Genies werden nicht geboren, sondern haben nur hart gearbeitet

Prof. Carol Dweck

Carol Dweck beschreibt in Ihrem 2006 erschienen Buch “Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt” den Unterschied zwischen dynamischen und statischem Selbstbild. Die Idee hinter dieser Theorie ist verführerisch einfach, lässt sich vielfach belegen und im Alltag oft beobachen.

Das Selbstbild ist die Vorstellung, die jemand von sich selbst hat und misst sich auch am Wunschbild, wie jemand sein möchte (siehe Wikipedia).

Menschen mit statischem (=nicht empfehlenswertem) Selbstbild denken so:

  1. Intelligenz: Intelligent ist der, der etwas schnell und perfekt erledigen kann oder dem etwas leicht fällt, was andere nicht können. Bei Schwierigkeiten schwindet das Interesse am Thema rapide.
  2. Niederlagen und Rückschläge: Misserfolg heißt: “Dazu bin ich nicht intelligent genug, dazu habe ich zuwenig Talent. Es lohnt sich nicht, dafür zu lernen.Wenn Erfolg Intelligenz und Talent bedeutet, dann muss Misserfolg das Gegenteil bedeuten.
  3. Genies: Es gibt festgefügte Eigenschaften die angeboren sind (“Talente”). Deshalb gibt es echte Genies, denen alles in den Schoß fällt. Echte Genies werden geboren.
  4. Ergebnis: Es reicht nicht, erfolgreich zu sein. Das Ziel ist, perfekt und besser als die anderen zu sein.
  5. Erfolg: Kraft wird aus dem Vergleich mit anderen Menschen bezogen. Es geht darum, besser zu sein, erfolgreicher und überlegener zu sein. Dies muss ständig bewiesen werden.
  6. Motto: Die Welt ist in Gewinner und Verlierer eingeteilt, in Schwarz oder Weiß, in Gut oder Schlecht.

Dwecks optimales Selbstbild ist das dynamische, das beispielsweise folgende Merkmale bzw. Aussagen aufweist:

  1. Intelligenz: Menschen mit dynamischen Selbstbild fühlen sich intelligent, wenn etwas schwierig ist und sie arbeiten müssen, um es hinzubekommen bzw. erst nach und nach dahinterkommen, wie etwas funktioniert.
  2. Niederlagen: Nach Niederlagen, Rückschlägen oder Versagen wird härter und entschlossener auf das Ziel hingearbeitet. Rückschläge sind ein Weckruf seine Strategie zu ändern.
  3. Genies: Genies werden nicht geboren, ein Genie hat Zeit seines Lebens hart gearbeitet.
  4. Ergebnis: Die eigene Arbeit ist viel wert, egal wie das Ergebnis aussieht.
  5. Erfolg: Erfolg ist, wenn das Beste gegeben wurde und was dabei gelernt wurde.
  6. Motto: “Wenn Du dich jeden Tag anstrengst, ein bisschen besser zu werden, wirst du über einen längeren Zeitraum viel besser.”; Die Welt ist in Lerner und Nicht-Lerner eingeteilt.

(Soweit eine absolut komprimierte Kurzfassung. Zum näheren Verständnis unbedingt das Buch lesen. Es ist die Zeit wert.)

Ich denke, dass sich bei der Beschäftigung mit Software ein dynamisches Selbstbild ganz gut generieren lässt.Wenn ich die Zeit zum Jahr 1983 zurückdrehe, als ich meinen ersten “Heimcomputer” geschenkt bekam, dann faszinierte mich vor allem die Möglichkeit, dass ich mit genügend Wissen, Ausdauer und harter Arbeit dasselbe programmieren konnte, was es so in den Läden an Software zu kaufen gab bzw. in Zeitschriften zum Abtippen (“Listings“) veröffentlicht wurde, so nach dem Motto “Dort wird auch nur mit Wasser gekocht.” Deshalb sind Computer faszinierend. Jeder von uns hat alle Möglichkeiten, wenn er sich anstrengt. Menschen mit statischem Selbstbild knien nieder und sagen: “Das schaffe ich sowieso nicht, ich habe kein Talent für Computer. Ich bin kein Computergenie.” Menschen mit dynamsichen Selbstbild sagen: “Wenn ich genügend Zeit investiere, dann schaffe ich das auch. Und wenn es Jahre dauert.” Heute ist es einfacher denn je: Beispielsweise hat jedes Werk, das auf youtube hochgeladen wird, das Potential, ein virales Video zu werden.

Lässt sich das auch im Unterricht nutzen?

Sicher. Mittels kurzer Sequenzen könnten Schüler einen Impuls bekommen, der sie ein klein wenig in die Richtung eines dynamischen Selbstbildes bringen kann. Man nehme eine relativ einfache Web2.0-Anwendung, zum Beispiel Animoto, Storybird, SumoPaint, Prezi oder ein Wiki, einen Blog usw. und initiiere ein Unterrichtsprojekt. Schüler mit statischem Selbstbild scheitern oft schon bei der Registrierung, der ersten Hürde. An einem Satz, den sie nicht verstehen oder an der-“Ich kenne mich nicht aus”-Oberfläche. Schüler mit dynamischen Selbstbild sagen: “Hey, das ist neu, am Anfang sicher schwierig. Los geht’s, machen wir was.”

Die Idee ist nun, das alle Schüler die gleichen Voraussetzungen haben (… wer kennt schon Prezi? …) und einige relativ rasch Ergebnisse erzielen werden, während andere weit hinterherhinken. Die Vorausgaloppierenden sollten Zeit bekommen, den anderen ihre Fortschritte vorzuführen, aber nicht nur das Ergebnis, sondern wie sie es gemacht haben und was sie ausprobiert haben, bevor es zum Ergebnis führte. Das kann in Kleingruppen geschehen. Alle werden merken, dass sich mit systematischen Herumprobieren in kurzer Zeit ganz gute Ergebnisse erzielen lassen.

Allheilmittel ist das natürlich keines. Aber vielleicht ein Weg, der versuchsweise mal begangen werden könnte. Vielleicht erwischt man dabei einige Schüler, die mit Playstation & Co ganz gut umgehen können, mit traditionellen Lehrmethoden aber nicht.

(Nachtrag: Danke an Vera F. Birkenbihl für den Buchtipp!)

Powerpoint in 4 Stunden – allerdings geschummelt

Im Lehrberuf Bankkaufmann/-kauffrau sind in Oberösterreich 40 Stunden Informatik in der Berufsschule vorgesehen. Nein, nicht pro Lehrjahr – in allen drei Lehrjahren zusammen. In diesen 40 Stunden werden neben einigen Stunden Grundlagen der Informatik (Hard- und Software) auch 8 Stunden Excel, 4 Stunden Powerpoint, 4 Stunden Access, Privatsphäre und Internet-Seitengestaltung gelehrt. Und nein: Wir besitzen nicht den “Time-Turner” von Hermine Granger.

Um das Optimum aus den 4 Stunden Powerpoint herausholen zu können, bin ich nach den 9 Lehrschritten von Robert Gagné vorgegangen. Gagné gilt als der “Vater” des Instructional Designs (=ID, zu deutsch: Instruktionsdesign), das sich mit der systematischen Planung, Entwicklung und Evaluation von Lernmaterialien befasst.  Prof. Gabi Reinmann schrieb das Skript zu ID, das im Rahmen des Moduls 1 des Master für Bildung und Medien verwendet wird. ID ist mir während der oberösterreichischen Berufsschullehrerausbildung nicht untergekommen. Kunstück: ID hat viel mit e-learning zu tun und das spielt(e) bei unserer Ausbildung eine eher ähm…, sagen wir es so, “exotische” Rolle.

Wie sehen die neun Lehrschritte nach Gagné aus?

Neun Lehrschritte nach Gagné

So habe ich die Lernschritte interpretiert:

  1. Aufmerksamkeit gewinnen: Den Schülern werden wertungsfrei(!) 3 – 4 Folien einer uralten und grottenschlechten Powerpoint-Präsentation aus dem Jahr 1999 über Informatik gezeigt: Animationen fliegen rein, 12 Bullet-Points erscheinen brav nach Tastendruck, usw. Hier grinsen die meisten Schüler schon.
  2. Informieren über Lehrziele: 4 Stunden (=200 Minuten) für Powerpoint? Mir erscheint das dürftig. Vor allem dann, wenn die Schüler herumprobieren und sich gegenseitig unterstützen, weil dies meiner Meinung nach den Lerneffekt vergrößert, aber länger dauert. Deshalb habe ich einfach das Thema “Powerpoint” mit dem Folgethema “Grundlagen der Hard- und Software” verbunden. Die Schüler haben als Ziel, in Einzelarbeit (aber mit gegenseitiger Unterstützung) eine Powerpoint-Präsentation im Umfang von 7 – 12 Folien zu erstellen und anschließend auch vor (eigenem) Publikum zu präsentieren. 4 Stunden Powerpoint? Geschummelt! In Wahrheit verwenden wir zwei Stunden der Hard- und Software-Grundlagen mit. Folgende Themen stehen für die Einzelarbeit zur Wahl:
      a) Eingabegeräte (Maus, Tastatur, Scanner, Touch-Screen, etc.)
      b) Bildschirme (Flachbildschirm, Röhrenbildschirm, Touch-Screen, Preise, etc.)
      c) Druckerarten (Laser, Tintenstrahl- und Matrixdrucker, Fotodrucker, Funktionsweise, etc.)
      d) Speicherkarten (SD-Karten, Memory-Stick, Compact-Flash, Preise, Funktionsweise, …)
      e) Festplatten (interne und externe, Speicherkapaztitäten, Preise, etc.)
      f) optische Speichermedien (DVD, CD, Funktionsweise, Preise, etc.
      g) Gehäuseformen (Desktop, Notebook, Netbook, All-in-One-PC, …)
      h) PC-Komponenten (Motherboard, CPU, RAM, ROM, Bus, Bios, Lüfter, Schnittstellen wie USB, Firewire, PS/2, …)
      i) Software (Freeware, Open-Source, Office-Software, etc.)
  3. Vorwissen aktivieren: Ich legte via Etherpad zwei Pads an: Merkmale von guten Powerpoint Präsentationen und schlechten Powerpoint Präsentationen, teilte die Schüler in zwei Kleingruppen und sie sammelten gleichzeitig und kollaborativ, was ihnen dazu einfiel. Sie konnten live am Beamer mitschauen, wie die zwei Pads befüllt wurden. Die Sammlung wurde später formatiert und ausgedruckt. (Leider hat Google mittlerweile Etherpad geschluckt, abgeschaltet, wieder eingeschaltet. Zumindest bis März ist der Service in dieser praktischen, anmeldelosen Form verfügbar.)
  4. Darstellen des Lehrstoffes: Mit ist es wichtig, dass die Schüler Präsentationen erstellen, die State-of-the-Art sind: großflächige Bilder, wenig Text, null Animationen. Dazu besprachen wir das Video “Life after Death by Powerpoint” (als schlechtes Beispiel) und “Death by Powerpoint (and how to fight it)” als Musterbeispiel, an das sie sich halten sollten. Der Hinweis auf Copyrights wird gegeben, ist aber sowieso Kernthema in einer der späteren Stunden.
  5. Lernen anleiten: In einer knappen Viertelstunde zeigte ich den Schülern, deren Wissensstand sich vom “Noch nie Powerpoint gestartet” bis zum “ECDL vor zwei Monaten gemacht” erstreckt, wie man in Wikipedia Themen findet und strukturiert (das wussten sie),  Bilder via Google-Bildersuche findet, rauskopiert, zuschneidet und Titel (für den Foliennavigator) hinzufügt. Zur Demonstration nahm ich an, dass ich selbst das Thema “Netzwerke” zu machen habe und verwendete beispielsweise für das CAT5-Kabel dieses Bild und ermunterte die Schüler, um die Ecke zu denken. Beispiel: Für das Themengebiet “Speichermedien” eignet sich das Bild eines menschlichen Gehirns als Einstiegsfolie.  Diese Anleitung erfolgte in aller Kürze, da sich die Schülerinnen und Schüler später ja gegenseitig helfen können und sollen.
  6. Ausführen / anwenden lassen: In den nächsten zwei Stunden erarbeiten die Schüler die Powerpoint-Präsentation. Dies machen sie alleine, weil ich unterdessen auf Seminar bin. Als Unterstützung haben sie ein Powerpoint Skript bzw. verwenden die Seiten  Moodle-DLGI und E-Teaching-Austria.
  7. Informative Rückmeldung geben: In den folgenden zwei Unterrichtseinheiten, sehe ich mir Präsentationen kurz an und gebe Feedback und Verbesserungsvorschläge. Falls Zeit bleibt, beschäftigen wir uns gemeinsam mit einigen Powerpoint-Features, die die Schüler evt. nicht benutzt haben wie Master-Folie, Handzettel usw.
  8. Leistung kontrollieren und beurteilen: Die Präsentationen werden gehalten und beurteilt. Gleichzeitig erhalten die Schüler Einblicke in das kommende Themengebiet Hard- und Software.  Die Schüler fassen die Inhalte ihrer Präsentation in Google-Docs zusammen und tauschen die Dokumente untereinander per Freigabe aus (=Lernstoff).
  9. Behalten und Transfer sichern: In einem anderen Fach erstellen die Schüler im Laufe des Lehrgangs eine Präsentation. Dies genügt mir für diesen letzten Schritt.

Vielleicht fragen sich jetzt manche: “Warum zeigt der den Schülern Powerpoint nicht Schritt für Schritt – so wie in den meisten Informatik-Kursen?”

Dafür gibt es einige Gründe:

  • Da ist zuerst einmal der unterschiedliche Wissensstand der Schüler. Die Powerpoint-Erfahrenen sollen durch diese Methode mit sanfter Hand gezwungen werden, den anderen zu helfen.
  • Durch den unterschiedlichen Wissensstand langweilen sich etliche Schüler bei kleinschrittigen Vorzeig- und Nachmachübungen. Für andere wiederum ist es zu schnell.
  • Offensichtlich ist es nicht das Ziel, Schüler zu perfekten Powerpointidanern zu drillen, da sind 4 Stunden sowieso zu wenig. Weniger ist mehr: Bild, Text, Struktur. Und aus.
  • Die Schüler müssen lernen, mit Software so selbstverständlich umzugehen, wie sie es mit dem Handy gewohnt sind. Keine Angst vor neuer Software – das ist die Devise. Was nützt es, wenn ich ihnen zeige wie PowerPoint 2000 (=kein Tippfehler, unsere Schulversion, aber nächstes Jahr gibt’s die 2010er) funktioniert, wenn sie in der Praxis PPT 2003, 2007 oder 2010 haben. Oder Open-Office? Oder Google Text und Tabellen? (Wobei wir später Google-Text und Tabellen ausprobieren werden…)
  • Ich will den Schülern zeigen, dass sie mit etwas Mut, Recherchieren und dem Internet so relativ simple Produkte wie Powerpoint in relativ kurzer Zeit relativ gut bedienen können (… relativ…). Und dass sie nicht jedesmal ein spannendes 3-Tages-Seminar benötigen, von dem sie eine Woche später das Meiste mangels Anwendung vergessen haben.
  • Letztendlich bin ich der Überzeugung, dass Autodidakten in den Web2.0-Jahren die Nase vorne haben.

Powerpoint müssen wir machen, muss man können, klar. Im Allgemeinen ermuntere ich aber die Schüler, ohne Powerpoint zu präsentieren, wenn ihnen was Besseres einfällt: Fällt mehr auf, wirkt besser und hat sicherlich meistens Erfolg. Mein Psychologie-Professor an der Uni sagte … ach ja, das habe ich hier schon mal erwähnt: “Power-Point und der cognitive-load“.

Englisch lernen mit den “40 Expressions”

Eine kurze, knackige Unterrichtssequenz für Englisch bietet sich mit dem Youtube-Video “40 expressions” an. In diesem Video, das per heute schon über 150 Videoantworten erhalten hat, stellt bubzbeauty 40 Gefühle mimisch dar. Zugleich werden diese als Untertitel eingeblendet. Im Englisch-Unterricht war nun das Ziel, eine Video-Antwort zu posten. So bin ich mit einer 3. Klasse Einzelhandel vorgegangen:

  1. Youtube-Video ansehen (am besten via keepvid.com runterladen)
  2. Vokabel-Liste mit deutschen Übersetzungen austeilen, Schüler suchen sich aus dem Video die englische Übersetzung. (Falls mehr Zeit zur Verfügung steht können die Schüler die Listen auch selbst erstellen)
  3. In zwei Klassen habe ich gefragt, ob, ob sie eine Videoantwort posten möchten. Eine Klasse hat verneint, eine andere war dafür.
  4. Die Vokabeln wurden dann in dieser Klasse von 1 – 40 nummeriert, kopiert, ein Exemplar zerschnippselt und die Vokabel-Schnipsel auf die Schülerinnen nach Belieben aufgeteilt.
  5. Die Schülerinnen erstellen Kärtchen mit dem englischen Begriff in großer Schrift, den sie später an die Wand pinnen, während sie den Begriff darstellen.
  6. Eine Schülerin übernimmt den Part des Regisseurs und kümmert sich um die korrekte Reihenfolge der Darstellung, das spart später viel Zeit beim Schneiden der Teile, eine andere filmt. Gefilmt wird am besten mit Stativ. Wir verwendeten eine ganz billige Digicam im Film-Modus.
  7. Die Schülerinnen treten nun ohne groß zu proben der Reihe nach auf, pinnen ihr Wort an die Wand und stellen es mimisch dar. Ich habe beim Filmen den Fehler gemacht, immer ein “Go”-Kommando gegeben zu haben. Das später rauszuschneiden hat den Aufwand unnötig erschwert. Profis würden wahrscheinlich Handzeichen geben…

Nach 20 Minuten waren die 40 Begriffe im Kasten. Das Suchen nach lizenzfreier Musik (hier einige Tipps), einfügen eines Titels und Abspanns am PC bei mir zuhause dauerte dann nochmal eine Stunde, hat aber (zur Entschuldigung) Spaß gemacht. Idealerweise sollte die Produktion des Videos an Schüler delegiert werden. Das fertige Video habe ich nach Einverständis durch die Schülerinnen als Videoantwort auf youtube gepostet. Die Schülerinnen haben es zusätzlich via Facebook an ihre Freunde verteilt.

Hier das Resultat, in der ich auch eine Gastrolle als “typical annoyed teacher” hatte:

Der Lerneffekt konnte sich sehen lassen: Beim Erstellen der Videos wurden die Vokabeln sehr oft wiederholt, das fertige Videos wurde regelmäßig angesehen. Einige Lehrer berichteten mir, dass Ihnen die Schülerinnen das Video in ihren Stunden gezeigt hatten. Was will man mehr?

Update 20. 11. 2009: Auf Wunsch von Felix hier noch die Liste mit den Vokabeln: 40 Expressions – words

Unterrichtsmaterialien für finanzielle Allgemeinbildung

Die EAEA (European Association for Education of Adults, http://www.eaea.org) entwickelt seit einiger Zeit für alle EU-Länder Unterrichtsmaterialien für die “finanzielle Allgemeinbildung”. Das Projekt heißt DOLCETA (www.dolceta.eu) und bietet Lernmodule für VerbraucherInnenbildung in den Altersgruppen Volksschule, Hauptschule und Oberstufe an.dolceta

Neben Online-Informationen, ausdruckbaren Merkblättern und Online-Quizzes werden auch sehr konkrete Unterrichtsskizzen mit abwechslungsreichen, innovativen Methoden zur Verfügung gestellt. Derzeit sind die vier Module “Verbraucherrechte”, “Finanzdienstleistungen”, “Produktsicherheit” und “Impulse zur Verbraucherbildung” freigeschaltet. Wir durften das Modul 7 über “Sparen” testen, das im Frühjahr nächsten Jahres kommen wird.

Mich nervt schon seit einigen Jahren, dass in jedem Land, in jeder Schule jeder Lehrer seine Unterrichtsstunde z. B. über “Sparen” oder “Kredite” vorbereitet. Wie “man” hört, findet an manchen Schulen nicht einmal ein Austausch der erstellten Materialien statt – ein volkswirtschaftlicher Unsinn. Per Mausklick auf vorgefertigte, juristisch geprüfte, abwechslungsreiche und aktuelle Materialien für den Unterricht zugreifen zu können ist leider noch immer eine Seltenheit. DOLCETA ist ein Weg in die richtige Richtung.

Selbstverständlich sollte jedem Lehrer offen bleiben können, wie er seine Stunde über “Sparen” oder “Kredit” gestaltet und welche Infos er vermitteln möchte. Das ist das Schöne an dem Job: Jeder kann, wenn er will, seine Kreativität voll ausleben. Es schadet aber überhaupt nicht, sich mal anzusehen, wie andere diese Stunde planen würden und sich daraus Anregungen zu holen – auch für andere Unterrichtseinheiten.

Die Birkenbihl-Methode zum Sprachenlernen

Während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Hintergrund via itunes das Kapitel 3 des italienisch-Kurses in einer Endlosschleife. Ich weiß nun, dass ich die Italienisch-Lektionen viel zuwenig passiv gehört habe. Der Clou beim Passiv-Hören ist nicht, das Handy ständig dabeizuhaben um beim Zähneputzen oder beim Geschirr Abwaschen mal kurz einige Minuten Italienisch zu hören.

(Dies ist ein Fortsetzung zum Blog-Beitrag:  Ohne Grammatik eine Sprache lernen)

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Karin Holenstein (protalk.ch)

Karin Holenstein von protalk empfiehlt täglich mindestens 30 Minuten, besser eine Stunde und länger passiv zu hören. Sie selbst hat Englisch und Französisch mit der Birkenbihl-Methode gelernt und perfektioniert und weiß daher, wovon sie spricht. Seit einigen Jahren unterrichtet sie mit der Birkenbihl-Methode Erwachsene und Primarschüler in Englisch und begleitet ihren Sohn parallel zum Schullehrmittel.

Von einem Seminar bei protalk am Sanstag bin ich mit folgenden Tipps  zurückgekehrt:

  • Viele Personen lernen ausschließlich mit der Birkenbihl-Methode. Als Variante können nach einigen Lektionen zusätzlich andere Lernmethoden angewandt werden. Dies können Lehrbücher, Sprachcafès (der Volkshochschulen), DVD’s, Podcasts oder Ähnliches sein. Für mich als Italienisch-Einsteiger war der Birkenbihl-Kurs in den ersten 5 Lektionen genau richtig: Lernen fällt leicht und fast nebenbei wird ein beachtlicher Wortschatz und ein Gefühl für die Sprache aufgebaut.
  • Die Methode wirbt mit: “Sprachen lernen ohne Grammatik”, aber: Übungsbücher, Grammatikbücher usw. sind trotzdem erlaubt, wenn man will. Dieser Tipp freute mich: Ich will mal kurz nachschlagen, wie die Mitvergangenheit eigentlich gebildet wird. Oder ich will eine übersichtliche Darstellung von “ich – du – er – sie – es – wir – ihr – sie” haben. Es ist mir auf Dauer zu anstrengend, aus den Beispiellektionen die Grammatik zu abstrahieren und Regeln herauszulesen. Da helfen zusätzliche Lernmittel sehr.
  • Karin erzählt, sie hat die Lektionen oft stundenlang gehört: CD-Player auf Endlosschleife und die Lektion läuft den ganzen Vormittag.
  • Wenn das passive Hören nervt: Lautstärke runter.
  • Es ist hilfreich, sich aufzuschreiben, wie lange die jeweiligen Lektionen passiv gehört wurden. Nach und nach bekommt man ein Gefühl, welche Laufzeiten notwendig sind. Karin zeigte uns ein Protokoll einer Schulklasse, bei der einzelne Lektionen von 20 bis zu 465 Minuten gehört wurden, je nach Länge der Texte.
  • Falls beim Schritt 4 der Birkenbihl-Methode (Sprechen/Schreiben/Lesen) Probleme auftreten, dann wurde zuwenig passiv gehört. Daher: Einen Schritt zurückgehen und noch länger passiv hören.
  • Ein Vorteil der Birkenbihl-Methode ist, dass bestimmte Themen, die in den einzelnen Lektionen vorkommen, wie im Schlaf beherrscht werden. Der Lerner kann ziemlich viel dazu in geschliffenen Sätzen sagen – er hat sie ja oft genug gehört.
  • Zugleich sind diese Lektionen eine Basis zum weiterlernen mit anderen Methoden. Wenn diese Basis im Gehirn gesetzt wurde, dann können neue Informationen relativ leicht in dieses Wissensnetz eingewebt werden. Karin hat dies in einem Leserbrief im Tagblatt (pdf) genau ausgeführt.
  • Eine nette Übung ist die Stopp-Technik: Der Lektionstext wird von Lernpartner A dem Lernpartner B vorgelesen. A stoppt mitten im Satz und B spricht (aus dem Gedächtnis) weiter. Kann B das nicht, wurde zuwenig passiv gehört. Mangels Lernpartner werde ich wen bitten, die MP3 von Zeit zu Zeit zu stoppen.

Bis ich selbst diese Methode im Klassenzimmer anwende, werden noch einige Monate ins Land ziehen. Zuerst möchte ich selbst sagen können, dass ich Italienisch mit Hilfe der Birkenbihl-Methode gelernt habe. Über Höhen und Tiefen werde ich in diesem Blog berichten.

Übrigens: Online-Sprachenkurse nach dieser Methode in Englisch, Spanisch und Französisch sind unter www.birkenbihl-sprachen.com erschienen. Einige Probekapitel können dort gratis ausprobiert werden, ansonsten kosten die Kurse ab € 69,00. Die Texte werden einem dort vorgelesen, parallel kann am Bildschirm die Wort-für-Wort-Übersetzung mitgelesen werden. Die Geschwindigkeit ist änderbar, MP3-Dateien können runtergeladen werden.

Wirklich preiswert sind aber die CDs (Englisch, Französisch, Italienisch, …) für € 9,90 bis € 14,80. Dass das Lehrbuch “nur” als PDF beiliegt, empfinde ich als Vorteil: Ich habe mir die einzelnen Lektionen so ausgedruckt, dass ich meistens ein Blatt pro Lektion habe (Vor- und Rückseite, jeweils zwei Seiten auf einer A4-Seite). Übrigens sind die Texte der Sprachversionen Italienisch, Englisch, Spanisch und Französisch inhaltlich weitgehend ident, was für das Erlernen oder Auffrischen weiterer Sprachen von Vorteil sein müsste.

Wie Karin Holenstein die Birkenbihl-Methode im Klassenzimmer anwendet, ist ein eigenes Blog-Posting in den nächsten Tagen wert. Danke an Karin für’s Gegenlesen dieses Beitrags.

Mitten in den Ferien: neues Schulprojekt gestartet

Zusammen mit vier Kolleginnen war ich heute zu Besuch in der Berufsschule Schärding, die 2001 ihren Rechnungswesen-Unterricht auf selbstgesteuertes Lernen umgestellt haben. Obwohl die PH-Linz jedes Jahr mit ihren Junglehrern nach Schärding pilgert, hat bisher noch keine Berufsschule das mittlerweile jahrelang bewährte System übernommen. (Vielleicht sollte sie mal nicht gerade mit den Jungspunden fahren – siehe der Versuch mit den Affen).

So wird der Rechnungswesen-Unterricht normalerweise an unserer Berufsschule organisiert:

  1. Die Klasse wird manchmal in N- (=normal) und V-Gruppe (=vertieft) geteilt, manchmal auch nicht.
  2. Beide Gruppen haben einen eigenen Raum, einen eigenen Lehrer, aber grundsätzlich denselben Stoff. Die Vs ein bisserle mehr Beispiele, auch bei der Schularbeit.
  3. Musterbeispiele werden gerechnet, Aufgaben gestellt, Aufgaben gelöst und verglichen. Unterricht im Gleichschritt wie seit 200 Jahren, garniert mit dem einen oder anderen Methödchen.

So sieht der Rechnungswesen-Unterricht in Schärding (und bald bei einigen wenigen Lehrern auch bei uns) aus:

  1. Die Klasse wird immer noch in N und V geteilt, weil das gesetzlich nicht anders geht.
  2. Es gibt immer noch zwei Räume und zwei Lehrer.
  3. Allerdings ist ein Raum für Schüler reserviert, die absolute Ruhe beim Lösen der Aufgaben haben möchten.
  4. Im anderen Raum machen zwei Lehrer folgende Jobs: Lagebesprechung (was machen wir heute?), neue Stoffabschnitte erklären, individuelle Hilfe bzw. Gruppen-Hilfe, Lernprobleme besprechen, Hilfstellung und Tipps geben.
  5. Der Lernstoff ist in Basis-, Super- und Topstoff eingeteilt. Schüler, die “nur” den Basisstoff lernen möchten, können maximal eine 3 im Zeugnis erhalten, Super = 2, Topstoff = 1.
  6. Die Schüler holen sich für ein Thema jeweils ein Musterbeispiel und übertragen es in ihre Mappe und rechnen dann beliebig viele Übungs- und Hausübungsbeispiele.
  7. Der 10-Wochen-Lehrgang ist in drei Abschnitte geteilt. Während dieser Abschnitte kann der Schüler  beweisen, dass er den Stoff beherrscht indem er  zu einem beliebigen Zeitpunkt eine freiwillige Abschnittskontrolle (=eine Art “Test”) schreibt. Erlangt er dabei mindestens 13 von 16 Punkten, dann hat er auf jeden Fall für diesen Abschnitt eine 3, egal was er nachher bei der für alle verpflichtenden und am Lehrgangsbeginn fixierten Lernzielkontrolle hat. Dadurch schreibt er stressfreier die Lernzielkontrolle, er kann in diesem Abschnitt nicht mehr versagen und sich nur noch verbessern.
  8. Die zwei verpflichtenden Schularbeiten sind für alle gleich. Schüler, die also nur den Basis- und Superstoff gerechnet haben, werden die Beispiele des Top-Stoffes nicht lösen können und lassen diese aus.

Die Erstellung der Materialien für das eigenverantwortliche Lernen ist natürlich um einiges aufwändiger als den Schülern die Buchseite XY an die Tafel zu schreiben. Netterweise stellte uns unser Schärdinger Kollege Roland Schwingenschlögl sämtliche Materialien, von den Musterbeispielen, Übungsbeispielen, Einführungspräsentationen bis zu den Feedbackbögen zur Verfügung. Eine wesentliche Erleichterung für diese Unterrichtsmethode (aber auch für alle anderen Fächer, bei denen Tests gegeben werden)  ist die “Testfabrik”, eine Software, mit der bequem Testfragen gesammelt, ausgetauscht und zu Wiederholungen und Tests  zusammengefügt werden können. Eine Demo-Version kann unter http://www.teachershelp.at heruntergeladen werden.

Über die Feinheiten der Methode werde ich in den nächsten Teilen noch berichten, sie enthält noch einige geniale Merkmale, die nur durch die jahrelange Erfahrung und spezielle Abstimmung auf Berufsschüler entstanden sind.

In Rohrbach werden wir im 5er-Team in den Ferien die Materialien an unseren Lehrplan anpassen, eine Mustersequenz erstellen und dann den Lehrstoff der ersten Klasse Rechnungswesen in die Schwierigkeitsgrade einteilen. Was uns von Schärding unterscheidet: Wir haben ein Lehrbuch. Wir sollten uns also, was die Entwicklung des Basis- und Superstoffes betrifft, sehr leicht tun. Anschließend sind die konkreten Beispiele zu entwickeln, um mit dem Unterricht im November loslegen zu können. (Im Lehrgang Sept – Okt haben wir dieses Jahr keine 1. Klasse).

Organisatorisch brauche wir zwei nebeneinanderliegende Räume und vom Stundenplan her immer ein Zweiergespann der Lehrer, die beim Projekt mitmachen. Kostenmäßig benötigen wir einen PC mit Drucker – das wird ein Problem werden. Falls später noch andere Kollegen einsteigen möchten, haben wir die heutige Veranstaltung mitgeschnitten. (Vielleicht auch ein wenig aus Nostalgie-Gründen, wenn wir im Jahr 2019 sagen können: So hat es angefangen.)

Apropos Kosten: Unserer zuständige Behörde zahlt (gesetzeskonform) keinen Cent für dieses Projekt. Anreise, Verpflegung und Heimreise werden privat bezahlt. Eventuelle Unfälle auf der Strecke sind mangels Dienstauftrag Freizeitunfälle. (Stephan List meinte dann via Twitter, deshalb hieße es ja auch … siehe Link …). Und nein, wir haben auch keinen Dienstwagen. Und ja: Lehrer bekommen in den Ferien ihr Gehalt weiterbezahlt.

Linktipp: Josef Kuffner, ein weiter Kollege aus Schärding, hat seine Diplomarbeit über diese Methode geschrieben und ins Netz gestellt. (Download als PDF)

Wen hast du denn heute in der Schule unterrichtet?

furman“Ich schaffs!” von Ben Furman beschreibt eine Methode, mit der Kinder Fähigkeiten erlernen können, die wir normalerweise mit dem Wort “Problem” bezeichnen würden. Beispielsweise “schön spielen” (=beim Spielen nicht so wütend zu werden, dass Raufereien entstehen), die “Kitty-Fähigkeit” (=so gut zuhören können wie die Katze Kitty) oder “braves Reden” (=keine Schimpfwörter verwenden).

Die Methode besteht aus 15 einfachen Schritten,  in denen die zu erlernde Fähigkeit definiert und benannt wird, eine “Kraftfigur” als imaginärer Helfer und reale Helfer ausgesucht und eingeweiht werden, das Vorhaben veröffentlicht, geübt und eine Vorgehensweise für Rückschläge gefunden wird. Zuletzt wird gefeiert.

Verglichen mit der Schule wäre jetzt Schulschluss. Aber Furman setzt noch zwei Schritte drauf: Im Schritt 14 sollte das Kind die Fähigkeit an andere weitergeben (=Lernen  duch Lehren) und im Schritt 15 zur nächsten Fähigkeit übergeben (=Lebenslanges Lernen).

Aus lernpsychologischer Sicht ist Schritt 14 wichtig:

  1. das Erlernte wird nochmals wiederholt und damit gefestigt
  2. das Erlernte wird mit eigenen Worten wiedergeben
  3. das Selbstwertgefühl wird durch die Weitergabe an Andere (=Peers) gesteigert
  4. die Peers lernen von ihresgleichen leichter und schneller

Eltern, Erzieher, Lehrer werden durch den Schritt 14 entlastet und das Erlernen der Fähigkeit wird ein Selbstläufer.

Furman berichtet, dass in traditionellen Kulturen Lernen als Kreislauf angesehen wird. Die Phase der Ignoranz wird durch eine Lernphase abgelöst. Der Kreislauf wird geschlossen, wenn die Person das Gelernte im Stamm verbreitet hat. Etwas alleine zu wissen, reicht nicht aus. Man muss auch in der Lage sein, es anderen beizubringen.

Deshalb plädiert Furman für eine Durchmischung von älteren mit jüngeren Kindern in der Schule. Ältere sollten Jüngere unterrichten, so wie das bis vor Einführung der Industriezeitalter-Schule schon immer geschehen ist. Das ist unsere Natur, das erleichtet das Lernen.

“Kinder haben ein angeborenes Bedürfnis zu lernen, sie haben aber auch ein angeborenes Bedürfnis zu lehren. Wenn ein Kind ein anderes unterrichtet, fühlt es sich nützlich und wichtig. Wenn wir möchten, dass unsere Kinder etwas lernen, sollten wir ihnen die Gelegenheit dazu geben, das Erlernte auch anderen Kindern zu vermitteln.”

Statt zu fragen “Was hast du denn heute in der Schule gelernt?” sollten wir unsere Kinder fragen (können) “Wen hast du den heute in der Schule unterrichtet?”

Die Methode gibt es auch adaptiert für junge Erwachsene Jugendliche im Buch “Ich schaffs! Cool ans Ziel”: