Der Sinn einer Unterrichtsstunde

Ich habe meiner dreijährigen Tochter ein Buch vorgesungen. Sie kennen die Melodie: „Zehn kleine Raupenkinder wollen sich erfreun, eines ist nun eingeschlafen, jetzt sind es nur noch neun.“ Und am Ende: „Eine Raupe ist ganz traurig, das kann man ja verstehn. Sie ist nun ganz auf sich gestellt, jetzt sind es plötzlich … zehn bunte Schmetterlinge tanzen ganz geschwind, sie breiten ihre Flügel aus und fliegen mit dem Wind.“ Im Buch klappen auf der letzten Seite 3D-Schmetterlinge auf.

Meine Tochter fragte nach dem 30. oder 40. Mal vorlesen: Papa, warum werden aus Raupen Schmetterlinge? Gute Frage. Sehr gute Frage. Ein Rettungsanker ist der Tipp eines Kinder-Erziehungsbuches, der besagt: Kinder meinen nicht „Warum“, sie meinen „Wie“? Dann ist es ja eher wieder leicht. Deshalb bleiben wir beim warum.

Wir Lehrer mögen ja „Warum“-Fragen nicht. Wir hassen diese Fragen. „Warum müssen wir das lernen?“. Deshalb stehen in den Lehrbüchern auch so selten „Warum“-Antworten drinnen. Weil Lehrbücher für Lehrer geschrieben sind, und nicht für Schüler, die das „Warum“ interessieren könnte.

Bleiben wir beim Warum. Freunden Sie sich damit an. Das Unterrichten mit dem „Warum“ ist interessant. Und öffnet neue Einsichten. Beispiel?

Warum brauchen wir Kaufverträge? Warum nennt man manche Bestandteile des Kaufvertrags „kaufmännische Bestandteile“? Warum kann ein Kaufvertrag auch mündlich geschlossen werden? Warum sollten manche schriftlich geschlossen werden? Warum muss eine „rechtsgültige“ Unterschrift unter dem Vertrag stehen, warum genügt nicht eine normale Unterschrift? Und so weiter…

Wie gehe ich im Unterricht konkret vor? Ausgehend von der Frage „Warum wird aus einer Raupe ein Schmetterling?“ mache ich mir eine ABC-Liste:

A…Adler (die Raupe sah einen Adler und wollte fliegen wie er)
B…Brüten (funktioniert wie mit Ei und Küke – eben ausbrüten)
C…Chaos (In der Natur herrscht oft Chaos, deshalb werden aus Raupen Schmetterlinge)
D…Dumm (Die Raupe weiß nichts von der Welt. Auch nicht, dass sie ein Schmetterling wird)
E…Evolution (Die Evolution hat das so vorgesehen)
usw.

Die Schüler bekommen diese ABC-Liste. Nach der Erarbeitung des Kaufvertrag-Stoffes denken wir ein wenig über den Kaufvertrag nach. Damit das einfacher geht, verknüpft jeder Schüler die Schmetterlings-ABC-Liste mit seinen Gedanken zum Kaufvertrag. Fragestellung: „Warum brauchen wir einen Kaufvertrag. Warum beschäftigen wir uns mit dem Kaufvertrag?“

So könnte ein Ergebnis aussehen:
A…Adler (Adler = Tier = Sache; Tiere werden in Kaufverträgen wie Sachen behandelt)
B…brüten (man sollte über einen Kaufvertrag brüten, bevor man ihn unterschreibt)
C…Chaos (ohne schriftliche Kaufverträge gäbe es oft Chaos in der Wirtschaft)
D…Dumm (ist, wer den Kaufvertrag vor dem Unterschreiben nicht liest)
E…Evolution (neue Formen des Kaufvertrages: KV via Internet)
usw.

Anschließend führen wir in der Klasse die Assoziationen zusammen. Effekt: Schüler merken, es gibt viele Gründe, warum es Kaufverträge gibt. Der Lehrer lernt, wie Schüler denken, das ermöglicht Beziehungen.

Fragen und weiche Aussagen („normalerweise genügt es, den Kaufvertrag über wenig Wertvolles mündlich abzuschließen“) öffnen den Geist. Fakten schließen den Geist. Mit ABC-Listen öffnen Sie ihn. Einverstanden?

Übrigens: Das Raupen-Schmetterlingsbuch bekam ich von Gobo-Kinderbücher. Sie bekommen regelmäßig Kinderbücher über Euro 19,90 zugeschickt, können aber das Intervall individuell einrichten. Wir haben es auf zwei Monate eingestellt und sind absolut happy mit den gelieferten Büchern.

Nochmal übrigens: Wer jetzt noch nicht den Birkenbihl-Roman mitliest ist selber schuld. Laut Weblog verschwindet er auch wieder aus dem Netz. Also nicht verpassen. Derzeit wird unserem Schulsystem der Prozess gemacht. Sehr spannend. Sinngemäßes Zitat: Ein Drittel der Lehrer verweigert neue Unterrichtsmethoden völlig, ein Drittel der Lehrer probiert sie aus. Das letzte Drittel wartet ab. Sind die innovativen Lehrer vorerst nicht erfolgreich, werden sie insgesamt von zwei Drittel der Kollegen gemobbt. Hier nachlesen, aber besser vorn vorne beginnen, solange es noch geht.

One thought on “Der Sinn einer Unterrichtsstunde

  1. Gestern, heute, morgen... « Lernen Heute

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