Lernen mit Podcasts

Mandy Schiefner schreibt über Vor- und Nachteile beim Lernen mit Podcasts. Die Idee, beispielsweise im Zug, im Auto, beim Spazierengehen oder beim Abspülen quasi „nebenbei“ zu lernen, ist verlockend. Anscheinend ungenutzte Zeit sinnvoll nützen? Toll, oder?

Ich habe einige Male versucht mit Podcasts zu lernen und bin über einige Fallen gestolpert, die ich nachher beschreibe. Zuvor aber mein Fazit: Unsere Welt ist laut. Wir sprechen heute nicht mehr von Reizüberflutung, sondern von Reiz-Tsunamis, die wir uns tagtäglich selbst antun. Einige Schüler berichten, sie könnten ohne Hintergrundmusik (… geräusche) nicht mehr lernen, weil die Stille sie nervös macht, das heißt: unter Stress setzt. Müssen wir uns wirklich im Zug, im Auto, beim Spazierengehen oder Abspülen künstlichen Geräuschen aussetzen. Sollten wir dabei nicht eher ausspannen, entspannen, unseren Gedanken freien Lauf lassen? Okay, wir sollten vielleicht, wir können aber nicht immer. Wir wollen uns weiterbilden, haben keine Zeit dazu, diese brach liegenden Zeitfenster gehören effektiv genutzt, wie es sich für eine Leistungsgesellschaft gehört. Basta. Jeder wie er möchte.

Vor einiger Zeit versuchte ich auch, diese Zeitfenster zu nutzen. Auf folgende Weise:

Beim 20-Minuten Fußweg zur Arbeit hörte ich Englisch-Vokabeln und Texte. Der Lerneffekt war nicht berauschend. Denn das Gehirn lernt auf folgende Weise:

  1. Enkodieren: Neue Infos werden an das Wissensnetz im Gehirn angeknüpft. Es braucht Ruhe, Zeit und Muße, Parallelen zwischen Neuem und vorhandenen Wissen zu finden. Denn der Mensch kann nichts Neues lernen. Er kann nur an Vorhandenes anknüpfen. Beim Lernen verbringe ich die meiste Zeit damit, Analogien, Eselsbrücken, Grafiken, Skizzen, Mind-Maps zu erstellen. Dies ist ein zeitaufwändiger Akt der Kreativität.
  2. Speichern: Diese Verknüpfungen für das Gehirn werden in den nächsten Tagen kurz wiederholt, mehr oder weniger auswendig gelernt. Ich präge mir beispielsweise die erstellte Grafik so gut es geht ein. Je intelligenter und merk-würdiger Punkt 1 durchgeführt wurde, desto leichter fällt dies.
  3. Abrufen: Hier wird Lernen zum Genuss. In ganz kurzen Einheiten (15 bis 30 Minuten) rufe ich das Gelernte aus Punkt 1 in einigen Tagen immer wieder ab. Dies festigt den Lernstoff und baut das anfangs fragile Wissens-Netz im Gehirn zu einer echten Datenautobahn aus. Hier haben wir echte Erfolgserlebnisse, deshalb sendet das Gehirn Glückshormone aus.

Wissens-Netze verhalten sich wie Verkehrsnetze: Der neue Lernstoff ist eine zu errichtende Bushaltestelle, beim Punkt 1 versuchen wir möglichst intelligente Straßenverbindungen zur neuen Haltestelle zu planen, Punkt 2 baut diese Straßen und Punkt 3 sorgt für die Belebung: Je belebter diese Straße ist, desto mehr Menschen siedeln sich dort an, desto leichter wird die Kommunkation, das heißt: Desto leichter fällt uns eine Prüfung über den Lernstoff.

Podcasts haben demnach folgende Nachteile: Erstens gewähren sie kaum Zeit zum Enkodieren des Wissens. Und zweitens festigen wir unser Wissen hauptsächlich durch Abrufen, nie aber durch x-maliges Hören (oder Lesen) von Lernstoff. Das „in Gedanken wiederholen“ entspricht dem Abrufen. Podcasts eigenen sich möglicherweise eher für den Punkt 2: Dem Speichern von Lernstoff im Gehirn. Dazu muss allerdings das Enkodieren darauf abgestimmt sein.

Aus dieser Erkenntnis habe ich folgendes gemacht:

Ich habe Lernstoff auf meinem MP3-Player gesprochen, auf doppelte Geschwindigkeit „hochgefahren“ und die daraus entstandene Datei, die knapp über zwanzig Minuten dauerte beim Laufen 4x die Woche mindestens zweimal pro Lauf (hmmm…. also achtmal) angehört. (Was ich genau gemacht habe ist hier beschrieben). Subjektiv hatte ich das Gefühl, viel gelernt zu haben, objektiv war diese Aktion mehr oder weniger für mich sinnlos: Mandy Schiefner spricht hier von Kompetenzillusion. Vor der eigentlichen Klausur lernte ich den Stoff auf herkömmliche Weise und hatte dann doch den Eindruck, dass vieles bekannt war. Die gefühlte Zeitersparnis war durch den Aufwand des Raufsprechens aber gering bis nicht vorhanden. Ich hatte eher das Gefühl, dass diese Arbeit umsonst war und habe diese Methode nie wieder angewandt.

Ich halte aber sehr viel davon, Podcasts wie Fernseh- oder Radiosendungen zu benutzen. Anhören, genießen, entspanne. Zur Unterhaltung bzw. zum Aussprache-Training für den Englischunterricht. Meine Top 3 Hitparade der Podcasts, die ich nun beim Laufen höre:

  1. Der Braincast von Arvid Leyh
  2. English as a Second Language Podcast
  3. English, Baby

One thought on “Lernen mit Podcasts

  1. kann dein Selbstexperiment nur bestätigen. Das reine Zuhören führt nicht zu ausreichender Verarbeitungstiefe. Podcasts, die ich beim Laufen gerne höre und die für mich so interessant sind, dass doch einiges hängen bleibt, sind:

    The Psych Files
    Psychologie der Schule
    Funkkolleg Psychologie

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