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Kein Rezept für gehirngerechtes Lernen

Im Gegenteil.

Im Heft 11/2009 von Psychologie heute wird so richtig aufgeräumt mit den „Hirngespinsten der Pädagogik“. Hier das Wichtigste in Kürze zum lesenswerten Artikel:

brainegg1. linke Hirnhälfte = intellektuelle Leistungen, rechte Hirnhälfte = kreativ-emotional? Quatsch!

Neurowissenschaftler können keine Belege für diese Theorie finden. Zwar ist es richtig, dass ein Großteil des Sprachzentrums eher links sitzt, jedoch werden bei komplexen Aufgaben beide Hirnhälften aktiviert. Was bewiesen wurde: Kreativität sitzt im präfrontalen Kortex (Stirnhirn, auf beiden Seiten). Die bei Lehrern berühmten Brain-Gym-Übungen (z. B. Achter-Malen in der Luft) wirken sich aufgrund der gymnastischen Bewegung positiv aus, aber nicht weil sie die Gehirnhälften beeinflussen oder gar wieder „zusammenführen“.

2. Wir nutzen unser Gehirn nur zu 10 Prozent? Quatsch!

Unser Gehirn wiegt zwei Prozent unseres Körpergewichts, verbraucht aber 20 Prozent der Energie. Warum sollte es zum größten Teil nicht genützt werden? Hirnforscher haben herausgefunden, dass intelligente Menschen ihr Gehirn beim Lösen von Aufgaben weniger, dafür aber zielgenauer aktivieren. Das kennt jeder Lehrer und jeder Schüler: Wiederholtes Üben (wie Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging) lässt uns genau diese speziellen Aufgaben müheloser lösen.

3. Lernypentest? Quatsch!

Ach, das habe ich voriges Jahr schon hier beschrieben. Frederic Vester hat uns in den 1970er Jahren diesen Floh ohne jedweden Beweis ins Ohr gesetzt und sämtliche Pädagogen haben sich darauf gestürzt und noch immer wird dieser Blödsinn es an den Hochschulen unterricht: Es gibt keine neurowissenschaftliche Forschung über Lerntypen. Wahrnehmung, Reizverarbeitung, Lernen und Gedächtnisbildung ist viel komplizierter, als die naive Vorstellung in den Lerntypen-Büchern. Weder theoretisch noch praktisch ist das Lesen solcher Ratgeber gewinnbringend.

Da fällt mir ein: Der ursprüngliche Titel meiner Diplomarbeit vor zwei Jahren wäre  „Gehirngerechtes e-learning“ gewesen. Pheeeewww. Ich habe dann die Kurve gekratzt und bei der Recherche bemerkt, dass die meisten e-learning-Programme nicht gehirngerecht sind. Unter „gehirngerechtem e-learning“ habe ich damals noch verstanden: Der Lernstoff wird per e-learning so präsentiert, dass besser als mit herkömmlichen Methoden gelernt wird. Auch Quatsch!

12 comments 18. Oktober 2009

Grundbegriffe via Etherpad und Cobocards

cobocardsIm Fach Informatik für Banklehrlinge (40 Stunden in 3 Lehrjahren) werden neben einigen Stunden Excel, Internet-Grundlagen auch einige Informatik-Grundlagen durchgenommen. Folgende Vorgehensweise zum kollaborativen Erarbeiten von Grundbegriffen über Hardware, Software und Internet teste ich derzeit in einer 4-Stunden-Sequenz mit 15 Schülerinnen und Schülern (SuS).

Vorbereitung Lehrer:

  1. Sammeln der wichtigsten Grundbegriffe anhand dreier ABC-Listen (Hardware, Software und Internet) als Checkliste für das Lernziel.
  2. Anmeldung bei Cobocards, Musterkarte für SuS anlegen. Diese Musterkarte sollte eine typische Frage, Antwort, evt. ein Bild, einen Quellenlink und eine Vorgehensweise für Schlagworte enthalten. Auf jeder Karte sollte das Namenskürzel des Erstellers vermerkt sein, das ist wichtig für die spätere Beurteilung.
  3. SuS sollten Webmail-Adresse besitzen (z. B. Gmail)

Block 1: Sammeln von Grundbegriffen via Etherpad auf einer ABC-Liste

  1. Lehrer legt für jedes Thema ein Etherpad an, so z. B. http://etherpad.com/bsrohw09, http://etherpad.com/bsrosw09 und http://etherpad.com/bsroin09 . Die direkte Eingabe der Adresse nach einer logischen Syntax (bsro=Berufsschule Rohrbach, hw=Hardware – sw=Software – in=Internet, 09=für das Jahr 2009) ziehe ich der Adresse vor, die Etherpad automatisch vergibt. Die Anlage geschieht idealerweise vor den Augen der Schüler um die Einfacheit von ehterpad zu demonstrieren.
  2. SuS teilen sich in Zweiergruppen. Die Themen werden unter den Gruppen aufgeteilt. 5 Minuten lang werden Grundbegriffe im Etherpad anhand einer ABC-Liste gesammelt, dann geben die SuS das Thema an die nächste Gruppe reihum weiter. Nach 3 Durchgängen und 15 Minuten sollte jedes Pad eine Menge an Grundbegriffen enthalten. Bitte bei Etherpad regelmäßig speichern.
  3. Nun gibt es folgende Möglichkeiten:
    a) Per Twitter, Facebook, etc. die Außenwelt bitten, diese ABC-Listen um wichtige Begriffe zu ergänzen
    b) Lehrer streicht Begriffe bzw. fügt Begriffe hinzu
    c) Lehrer und SuS machen nichts von beiden und lassen die Liste einfach so.
  4. Die überarbeitete Liste wird (zur Sicherheit) ausgedruckt.

Nachdem ich 3a und 3c gemacht hatte, sind bei 15 SuS knapp 122 Begriffe entstanden. Für unseren Rahmen war das viel zu viel. Bei Wiederholung dieser Sequenz werde ich die Begriffe auf ein „erträgliches Maß“ eingrenzen, zudem einige Begriffe wie „Vaporware“, „Middleware“, „Shovelware“ und „Internet Engineering Task Force“ in den Listen aufgetaucht sind, die nicht unbedingt zum Grundwissen gehören müssen ;-)

Block 2: Erarbeiten der Grundbegriffe via Cobocards

  1. SuS melden sich bei Cobocards an und schicken eine Freundschaftsanfrage an die E-Mail-Adresse des Lehrers.
  2. Lehrer bestätigt diese Freundschaftsanfrage und fügt SuS dem Team des zu bearbeitenden Kartensets hinzu. Bei den SuS erscheint danach am rechten Rand das Kartenset zur Bearbeitung.
  3. Lehrer führt Musterkarte vor und weist auf Regeln zur Erstellung der Karte hin, siehe oben bei Vorbereitung. Besonderer erwähnenswert ist, dass eingefügte Grafiken keinesfalls zu groß werden dürfen, sonst überlappen sie nachher auf den Lernkarten. Kontrolliert kann dies unter „Drucken“, „Generiere PDF“ werden. Auch ein Hinweis auf das Urheberrecht bei Grafiken ist angebracht.
  4. 4 SuS teilen sich jeweils eine ABC-Liste und erstellen Karten für die Suchbegriffe. Wer einen Begriff bearbeitet, streicht ihn von der ausgedruckten ABC-Liste. Wer früher fertig wird, holt sich von anderen Gruppen ein paar Begriffe.
  5. SuS überprüfen Karten, die sie nicht selbst erstellt haben. Eventuell könnte dies eine Partnerklasse machen, evt. auch wer am anderen Ende der Welt.

Mögliche Risiken: Die SuS haben vollen Zugriff auf die Karten. Wenn Karten gelöscht werden, dann kann in Cobocards derzeit nicht nachvollzogen werden, wer was wann gelöscht hat. Irgendwer von den SuS hat meine sorgsam erstellte Musterkarte gelöscht. Pech, aber es hätte schlimmer kommen können. Theoretisch könnte ein „Troll“ die gesamte Klasse (oder einzelne SuS) sabotieren.

Block 3: Peer-Review

Gemeinsam mit einem Partner gehen die SuS ihre Karten durch. Sie achten dabei auf:

  1. Kartenquelle angegeben?
  2. Urheberangabe (=Katalog-Nr. bzw. Schüler-Kurzzeichen)
  3. Größe der Karte (kaum Leerzeilen, evt. kürzen)
  4. Verständlichkeit der Frage & Antwort

Wenn sie fertig sind, wählen sie unter „Drucken“ ihre eigenen Karten aus, wählen „Generiere PDF“ und drucken ihr Werk für die Lehrkraft zur Beurteilung aus bzw. mailen es.

Block 4: Karten besprechen

Via Beamer werden die Karten (von Schülern oder der Lehrkraft) vorgestellt, besprochen und Zusatzinfos gegeben.

Block 5: Lernen mit Cobocards und Abschluss

  1. Die SuS lernen die Grundbegriffe mit den von Cobocards angebotenen Methoden: Online, per Ausdruck usw.
  2. Die Beurteilung der Karten für die Note erfolgt entweder anhand der erstellten Karten oder via herkömmlichen Test.

Gewünschtes Ergebnis:

  • SuS kennen etherpad und können kollaborativ Dokumente erstellen
  • SuS kennen Cobocards als Lerninstrument einsetzen
  • SuS lernen, mit unbekannten Benutzeroberflächen zu experimentieren
  • SuS üben Fragen zu stellen,  im Internet zu recherchieren, Quellen anzugeben, Inhalte zusammenzufassen und zu übernehmen
  • SuS üben Copy & Paste (*grins*) und Bilder einzufügen
  • SuS üben, Grafiken zu suchen und in der Größe zu verändern.
  • SuS üben, die Werke anderer gegenzulesen und ggf. zu korrigieren und
  • üben Grundbegriffe von Hardware, Software und Internet.

Anmerkungen:

  • Die Sequenz zur Erstellung der ABC-Liste könnte weggelassen werden. Möglicherweise ist eine Vorgabe der Begriffe durch die Lehrkraft zielführender und übersichtlicher.
  • Die SuS erwarteten von mir eine Schritt-für-Schritt-Erklärung, die ich nicht bereit war, zu geben. Ich ermutigte sie immer wieder, selbst herumzuprobieren, was ein wenig Gemaule verursacht hat. Schließlich gewöhnten sie sich doch daran, „nicht im Gleichschritt zu marschieren“.
  • Während der Sequenz erstellte die schnellste Schülerin 14 qualitativ hochwertige Lernkarten, die langsamste 5 Karten. Die Lehrkraft sollte sich vorher überlegen, wie dies zu bewerten ist.
  • Ich hoffte bei der Erstellung inständig, dass keiner der SuS auf die Idee kommt, wild herumzulöschen und habe die Bearbeitungsberechtigung (unter „Team“) kurz nach der Erstellung entfernt.
  • Tipp für ein Backup während bzw. nach der Erstellung: Die Karten im Pool veröffentlichen, dann wieder Kartenimport aus dem Pool in einen neuen Kartensatz (Backup) durchführen und niemanden darauf Zugriff geben. So sind sie erstmal gesichert.
  • Ich habe noch nicht entschieden, die erstellten Karten im Cobocards-Pool zu veröffentlichen. Der Inhalt einiger Karten ist immer noch verbeserungswürdig. Ich bin aber nicht sicher, ob die SuS dies hinbekommen. Ich habe zwar die ausgedruckten Kartensätze am Papier korrigiert und zurückgegeben, aber, und das ist echt mühsam: Das Hinterherlaufen, ob diese Korrekturen auch wieder durchgeführt werden, das nervt.

Fazit:

  • Zum Herumprobieren vor dem Unterricht empfiehlt sich ein zweiter Cobocards-Account (mit zweiter E-Mail-Adresse), um die Team- und Freundschaftseinstellungen ausprobieren zu können.
  • Bei der Erstellung der Karten und beim Arbeiten mit einer (komplexen) Web-Oberfläche lernen die SuS eine Menge.
  • Für den Lehrer wäre natürlich schlecht vorbereiteter Frontalunterricht oder eine Power-Point-Wüste einfacher.
  • Die erstellten Cobocards werde ich im nächsten Lehrgang als Lern-Tool einsetzen und um einige Begriffe ergänzen. Vielleicht werden sie dann so gut, dass sie eine Veröffentlichung wert sind.
  • Bauchweh habe ich, weil das Löschen einer Karte so unwiderruflich, ohne sichtbare Aufzeichnung (in Aktivitäten – wer hat was wann gelöscht) geschieht.

4 comments 16. Oktober 2009

Master of eEducation

Seit einigen Tagen bin ich nebenberuflicher Teilzeit-Student an der Fernuniversität in Hagen. Ziel ist, in den nächsten 4 Jahren den „Master of eEducation“ an der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften in der Tasche zu haben. Warum ausgerechnet dieses Studium, warum ausgerechnet Hagen?

  1. Alle 7 Pflichtmodule treffen meinen Geschmack und meine Interessen ganz genau. Ich würde jedes Modul auch freiwillig belegen.
  2. Wo Fernuni draufsteht ist auch Fernuni drin: Keine Präsenzeiten. Keine Reisezeiten. Keine Hotels. Keine Hörsäle. Keine Vorträge. Keine Urlaubsansuchen. Keine Vorbereitungen von Supplierstunden und kein Kollegen-Gemeckere wegen Abwesenheit. Freie Zeiteinteilung. Selbstständiges Arbeiten.
  3. Prüfungen sind in kreativen, selbstorganisierten Artefakten via ePortfolio abzugeben. Kein sinnloses Gepauke von Fakten, die nachher sowieso wieder vergessen werden.

IMG_6720Andere „Masters of eEducation“ sind von der Zeitdauer kürzer angelegt, erfordern aber Präsenzzeiten, die oft am Wochenende und an Fenstertagen liegen. Wochenende ist kaum ein Problem, die Fenstertage eher: An unserer Berufsschule wird an Fenstertagen eigentlich immer gearbeitet. Theoretisch ist unbezahlter Urlaub an diesen Tagen kein Problem, praktisch aber ein Risikofaktor, weil hier Menschen entscheiden. Das Ganze erübrigt sich aber, weil ich entschieden habe, dass die Familie dem Studium immer vorgeht. Daher: Längere Studiendauer ist besser als Präsenzzeiten, weil mehr Zeit für die Familie bleibt.

In diesem Semester habe ich die Module für die ersten zwei Semester belegt, also quasi ein Vollzeit-Pensum. Das erste Modul behandelt Blogs und dürfte kein Problem sein, schließlich beschäftige ich mich seit 3 Jahren damit. Sollte es sich ausgehen, dass ich dieses Pensum schaffe, dann ist’s gut. Wenn nicht, dann wiederhole ich einfach das 2. Modul im nächsten Semester (Leerbelegung).

Belegt habe ich also:

  • Modul1: Medien und Kommunikationstheorien
  • Modul1: Medien und Wirklichkeitskonstruktionen
  • Modul1: Wissenskommunikation in virtuellen Lerngemeinschaften
  • Modul2: Lehren und Lernen in der Wissensgesellschaft
  • Modul2: Medienkommunikation und Medienkompetenz
  • Modul2: Instructional Design

Die Aufgaben werden per Moodle gegeben, der Moodle-Kurs ist bis jetzt noch nicht freigeschalten. Offizieller Semesterbeginn ist morgen.

Vorige Woche habe ich begonnen, den Studienbrief „Medien- und Kommunkationstheorien“ zu lesen. Dieser umfasst einen geschichtlichen Abriss über diese Theorien seit dem 19. Jahrhundert: Die Geschichte der Theoretisierung von Kommunkation, die beginnende Medientheoriebildung, Theorien der Exteriorisierung, Kybernetik, usw. Die „wissenschaftliche Sprache“ im Skript war für mich anfangs recht herausfordernd, las ich doch in den letzten Jahren hauptsächlich populärwissenschaftliche Bücher, meist auf Englisch. Und die bedienen sich ja meist einer eher einfachen Sprache. Ungewohnt war auch, dass ich alle zwei Seiten auf ein unbekanntes Fremdwort gestoßen bin, bei dem auch mein altes Fremdwörterbuch versagt hat, indem es entweder den Begriff nicht kannte oder nichtssagende Auskunft gab. Gut, dass es Wikipedia gibt. Nach ein paar Seiten ging’s aber dann ganz gut und mittlerweile verstehe ich, was mir Frank Hartmann sagen möchte.

Für Hagener-Studenten gibt es ein Forum, wo man sich austauschen kann. Da wurde ich bei meiner Vorstellung sogleich vom Forums-Master gerüffelt, weil ich auf diesen Blog verlinkt habe. „Affiliate-Marketing“ ist dort nicht erwünscht und ich habe dann und wann meine Buchempfehlungen via Amazon-astore verlinkt. Nicht dass ich jemals darüber einen Cent verdient hätte, aber egal.

Die Vernetzung mit den Mitstudenten müsste via Web2.0 ganz gut funktionieren. Jedenfalls besser als sonst, da diese Menschen doch eine gewisse Affinität zum Web haben sollten. Es sollte möglich sein, ein zeitgemäßes Niveau von Kollaboration zu erreichen, das über das Hin- und Hersenden von Docs via E-Mail hinausgeht, ohne dass meinereiner sämtliche Überredungskünste aufbringen muss, damit sich ein Gegenüber endlich doch trotz aller Sicherheitsbedenken und technischen Hürden einen Google-Mail Account anlegt.  Ich meine damit:

  • kollaborativer Notizenaustausch via Google Text und Tabellen
  • Facebook
  • Twitter
  • Skype
  • oder eines dieser Tools.

Zum Start stelle ich meinen noch unbekannten Mitstudenten meine Notizen zum Skript Medien- und Kommunkationstheorien via Google-Text zur Verfügung. Wenn der Moodle-Kurs freigeschaltet wird, dann ergibt sich hoffentlich die Möglichkeit, eine gemeinsamen Arbeit an diesem Dokument. Was früher handschriftlich in der Schublade verschwand, wird nun öffentlich im Netz zur gemeinsamen Bearbeitung freigebeben. Theoretisch herrlich – ich bin gepannt, ob das klappt.

Natürlich wird hier in den nächsten Jahren regelmäßig über eEducation gebloggt werden. Damit wird lernenheute wieder zur jener Plattform, als die sie begonnen hat: Als Gedankensammlung und Lernstoff-Reflexion.

7 comments 4. Oktober 2009

Lehrer und Facebook

„Was ist denn eigentlich dieses Facebook?“, fragte mich voriges Schuljahr ein Kollege. Wenige Sätze später haben wir beschlossen, ein SCHILF-Seminar (=schulinterne Lehrer-Fortbildung) zu organisieren. Vorigen Mittwoch war es soweit:  Lehrerinnen und Lehrer drückten nach einem langen Arbeitstag, teilweise sogar nach einem anstrengenden Nachtdienst im Internat bis spätabends zum Thema „Facebook & soziale Netzwerke“die Schulbank.

Um dieses 4-Stunden-Seminar zu halten, bin ich wie folgt vorgegangen:facebook-logo

  1. Aktivierung meines seit 2 jahren brach liegenden Facebook-Accounts, Freunde suchen und finden (von Null auf 125 in 6 Monaten).
  2. Sammeln von Links via delicious-tag „Facebook“.
  3. Anlegen einer Facebook-Youtube-Playlist.
  4. Anlegen eines Google-Alerts zum Thema, Stichwort „facebook“ im Bereich „News“ als RSS-Feed.
  5. Sammeln von anderen Beiträgen (Podcasts,  einschlägige Sendungen, Zeitungsausschnitten)
  6. Aufbau einer Screenshot-Sammlung von Facebook-“Merkwürdigkeiten“.

Die 25 potentiell interessierten Teilnehmer bekamen ein Monat vorher die Möglichkeit, den Seminarablauf via etherpad anzusehen und Wünsche in etherpad einzugeben. Etherpad habe ich gewählt, weil keine Anmeldung notwendig ist und dies eine zusätzlich Hürde für Kollegen wäre, Wünsche zu deponieren. Genutzt wurde diese Möglichkeit trotzdem kaum.

Ich hatte auch alle Teilnehmer gebeten, sich vorab bei Facebook zu registrieren (Name, Geburtsdatum, e-mail; den Rest überspringen; die e-mail bestätigen), weil ich befürchtete, dass Facebook die Registrierung automatisch sperrt, wenn sich 25 Teilnehmer (von einer IP) zu  selben Zeit anmelden. Bei Google-Docs passiert mir das regelmäßig mit Schülergruppen. Fast alle hielten sich daran, die anderen verursachten dann im Seminar selbst einige Minuten Leerlauf. Das war nicht weiter schlimm, aber trotzdem für die Zukunft merken: Alle sollten angemeldet sein, notfalls selbst machen.

Gestartet habe ich mit einem Wissens-Quiz-Spiel, um die Teilnehmer auf die spannende Hintergrund-Infos einzustimmen. Folgende 9 Fragen habe ich den Teilnehmern gestellt:

  1. Nenne 50 Dinge, die sich durch das Internet bzw. die Netz-Kommunikation verändert haben.
  2. Wenn Facebook eine Nation wäre, wie groß wäre diese Nation im Weltranking?
  3. Was passiert mit deinen Daten, nachdem Du die FB-Mitgliedschaft beendet hast?
  4. Wer finanziert Facebook?
  5. Wer außer FB at Zugriffsrechte auf Deine Daten?
  6. Wem gehören die Bilder, Videos, Links usw. in FB?
  7. Wie verdient FB Geld?
  8. Wieviel % Internet-Datenverkehr war der FB-Anteil vor zwei Monaten bei den Schweizer Bundesbeamten?
  9. Was ist die höchste Strafe, die bisher aufgrund eines FB-Postings erteilt wurde?

Das Seminar teilte ich in vier Blöcke zu je 50 Minuten. Nach jedem Block war eine 10-Minuten-Pause vorgesehen. Jeder Block war wiederum geteilt in die konkrete Anwendung Facebook und in Hintergrundinfos. Diese Hintergrundinfos, gespickt mit Videos, entnahm ich zum Teil dem Vortrag von Peter Kruse beim Metro-Bildungskongress, baute Infos aus Ratgebern für Medienkompetenz Jugendlicher ein, spickte das noch  mit Geschichten und Ideen aus einschlägigen Büchern (z. B. „Here comes everybody“ von Clay Shirkey).

Skript gab es keines, dafür legte ich die wichtigsten Infos im im Lernenheute-Wiki ab. Hier gibt’s ein Facebook-Skript zum Runterladen, zwei Skripten zur Privatsphäre und Medienkompetenz und ein überaus interessantes Interview von Peter Kruse. Dazu noch die verwendeten Slideshows, die youtube-Playlist und die delicious-Links.

Mit dem im Wiki angegebenen Seminarplan kam ich in den 4 Stunden ganz gut durch. Den Fotoalbum-Teil habe ich ausgelassen, weil wir 35 Minuten später als geplant begonnen haben.

Das mündliche Feedback der Kollegen war sehr erfreulich. Trotz später Stunde und Müdigkeit war das Interesse bis zum Schluss sehr groß. Für das Schulsystem würde ich mir gerne mehr solche Veranstaltungen wünschen. Die Vorlaufzeit müsste sich mit ein wenig guten Willen vielleicht auch auf ein Monat reduzieren lassen, wenn es sich um schulinternes Seminar handelt.

Ich habe versucht, die Kollegen möglichst neutral zu informieren, den Schwerpunkt auf Medienkompetenz zu legen und auf Möglichkeiten und Chancen mittels Facebook hinzuweisen. Einige Kollegen haben ihren Facebook- Account nach dem Seminar wieder deaktiviert, andere sammeln fleißig Freunde, haben ihre Kinder nun als  FB-Freunde oder machen Bekannte darauf aufmerksam, was sie in FB eigentlich nicht tun sollten.

Auf die Frage, ob Lehrer generell Facebook nutzen sollten, kam im Seminar aus der Ferne via Twitter eine sehr schöne Antwort von Diana Menschig:

m. E. ist Nutzung von Online-Netzwerken wie facebook, wie über den Schulhof zu gehen: Präsenz und Interesse an Schülern zeigen!

11 comments 25. September 2009

Die Birkenbihl-Methode zum Sprachenlernen

Während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Hintergrund via itunes das Kapitel 3 des italienisch-Kurses in einer Endlosschleife. Ich weiß nun, dass ich die Italienisch-Lektionen viel zuwenig passiv gehört habe. Der Clou beim Passiv-Hören ist nicht, das Handy ständig dabeizuhaben um beim Zähneputzen oder beim Geschirr Abwaschen mal kurz einige Minuten Italienisch zu hören.

(Dies ist ein Fortsetzung zum Blog-Beitrag:  Ohne Grammatik eine Sprache lernen)

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Karin Holenstein (protalk.ch)

Karin Holenstein von protalk empfiehlt täglich mindestens 30 Minuten, besser eine Stunde und länger passiv zu hören. Sie selbst hat Englisch und Französisch mit der Birkenbihl-Methode gelernt und perfektioniert und weiß daher, wovon sie spricht. Seit einigen Jahren unterrichtet sie mit der Birkenbihl-Methode Erwachsene und Primarschüler in Englisch und begleitet ihren Sohn parallel zum Schullehrmittel.

Von einem Seminar bei protalk am Sanstag bin ich mit folgenden Tipps  zurückgekehrt:

  • Viele Personen lernen ausschließlich mit der Birkenbihl-Methode. Als Variante können nach einigen Lektionen zusätzlich andere Lernmethoden angewandt werden. Dies können Lehrbücher, Sprachcafès (der Volkshochschulen), DVD’s, Podcasts oder Ähnliches sein. Für mich als Italienisch-Einsteiger war der Birkenbihl-Kurs in den ersten 5 Lektionen genau richtig: Lernen fällt leicht und fast nebenbei wird ein beachtlicher Wortschatz und ein Gefühl für die Sprache aufgebaut.
  • Die Methode wirbt mit: „Sprachen lernen ohne Grammatik“, aber: Übungsbücher, Grammatikbücher usw. sind trotzdem erlaubt, wenn man will. Dieser Tipp freute mich: Ich will mal kurz nachschlagen, wie die Mitvergangenheit eigentlich gebildet wird. Oder ich will eine übersichtliche Darstellung von „ich – du – er – sie – es – wir – ihr – sie“ haben. Es ist mir auf Dauer zu anstrengend, aus den Beispiellektionen die Grammatik zu abstrahieren und Regeln herauszulesen. Da helfen zusätzliche Lernmittel sehr.
  • Karin erzählt, sie hat die Lektionen oft stundenlang gehört: CD-Player auf Endlosschleife und die Lektion läuft den ganzen Vormittag.
  • Wenn das passive Hören nervt: Lautstärke runter.
  • Es ist hilfreich, sich aufzuschreiben, wie lange die jeweiligen Lektionen passiv gehört wurden. Nach und nach bekommt man ein Gefühl, welche Laufzeiten notwendig sind. Karin zeigte uns ein Protokoll einer Schulklasse, bei der einzelne Lektionen von 20 bis zu 465 Minuten gehört wurden, je nach Länge der Texte.
  • Falls beim Schritt 4 der Birkenbihl-Methode (Sprechen/Schreiben/Lesen) Probleme auftreten, dann wurde zuwenig passiv gehört. Daher: Einen Schritt zurückgehen und noch länger passiv hören.
  • Ein Vorteil der Birkenbihl-Methode ist, dass bestimmte Themen, die in den einzelnen Lektionen vorkommen, wie im Schlaf beherrscht werden. Der Lerner kann ziemlich viel dazu in geschliffenen Sätzen sagen – er hat sie ja oft genug gehört.
  • Zugleich sind diese Lektionen eine Basis zum weiterlernen mit anderen Methoden. Wenn diese Basis im Gehirn gesetzt wurde, dann können neue Informationen relativ leicht in dieses Wissensnetz eingewebt werden. Karin hat dies in einem Leserbrief im Tagblatt (pdf) genau ausgeführt.
  • Eine nette Übung ist die Stopp-Technik: Der Lektionstext wird von Lernpartner A dem Lernpartner B vorgelesen. A stoppt mitten im Satz und B spricht (aus dem Gedächtnis) weiter. Kann B das nicht, wurde zuwenig passiv gehört. Mangels Lernpartner werde ich wen bitten, die MP3 von Zeit zu Zeit zu stoppen.

Bis ich selbst diese Methode im Klassenzimmer anwende, werden noch einige Monate ins Land ziehen. Zuerst möchte ich selbst sagen können, dass ich Italienisch mit Hilfe der Birkenbihl-Methode gelernt habe. Über Höhen und Tiefen werde ich in diesem Blog berichten.

Übrigens: Online-Sprachenkurse nach dieser Methode in Englisch, Spanisch und Französisch sind unter www.birkenbihl-sprachen.com erschienen. Einige Probekapitel können dort gratis ausprobiert werden, ansonsten kosten die Kurse ab € 69,00. Die Texte werden einem dort vorgelesen, parallel kann am Bildschirm die Wort-für-Wort-Übersetzung mitgelesen werden. Die Geschwindigkeit ist änderbar, MP3-Dateien können runtergeladen werden.

Wirklich preiswert sind aber die CDs (Englisch, Französisch, Italienisch, …) für € 9,90 bis € 14,80. Dass das Lehrbuch „nur“ als PDF beiliegt, empfinde ich als Vorteil: Ich habe mir die einzelnen Lektionen so ausgedruckt, dass ich meistens ein Blatt pro Lektion habe (Vor- und Rückseite, jeweils zwei Seiten auf einer A4-Seite). Übrigens sind die Texte der Sprachversionen Italienisch, Englisch, Spanisch und Französisch inhaltlich weitgehend ident, was für das Erlernen oder Auffrischen weiterer Sprachen von Vorteil sein müsste.

Am Sprachlernerner-Blog sind übrigens einige Birkenbihl- und Holenstein-Videos gesammelt.

Wie Karin Holenstein die Birkenbihl-Methode im Klassenzimmer anwendet, ist ein eigenes Blog-Posting in den nächsten Tagen wert. Danke an Karin für’s Gegenlesen dieses Beitrags.

4 comments 3. September 2009

Mitten in den Ferien: neues Schulprojekt gestartet

Zusammen mit vier Kolleginnen war ich heute zu Besuch in der Berufsschule Schärding, die 2001 ihren Rechnungswesen-Unterricht auf selbstgesteuertes Lernen umgestellt haben. Obwohl die PH-Linz jedes Jahr mit ihren Junglehrern nach Schärding pilgert, hat bisher noch keine Berufsschule das mittlerweile jahrelang bewährte System übernommen. (Vielleicht sollte sie mal nicht gerade mit den Jungspunden fahren – siehe der Versuch mit den Affen).

So wird der Rechnungswesen-Unterricht normalerweise an unserer Berufsschule organisiert:

  1. Die Klasse wird manchmal in N- (=normal) und V-Gruppe (=vertieft) geteilt, manchmal auch nicht.
  2. Beide Gruppen haben einen eigenen Raum, einen eigenen Lehrer, aber grundsätzlich denselben Stoff. Die Vs ein bisserle mehr Beispiele, auch bei der Schularbeit.
  3. Musterbeispiele werden gerechnet, Aufgaben gestellt, Aufgaben gelöst und verglichen. Unterricht im Gleichschritt wie seit 200 Jahren, garniert mit dem einen oder anderen Methödchen.

So sieht der Rechnungswesen-Unterricht in Schärding (und bald bei einigen wenigen Lehrern auch bei uns) aus:

  1. Die Klasse wird immer noch in N und V geteilt, weil das gesetzlich nicht anders geht.
  2. Es gibt immer noch zwei Räume und zwei Lehrer.
  3. Allerdings ist ein Raum für Schüler reserviert, die absolute Ruhe beim Lösen der Aufgaben haben möchten.
  4. Im anderen Raum machen zwei Lehrer folgende Jobs: Lagebesprechung (was machen wir heute?), neue Stoffabschnitte erklären, individuelle Hilfe bzw. Gruppen-Hilfe, Lernprobleme besprechen, Hilfstellung und Tipps geben.
  5. Der Lernstoff ist in Basis-, Super- und Topstoff eingeteilt. Schüler, die „nur“ den Basisstoff lernen möchten, können maximal eine 3 im Zeugnis erhalten, Super = 2, Topstoff = 1.
  6. Die Schüler holen sich für ein Thema jeweils ein Musterbeispiel und übertragen es in ihre Mappe und rechnen dann beliebig viele Übungs- und Hausübungsbeispiele.
  7. Der 10-Wochen-Lehrgang ist in drei Abschnitte geteilt. Während dieser Abschnitte kann der Schüler  beweisen, dass er den Stoff beherrscht indem er  zu einem beliebigen Zeitpunkt eine freiwillige Abschnittskontrolle (=eine Art „Test“) schreibt. Erlangt er dabei mindestens 13 von 16 Punkten, dann hat er auf jeden Fall für diesen Abschnitt eine 3, egal was er nachher bei der für alle verpflichtenden und am Lehrgangsbeginn fixierten Lernzielkontrolle hat. Dadurch schreibt er stressfreier die Lernzielkontrolle, er kann in diesem Abschnitt nicht mehr versagen und sich nur noch verbessern.
  8. Die zwei verpflichtenden Schularbeiten sind für alle gleich. Schüler, die also nur den Basis- und Superstoff gerechnet haben, werden die Beispiele des Top-Stoffes nicht lösen können und lassen diese aus.

Die Erstellung der Materialien für das eigenverantwortliche Lernen ist natürlich um einiges aufwändiger als den Schülern die Buchseite XY an die Tafel zu schreiben. Netterweise stellte uns unser Schärdinger Kollege Roland Schwingenschlögl sämtliche Materialien, von den Musterbeispielen, Übungsbeispielen, Einführungspräsentationen bis zu den Feedbackbögen zur Verfügung. Eine wesentliche Erleichterung für diese Unterrichtsmethode (aber auch für alle anderen Fächer, bei denen Tests gegeben werden)  ist die „Testfabrik“, eine Software, mit der bequem Testfragen gesammelt, ausgetauscht und zu Wiederholungen und Tests  zusammengefügt werden können. Eine Demo-Version kann unter http://www.teachershelp.at heruntergeladen werden.

Über die Feinheiten der Methode werde ich in den nächsten Teilen noch berichten, sie enthält noch einige geniale Merkmale, die nur durch die jahrelange Erfahrung und spezielle Abstimmung auf Berufsschüler entstanden sind.

In Rohrbach werden wir im 5er-Team in den Ferien die Materialien an unseren Lehrplan anpassen, eine Mustersequenz erstellen und dann den Lehrstoff der ersten Klasse Rechnungswesen in die Schwierigkeitsgrade einteilen. Was uns von Schärding unterscheidet: Wir haben ein Lehrbuch. Wir sollten uns also, was die Entwicklung des Basis- und Superstoffes betrifft, sehr leicht tun. Anschließend sind die konkreten Beispiele zu entwickeln, um mit dem Unterricht im November loslegen zu können. (Im Lehrgang Sept – Okt haben wir dieses Jahr keine 1. Klasse).

Organisatorisch brauche wir zwei nebeneinanderliegende Räume und vom Stundenplan her immer ein Zweiergespann der Lehrer, die beim Projekt mitmachen. Kostenmäßig benötigen wir einen PC mit Drucker – das wird ein Problem werden. Falls später noch andere Kollegen einsteigen möchten, haben wir die heutige Veranstaltung mitgeschnitten. (Vielleicht auch ein wenig aus Nostalgie-Gründen, wenn wir im Jahr 2019 sagen können: So hat es angefangen.)

Apropos Kosten: Unserer zuständige Behörde zahlt (gesetzeskonform) keinen Cent für dieses Projekt. Anreise, Verpflegung und Heimreise werden privat bezahlt. Eventuelle Unfälle auf der Strecke sind mangels Dienstauftrag Freizeitunfälle. (Stephan List meinte dann via Twitter, deshalb hieße es ja auch … siehe Link …). Und nein, wir haben auch keinen Dienstwagen. Und ja: Lehrer bekommen in den Ferien ihr Gehalt weiterbezahlt.

Linktipp: Josef Kuffner, ein weiter Kollege aus Schärding, hat seine Diplomarbeit über diese Methode geschrieben und ins Netz gestellt. (Download als PDF)

1 comment 4. August 2009

Wen hast du denn heute in der Schule unterrichtet?

furman„Ich schaffs!“ von Ben Furman beschreibt eine Methode, mit der Kinder Fähigkeiten erlernen können, die wir normalerweise mit dem Wort „Problem“ bezeichnen würden. Beispielsweise „schön spielen“ (=beim Spielen nicht so wütend zu werden, dass Raufereien entstehen), die „Kitty-Fähigkeit“ (=so gut zuhören können wie die Katze Kitty) oder „braves Reden“ (=keine Schimpfwörter verwenden).

Die Methode besteht aus 15 einfachen Schritten,  in denen die zu erlernde Fähigkeit definiert und benannt wird, eine „Kraftfigur“ als imaginärer Helfer und reale Helfer ausgesucht und eingeweiht werden, das Vorhaben veröffentlicht, geübt und eine Vorgehensweise für Rückschläge gefunden wird. Zuletzt wird gefeiert.

Verglichen mit der Schule wäre jetzt Schulschluss. Aber Furman setzt noch zwei Schritte drauf: Im Schritt 14 sollte das Kind die Fähigkeit an andere weitergeben (=Lernen  duch Lehren) und im Schritt 15 zur nächsten Fähigkeit übergeben (=Lebenslanges Lernen).

Aus lernpsychologischer Sicht ist Schritt 14 wichtig:

  1. das Erlernte wird nochmals wiederholt und damit gefestigt
  2. das Erlernte wird mit eigenen Worten wiedergeben
  3. das Selbstwertgefühl wird durch die Weitergabe an Andere (=Peers) gesteigert
  4. die Peers lernen von ihresgleichen leichter und schneller

Eltern, Erzieher, Lehrer werden durch den Schritt 14 entlastet und das Erlernen der Fähigkeit wird ein Selbstläufer.

Furman berichtet, dass in traditionellen Kulturen Lernen als Kreislauf angesehen wird. Die Phase der Ignoranz wird durch eine Lernphase abgelöst. Der Kreislauf wird geschlossen, wenn die Person das Gelernte im Stamm verbreitet hat. Etwas alleine zu wissen, reicht nicht aus. Man muss auch in der Lage sein, es anderen beizubringen.

Deshalb plädiert Furman für eine Durchmischung von älteren mit jüngeren Kindern in der Schule. Ältere sollten Jüngere unterrichten, so wie das bis vor Einführung der Industriezeitalter-Schule schon immer geschehen ist. Das ist unsere Natur, das erleichtet das Lernen.

„Kinder haben ein angeborenes Bedürfnis zu lernen, sie haben aber auch ein angeborenes Bedürfnis zu lehren. Wenn ein Kind ein anderes unterrichtet, fühlt es sich nützlich und wichtig. Wenn wir möchten, dass unsere Kinder etwas lernen, sollten wir ihnen die Gelegenheit dazu geben, das Erlernte auch anderen Kindern zu vermitteln.“

Statt zu fragen „Was hast du denn heute in der Schule gelernt?“ sollten wir unsere Kinder fragen (können) „Wen hast du den heute in der Schule unterrichtet?“

Die Methode gibt es auch adaptiert für junge Erwachsene Jugendliche im Buch „Ich schaffs! Cool ans Ziel“:

1 comment 3. August 2009

Neue Geldquelle entdeckt: Private Kopierer in der Schule

Manchmal werden Schulen geprüft. Ob dort alles mit rechten Dingen zugeht. In einer (vom Standard) nicht näher genannten österreichischen Schule fehlten plötzlich zwei Quadratmeter Schulraum. Nach intensiver Suche wurden die 2 m² unter einem schulfremden Kopierer gefunden. Nach weiteren intensiven Ermittlungen erkannte der Prüfer, dass dieser schulfremde Kopierer im Privatbesitz einiger (engagierter) Lehrer stand, die diesen anschafften, weil der einzige schuleigene staatliche Kopierer in der Direktion für die Schule unterdimensioniert war und kein (Staats-)geld für einen zweiten verfügbar war.

copierfAlso leasten diese Lehrer auf eigene Faust einen Kopierer, stellten ihn auf, kassierten Kopiergeld von den Schülern (oder auch nicht) und versuchten guten Unterricht zu machen.

So geht das aber nicht. Der Kopierer verstellte immerhin zwei Quadratmeter Schule.

Doch rasch fanden Juristen eine (juristisch) einwandfreie Lösung:

  1. Der schulfremde Kopierer ist eine gute Sache und verstößt nicht gegen irgendwas, verbraucht aber ständig Schulraum (auch in der unterrichtsfreien Zeit).
  2. Er darf bleiben, wenn für den (privat) verbrauchten Schulraum ein angemessenes (privates) Entgelt von den Lehrern (privat) bezahlt wird. Zahlungstext in der Überweisung: „Schulraumüberlassung“.

Mir gefällt das. Vorschrift ist Vorschrift. Ich werde in den nächsten Wochen um eine Prüfung meiner Privatwohnung bitten. Bei dieser Prüfung wird herauskommen, dass ein ganzes Zimmer meiner Wohnung eigentlich Schulraum ist, weil es vollgestopft mit Mappen, Büchern, Unterlagen und Materialien für die Schule ist. Klären lässt sich sicherlich noch, ob eine simple Honorarnote an die Schulaufsichtsbehörde oder ein Mietvertrag notwendig ist. Abgezogen wird wahrscheinlich der Platz, den meine privaten Hausschuhe in der Lehrergarderobe in der Schule verbrauchen. (Notiz an mich: Hausschuhe in den Ferien mit nach Hause nehmen). Relativ froh bin ich, dass ich im Unterricht meinen privaten iPod und ein privates Netbook verwende, die ich mit einem Rucksack ständig am Körper tragen kann und die, glaube ich, theoretisch keinerlei Schulraum verbrauchen sollten.

Wie ich aber soeben in einem Schulaufsichtsbehörde-Tweet lese, wird aus meiner aufgetanen Geldquelle nichts werden: Angeblich werden die Schulraum-Juristen auf Kurzarbeit geschickt. Sie können sich in den nächsten Monaten nur mehr um die dringlichsten und wichtigsten Angelegenheiten kümmern. Blogbeiträge, zum Beispiel.

(Hier übrigens die gesetzliche Grundlage: §128 – Schulraumüberlassung)

5 comments 8. Juli 2009

So oder so ähnlich haben Innovationen in der Schule Sinn

Seth Godin hat auf seinem Blog auf das Video „Guy starts dance party“ verlinkt. Das Video erinnert mich an Innovationen in der Schule.

Lasst mich das Video kurz aus Schulsicht beschreiben:

Die breite Masse liegt in der Komfortzone und tut entspannt das, was sie immer schon gemacht hat. Da springt ein (offensichtlich) völlig Verrückter auf und macht das, was keiner sonst macht: Er hampelt irgendwie herum. Vermutlich strengt er sich an, aber es scheint auch Spaß zu machen. Die anderen sehen zu. Warten ab. Denken: „So kann ich nicht tanzen“, „Dafür bin ich zu alt“, „Wo hat der das bloß gelernt?“, „Wie kommt der auf das?“, „Der muss ja jede Menge überschüssige Energie haben“, „Der spinnt“, „Ich verstehe überhaupt nicht, was das für einen Sinn haben soll“, „Jaja, wieder einer der sich in Szene setzen will, Angeber“, „Lasst ihn doch, irgendwann geht ihm die Puste aus und dann fällt er auf die Nase“, „Darf der denn das?“,  „War das nicht der, den ich vorhin mit Drogen gesehen habe?“.

Nach (relativ) langer Zeit kommt ein Zweiter, dann ein Dritter. Und das ist der Guy #3, den Seth Godin als Auslöser für gelungene Innovationen nennt. Der Dritte macht’s, dass sich plötzlich andere trauen, mitmachen, probieren, mitgerissen werden und plötzlich die Komfortzone zu einem seltsamen Ort wird, wo nur noch eine Minderheit herumliegt.

Was heißt das für die Schule?

Innovative Lehr- und Lernformen finden hinter verschlossenen Klassentüren statt. Geniale Projekte landen in der Schublade. Der Lehrer und 26 Schüler waren begeistert. Na toll. Würde Guy (or Girl #1) allein im Zimmer herumtanzen, dann würde sich zwar Körper und Geist außerhalb der Komfortzone bewegen. Für den Tänzer gut, für den Rest der Welt: nicht existent.

Daraus folgt für Lehrer: Raus aus dem Klassenzimmer! Lasst die Leute zusehen!

Andere Lehrer könnten sich neue Unterrichtsformen aneignen, kopieren, könnten mittanzen und hätten gemeinsam mehr Freude am Unterrichten. Gruppen-Feeling.

Aber wie können wir raus aus dem Klassenzimmer?

Indem Lehrer und Schüler beispielsweise bloggen, twittern, Wikis benutzen und Podcasts erstellen. Vielleicht lässt man sie auch dann und wann (in Barcamps?) ein wenig darüber berichten? Jetzt könnte man meinen das auch (die von mir sehr geschätzten) schulischen Präsenzveranstaltungen wie Tage der offenen Tür, Theateraufführungen, usw das bewirken, aber hier ist das erreichbare Publikum ungleich kleiner als im Web und … darauf kommt’s mir an: Vom Endergebnis lernt kaum wer was, das Endergebnis ist nicht unbedingt wesentlich.

Was aber ist wesentlich?

Das Wesentliche ist, dass nicht allein das Endergebnis sichtbar wird, sondern der Prozess der Erstellung. Die Schwierigkeiten die überwunden werden mussten. Der Lernprozess. Der Vorher-Nachher Zustand. Die best-practices. Das „wie“, das „how-to“ und faq (… bitte mitrappen…, gemeinsam und laut: „das wie, how-to und faq“). Dafür braucht es Mut, Toleranz und eine Fehlerkultur, denn fehlerlos wird dabei überhaupt nichts sein. Und es wird sehr oft seltsam und unvernünftig aussehen, wenn Einzelne was machen, was andere noch nicht gemacht haben. Haben wir den Mut unsere Fehler im Web zu präsentieren?

Beispiel:

Beim Lörnie Award werden jährlich vom Bundesministerium die besten e-learning Projekte ausgezeichnet. Ausgezeichnet wird immer das Endergebnis, der Content. Was aber für Lehrkräfte interessant wäre: Wie haben die Preisträger das gemacht? Wieviel Aufwand war das? Kann ich die Methode in meine Klasse übertragen? Wie? Welche Fehler wurden schon gemacht und welche muss ich unbedingt wieder machen, um einen Lerneffekt bei meinen Schülern zu erzielen? Hier die Seite, die zig-Stunden guten Unterricht enthält: Der Lörnie Award. Aber beim Tanzen kann ich denen nicht zuschauen. Schade.

P. S.: Der Song aus dem Video ist übrigens von Santogold – „unstoppable“.

7 comments 12. Juni 2009

Etherpad – das Klasse(n)-Notizbuch

etherpadwww.etherpad.com lässt sich ohne vorherige Anmeldung als Notizblatt nutzen. Dabei können mehrere Personen gleichzeitig ohne Zeitverzögerung in dasselbe Dokument schreiben. Jeder Tastendruck kann live am Bildschirm mitverfolgt werden.

Google Text und Tabellen“ kann das zwar (mit einer Zeitverzögerung von 5 – 15 Sekunden) auch, allerdings ist hier bekanntlich eine Anmeldung erforderlich. Leider ist es an unserer Schule nicht Standard, dass Schüler eine E-Mail Adresse besitzen, von einem Google-Account überhaupt nicht zu reden. Bis dass sich meine Gruppe irgendwo angemeldet hat, vergehen oft 30 – 40 Minuten (Wechsel in den Computeraum, Anmeldung im System, Starten von IE – neinnein – der ist alt – lieber den Firefox – „woistderversteckt“ -“hilfedersagtwasvoneinerunsicherenverbindung“ – „bittedieseitedocs.googl.comgehtnicht“ usw). Wenn ich beispielsweise in Wirtschaftskunde pro 40-Stunden-Lehrgang ein- oder zweimal einen freien EDV-Raum nutze, dann hat diese eine Stunde „Google-Docs“-Anmeldung ein äußerst schlechtes Zeit-Nutzen-Verhältnis. (Klar könnten dann andere Lehrer Google-Docs nutzen – aber: wer kennt das schon?? Und: Wer will das schon?)

Deshalb schien mir etherpad, das ohne Anmeldung funktioniert, sehr geeignet für gelegentliche gemeinsame Notizen. Deshalb probierte ich etherpad heute in einer Doppelstunde Wirtschaftskunde aus:

Vorbereitung zuhause: Anlegen einer etherpad-Seite – Einfach eine Seite aufrufen, wie www.etherpad.com/werner. Gibt es die Seite noch nicht, dann erscheint ein Button „Create Pad“. Der URL wird für immer und ewig gespeichert und wird nicht gelöscht. Allerdings gibt es aufgrund der fehlenden Anmeldung auch keinen Schutz der Seite – jeder kann reinschreiben, wenn der URL bekannt ist. Deshalb vielleicht lieber eine kryptische URL verwenden. Danach notierte ich die einzelnen Kapitelüberschriften der Gruppenarbeiten im Pad.

Doppelstunde Wirtschaftskunde:

  1. Zwei Schüler bekamen jeweils eine Aufgabe zugewiesen (Kapitelüberschriften im Buch, wie im Pad angelegt). In einer knappen Viertelstunde fassten sie das jeweilige Buchkapitel zusammen und präsentieren es anschließend ihren Kollegen. Auftretende Fragen werden geklärt. Erste Stunde beendet.
  2. Zweite Stunde: Wechsel in den EDV-Raum. Schüler rufen vorbereitete etherpad-Seite auf. Pro Benutzer kann eine Farbe ausgewählt werden und der „unknown“-Username mit dem eigenen Namen überschrieben werden. Eine Schüler diktiert, der andere tippt.Härtetest: 8 Benutzer gleichzeit auf einem etherpad? Die Verbindung bricht macnhmal zusammen, das kann aber auch an unserem Schulnetzwerk liegen. Ein „Re-Connect“ ist möglich, manchmal verschwinden aber die getippten Beiträge.

    Abhilfe schaffte der normale Zubehör-Editor (Start-Programme-Zubehör-Editor): Hier tippten die Schüler ihre Zusammenfassung ein und kopieren das Ergebnis dann ins etherpad. Hinweis: Wenn aus Winword-Dokumenten ins etherpad kopiert wird, dann werden jede Menge Steuerzeichen mitübernommen, also: don’t do that.

    Beliebig viele Zwischenstände können mit dem Button „Save Now“ gespeichert und auch wieder zurückgeholt werden.

    Schüler notieren unter ihren jeweiligen Beiträgen die Namen, das braucht der Lehrer für die Punktevergabe.  Schüler/Lehrer können am Beamer bzw. am eigenen Schirm mitverfolgen, wie das Dokument wächst und sich Tippfehler gegenseitig ausbessern. Macht Spaß. Eine Chat-Funktion gäbe es auch, macht aber nur bedingt Sinn, wenn alle gleichen Raum sitzen ;-)

  3. Wenn noch Zeit bleibt: Schüler stellen Fragen zum Stoffgebiet mit Hilfe der Fish-Bowl-Methode. Währenddessen kopiert ein Freiwilliger das erstellte Dokument in eine Textverarbeitung, formatiert die Überschriften und druckt für jeden Beteiligten ein Exemplar.

Fazit: Schüler erarbeiten Stoffgebiete selbstständig, trainieren Kurzpräsentationen, fassen Texte zusammen, ordnen, systematisieren und gehen mit einer (hoffentlich passablen) Zusammenfassung aus dem Unterricht. Wenn dort oder da was fehlt oder nicht richtig ist, dann kann von der Lehrkraft ruzck-zuzk drübergearbeitet werden.

6 comments 17. März 2009

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