Power Point und der „cognitive load“

time to ditch powerpointFrühlingszeit ist die Zeit, um PowerPoint zu diskutieren. Ich hab es gemacht: profane Tastaturbefehle, die keiner weiß, als Unterrichtsmethode PowerPoint-Karaoke, im medienpaedagogik.at-blog wird auf Diskussion im Arbeitszimmer verwiesen, der Standard schreibt darüber, schon vor drei Jahren im Frühling wurde darüber geredet. Ein heißes Thema, auf dass der Sommer bald komme.

Im Ernst: Wer hat nicht schon lange den Verdacht, dass diese lieblos hingeklatschten Power-Points schön aussehen, aber beim Lernen rein überhaupt nichts bringen. Wie viele wirklich gute Präsentationen, mit Power Point unterstützt, haben Sie in letzter Zeit gesehen? Oder sind Sie neulich in den Genuss eines Vortrags ohne Power Point gekommen, der Sie begeistert hat? (Ein Professor sagte neulich: „Die schmieren da ein wenig am Flipchart herum und die Leute sind begeistert…“). Was war häufiger? Warum behalten wir von vorgetragenen Power Point Präsentationen so wenig?

In John Swellers Artikel „Visualisation and Instructional Design“ (hier via Presentation Zen Blog), wird der „Redundanz-Effekt“ beschrieben, der für das Schlamassel verantwortlich ist. Und das geht so:

  1. Das Gehirn besteht aus dem Arbeitsgedächtnis (Working Memory) und dem Langzeitgedächtnis (Long-term-memory).
  2. Das Arbeitsgedächtnis ist extrem begrenz, das Langzeitgedächtnis nahezu grenzenlos.
  3. Wenn wir Wissen verarbeiten, dann geschieht das im Arbeitsgedächtnis, es muss also vom Langzeitgedächtnis oder von den Sinneskanälen empfangen werden. Dieses Empfangen und Verarbeiten ist der „cognitive load“, die kognitive Belastung.
  4. Um komplexes Wissen zu erlangen, muss es aufgrund der begrenzten Kapazität des Arbeitsgedächtnisses in kleine Häppchen (=Elemente) gesplittet werden. Typisch im Frontalunterricht – Rechengang Schritt für Schritt vorzeigen; Auto: rechter Fuß = Element Gaspedal, linker Fuß = Element Bremse.
  5. Komplexe Informationen werden im Laufe der Zeit automatisiert und als Schema (und damit als Einzelelement) im Langzeitgedächtnis gespeichert. (Auto: das Element der Pedale)
  6. Wenn viele Einzelelemente als Schema gespeichert sind, dann verringert das die Belastung des Arbeitsgedächtnisses. Wir sind dann zu höherer Denkleistung befähigt. Und können zB beim Autofahren telefonieren, ohne über den linken und rechten Fuß nachdenken zu müssen.

Was passiert nun, wenn wir eine Aufzählung im Zuge einer Power-Point Präsentation lesen und hören, die der Vortragende nur herunterliest (außer dass wir schneller lesen können, als er spricht, um das zu verhindern gibt es ja die Animationen in PPT…)?

  • Wir lesen die Information.
  • Das Arbeitsgedächtnis versucht, sie zu verarbeiten.
  • Wir hören kurz darauf die Information, sie kommt also nochmal in unserem Arbeitsgedächtnis an, muss also nochmal verarbeitet werden.
  • Das Arbeitsgedächtnis hat jetzt doppelte Arbeit, die Belastung (=“cognitive load“) hat sich verdoppelt.
  • Das Arbeitsgedächtnis verarbeitet beide Infos, erkennt dass sie sich gleichen und bezieht sie aufeinander.
  • Redundanzeffekt: Doppelte Arbeit für ein Ergebnis. Na toll, ganz super.

Mein Gehirn macht dann noch was ganz eigenartiges: Es erkennt, dass die zweite (=gehörte) Information eigentlich nutzlos war und versucht sie zu vergessen. Da sie jedoch ident mit der ersten (=gelesenen) Information ist, wird diese gleich mitvergessen. Deshalb merke ich mir nichts von vorgelesenen Power-Point-Präsentationen.

Wie ginge es besser mit Power-Point?

  • Vortragender wiederholt nie exakt das, was auf der Folie steht (und umgekehrt). Sondern gibt zusätzliche Informationen, erläutert, führt aus, hinterfragt.
  • Einfache Regel: Wenn der Zuschauer die Folie allein und für sich nicht versteht, dann ist es okay. (Wenn allerdings Folie + Vortragender dem Zuschauer insgesamt Unverständnis bereiten, dann läuft was falsch…)
  • Bilder auf Folien, Vortragender erzählt Geschichten dazu (Beispiel Folie 2 – 8 in Martin Ebners Slideshow)

Der Nachteil: Unvorbereitet einen Vortrag halten funktioniert damit nicht mehr. Schluchz…

P. S.: Eine Power-Point zum Thema gibt es hier von Manuel Schulz 😉

2 thoughts on “Power Point und der „cognitive load“

  1. Für die aktuelle Diskussion würde ich v.a. den dritten Punkt unterstützen: Wenn man den Erkenntnissen der cognitive-load-Forschung glauben schenken will, trägst du am effizientesten vor, wenn du ein Bild zeigst und es erklärst bzw. dazu sprichst (redundancyprinciple & split attention effect). Das leuchtet mir irgendwie auch intuitiv ein.

  2. Powerpoint in 4 Stunden – allerdings geschummelt « Lernen Heute

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s