Alles. Gleichzeitig. Und zwar sofort.

Alles. GleichzeitigDieses Buch von Karlheinz A. Geißler wurde mir wärmstens empfohlen. Es geht um das Phänomen in unserer Gesellschaft, Zeit zu sparen, vieles gleichzeitig zu machen, möglichst flexibel zu sein. Hier einige Gedanken aus dem Buch, unsortiert, unzusammenhängend:

Wir haben das Gefühl, immer am Laufenden sein zu müssen. Deshalb auch der Zwang zum lebenslangen Lernen. Die Grundfertigkeiten dafür müssen wir mit Hilfsmitteln (Computer, etc.) selbst entwickeln. Dabei sollten wir uns immer bewusst, sein warum wir schnell sein möchten bzw. irgendwas gleichzeitig tun.

Früher war das Paradies im Jenseits, heute muss es sich im Diesseits einstellen, wenn möglich sofort. Deshalb versuchen wir, immer und überall Zeit zu sparen.

Was ist Zeit? Die Wortwurzel bedeutet „zerteilen, zerschneiden, zerpflücken“. Wir schaffen mit Zeit sozial und individuell Ordnung. Robert Musil sagte: „Alles, was man an Ordnung im Einzelnen gewinnt, verliert man wieder am Ganzen, so dass wir immer mehr Ordnungen und immer weniger Ordnung haben!“.

Wir machen mehrere Dinge gleichzeitig: Zum Beispiel telefonieren beim Autofahren, Musikhören oder Lernen in der U-Bahn. Wirkliche Pausen (im Sinne von Nichtstun) verschwinden. Das Handy stellt die Pünktlichkeit nun in Frage: Es besitzt ein Zeitordnungspotential zugunsten von Individualzeit. Man muss nicht länger auf eine Verabredung warten, sondern verabredet spontan, wenn Zeit ist. Die Uhr hat zwar nicht ausgedient, ihr Schicksal ähnelt aber dem des Pferdes: Es überlebte als Sportgerät und als Mittel, sich naturnah zu bewegen. Die Entweder-oder-Logik des „zu spät“ oder „zu früh“ hat sich oft als Hindernis für Kreativität und Innovationen herausgestellt. Heutige Produktivität kann mit der Uhrzeitlogik nicht mehr gewährleistet werden. Dieses Monopol ist hinderlich. Bereits in der Komödie des Plautus wird beklagt: „Früher bestimmte der Magen die Essenszeit, seit aber die neue Sonnenuhr auf dem Forum steht, muss ich den Schatten des Zeigers fragen, ob ich Hunger habe.“
Mit dem Walkman begann die Entgrenzung von Raum und Zeit: Plötzlich konnte man überall in der Welt in Musik, Hörspielen usw. eintauchen. Mit Handy und Internet werden Grenzen „verflüssigt“, der Raum wird „getötet“, wie schon Heinrich Heine anlässlich der Eröffnung der Eisenbahnlinie von Paris nach Rouen sagte. Die Trennlinien und Abgrenzung von Beruflich und Privat, von Arbeit und Nicht-Arbeit wird porös. Sogar in Schulen beginnt man, die Stundenpläne zugunsten von „modularen Organisationsprinzipien“ zu entfernen. Ladenöffnungszeiten, Wochenend- und Saisonregelungen haben sich als Fortschrittsbremsen erwiesen.

Die Nonstop-Gesellschaft möchte alles rund um die Uhr haben. Der Nachteil dabei ist, dass der Mensch dazu nicht geschaffen ist: Nahezu alle großen Katastrophen der letzten Jahrzehnte (Three Miles Island, Tschernobyl, Exxon Valdez, Bhopal) sind durch Übermüdung des Kontrollpersonals entstanden. Die Nonstop-Gesellschaft verlangt ihren Preis von der Volkswirtschaft (Infrastruktur, Ökologie), von der Gesellschaft (Zeit = Geld, Pause = unproduktive Zeit, Auflösung von homogenen sozialen Welten und Bindungen, Familienfeindlichkeit) und von uns (Tag-Nacht-Rhythmus, zuwenig Schlaf).

Wir können alles sofort haben (zB Essen im Fast-Food-Lokal, Filme, Musik, …). Dabei würde uns das Warten bzw. das Erwarten eigentlich helfen, das Sinnvolle vom Sinnlosen, das Gute vom Schlechten, das Schöne vom Hässlichen zu unterscheiden. Der umfassende Stand-by Alltag hindert uns an solch lebenswichtigen Differenzierungsleistungen.

Arbeitstätigkeiten in Berufsbildern zu ordnen und diese als Grundlage für eine berufliche Erstausbildung zu verwenden, ist nicht mehr zeitgemäß. Ebenso die Aufteilung des Schulsystems in ein Bildungssystem für Berufsbildung und ein anderes für Allgemeinbildung. Diese Aufteilung gehört zum eine sich dem Ende zuneigenden Industrieepoche. 85 % der Betriebe halten es für notwendig, ihre Bürofachkräfte nach der Ausbildung sogleich wieder zum Lernen zu schicken. 60 % wünschen, dass diese das Gelernte zumindest ergänzen. Entgrenzung heißt das Produktivitätsmodell unserer Zeit. Das Bildungswesen muss die Lerninhalte stärker auf Parallelität und Simultaneität ausrichten. Lehr- und Lernmethoden müssen auf die Anforderungen des Multitaskings ausgerichtet werden.

Zwei neue Basiskompetenzen sind zu vermitteln: Erstens, die Fähigkeit, sich ohne längerfristige Orts- und Zeitbindung zurechtzufinden und produktiv arbeiten zu können. Zweitens, die Fähigkeit zur kreativen Ignoranz: Internet-Surfer können das. Sie ignorieren und vergessen bewusst. Dasselbe muss mit Gütern, Informationen und Erlebnismöglichkeiten passieren. Nur weil der Supermarkt vollgestopft mit Lebensmitteln ist, müssen wir nicht alles kaufen und essen. Wir müssen nicht alles lesen, was im Internet steht. Wer weiterkommen will, muss eine Menge lernen, aber auch auf vieles, was man lernen könnte, verzichten.

Eine Reise heute ist nicht ungefährlicher als für 500 Jahren: Früher musste man sich vor Räubern, Tieren und dem Wetter in Acht nehmen. Heute, als Autofahrer muss man sich vor allem vor sich selbst in Acht nehmen und sich selbst kontrollieren: Sicherheitsgurt, Kontrolle des Autos, Ablenkungen, wechselnde Geschwindigkeiten. Wir müssen eine Wahlfähigkeit entwickeln, die uns auch gegen den Druck der Mehrheit, gegen Trends, verführerischen Attraktionen der Konsum- und Erlebnisindustrie schützt. Dies ist eine Überlebenstechnik.

Fazit zum Buch: Ich habe es mit Widerwillen in knapp einem halben Tag gelesen. Vielleicht kommt dazu, dass ich eine leichte Sommergrippe habe. Als Internet-Fan habe ich den eher jammernden und sarkastischen Stil der ersten zwei Drittel des Buches nur mit Mühe durchgehalten. Er berichtet von Lebenssituationen, die allgegenwärtig sind und ich sagte mir ständig: „Ja, und? Ich weiß, wie mein Leben und das meiner Bekannten aussieht“. Ich hatte immerzu den Eindruck, der Mann verdammt das Internet. Zudem lässt er kaum ein Klischee aus, sogar der Kühlschrank mit Internet-Zugang wird wieder mal erwähnt.

Ich würde nur zu gern wissen, ob der Autor das Buch handschriftlich geschrieben hat und es dann abtippen ließ. Einige Tippfehler weisen darauf hin: So zitiert er eine Microsoft Werbung mit „Stärken Sie Ihren Internet-Browser und schon stehen Sie mit der ganzen Welt in Verbindung“ (… es heißt „Starten“), oder er zitiert „Czipin und Prondfood“ (heißt: Czipin und Proudfood). Oder hatte der Lektor einfach nur zuwenig Zeit und hörte nebenbei Musik oder die Nachrichten?

Aber genug des Jammerns: Im letzten Drittel macht das Buch die Langeweile des vorigen Teils mehr als wett. Insbesondere der Gedanke der „kreativen Ignoranz“ gefällt mir sehr gut. Wir Lehrer sagten dazu früher „Mut zur Lücke“. Trotz allem: lesenswert.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s