Wikis und Weblogs: Nahrung für die Seele

Einer meiner Lieblingsautoren, Gerald Hüther, Neurobiologe, ist heute in der Print-Ausgabe des Standard unter dem Titel „Wenn die Seele Trauer trägt“ vertreten. Im Artikel geht es um arbeitsbedingte psychische Erkrankungen. Weil ich mir heute bei einer Rechnungswesen-Schularbeit aufgrund der ständigen Huster, Schniefer und Schneuzer wie in einem Lazarett vorkam, interpretiere ich seine Worte mal auf Schule und Unterricht.

Hüther anwortet auf die Frage, welche seelischen Bedürfnisse unzureichend am Arbeitsplatz berücksichtigt werden und dadurch eine Rebellion der Seele auslösen wie folgt:

„Damit unser psychisches System den Anforderungen unserer Arbeitswelt stand halten und die Seele gesund bleiben kann, muss es offenbar, ähnlich wie unser Stoffwechselsystem mit entsprechender Nahrung versorgt und auf diese Weise immer wieder gestärkt werden. Aber was ist gute Nahrung für die Seele? Die Antwort ist einfach und wird durch vielfältige Befunde aus der Stress- und Hirnforschung bestätigt: Der wichtigste Nährstoff für die Seele ist Vertrauen. Und zwar auf drei Ebenen:

  1. Vertrauen, dass man etwas kann und weiß und dass man in der Lage ist, die Probleme, die das Leben stellt, auch zu lösen.
  2. Vertrauen, dass all jene Probleme, die man allein nicht bewältigen kann, gemeinsam mit anderen lösbar werden.
  3. Vertrauen, dass es irgendwie wieder gut wird, wenn es weder allein noch gemeinsam weiterzugehen scheint.

Jeder, dem dieses Vertrauen verloren geht, verliert damit auch das wichtigste Mittel gegen die Angst. Und wer nicht mehr in der Lage ist, seine Ängste zu überwinden, wer sich ständig verunsichern lässt und sich durch alles Mögliche bedroht fühlt, der wird über kurz oder lang krank. Körperlich oder eben seelisch.“

Was hat das mit Wikis oder Weblogs zu tun?

Zu Punkt 1: Ich denke, eine Erarbeitung oder eine Reflektion des Unterrichtsstoffes mit einem im Internet veröffentlichten Wiki oder Weblog verhilft dem Schüler (und auch dem Lehrer), seine Gedanken und sein Wissen zielgerichtet für alle Welt festzuhalten. Denkvorgänge und Lernprozesse verpuffen nicht einfach so im Unterrichtsjahr, sondern werden festgehalten. Bei Weblogs lässt sich beim Vergleich mit früheren Einträgen ein Wissenszuwachs feststellen. Die Umfänge von Wikis, das Anwachsen dieser Wissens-Datenbank könnte Vertrauen in sich selbst und seine Fähigkeiten erzeugen.

Im Gegensatz zum behaviouristischen 08-15 Frontalunterricht, wo der Lehrer seinen Schülern Wissen häppchenweise vermittelt, weil diese Unterrichtsform den Schülern zwangsweise für dumm, unselbstständig und unfähig verkauft, schafft ein Wiki bzw. Weblog echtes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Zu Punkt 2: Wikis und Weblogs lassen kollaboratives Arbeiten theoretisch zu. Nur habe ich den Eindruck, dass Schülern (und in erhöhtem Maße Lehrern) kollaboratives Arbeiten mit diesen Tools noch völlig fremd und irgendwie unanständig vorkommt. („Ja, darf man denn das? Ist das erlaubt? Da könnte doch jeder…“) Ein gleichzeitiges Bearbeiten von Wiki-Seiten ist ja auch nicht möglich, dazu müsste die Wiki-Seite ständig „on-the-fly“ aktualisiert werden. Trotzdem kann mit bestimmten Vorgehensweisen (zB Fragelisten im Wiki, Kommentare, to-do-Kommentaren, …) um Hilfe angefragt werden. Im besten Fall hilft die ganze Welt mit (Wikipedia), in der Berufsschule könnten zB Experten aus der Stammfirma, Arbeitskollegen (oder sogar der Lehrer -:) ) hinzugezogen werden. Der Lehrer ist allerdings im Wiki-basierenden-Unterricht hauptsächlich Begleiter. Mit Wikis und Weblog gilt das Motto von Bob der Baumeister: „Können wir das schaffen? Jo, wir schaffen das!“

Im herkömmlichen behaviouristischen 08-15 Frontalunterricht wird hauptsächlich nach dem Motto „How to be alone in the crowd“ unterrichtet: Nicht abschreiben, nicht fragen, nicht reden, null Austausch.

Zu Punkt 3: Naja, hmm. „Vertrauen, dass das Leben Sinn macht“. Dazu fällt mir die Frage ein, die mir ständig gestellt wird, wenn ich das Wort „Weblog“ in den Mund nehme: „Warum schreibst Du das, welchen Sinn hat ein Weblog?“. Vielleicht weil ich in diesem Monat die für mich unglaublichen 2000 Visits auf lernenheute.wordpress.com schaffen werde? Vielleicht, weil ich immer wieder nette Kommentare und persönliche Mails von Leuten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz bekomme? Vielleicht weil die APA auf mein Weblog verlinkt hat? Oder die Teachersnews meine Serie über Wikis in der Berufschule als Tipp in ihrem Newsletter gebracht haben? Das motiviert natürlich. Aber eigentlich ist mein Weblog (m)ein Haus, das derzeit gebaut wird. In dem ich herumwandern und schauen kann, wofür ich mich vor einigen Monaten noch interessiert habe. Welche Erkenntnisse ich damals gezogen und, wie ich jetzt bemerke, bereits wieder vergessen habe. Und beim Lesen wieder auffrische und mir besser merke. Welche guten Vorsätze ich mir während der Lehrerausbildung vorgenommen habe und im Alltagstrott wieder vergessen habe. Mein Weblog ist mein Speicher, auch eine Art Gewissen: „So soll Unterricht sein“. Die Praxis sieht klarerweise oft anders aus.

2 thoughts on “Wikis und Weblogs: Nahrung für die Seele

  1. Punkt 1 stimme ich voll zu
    Punkt 2: Das Wiki ist ein besseres Werkzeug füs gemeinsame Arbeiten als die Stellwand. Aber das Bedürfnis nach gemeinsamem Arbeiten wird dadurch nicht geweckt, das muss von anderswoher kommen. (Das Bedürfnis sehe ich weder bei Lehern noch bei Schülern.)
    Punkt 3: Bei mir auch.

    Das Vertrauen erwächst bei mir aber nicht aus dem Blog; das stützt es nur.

  2. Geist und Körper sind voneinander abhängig. Die Lehrerin bzw. Lehrer sollte ein guter Moderator sein so ähnlich wie Kerner.
    Das Internet mit seinen Möglichkeiten (WIKI, Blog) sollte im Unterricht nur als Werkzeug fungieren. Wir müssen reden bzw. schreiben und fragen weil wir Menschen ein Mitteilungsbedürfnis haben und neugierig sind. Das Interesse der Schüler wecken das ist die große Kunst.

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