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Grundbegriffe via Etherpad und Cobocards

cobocardsIm Fach Informatik für Banklehrlinge (40 Stunden in 3 Lehrjahren) werden neben einigen Stunden Excel, Internet-Grundlagen auch einige Informatik-Grundlagen durchgenommen. Folgende Vorgehensweise zum kollaborativen Erarbeiten von Grundbegriffen über Hardware, Software und Internet teste ich derzeit in einer 4-Stunden-Sequenz mit 15 Schülerinnen und Schülern (SuS).

Vorbereitung Lehrer:

  1. Sammeln der wichtigsten Grundbegriffe anhand dreier ABC-Listen (Hardware, Software und Internet) als Checkliste für das Lernziel.
  2. Anmeldung bei Cobocards, Musterkarte für SuS anlegen. Diese Musterkarte sollte eine typische Frage, Antwort, evt. ein Bild, einen Quellenlink und eine Vorgehensweise für Schlagworte enthalten. Auf jeder Karte sollte das Namenskürzel des Erstellers vermerkt sein, das ist wichtig für die spätere Beurteilung.
  3. SuS sollten Webmail-Adresse besitzen (z. B. Gmail)

Block 1: Sammeln von Grundbegriffen via Etherpad auf einer ABC-Liste

  1. Lehrer legt für jedes Thema ein Etherpad an, so z. B. http://etherpad.com/bsrohw09, http://etherpad.com/bsrosw09 und http://etherpad.com/bsroin09 . Die direkte Eingabe der Adresse nach einer logischen Syntax (bsro=Berufsschule Rohrbach, hw=Hardware – sw=Software – in=Internet, 09=für das Jahr 2009) ziehe ich der Adresse vor, die Etherpad automatisch vergibt. Die Anlage geschieht idealerweise vor den Augen der Schüler um die Einfacheit von ehterpad zu demonstrieren.
  2. SuS teilen sich in Zweiergruppen. Die Themen werden unter den Gruppen aufgeteilt. 5 Minuten lang werden Grundbegriffe im Etherpad anhand einer ABC-Liste gesammelt, dann geben die SuS das Thema an die nächste Gruppe reihum weiter. Nach 3 Durchgängen und 15 Minuten sollte jedes Pad eine Menge an Grundbegriffen enthalten. Bitte bei Etherpad regelmäßig speichern.
  3. Nun gibt es folgende Möglichkeiten:
    a) Per Twitter, Facebook, etc. die Außenwelt bitten, diese ABC-Listen um wichtige Begriffe zu ergänzen
    b) Lehrer streicht Begriffe bzw. fügt Begriffe hinzu
    c) Lehrer und SuS machen nichts von beiden und lassen die Liste einfach so.
  4. Die überarbeitete Liste wird (zur Sicherheit) ausgedruckt.

Nachdem ich 3a und 3c gemacht hatte, sind bei 15 SuS knapp 122 Begriffe entstanden. Für unseren Rahmen war das viel zu viel. Bei Wiederholung dieser Sequenz werde ich die Begriffe auf ein „erträgliches Maß“ eingrenzen, zudem einige Begriffe wie „Vaporware“, „Middleware“, „Shovelware“ und „Internet Engineering Task Force“ in den Listen aufgetaucht sind, die nicht unbedingt zum Grundwissen gehören müssen ;-)

Block 2: Erarbeiten der Grundbegriffe via Cobocards

  1. SuS melden sich bei Cobocards an und schicken eine Freundschaftsanfrage an die E-Mail-Adresse des Lehrers.
  2. Lehrer bestätigt diese Freundschaftsanfrage und fügt SuS dem Team des zu bearbeitenden Kartensets hinzu. Bei den SuS erscheint danach am rechten Rand das Kartenset zur Bearbeitung.
  3. Lehrer führt Musterkarte vor und weist auf Regeln zur Erstellung der Karte hin, siehe oben bei Vorbereitung. Besonderer erwähnenswert ist, dass eingefügte Grafiken keinesfalls zu groß werden dürfen, sonst überlappen sie nachher auf den Lernkarten. Kontrolliert kann dies unter „Drucken“, „Generiere PDF“ werden. Auch ein Hinweis auf das Urheberrecht bei Grafiken ist angebracht.
  4. 4 SuS teilen sich jeweils eine ABC-Liste und erstellen Karten für die Suchbegriffe. Wer einen Begriff bearbeitet, streicht ihn von der ausgedruckten ABC-Liste. Wer früher fertig wird, holt sich von anderen Gruppen ein paar Begriffe.
  5. SuS überprüfen Karten, die sie nicht selbst erstellt haben. Eventuell könnte dies eine Partnerklasse machen, evt. auch wer am anderen Ende der Welt.

Mögliche Risiken: Die SuS haben vollen Zugriff auf die Karten. Wenn Karten gelöscht werden, dann kann in Cobocards derzeit nicht nachvollzogen werden, wer was wann gelöscht hat. Irgendwer von den SuS hat meine sorgsam erstellte Musterkarte gelöscht. Pech, aber es hätte schlimmer kommen können. Theoretisch könnte ein „Troll“ die gesamte Klasse (oder einzelne SuS) sabotieren.

Block 3: Peer-Review

Gemeinsam mit einem Partner gehen die SuS ihre Karten durch. Sie achten dabei auf:

  1. Kartenquelle angegeben?
  2. Urheberangabe (=Katalog-Nr. bzw. Schüler-Kurzzeichen)
  3. Größe der Karte (kaum Leerzeilen, evt. kürzen)
  4. Verständlichkeit der Frage & Antwort

Wenn sie fertig sind, wählen sie unter „Drucken“ ihre eigenen Karten aus, wählen „Generiere PDF“ und drucken ihr Werk für die Lehrkraft zur Beurteilung aus bzw. mailen es.

Block 4: Karten besprechen

Via Beamer werden die Karten (von Schülern oder der Lehrkraft) vorgestellt, besprochen und Zusatzinfos gegeben.

Block 5: Lernen mit Cobocards und Abschluss

  1. Die SuS lernen die Grundbegriffe mit den von Cobocards angebotenen Methoden: Online, per Ausdruck usw.
  2. Die Beurteilung der Karten für die Note erfolgt entweder anhand der erstellten Karten oder via herkömmlichen Test.

Gewünschtes Ergebnis:

  • SuS kennen etherpad und können kollaborativ Dokumente erstellen
  • SuS kennen Cobocards als Lerninstrument einsetzen
  • SuS lernen, mit unbekannten Benutzeroberflächen zu experimentieren
  • SuS üben Fragen zu stellen,  im Internet zu recherchieren, Quellen anzugeben, Inhalte zusammenzufassen und zu übernehmen
  • SuS üben Copy & Paste (*grins*) und Bilder einzufügen
  • SuS üben, Grafiken zu suchen und in der Größe zu verändern.
  • SuS üben, die Werke anderer gegenzulesen und ggf. zu korrigieren und
  • üben Grundbegriffe von Hardware, Software und Internet.

Anmerkungen:

  • Die Sequenz zur Erstellung der ABC-Liste könnte weggelassen werden. Möglicherweise ist eine Vorgabe der Begriffe durch die Lehrkraft zielführender und übersichtlicher.
  • Die SuS erwarteten von mir eine Schritt-für-Schritt-Erklärung, die ich nicht bereit war, zu geben. Ich ermutigte sie immer wieder, selbst herumzuprobieren, was ein wenig Gemaule verursacht hat. Schließlich gewöhnten sie sich doch daran, „nicht im Gleichschritt zu marschieren“.
  • Während der Sequenz erstellte die schnellste Schülerin 14 qualitativ hochwertige Lernkarten, die langsamste 5 Karten. Die Lehrkraft sollte sich vorher überlegen, wie dies zu bewerten ist.
  • Ich hoffte bei der Erstellung inständig, dass keiner der SuS auf die Idee kommt, wild herumzulöschen und habe die Bearbeitungsberechtigung (unter „Team“) kurz nach der Erstellung entfernt.
  • Tipp für ein Backup während bzw. nach der Erstellung: Die Karten im Pool veröffentlichen, dann wieder Kartenimport aus dem Pool in einen neuen Kartensatz (Backup) durchführen und niemanden darauf Zugriff geben. So sind sie erstmal gesichert.
  • Ich habe noch nicht entschieden, die erstellten Karten im Cobocards-Pool zu veröffentlichen. Der Inhalt einiger Karten ist immer noch verbeserungswürdig. Ich bin aber nicht sicher, ob die SuS dies hinbekommen. Ich habe zwar die ausgedruckten Kartensätze am Papier korrigiert und zurückgegeben, aber, und das ist echt mühsam: Das Hinterherlaufen, ob diese Korrekturen auch wieder durchgeführt werden, das nervt.

Fazit:

  • Zum Herumprobieren vor dem Unterricht empfiehlt sich ein zweiter Cobocards-Account (mit zweiter E-Mail-Adresse), um die Team- und Freundschaftseinstellungen ausprobieren zu können.
  • Bei der Erstellung der Karten und beim Arbeiten mit einer (komplexen) Web-Oberfläche lernen die SuS eine Menge.
  • Für den Lehrer wäre natürlich schlecht vorbereiteter Frontalunterricht oder eine Power-Point-Wüste einfacher.
  • Die erstellten Cobocards werde ich im nächsten Lehrgang als Lern-Tool einsetzen und um einige Begriffe ergänzen. Vielleicht werden sie dann so gut, dass sie eine Veröffentlichung wert sind.
  • Bauchweh habe ich, weil das Löschen einer Karte so unwiderruflich, ohne sichtbare Aufzeichnung (in Aktivitäten – wer hat was wann gelöscht) geschieht.

4 comments 16. Oktober 2009

Erfahrungsbericht: Ohne Grammatik eine Sprache lernen

vfbsprachenIn der Schule habe ich Englisch und Französisch vermutlich so gelernt, wie eine Fremdsprache seit Jahren gelernt wird: Texte lesen, übersetzen, Grammatikstunden, Vokabel pauken, Lernfortschritt überprüfen, ab und zu ein wenig sprechen.

Die Birkenbihl-Methode verspricht, dass eine Fremdsprache, wenn sie gehirn-gerecht vermittelt wird,  mit 60 – 80 % Zeitersparnis im Vergleich zur alten Schulmethode gelernt werden kann. Ohne Vokabel zu pauken, ohne Grammatik-Regeln zu lernen, maßgeschneidert für den Lerner und mittels native speaker statt dialektlastiger Lehrer.

Für einige Sprachen (beispielsweise italienisch) gibt es diese Birkenbihl-Kurse, dazu das Buch „Sprachen lernen leicht gemacht„. (Anmerkung: In meiner Buchausgabe vom letzten Jahr wird ständig von Kassetten geschrieben, die kennen manche Jugendliche ja nicht einmal mehr. Aber vielleicht ist das in einer neuen Auflage schon korrigiert. Aber ansonsten ist das Buch zusätzlich zum Kurs ganz hilfreich.)

Die Methode fand ich interessant und so wollte ich sie mal ausprobieren, sinnvollerweise mit einer Sprache, die ich nicht konnte: Italienisch. Mittlerweile bin ich bei Lektion 5 (von 10) angelangt. Zeit für einen Zwischenbericht.

Wie die Methode funktioniert, kann im Blog „selbstverständlich Sprachen lernen“ prima zusammengefasst nachgelesen werden. Dafür ist hier kein Platz.

So bin ich vorgegangen:

  1. Die MP3-Files habe ich mir auf mein Handy kopiert. Damit war dieses „passive Hören“ jederzeit möglich: Beim Geschirr abwaschen, beim Dehnen nach dem Laufen, am Abend vor dem Einschlafen. Zugleich habe ich itunes während der Arbeit am PC oft kapitelweise in einer Endlosschleife laufen lassen. Passives Hören heißt: Du lässt die gesprochenen Texte im Hintergrund laufen, hörst aber selten bewusst zu.
  2. Ich habe immer versucht, den italienischen Text zu verstehen, indem ich aktiv zuhörte und den dekodierten Text mitlas. Dann erst begann ich, das Kapitel passiv zu hören. Das auf der CD enthaltene, extrem langsame Wort-für-Wort Soundfile habe ich nur 2-3 Mal angehört, dann bin ich immer zu Normalgeschwindigkeit gewechselt, ansonsten war es zu langweilig.
  3. Französisch und Englisch helfen immens, italienisch zu lernen: Der dekodierte Text ist bei mir vollgemalt mit Parallelen zu anderen Sprachen: abita-wohnen-habiter, lavoro-Arbeit-labour, trasferiti-übersiedeln-transfer, recente-kürzlich-recent, precisi-präzise, venuto-gekommen-venir, Infatti-in der Tat-as a fact, certe-gewisse-certain, …
  4. Anfangs war es lustig, in Alltagssituationen mit einigen italienischen Brocken um mich zu werfen: Mein Kleiner sagt jetzt regelmäßig „Tutto bene“ oder „Salve“.
  5. Diese Wort-für-Wort-Übersetzung musste ich dann doch alle paar Tage wieder auffrischen, ansonsten vergaß ich die Wortbedeutungen relativ rasch wieder.
  6. Das passive Hören hat einen wunderbaren (oder unheimlichen) Effekt. Manchmal träume ich italienische Sätze. Dann wiederum mähe ich den Rasen und es kreist ständig der Satz „Almeno ci provo“ im Kopf herum. Blöderweise hatte ich zu diesem Zeitpunkt vergessen, was das heißt (nämlich: „Zumindest versuche ich es“), aber ich bekam den Satz nicht mehr aus dem Kopf. Das ist schwierig zu beschreiben, am ehesten vergleichbar mit einem Hit, den Du im Radio hörst und der Dir im Kopf herumschwirrt.
  7. Ich habe Schwierigkeiten, die Bedeutung kurzer Wörter wie i, è, e, ci, che, di oder lì zu groken. Aber ich kann mich schon prima vorstellen, fragen wo der andere herkommt und sagen, wo ich herkomme. Und ich kann fast akzentfrei Sachen sagen wie „Imparare è semplice e divertente con il metodo guisto“ („Mit der richtigen Methode ist Lernen einfach und macht Spaß“).
  8. Ich habe von italienischer Grammatik keine Ahnung, glaube ich. Ich, Du, Er, Sie, Es, Wir, Ihr, Sie? Io, Lei, ci, ??? Pronomen? Naja, mio, und dann? Einige Sätze sind in der Vergangenheitsform, irgendwas mit o hinten dran? Kann ich nur vermuten. Das ist ungewohnt, sehr ungewohnt. (Zumindest „Ich, Du, Er, Sie, Es, Wir, Ihr, Sie“ sollte ich doch auswendig können, oder?)
  9. Selbstverständlich genieße ich es, dass ich für mich selbst lernen kann, ohne dass mir ein Lehrer, Trainer oder Kursleiter im Nacken sitzt und Ergebnisse und Lernfortschritte sehen will.

Was mir bei dieser Methode fehlt, ist das Re-Konstruieren von Wörtern, denn damit lerne ich selbst am Besten. Bisher höre ich zu und quassle nach und quassle mit. Aber im Kurs ist nicht vorgesehen, Sätze oder Situationen aus dem Deutschen ins Italienische zu übersetzen. Ich überlege nie aktiv, wie ich was sagen könnte. Ich lerne die vorgegebenen Dialoge gründlich auswendig. Und so komme ich lt. Kursbeschreibung nach 10 Kapitel auf 800 Redwendungen und Vokabeln. Die Methode müsste ideal für jene Menschen sein, die behaupten, sie läsen sich Texte recht oft durch und dann können sie diese. Ich selbst muss mit Texten arbeiten, reflektieren, kategorisieren, muss sie zerlegen und wieder zusammenbauen. Das enthält die Methode nicht, dafür sind Übungsbücher notwendig, oder google-translate, oder italienisch-podcasts oder DVDs. Apropos DVDs: Mir ist aufgefallen, dass relativ wenige DVDs eine italienische Audiospur oder italienische Untertitel enthalten.

Fazit: Die Birkenbihl-Methode macht Spaß, lässt einen fast nebenbei in eine Sprache einsteigen. Ungewohnt sind die fehlenden Grammatik-Hinweise und die fehlenden Übungen.

Der nächste Zwischenbericht kommt nach den nächsten 5 Kapiteln. Morgen geht’s ab in die Schweiz zu protalk. Die zeigen uns, wie sie diese Methode im Klassenzimmer anwenden. Bin gespannt.

3 comments 28. August 2009

Schlechte Lehrer wollen die Macht behalten

Sechs Stunden lang hörten einige hundert Lehrer am Freitag Vera F. Birkenbihl zu, als sie bei Ihrem jährlichen Besuch in Linz über „Neues von der Lernfront“ berichtete. Hier einige bemerkenswerte Aussagen:

Was ist der Unterschied zwischen Lernen und Pauken?

90 % des in der Schule gepaukten Wissens wird vergessen, Gelerntes bleibt. Viele von uns (aber nicht alle) haben in der Schule lesen gelernt, viele von uns haben in der Schule den Aufbau einer Zelle gepaukt. Alles klar? Also sollte sich jeder Lehrer grundsätzlich fragen, was in seiner Unterrichtseinheit gepaukt und was gelernt werden kann. Was hilft den Schülern im Leben? Was können sie wirklich lernen? (Siehe mein Beitrag vom Vorjahr: Das Wesentliche einer Unterrichtsstunde)

„Schlechte Lehrer wollen die Macht behalten“

Geben wir Lehrer den Schüler genug Kontingenz (=Wahlfreiheit)? Können Sie Ihren Lernerfolg manchmal selbst messen,  lassen wir sie durch Imitation lernen, sind wir gute Vorbilder beim Lernen, haben wir ein gut gefülltes Methodenrepertoire, sind wir ein Coach, der zum Lernen hinführt? Oder ist eine richtige Lösung ein Geheimnis, das der Schüler bei der Rückgabe seiner Arbeiten Tage später rot auf weiß erlebt? Halten wir die Schüler absichtlich klein, indem wir sie nicht nachschlagen und nicht nachlesen lassen? Indem wir Hintergrundinfos auf Arbeitsblätter zurechtstutzen, um sie nicht zu überfordern oder besser zu bleiben als die Schüler? Verbieten wir Wikipedia aus Angst, dass der Schüler mehr wissen könnte als wir? Fühlen wir uns als Dompteur, der Tiere dressiert, der sie mit Noten oder Gummibärchen belohnt, wenn sie zur richtigen Zeit hüpfen? Oder nehmen wir Rücksicht auf ihr individuelles Tempo?

Wir brauchen Außenlob nur, wenn wir uns mit etwas beschäftigen müssen, was wir nicht tun möchten.“

Fr. Birkenbihl betont immer wieder, dass Lehrer Opfer des Systems sind, nicht die Täter. Wir müssen also so unterrichten, wie wir unterrichten, weil das die Kollegen, die Direktion, der Inspektor, das Bildungssystem so will. Kleine Einschränkung von mir: Oder weil es anders einfach bequemer ist und wir uns noch nicht die Mühe gemacht haben, zu überlegen, ob es anders gehen würde? Oder weil wir noch nicht den Mut, die Kraft oder die Phantasie dazu hatten? Oder weil wir es mittlerweile leid sind, gegen den bürokratischen Wasserkopf anzukämpfen?

„Warum sortieren wir die Kinder nach Alter? Wir hätten sie besser nach Alphabet sortiert!“

Vera F. Birkenbihl plädiert für gemischte Klassen. Die jüngeren lernen von den Älteren. Die Älteren lernen, indem sie die jüngeren unterrichten. Die Lehrer können sich durch diese teilweise Entlastung um individuelle Förderungen kümmern. Und was machen wir in der Berufsschule? Wir trennen sie nicht nur nach Alter, wir trennen sie in einigen Fächern sogar innerhalb der Altersgruppe in „normale“ und „vertiefte“ Gruppe. Damit die lernschwachen wissen, dass sie lernschwach sind und keine leistungsstarken Vorbilder haben? Sehr intelligent, bravo dem Erfinder dieses Systems. So hält man Menschen klein, so züchtet man Burger-Brater.

Ein weiteres (sinngemäßes) Zitat, das auf breite Zustimmung stieß, zumal Betroffene nicht anwesend waren und die Veranstaltung abrechnungstechnisch ja ein reines Privatvergnügen war, für den etliche Lehrer einen Stundentausch mit ihren Kollegen veranstalten mussten:

„Eine Unterrichtsstunde in der Regelschule (=Pflichtschule) kostet zweimal soviel wie in einer Privatschule. Warum? Weil bei den Privatschulen der Wasserkopf der Verwaltungsbeamten fehlt! Gebt jenen Leuten kein Geld, die nicht unterrichten. Die haben im Bildungssystem nichts zu suchen!“

(Siehe dazu auch die brillianten Bilder von Dr. McLeod)

Natürlich bin ich aus dem 6-Stunden-Vortrag mit einigen Unterrichtsideen rausgegagen:

  • Auf meine Frage, was denn ein gutes Schulbuch ausmache, meinte Vera F. Birkenbihl: „80 % des Materials von Eliteschulen wird von den Schülern selbst erstellt. Lassen Sie doch den Schülern ihr bestehendes Schulbuch umschreiben.“
  • Ich werde in jeder Unterrichtsstunde kurze „Nachbarskonferenzen“ durchführen. Hier unterhalten sich zwei Schüler zu einem bestimmten Gedanken 30 – 60 Sekunden, mehrmals pro Unterrichtsstunde.
  • Meine Schüler werden mindestens einmal eine ABC-Liste von Tätigkeiten aufstellen, die sie gerne tun. Mit dieser werden wir arbeiten (Potentielle Jobs, Ziele, Interessensgebiete, Einbau in den Unterricht).
  • Wir werden im Englisch-Unterricht kurze Sketches einüben und die dann vorführen.
  • Ein Vorschlag war, den Schülern bei Test das Nachschlagen im Lernmaterial zu ermöglichen. Das muss ich noch überdenken. Argument dafür: Diejenigen, die nichts gelernt haben, schaffen die Aufgaben in der gegebenen Zeit nicht. Möchte ich mal ausprobieren. Wie, wann und wo? Weiß ich noch nicht.

Ein wesentlicher Grund für den Besuch dieser Veranstaltung ist für mich aber auch immer das Treffen mit Gleichgesinnten. Da sind allesamt motivierte Lehrer, die ihren Unterricht verbessern möchten, die interessiert und nicht neidvoll oder ängstlich sind, wenn es um eine Änderung des Unterrichtsalltags geht, die Neuem gegenüber aufgeschlossen sind und die auf ähnliche Weise ihren Unterricht ändern möchten.

Wem Birkenbihl einmal im Jahr zuwenig ist, der kann sich einer der Birkenbihl-Pilotgruppen anschließen, die in Österreich, Schweiz und Deutschland  existieren, sich regelmäßig treffen und immer Infos aus erster Hand erhalten. Ein Mail mit Kurzvorstellung an mich genügt, dann stelle ich gerne den Kontakt her.

5 comments 13. Oktober 2008

Der ultimative Lerntypentest

Hat Ihnen schon mal wer gesagt, dass Sie ein visueller Lerntyp sind? Nein? Sind Sie vielleicht ein auditiver oder gar einer der wenigen kinästhetischen Lerntypen? Und haben Sie dann gute Tipps bekommen? Sie sollen mehr schreiben, sich Lernstoff auf den iPod sprechen, beim Lernen auf und ab hüpfen? Sie sollen eher Mindmaps kreieren, eher mit einem Partner im Gespräch lernen, eher Kaugummi kauen? Und hat es gewirkt?

Der letzte Lerntypentest, an dem ich vorigen Sommer als Schüler teilnehmen durfte, ging so:

  1. Vortragender hält nacheinander 10 Bilder in die Höhe. Nach einer Minute Kopfrechnen galt es, die Elemente auf den gezeigten Bildern zu wiederholen (z. B.: Sonne, Esel, Haus, …). Anzahl der gemerkten Bilder notieren.
  2. Vortragender nennt 10 Gegenstände. Dieselbe Vorgehensweise wie oben.
  3. Vortragender zeigt 10 geschriebene Worte. Dieselbe Vorgehensweise wie oben.

Die Anzahl der jeweils gemerkten Gegenstände sollten auf den Lerntyp Rückschlüsse ziehen lassen. Was aber tun, wenn man immer 10 von 10 hat? „Ja, dann haben Sie von allem etwas, so was gibt’s.“ Oder der Schüler hat einfach während des Tests diese Gegenstände in eine Geschichte eingeknüpft und hatte somit kein Problem, alle 10 Gegenstände zu wiederholen. Unfair, dem Test gegenüber?

Ich habe sie satt, diese Lerntypentests. Noch immer überfallen Pädagogen ihre Schülern mit diesen populistischen populären, einfach durchzuführenden Tests um anschließend, selbstverständlich wissenschaftlich fundiert *grins*,  gut gemeinte Lerntipps zu geben, die den Schülern endlich eine Ahnung geben, warum sie sich mit dem Lernen bisher so schwer getan haben. Nein, es war kein Intelligenzproblem, es war nicht die fehlende Motivation, Faulheit oder gar schlechter Unterricht. Nein, nur einfach visuell statt auditiv, auditiv statt kinästhetisch oder kinästhetisch statt visuell gelernt. Problem erkannt, Problem gebannt. Dann braucht der Lehrer es nur noch zu schaffen, beispielsweise die Grenzen von Angola dem Schüler – wiederum beispielsweise auditiv – beizubringen und gleichzeitig all die anderen Lerntypen in seiner Klasse zu bedienen. Einziger Vorteil: Der Lehrer denkt darüber nach, wie er seinen Unterricht anders gestalten könnte.

Meine völlig unwissenschaftliche und aus dem Bauch heraus motivierte Schätzung dazu lautet: Für den Lernerfolg von 100 % entspricht das Wissen um den persönlichen Lerntyp genau 1,2 %. Wichtiger sind Lerntechniken, Motivation, Verständlichkeit des Unterrichts, Schlaf, Sport, Ernährung, psychische Ausgeglichenheit, Muße, angenehme Raumtemperatur, bequeme Unterwäsche und frisch gewaschene Socken.

Nun freut es mich umso mehr, dass es endlich prominente Gegenstimmen zu diesen netten und beliebten Tests gibt. Michael Kerres hat ein Video von der Uni Virginia mit dem Titel „Learning Styles don’t exist“ gefunden:

Jetzt braucht das Video nur noch in den Pädagogischen Hochschulen die Runde zu machen. Und dann als „glaubwürdig“ eingestuft werden. Danach sollte es insoweit Einzug in die Skripten finden, dass zumindest die Lerntypen-Test-Seiten daraus entfernt (oder radikal gekürzt) werden. Also in <error 405: can’t recognize numbers near googol> Jahren.

Im Gespräch höre ich immer wieder, dass die Lerntypentests „nur“ als Anhaltspunkt dienen, aber überhaupt keine Bedeutung für den Unterricht haben. Und dass jeder weiß, dass der Beweis von Lerntypen wissenschaftlich bisher noch nicht erfolgt ist. Aber dass im Kern doch was Wahres dran ist. Und zwar hat es konkret a) „mir selbst“ b) „einem Schüler von mir“ c) „dem Freund eines Schülers von mir“ d) „der Tochter meines Schwagers“ immens geholfen. So falsch können diese Tests dann nicht sein. Und überhaupt. Diese Amerikaner.

Ein unamerikanische Links:

Die Lerntypentheorie – eine Kritik

Ein populärer Irrtum, der sich hartnäckig hält

Lerntypen? Ein pädagogische Konstrukt auf dem Prüfstand (als PDF)

Wissenschaftlicher Beweis der Lerntypentheorie

P. S.: Ja, ich weiß. Die Überschrift ganz oben im Beitrag ist nicht passend. Aber wenn ich „Kritik an Lerntypentest“ geschrieben hätte, dann würde das kaum wer lesen.

2 comments 19. September 2008

e-LISA Academy Online Seminar – Bericht

Bei der e-LISA Academy können „kooperative Online-Seminare“ besucht werden. Normalerweise sind diese kostenpflichtig, wir Lehrer haben aber drei Freitickets, können also im Schuljahr drei dieser Seminare kostenlos besuchen. Ausprobieren wollte ich so ein Moodle-Seminar schon lange mal, vor einigen Wochen habe ich es dann geschafft: Meine Motivation war vorhanden und ein freier Platz im 4-Wochen-Seminar „Konflikte in der Klasse lösen“ ebenfalls.

Am Anfang: Skepsis.

Moodle kenne ich, verwende ich auch dann und wann in meinem Unterricht. Trotzdem konnte ich mir ein Konfliktseminar via Moodle nicht so recht vorstellen. Was kann das schon für ein Psychologie-Seminar sein, ohne Sesselkreis, ohne Rollenspiele, ohne Spielchen und ohne netten Pausengespräche? Da kann ich doch auch ein Buch lesen, oder?

Aber dann:

Parallel zu den lesenswerten Wochenskripten bekamen wir 8 Teilnehmer auf die vier Wochen verteilt insgesamt 15 sogenannte eTivities: abwechslungsreiche Aufgaben, die wir in Moodle Foren stellten. Dazu gehörte auch oft, dass wir die Beiträge der anderen Teilnehmer kommentieren. Beispiele für diese Aufgaben waren „Mobbing-Erfahrungen“, „Linktipps geben“, „Ein Kennenlernspiel, das ich mag“, „Erstellung eines Wut-Glossars“, „Eine Konfliktgeschichte“, … Bei allen Aufgaben wurde viel Wert auf persönliche Erfahrungen und Anwendungen für die Praxis gelegt.

Nach wenigen Tagen wurde mir der Vorteil dieser Seminarform klarer: Im Präsenzseminar erzählt jeder spontan seine Erlebnisse, die er mit dem Thema hat. Im Online-Seminar sind diese wohlüberlegt, gut formuliert und ausdruckbar, somit qualitativ hochwertiger. Auch das Feedback der anderen Teilnehmer habe ich sehr konstruktiv empfunden.

Die „netten Pausengespräche“ gab es (bei mir) nicht in dem Ausmaß wie bei Präsenzseminaren, wenn kommunziert worden ist, war es immer sehr themenbezogen, also sehr effektiv.

Der Zeitaufwand:

Samstags wurden immer die neuen Aufgaben freigeschalten, Abgabetermin war eine Woche später, am Sonntag. Dazwischen gab es immer wieder weitere Abgabetermine, wenn zB die Beiträge der anderen Teilnehmer kommentiert werden sollten. Anfangs arbeitete ich fast täglich am Seminar, ab der zweiten Woche reduzierte sich das auf zwei Abende: Sonntag- oder Montagabend löste ich die eTivities der kommende Woche und Freitagabend kommentierte ich die Beiträge der anderen Teilnehmer. Insgesamt ist der veranschlagte Zeitaufwand von insgesamt 30 Stunden realistisch (+/- 6 Stunden, geschätzt).

Abschlussarbeit:

In der letzten Woche wurde eine Abschlussarbeit zum Thema verlangt. Die war nicht weiter schlimm oder viel aufwändiger als die vorigen eTivities. Vor der Finalisierung durfte jeder Teilnehmer zur Arbeit eines anderen Feedback geben. Diese Arbeiten waren qualitativ hochwertig, ich kann einige davon in meinem Berufsschul-Unterricht praktisch verwenden, obwohl die Teilnehmer bunt gemischt aus allen Schultypen kamen.

Seminarleitung und Bewertung:

Für den erfolgreichen Abschluss des Seminars waren 46 der 88 erreichbaren Punkte zu erreichen. Die Abschlussarbeit brachte 32 Punkte, Peer-Review einer anderen Abschlussarbeit 12 Punkte, der Rest verteilt esich auf die eTivities. Man konnte einige Aufgaben streichen und das Kursziel trotzdem erreichen. Die Aufgaben waren aber so abwechslungsreich, dass ich diese Möglichkeit nicht genutzt habe. Vor der Bewertung braucht niemand Angst zu haben: Wird die Aufgabe gemacht, erhält man die Punkte, ganz einfach. Darüber hinaus gab die Seminarleiterin Birgitta Loucky-Reisner immer wieder kompetentes Feedback, gute Tipps und hatte auch ein offenes Ohr für Terminverschiebungen, wenn ein Teilnehmer seine Aufgaben nicht rechtzeitig erledigen konnte.

Kompetenzen:

Neben der Fortbildung zum eigentlichen Thema Konflikte, was die Bereiche Konfliktwissen, Mediation, Hilfreiche Haltungen, Mobbing, Prävention, Kooperationsspiele, Kennenlernspiele und Peeransätze abdeckt, lernen die Teilnehmer zu formulieren, Kritik zu üben, zu reflektieren und kreativ zu schreiben. Für meinen eigenen Moodle-Unterricht habe ich viele Anregungen aus diesem Seminar geholt.

Fazit:

Mal was anderes. Das nette Hotel fällt zwar bei dieser Seminarform aus, dafür müssen aber auch keine Vertretungsstunden vorbereitet werden, die Kollegen leiden nicht unter meiner „Seminarwut“ und für die Schüler läuft alles seinen gewohnten Gang. Der Arbeitgeber spart sich Taggeld, Reisekosten, Hotelkosten, ich spare mir Sprit, Zeit und bin auf „Seminar“, wenn die Kinder im Bett sind. Als alleinige Seminarform möchte ich das nicht haben, aber 2 – 3 Mal pro Jahr ergänzend ist ein „kooperatives Online Seminar“ empfehlenswert.

Add comment 12. Juni 2008

„Hyperlernen“ – eine neue Lernmethode?

Christopher Stanik hat auf www.allesgelingt.de neben jeder Menge guter Tipps für das Lernen sein E-book mit dem Titel „Pimp your brain with hyperlearning“ zum Download bereitgestellt. Kurz gesagt, geht es bei dieser Lernmethode darum, neues Wissen in sein bestehendes Wissensnetz so einzuweben, dass es leichter gemerkt wird. Er gibt im Buch dafür eine sehr verständliche und klare Anleitung.

Wir Menschen tun uns unendlich schwer, völlig Neues zu lernen. Viel lieber ist es uns, wenn wir was lernen, was ähnlich etwas ist, was wir schon kennen und können. Gerald Hüther sagte mal: „Der Mensch kann nichts Neues lernen. Er kann nur an bestehendes anknüpfen.“

Mit Hyperlearning wird bestehendes Wissen genutzt, um neues Wissen darin ein-, auf und herumzubauen. Stanik vergleicht es mit einem Gerüst. Auf diesem Gerüst kann ich dann letztendlich herumturnen, es auf Festigkeit prüfen, versuchen, Teile auszutuauschen und es von verschiedenen Seiten betrachten. Das macht Spaß, das ist kein trockenens Lernen mehr, das ist Turnen, Experimentieren und Kunst zugleich.

Was ist der Preis, was kostet diese Methode? Sie kostet vor allem erst einmal Zeit. Kreative Verknüfpung zu bilden ist eine Frage von Muße und von „Gedanken schweifen lassen“. Vielleicht erscheint sie mühsam, vielleicht sagt der eine oder andere: Pauken ist leichter. Ist aber diese Lernmethode (… wie immer wir sie nun wirklich nennen…) internalisiert, dann wird Lernen zur Sucht. Neue Welten erschließen sich, neue Einsichten. Das eigene Wissens-Netz wird zu einem Kunstobjekt, einer Art Mandelbrot-Grafik. So stelle ich mir das vor.

In der Berufsschul-Praxis versuche ich diese Methode meinen Schülern seit einiger Zeit mit ABC-Listen und KaGas und KaWas (nach Birkenbihl) zu vermitteln. Ich habe dabei den Eindruck, dass es für manche Menschen im Alter von 15 – 18 schwierig ist, kreativ zu denken. Zumindest empfinden sie es als ungewöhnlich, in der Schule kreativ zu denken oder kreative Verknüpfungen des Schulstoffes mit ihrer eigenen Welt, ihrem eigenen Wissens-Netz zu bilden. Manche tun sich leicht, manche unendlich schwer.

Ich denke, dass diese Methode perfekt für Wissensarbeiter ist. Für jene, deren geistiger Horizont weit und offen ist, ist sie ideal. Für jene, die viel wissen, viel gesehen und erlebt haben auch. Jene, die diese Voraussetzungen nicht mitbringen, kommt sie vermutlich umständlicher vor, die pauken dann lieber.

Add comment 23. Mai 2008

Schule der Zukunft: Let’s start playing

In den „Future-News #23“ spricht Matthias Horx über Lernen und das Schulsystem (ab Minute 6:20) . Solche Beiträge tun mir immer gut, wenn ich mich frage, ob mein Minderheitenprogramm abseits von militärischer Strenge, Gleichmacherei von Schülern und Erbsenzählerei der Richtige ist.

Horx geht in seinem Vortrag zu den Wurzeln der Schule zurück: Die Industriegesellschaft verlangte nach flacher Allgemeinbildung, klarer beruflicher Qualifizerung (schon in jungen Jahren), nach Ordnung und Fleiß. Der Unterricht wird in militärischer Form vermittelt, alle Schüler werden gleich behandelt, „nach dem Exerzieren haben wir 10 Minuten Pause“. Allein die Schulsprache ist schon militärisch: In der Berufsschule werden zB Schüler einberufen.

Für so manche ist dieser Drill abschreckend, die Forderung nach lebenslangem Lernen klingt somit wie dieDrohung, „sein Leben mit dem Lateinlehrer verbringen zu müssen“. Dabei hatten wir gedacht, nach der Schule ist dieser Lernerei zu Ende. Nicht umsonst heißt es AUSbildung, AbSCHLUSS und BildungsSTAND.

Die Wissensgesellschaft verlangt aber nach einer universalen Allgemeinbildung, nach leidenschaftlichem Lernen, nach Eigenständigkeit, Selbstkompetenz und emotionaler Intellgenz. Nur durch Individualität entsteht Komplexität, die uns einen Vorsprung oder zumindest ein Gleichauf mit den neuen wissenshungrigen Gesellschaften in China und Indien gewährleisten. Kooperationsfähigkeit und Teamfähigkeit müssten in Rollenspielen simuliert werden. Nur dadurch lernen wir diese Fertigkeiten. Das Motto (der neuen Schule): Work – Life – learn – play.

Das völlige Gegenteil einer Schule der Industriegesellschaft, die nach der Osterhasenpädgagogik dahinwerkelt: Der Lehrer weiß es, versteckt es hinter seinem Rücken und der Schüler muss raten. Heute geht es darum, die richtigen Fragen zu stellen. Das neue Prinzip heißt: Das Google-Prinzip. Wir müssen uns durch Neugier und Engagement an das Problem herantasten um die richtige Antwort zu bekommen.

Das gilt in erster Linie jetzt mal besonders für uns Lehrer. Die Wirklichkeit hat das Bildungssystem längst überholt. Es wird sich nicht so schnell ändern. Wir sollten uns von unten herauf ändern. Auf spielerischer Weise. Auch so könnten wir den Satz von Horx interpretieren: „Instead of playing grown ups – grown ups should start playing“.

Na, dann los. Let’s start playing.

1 comment 11. März 2008

Lerncoaching

Bei der Verwendung von Wikis und Weblogs im Unterricht hatte ich immer einen Gedanken im Hintergrund: Statt der alten Maxime „the sage on the stage“ sollten Lehrer nach dem Motto „the guide on your side“ mit den Schülern arbeiten. Dabei sollte ein angstfreies und motivierendes Lernen möglich sein. Im herkömmlichen Unterricht gab ich zusätzlich wöchentlich Tipps, mit welchen Methoden gelernt werden könnte. Da mir klar war, dass nicht jede Methode auf jeden Lernenden passt, machte ich den Schülern klar: „Ich habe einen Bauchladen voll Lerntipps. Ihr müsst nicht alles kaufen.“ Eine Assoziations-ABC Liste zu meinen Lerntipps gibts hier zum Ansehen.
Im Zuge eines Lerncoaching-Seminars mit der ausgezeichneten Trainerin Heidemarie Schöller von der Pädagogischen Hochschule in Linz hatte ich diese Woche ein kräftiges AHA-Erlebnis dazu. Lerncoaching ist die bessere Variante Lerntipps zu geben. Es ist jene, die das „the guide on your side“-Prinzip praktiziert.

Was ist Lerncoaching? Lerncoaching ist eine Vorgehensweise, die Lernende in ihrem Selbstwertgefühl stärkt, sie emotional stabilisiert, spezifische Lernprobleme löst und sie schlußendlich einen Sinn in ihrem Lernen sehen lässt.

Wie läuft Lerncoaching ab?

  1. Eingangsphase: Der Coach schafft ein angenehmens Gesprächsklima.
  2. IST-Analyse: Ermittelt den Lernstand, findet verwendete Strategien heraus, überprüft die Lernorganisation und emotionale Befindlichkeit. Dies lässt sich im Zuge eines Gesprächs zB mit MindMaps herausfinden.
  3. Zielformulierung: Beim Herausarbeiten des Ziels ist es wichtig, dass es für den Lernenden persönlich wichtig ist, konkret formuliert ist, realistisch, überprüfbar und positiv formuliert ist.
  4. Lösungsgestaltung und Handlungsentwurf: Hier findet der Lernende gezielt mit offenen Fragen zu einem besseren Lernen. Er gestaltet den Lernprozess aktiv mit und erkennt selbstständig Fortschritte. Ein konkretes Bild wird entworfen. Im Seminar schrieben wir einzelne Schritte hin zum Ziel (zB im Unterricht mitschreiben, Fragen stellen, usw.) auf Kärtchen und legten diese in einem Weg am Boden auf. Das Ziel war die bessere Note. Dieser Weg macht selbstverständlich Mühe. Wir legten auch einen Alternativ-Weg auf, der eher wenig Mühe macht und das beschreibt, was der Schüler stattdessen bisher gemacht hat (zB während der Unterrichtszeit mit dem Handy spielen, Schule schwänzen etc.). Hier war das Ende des Weges zB das Lernen in den Ferien für die Wiederholungsprüfung. Der Schüler stellt sich vor den einen und den anderen Weg und entscheidet sich dann.
  5. Handeln: Der Lernende setzt die Schritte um. Wenn notwendig, werden Anpassungen vorgenommen.
  6. Abschluss: Erkenntnisse festhalten.

Einen kurzen Überblick gibt es im PDF Systemic Counselling and Lerncoaching. Wärmstens empfohlen wurde mir das Buch Language Learning Strategies. What Every Teacher Should Know von Rebecca Oxford, weil es die systemische Sichtweise des Lerncoachings nahezu perfekt abbildet. Habs noch nicht gelesen, aber schon mal eingesammelt.

Add comment 10. März 2008

Die Aufgabe der Schüler ist es nicht, zu lernen, sondern…

… zu entkommen. „Wie überstehe ich den nächsten Test, die nächste Schularbeit, die nächste Wiederholung am Anfang der Stunde am besten? Wie entkomme ich dabei einer Strafe, einem Tadel oder einem Statusverlust?“ Die Hauptaufgabe für den Schüler ist, mit einem Minimum an Anstrengung und Unannehmhlichkeiten die täglichen Aufgaben irgendwie hinter sich zu bringen.

Schüler entwickeln dazu Strategien: Sie lernen die Körpersprache der Lehrer zu lesen. Jede kleinste Bewegung des Lehrers, jede Veränderung der Stimmlage wird interpretiert, um die Erwünschtheit einer Antwort herauslesen zu können. Schulen sind Tempel der Verehrung von richtigen Antworten. Bis zum Zeugnis müssen jede Menge richtiger Antworten auf den Altar gelegt werden.

Dabei helfen die Lehrer immer kräftig mit: Sie kündigen Tests an und sie geben Hinweise, was zum Test kommt. Die schränken das Stoffgebiet ein. Alles nur, um „gute Lehrer“ zu sein, um einen halbwegs vernünftigen Klassenschnitt hinzubekommen. Sie helfen mit, den Eindruck zu erwecken, dass die Schüler mehr wissen, als das tatsächlich der Fall ist. Je leichter der Nachweis dafür erbracht wird, desto weniger müssen sie sich für das „Nicht-Durchbringen“ eines Stoffgebietes tadeln lassen.

Schüler passen sich dem System an, die guten und auch die schlechten Schüler. Der Unterschied zwischen den beiden ist, dass die schlechten Schüler den Unterrichtsstoff sofort vergessen, während die guten Schüler damit zumindest bis zum nächsten Test warten.

Der anhaltende Drang des Schulsystems, ständig den Lernerfolg der Schüler überprüfen zu müssen, verdirbt jegliche natürliche Lust am Lernen. Wir müssen die Schüler nicht intelligent machen. Sie sind mit Intelligenz geboren. Wir müssen bloß die Dinge unterlassen, die sie dumm machen.

Das alles ist frei zitiert nach dem wunderbaren Buch von John Holt: „Aus schlauen Kindern werden Schüler… von dem, was in der Schule verlernt wird.“ Erstauflage 1964 (in Worten: neunzehnhundervierundsechzig).

Eine Kurzzusammenfassung gibt es bei shvoong.

5 comments 15. Januar 2008

Der Eselsbrücken-Bauchladen oder: Rabbit speist Skampi.

Der Lehrerjob im Klassenraum besteht aus Lehren und Erziehen. Wobei ich während meiner Schulzeit die Erfahrung gemacht habe, dass die Komponente „Lehren“ aus Stoffvermittlung besteht, aber zu selten das Lernen an sich gelehrt wird. Aus den erstaunten, interessierten, irritierten und manchmal belustigten Blicken der Schüler merke ich, dass Lerntipps im Unterrichtsalltag eher selten anzutreffen sind.

Lehrer sollten einen Bauchladen an gehirngerechten Lerntipps mit sich führen. Wie jeder Verkäufer sollte er für seine Produkte (damit meine ich an dieser Stelle Lerntipps und Lernhilfen) werben. Kein einziger Schüler muss diese Tipps und Hilfen kaufen, aber jeder kann, wenn er will.

Beispiel: In der dritten Klasse Rechnungswesen im Lehrberuf Einzelhandel kalkulieren wir einen Großteil unserer Zeit. Deshalb ist das Beherrschen unseres Kalkulationsschemas für die Bezugs- und Absatzkalkulation sowohl progressiv als auch retrograd Voraussetzung. Meine Schüler erhalten (nach einigen Beispielrechnungen) dieses Merkblatt.

Wie könnten Sie nun das Schema erlernen?

  1. Sie rechnen soviele Beispiel, bis das das Schema sitzt (… the hard way)
  2. Sie schneiden das Schema mit der Schere in Streifen und bauen es immer wieder als Puzzle zusammen. Als Hilfe könnten sie vor dem Zerschnipseln einen Strich auf dem Schema von links oben nach rechts unten ziehen. Damit sehen sie, ob das Schema richtig zusammengesetzt wurde.
  3. Sie bemalen das Schema. Von dunklen Farben oben bis helle Farben ganz unten. Besondere Kennzeichnung der beiden Subtraktionen.
  4. Sie merken sich folgenden Satz mit den zugehörigen Bildern (und evt. etwas Fischduft, natürlich nur imaginär): „Rabbit speist Skampi. Er bezieht sie von der Regierung aus Griechenland.“ Nach ein paar Beispielrechnungen sollte das Schema spielend beherrscht werden. Das ist meine Lieblingsvariante. Die genaue Erläuterung im oben verlinkten Merkblatt. (… the most easy way, I think)

Diese vier Varianten biete ich an. Welcher Schüler was kauft, bleibt ihm überlassen. Klar kommt von manchen Schülern die Meldung „so ‘n Scheiß“. Macht mich immer wieder mal traurig, aber zum iPhone sagen auch viele: „So ‘n Scheiß.“

2 comments 3. Dezember 2007

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