat das Ganze so lala, aber der Ansatz war im Nachhinein betrachtet ganz okay.

Die „Peanuts-to-do-Liste“

Im dritten Teil dieser Serie habe ich über die Idee berichtet, eine to-do-Liste für kleinere Aufgaben einzuführen. Sachen, die mir im Wiki auffielen und behoben werden sollten. Davon gab es jede Menge. Die Schülerinnen nahmen die Idee zuerst recht emotionslos und willig auf. Als ich aber erwähnte, dass diejenige, die eine Aufgabe erledigte, Datum und Name in der Liste verewigen sollte und dafür Mitarbeitspunkte bekäme, da fanden sie die Idee überhaupt nicht mehr gut. Es gab Bedenken, dass ein Konkurrenzkampf enstehen könnte, ein „Geiern“ nach Punkten. Sie hatten Recht und wir ließen diese Idee eine Woche darauf wieder fallen. In diesem Moment sah ich Alfie Kohn vor mir stehen und sagen: „Ich habe es Dir auf 400 Seiten gesagt: Jede Benotung zerstört Deinen Unterricht.“ Und auch er hatte Recht.

Freiheit

Am besten funktionierte meiner Meinung nach die Phase, wo ich den Schülerinnen weitgehende Freiheit über ihr Tun gab. Ich habe diese Phase „Exploration“ genannt. Sie konnten sich aus Büchern, Zeitschriften, DVDs oder Internet-Seiten Themen raussuchen, die sie erarbeiteten, zusammenfassten, ins Wiki schrieben und den anderen mitteilten. Sie wählten ein Thema, das sie persönlich interessierte und wir konnten immer einen Querverweis in Richtung Projektmanagement erstellen.

Fazit

Die größte Herausforderung an Lehrer bei der Verwendung von Wikis im Unterricht ist meiner Meinung eine Vorgehensweise abseits vom „Gleichschritt-Unterricht“. Methoden, gewährleisten, dass verschiedene Schüler verschiedene Themen erarbeiten und ihr Wissen sich dann wechselseitig vermitteln. Der Lehrer ist dann wirklich Coach. Sobald er in die Rolle „Sage on the stage“ schlüpft, funktioniert der Wiki-Unterricht nicht mehr. Möglicherweise entsteht heute eine Unterrichtsmethode, die zwangsläufig eine Weiterentwicklung des selbstgesteuerten Lehrens und Lernens sein wird. Ein Unterricht nach Dalton ist nur bedingt zielführend: Zwar hat hier der Schüler die Freiheit, Aufgaben in beliebiger Reihenfolge abzuarbeiten oder Schwerpunkte zu setzen. Doch sobald eine gelöste Aufgabe im Wiki steht, besteht kein Grund für andere Schüler, diese zu lösen. Ausnahme: handwerkliche Tätigkeiten bzw. Stoff, der zum Üben ist (zB Mathematik).

Also müssten die Aufgaben völlig verschiedenartig und einzigartig für Schüler sein. Die Herausforderung an die Schüler ist dann, das Wissen den anderen zu vermitteln bzw. dieses Wissen sich von den Kollegen zu holen. In unserem engen Korsett eines 40-Stunden-Unterrichts mit regelmäßigen (gleichartigen) Mitarbeitskontrollen ist diese Vorgehensweise aus Zeitgründen sehr schwierig zu realisieren. Wikis lassen sich daher meiner Meinung problemlos im Projektunterricht einsetzen, zB bei der Organisation von Schulveranstaltungen, bei Übungsfirmen oder ähnlichem. Im regulären Unterricht, wo alle Schülerinnen dasselbe zur gleichen Zeit (im Gleichschritt) lernen sollten, weiß ich derzeit nicht wirklich, wie das sinnvoll zu realisieren ist. Noch nicht.

One thought on “Wikis in der Berufsschule (Teil 4)

  1. Danke, sehr interessante Schilderung. Ich versuche auch gerade die Wiki-Methode im Deutschunterricht einzuführen -die gemeinsame Verbesserung der Schulaufgaben lief recht zufriedenstellend. Allerdings war klar, dass einer anfangen muss und es dann „reihum“ geht – alle gleichzeitig drauflos endet wohl im Textchaos. Nächster Großeinsatz ist ein fächerübergreifendes Projekt, bei dem die Gruppentexte mittels Wiki erstellt werden.

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