Remo Largo und die gelungene Schulzeit

Eine sehr schöne Beschreibung darüber, was eine gelungene Schulzeit ausmacht, findet sich im Buch “Jugendjahre” von Remo Largo und Monika Czernin (S. 284):

„Unabhängig davon ob der junge Erwachsene das Gymnasium, die Realschule oder die Hauptschule besucht hat, konnte er in der Schule alle wesentlichen Fähigkeiten entwickeln, insbesondere seine Stärken, also diejenigen Fähigkeiten, auf die er seine zukünftige Existenz aufbauen wird. Er hat gelernt mit seinen Schwächen umzugehen und diese als ein Teil seines Wesens zu akzeptieren. Er weiß, dass die Schwächen ihn wohl einschränken, er aber sauf seine Stärken vertrauen kann. Er hat sich Fertigkeiten, Wissen und Lernstrategien angeeignet, die zukunftsgerichtet sind. Er verfügt über ausreichend entwickelte soziale Kompetenzen sowie eine Sinn für die Gemeinschaft und ihre ethischen Werte. Schließlich hat er ein gutes Selbstwertgefühl erwerben können. Denn er war sozial von Lehrern und Mitschülern immer akzeptiert, die schulischen Anforderungen waren für ihn meist zu bewältigen sie waren überwiegend mit Erfolg verbunden. Mit einem guten Selbstwertgefühl kann seine Zukunft mit der Überzeugung in Angriff nehmen: Ich werde mich in dieser Gesellschaft behaupten.“

Prozentuell würde ich schätzen, dass ein Hauptteil des Unterrichts an der Berufsschule sich mit “Wissen” beschäftigt, dazu ein wenig die “Fertigkeiten” geübt werden und alles andere ein wenig nebenher und nebenbei läuft. Und wir wissen alle, was es heißt, wenn wir so “nebenbei” eine Aufgabe erledigen sollen, oder?

Largo beschreibt die Schule an sich ist eine Vermittlerin zwischen den Generationen (S. 283). Wissen, Fertigkeiten und Bildungsinhalte, die eine ältere Generation geschaffen und bewahrt  hat, soll an die nächste Generation weitergegeben werden. Demzufolge ist die Schule eine durch und durch konservative Einrichtung, die hauptsächlich auf Vergangenes fokussiert.

Seit fast 20 Jahren ändert sich unsere Gesellschaft durch die Informationstechnologie rasant. Es ist an der Zeit, den Inhalt der Lehrpläne und die Struktur der Schulen in Frage zu stellen. Bildungspolitiker können sicherlich schlüssig beweisen, dass sie durchaus “den Fortschritt” in den Lehrplänen verankert haben und jede Menge Geld für “fortschrittlichen Unterricht” ausgeben. Gleichzeitig möchte man aber nicht auf Althergebrachtes verzichten und so haben wir den Effekt, dass die Lehrpläne immer voller und die Freizeit der Jugendlichen immer weniger wird. Wo früher drei Fragen über ein Thema mündlich geprüft wurden, ist heute die x-te Präsentation, am besten mit Prezi, weil Powerpoint nicht genug ist, zu halten. Abzuliefern ist zusätzlich ein pippifeines Tipp-Top-Handout, das ausschließlich Creative-Commons-Bilder verwendet und zwingend einen QR-Code für den Link zu slideshare enthalten muss. Alles termingerecht auf der Lernplattform hochzuladen, versteht sich.

Gleichzeitig tönt es aus den Konferenzzimmern: “Die Schularbeit, die ich vor 15 Jahren gegeben habe, die könnte ich ja heute überhaupt nicht mehr geben. Alle würden sie durchfallen…”. Als ob die Jugendlichen jedes Jahr ein wenig dümmer weniger leistungsfähig werden würden. “Nein”, tönt es, “nicht alle. Die sind heute viel unkonzentrierter und haben so viel anderes im Kopf: Handy, Facebook, SMS, Computerspiele usw.” Dabei übersehen wir Alten, dass wir es sind, die jedes Jahr ein bisschen mehr in die Köpfe reinpressen wollen.

Largo meint, die Schule hat auch ein biologisches Problem: Jugendlichen sind ihre Kompetenzen in der Pubertät egal: Das Zusammensein und das gemeinsame Erleben ist wichtiger als die eigenen Begabungen. Selbstverwirklichung hat in diesen Jahren keine Priorität. Viele Aktivitäten werden nur aus sozialem Engagement heraus unternommen, um Anerkennung zu ernten und sozialen Status zu erlangen. Leidenschaft und innerer Antrieb sind keine Gründe mehr für Leistung.

Im Kapitel “Gesellschaft” (S. 342) meint Largo:

“Wir dürfen uns auch nicht von der Illusion verführen lassen, wir würden es mit irgendwelchen Lernprogrammen schaffen, dass es keine schwächer begabten Kinder und Erwachsene mehr geben wird. Wir sollten vielmehr die Vielfalt an Begabungen möglichst optimal nutzen. Für die Schule heißt das, die Talente der Kinder in der ganzen Breite zu fördern, und für die Gesellschaft bedeutet es, jedem Menschen mit entsprechenden Rahmenbedingungen zu einem existentiellen Auskommen und sozialer Integration zu verhelfen.”

Früher hat es Jugendliche gegeben, die ihre Schulpflicht in der 3. Hauptschule erfüllt haben und Hilfsarbeiter wurden. Oder denen später “der Knopf aufgegangen ist” und die Versäumtes nachgeholt haben. Jetzt gibt es eine Ausbildungsgarantie. Für uns Lehrer heißt das: Ausbildungspflicht. Das heißt, dass die Zusammensetzung von leistungsfähigen bzw. weniger leistungsfähigen Jugendlichen im Klassenzimmer noch mehr als bisher auseinanderdriftet. Der Satz von Wolf Müller-Limmroth (Weltwoche 1988) über die Aufgabe des Lehrers war damals schon treffend und trifft’s heute noch mehr:

“Die Aufgabe des Lehrers ähnelt daher der eines Menschen, der eine Wandergruppe mit Spitzensportlern und Behinderten bei Nebel durch unwegsames Gelände in nordsüdlicher Richtung zu führen habe, und zwar so, dass alle bei bester Laune bleiben und möglichst gleichzeitig an drei verschiedenen Zielorten ankommen.”

Es liegt an uns Lehrern, den Irrsinn mit den überladenen Lehrplänen zu stoppen und jedes Jahr ein wenig mehr in die Hirne reinstopfen zu wollen, die allein aus biologischen Gründen (Pubertät, Veranlagung) nicht wollen (oder können). Nur weil wir selbst so manche Sachen in unserer Schulzeit erlernt (gepaukt und wieder vergessen) haben, so müssen wir das unserer Jugend nicht auch antun. Aber seien wir ehrlich: Es ist leichter und pfleglicher für den Job, aus schön aufbereiteten Lehrbüchern lehrplangemäß zu unterrichten, als den Mut zu haben, sich auf Neues einzulassen. Doch was spricht dagegen? Die Karriere kann’s wohl nicht sein? Direktor will selten noch wer werden und eine Karriereleiter, die wir uns verbauen könnten, gibt’s für uns Lehrer ja sowieso nicht. Was hindert uns daran, den Jugendlichen “Wissen, Fertigkeiten und Lernstrategien” zu vermitteln, Schülerinnen und Schülern soziale Kompetenzen und ethische Werte zu vermitteln und dafür auf Unsinnigkeiten im Lehrplan zu verzichten?

Jugendjahre“Jugendjahre” von Remo Largo und Monika Czernin ist empfehlenswert für Eltern und Lehrerinnen, die mit Jugendliche im Alter von 9 – 20 klar kommen möchten. Nach der Lektüre wird der Alltag etwas problemloser. Versprochen!!

Obige Zitate sind aus dem kurzen Kapitel Schule entnommen. Auf den anderen 300 Seiten geht es um die Entwicklung von Jugendlichen  in Bezug auf Körper, Sexual- und Sozialverhalten, Sprache, Denken, Motorik, Schlaf, Clique, Selbstverwirklichung, Gefahren und um ihr Umfeld punkto Eltern und Gesellschaft.

Remo H. Largo, Monika Czernin: Jugendjahre. Kinder durch die Pubertät begleiten. Piper Verlag, München und Zürich, 2013.

Prüfung per Videokonferenz im “Master für Bildung und Medien – Fernuni Hagen”

“Warum habe ich bloß keine Hausarbeit geschrieben?” habe ich mir noch gedacht, als ich mich auf den Weg zur Prüfung machte. Sogar das Navi im Auto meinte: “Kehren Sie wenn möglich um”. Aber nach einem intensiven Schuljahr 2011/12, das für das Studium kaum Zeit ließ und nachdem ich die zwei Semester für dieses Modul in den Ferien nachgelernt hatte, war Aufgeben natürlich keine Option. Aber fangen wir von vorne an:

Der Master für Bildung und Medien an der Fernuni Hagen lässt sich, wenn gewünscht, ganz ohne Präsenzzeiten und ohne Prüfungsstress durchziehen. Das soll nicht heißen, dass er stressfrei läuft: Nebenberuflich geht er nach drei Jahren ganz schön an die Substanz und deshalb bin ich heute froh, endlich “7 von 7 Modulen erledigt” ins Lerntagebuch reinschreiben zu können.

Im Modul 7 habe ich mich für das Wahlmodul Informatik entschieden, das für Teilzeitstudenten über zwei Semester belegt werden kann. Es besteht aus drei Teilkursen: computerunterstütztes Lernen in Groß- und Kleingruppen (CSCL), computerunterstütztes Arbeiten (CSCW) und Dokumentenmanagement. Das Modul 7 wird als einziges Modul im Studium nicht mit einer Hausarbeit, sondern mit einer mündlichen Prüfung abgeschlossen.

Fernstudienzentrum Steyr

Fernstudienzentrum Steyr

Eine mündliche Prüfung an der Fernuni Hagen kann per Videokonferenz abgehalten werden. Die Vorgehensweise ist recht einfach: Termin mit dem Prüfungsamt, Termin mit dem Professor und Termin mit irgendeinem Studienzentrum vereinbaren. Es kann ein beliebiges Studienzentrum gewählt werden. Kostenpunkt: Ungefähr 80,00 Euro, je nachdem ob man einem Studienzentrum zugeordnet ist oder nicht – die Regelung wird derzeit geändert.

Mein Wunschstudienzentrum war Linz in Oberösterreich. Einige Tage vorher  bekam ich Nachricht, dass dort umgebaut wird und die Prüfung nach Steyr / OÖ verlegt wurde. Dort wurde ich schon vorab sehr ausführlich und freundlich telefonisch über Anreise und Ablauf informiert. Deshalb war die Anreise und der Zeitplan ins Fernstudienzentrum Steyr am Prüfungstag völlig überraschungs- und frustfrei, Technik und Organisation klappte perfekt, ich wurde sehr zuvorkommend empfangen und betreut. Sehr erfreulich, wenn man merkt, dass Profis am Werk sind. Das mindert die Nervosität ganz gehörig. Die Leiterin des Fernstudienzentrums fungiert als Beisitzerin und kümmert sich um die zwei T’s: Technik & Täuschungsversuche. Der gut gemeinte Rat von Facebook-Freunden, den Screen mit Post-it’s zu pflastern, konnte also nicht realisiert werden ;-)

Die Prüfung dauerte etwas mehr als 30 Minuten. Hr. Haake wies mich darauf hin, dass die Teilgebiete jeweils mit zumindest “Ausreichend” abzuschließen sind, um insgesamt eine positive Note zu bekommen.

Inhaltlich wurde folgendes gefragt:

Kurs 1873 – Daten- und Dokumentenmanagement:

  • Dokumentenbegriff (historisch, neuere Art, moderner Begriff)
  • Modell der strukturierten Dokumente und dessen Vorteile erklären
  • Erklärung der Dokumentbeschreibungssprachen
  • Unterschied von HTML und XML
  • Beschreibung und konkretes Beispiel eines Tags in HTML
  • Wie und wo werden Tags in XML definiert?
  • Links in XML-Dokumenten (Xlink, XPointer)

Die Prüfung beschränkte sich bei diesem Teil auf die grundlegenden Konzepte. Hr. Haake meinte, dass ich die Fragen “für einen Sozialwissenschaftler” ganz gut beantwortet habe ;-), bei Informatikern würde er intensiver nachfragen. Ganz froh bin ich, dass keine Details zu Zeichencodierungen, CSS, XSL, XQuery, RDF und OWL gefragt wurden. Diese Themen nur theoretisch gemäß Skript zu lernen fand ich nicht wirklich zielführend. Vielmehr würde ich mir praktische Anwendungen bzw. Mini-Projekte wünschen. Das wiederum würde den Zeitrahmen des Moduls sprengen und die Zielrichtung des “Masters für Bildung und Medien” verfehlen.

Kurs 1880 – CSCW (computer supported cooperative/collaborative work)

  • Unterschied CSCW und CSCL
  • Definition einer Gruppe; Merkmale von Gruppen
  • Klassifikation von CSCW-Anwendungen (Anwendungsart, Raum & Zeit, Unterstützungfunktion & Dimensionen)
  • Beispiele für Gemeinsame Informationsräume
  • Gruppenpuzzle – wie wird das mit einem Wiki realisiert
  • Definition von Groupware (ist z. B. eine Videokonferenz Groupware)
  • 3K-Modell inkl. Beispiele

Kurs 1883 – CSCL (computer supported cooperative/collaborative learning)

  • Evaluation von Lerngruppen (Weiterführung des Beispiels Wiki-Gruppenpuzzle)
  • Gestaltung von CSCL-Anwendungen
  • Lerntheorien für CSCL

Folgende Themen waren weder meine Lieblingsthemen noch Bestandteil der Prüfung ;-)

  • CSCW Architekturmodelle
  • Verteilungsschemata nach Roth
  • Workflow-Management-Systeme inkl. Geschäftsprozessse
  • Forschungsmethoden (wie z. B. Mehrebenenanalyse etc.)

So wie ausnahmslos alle meine Vorgänger berichten, ist Hr. Dr. Haake ein sehr angenehmer Prüfer. Er hilft bei Black-Outs weiter, formuliert Fragen um, wenn sie nicht verstanden werden, erhöht dann und wann graduell den Schwierigkeitsgrad und scheint gerne praktische Anwendungsfälle aus verschiedenen Perspektiven und entlang der Theorie zu diskutieren. Besonders gefallen hat mir, wie er meine Ausführung immer wieder in eine korrekte CSCL- bzw. CSCW-Fachsprache “übersetzt” hat. In diesem Fachgespräch wäre das eigentlich meine Aufgabe gewesen, ist aber leider nicht immer gut gelungen. In der Note hat sich das nicht niedergeschlagen. Nach etwas über einer halben Stunde wurde das Prüfungsgespräch beendet. Hr. Haake und sein Beisitzer meldeten sich nach ein paar Minuten zurück und gratulierten zur bestandenen Prüfung.

Was würde ich Studenten empfehlen, die sich noch nicht für ein Wahlmodul entschieden haben, die also noch zwischen den beiden Hausarbeits-Modulen (Modul 6L: Sprachkrise, Medienwandel, Intermedialität; Modul 5B: Individualisierungsphänome in Arbeits- und Organisationsgesellschaften) und einer mündlichen Prüfung wählen müssen?

Für dieses Modul habe ich ca. 20% mehr Zeit für die Prüfungsvorbereitung investiert, als für die vorigen Module, wo ich Hausarbeiten schrieb. Die mündliche Prüfung empfand ich als stressiger als das Schreiben einer Hausarbeit. Wissenschaftliches Arbeiten wird mit Hausarbeiten viel besser eingeübt. Trotzdem war die mündliche Prüfung nicht schlecht, um wieder einmal in die Schüler-Rolle schlüpfen zu können, was Prüfungs-Situationen betrifft. Das ist für Lehrer ganz heilsam ;-)

Wenn ich mich nochmals entscheiden müsste, würde ich aufgrund der äußerst interessanten CSCL-CSCW-Thematik nochmals das Informatik-Modul wählen, weil es eines der wenigen Module ist, das Sozialwissenschaft mit Informatik enger verbindet. Den Kurs “Dokumentenmanagement” würde ich notwendigerweise in Kauf nehmen: Er ist zwar interessant, aber um konkreten Nutzen zu ziehen, müsste viel mehr praktisch mit CSS, XML etc. gearbeitet werden. Daher als Fazit: Wer mit Informatik liebäugelt, der nehme M7, wer eine Hausarbeit ähnlich den bisherigen Modulen schreiben möchte, der nehme eines der anderen beiden.

Für die Vorbereitung kann ich die Prüfungsprotokolle empfehlen, wie sie beispielsweise von der Fachschaft Informatik gesammelt werden. Dieser Blog-Beitrag ist mein Beitrag zu Sammlung.

 

Was brauchen wir für eine Bildung im 21. Jahrhundert?

Gestern im Club2 (ORF). Ein Satz von Marlies Krainz-Dürr, Rektorin der Pädagogische Hochschule Kärnten:

Was brauchen wir für eine Bildung für das 21. Jahrhundert, für eine multikulturelle Gesellschaft? Was heißt denn überhaupt “Bildung für Europa”?

Es ist wichtig, dass wir heute Menschen – und zwar alle Menschen – befähigen, nicht damit sie im Arbeitsprozess gut funktionieren, sondern dass sie ein gutes und sinnerfülltes Leben führen können, dass sie weltoffen sind und dass sie mit Unterschieden, mit Differenzen und mit Widersprüchen gut umgehen können  in einer friedlichen Weise. Dann können sagen, das lernt man ganz sicher nicht in einem System, das sehr früh abgrenzt, das auf Homogenität setzt und auf Selektion. Sondern das lernt man dann, indem man miteinander lebt und die Vielfalt lebt und und gemeinsam lernt. Die Schule ist dafür ein idealer Ort das zu lernen. Da brauch ich’s nicht vermitteln, dann ist das kein Unterrichtsgegenstand, sondern das ist die Form, die das Lernen in der Vielfalt, mit den Differenzen, […] mit dem Respekt vor dem Anderen, mit [..] Neugier und mit […] Offenheit ermöglicht.

Gefällt mir.

Occupy bookshelf – die Revolte im Buchregal

Haben sich Ihre Lesegewohnheiten verändert, und wenn ja, wie?” fragt WissensWert, die Mitmachzeitschrift über Enterprise 2.0, Knowledge Management und E-Learning und ruft zum Blog-Carnival auf.

Nein, haben sie nicht. Zumindest nicht durch den Amazon-Kindle, den ich mir noch im Mai 2010 um stolze EUR 274,84 aus den USA schicken ließ. Nach anfänglichen Missverständnissen (meine Finger wollten immer per Swish am vermeintlichen Touch-Screen umblättern) wurde das Gerät zur fixen Einrichtung am Nachtkästchen. Heute, 39 gelesene ebooks später gibt es den Kindle-Reader um annehmbare EUR 99,00 (Amazon). Ärgere ich mich deshalb? Sag ich nicht. Vermutlich gibt es den Reader nächste Jahr kostenlos zu irgendeinem Zeitschriften- oder Zeitungsabo, sobald die Verlage auch mal Wind davon bekommen, dass es so ein Gerät gibt.

Seit ich Taschengeld bekomme bin ich leidenschaftlicher Büchersammler. Meine Regale platzen aus allen Nähten. Meine Frau teilt diese Leidenschaft. Ich muss Bücher besitzen, ich muss sie ins Regal stellen können, sozusagen als Trophäe, was ich alles in den letzten 34 Jahren gelesen habe. Allerdings wächst der SLB (=Stapel zu lesender Bücher) jedes Jahr in nahezu beängstigender Weise an. Mittlerweile müsste ich jede Woche knapp 1,5 Bücher lesen, um bis zu meinem statistisch vorgesehenen Ableben den Stapel abgearbeitet zu haben. Es ist wie die Schuldenkrise – Schulden ziehen Schulden an. Meine Bücher entwickeln ebenfalls eine erstaunliche Sogwirkung, die durch das Internet noch verstärkt wurde. Es wurde Zeit für die Aktion “Occupy book shelf – nehmt den Büchern ihre Macht im Regal!”.

Was war der Auslöser?

Schuld war George R. R. Martin. 1996 startete er “The Song of Ice and Fire“, von mir relativ spät im Jahr 2007 entdeckt. Ich wühlte mich durch die bislang vier erschienen Paperback-Bände und war hocherfreut auf seinem Blog zu lesen, dass Band fünf 2008 erscheint und bestellte bei Amazon vor: Lieferdatum Juni 2008. Anschließend gab es halbjährlich bis jährliche vertröstende Blog-Updates, bis letztendlich der fünfte Band “A dance with dragons” am 27. Juni 2011 mit 3 Jahren Verzögerung ausgeliefert wurde.

(Was ich nicht wusste: Durch meine Vorbestellung war ich weltweit unter den ersten 180, die das Buch erhielten, weil Amazon versehentlich noch vor dem offiziellen Erscheinungsdatum auslieferte. Der Autor schäumte. Ich habe es nicht bemerkt, ich schrieb an einer Hausarbeit für das Studium).

Da lag es nun, das gute Stück: Knapp mehr als 1000 Seiten, fast 1469 Gramm schwer. Nun gut. Die Hausarbeit war drei Wochen später abgeschlossen, auch der Rest der Welt hatte das Buch mittlerweile erhalten und “A dance with dragons” wanderte mit auf die Couch, ins Bett, auf die Gartenliege. Nur irgendwie… nach all den ebooks … es war einfach … ungemütlich und lästig, ein so dickes, schweres Buch herumzuschleppen. Außerdem war es nach fast vier Jahren relativ schwierig, wieder in die Story hineinzufinden. Wer war nochmal Shakaz Shavepate? Wast hatte Victarion Greyjoy nochmal vor?

Nach 178 Seiten hatte ich die Nase voll und kaufte ich mir kurzerhand “A dance with dragons” ein zweites Mal – als ebook. Statt 1469 Gramm hielt ich ab sofort nur noch 290 Gramm in Händen.

Statt 55 mm ehemaligen Baum nur noch 12 mm Gadget. Statt im Internet in diversen Wikis zu recherchieren kaufte ich mir um günstige $ 17,57 die vorherigen Bände im Kindle-Format als Bundle und konnte so bequem via Volltextsuche in der gesamten Serie schmökern und nachlesen und fand so nach und nach wieder den Lesefaden. Sehr bequem für englischsprachige Literatur ist auch das eingebaute Wörterbuch, das ich nicht mehr hergeben möchte.

Fertig gelesene Bücher landen also ab jetzt kaum mehr im Bücherregal als Trophäe. Wenn mein Ego irgendwann deswegen rebelliert, dann hoffe ich doch, dass die Buchindustrie das passende Geschäftsmodell dazu entwickelt ;-) Eine ebook-Edition mit passendem Buchkarton für das Bücherregal. In der “killed-tree”-Luxus Edition gibt es dann echtes, bedrucktes Papier zwischen den Buchdeckeln. Und das Hörbuch gibt es zum geringen Aufpreis als Download dazu. Weil die Kindle-Vorlesestimme, die ist das einzige, was ich am ebook-Reader misslungen finde.

Aber hat sich mein Leseverhalten dadurch geändert? Was Romane betrifft: absolut nicht. Ich lese nicht weniger, ich lese aber auch nicht mehr als früher. Sachbücher lese ich nicht am Kindle. Mit Sachbüchern muss ich arbeiten, also markieren, Anmerkungen reinschreiben, schnell von Seite x zu Seite y springen. Das kann der Kindle zwar auch, aber ungleich unbequemer, als es ein richtiges Buch kann. Für das Studium arbeite ich allerdings sehr gerne parallel: Die Studienbriefe der Fernuni Hagen bearbeite ich am Papier, für Hausarbeiten nutze ich aber intensiv PDF’s, weil bei Zitaten das lästige Tippen erspart bleibt und das Sammeln, Sichten und Auswerten von Literatur mit geeigneter Software das Leben und das Erstellen von Hausarbeiten gewaltig erleichtert. Das ist aber ein Thema für eine andere Geschichte.

Veranstaltungsbericht: Politische Bildung in der Mediengesellschaft, Linz, OÖ

Der Landesschulrat OÖ veranstaltet derzeit die Reihe “Menschenbilder – Menschenbildung“, in der es um Wissen und Werte in Schule und Gesellschaft geht. Heute war das Thema “Politische Bildung und soziales Lernen in der Mediengesellschaft” im Linzer Schlossmuseum an der Reihe. “Einer soll hinfahren”, hat mein Vorgesetzter mir geflüstert und ich sei an der Reihe.

Nun gut. Ein großer Fan dieser “Tagesausflüge” bin ich ja nicht, weil erstens jede Menge Vertretungsstunden vorzubereiten sind, jede Menge Kollegen diese Vertretungsstunden halten müssen und diese Vertretungsstunden nachzubereiten sind. Warum Steuergeld, Ressourcen und Zeit investieren, wenn ich die Vorträge hier auch online von zuhause aus sehen kann und mir gezielt das auswählen könnte, was mich wirklich interessiert? Dazu kommt noch eine mit den Jahren exponentiell steigende Aversion gegen miese Powerpoint-Folien, gegen langweilige Vorträge, schlechte Redner und die zu heißen Vortragsräumlichkeiten.

Heute wurde ich positiv überrascht: Die Heizung war ausgefallen. Fing ja gut an und meine Laune besserte sich.

Wolfgang Rohm von der Kinder- und Jugendanwaltschaft OÖ startete mit seinem Vortrag “Mobbing und Gewalt – Herausforderung für Schule und Gesellschaft”.  Ein beeindruckend spannender, lebendiger, praxisnaher und (ohne Powerpoint) guter Vortrag. Da Mobbing ein sehr beliebtes Vortragsthema ist, man als Lehrer zwangsweise mindestens einmal im Jahr über so einen Vortrag stolpert, war in der heutigen Stunde nichts wesentlich Neues dabei. Einzig: Das Wort “Opfer” sei durch das Wort “Betroffener” zu ersetzen, da Opfer in der Jugendsprache ungefähr dem “Depp” meiner damaligen Jugendsprache entspricht. Und merken: Lasst bei Mobbing-Fällen die Experten ran! Expertenkontakte (für Oberösterreich) gibt es auf www.gewaltpraevention-ooe.at.

Den zweiten Block bestritt Harald Kindermann von der FH-Steyr,  der die Studie Die Nutzung neuer Medien und deren Wirkung: Wie gefährdet sind unsere Jugendlichen wirklich durchgeführt hat. Aufgrund von Online-Befragungen, Interviews, Hautwiderstands- und Cortisol-Messungen beim Computerspielen, Eyetracking-Analysen etc. hat er untersucht, wie Jugendliche Medien nutzen. Die Powerpoint-Folien sind leider nicht online, aber ein paar Daten habe ich mir notiert: 9 % der unter 12jährigen haben schon Porno- und Horror-Streifen gesehen, bei den 12-15jährigen sind es 23%. 10% der Jungen und 6% der Mädchen verbringen bis zu 10 Stunden pro Tag mit Neuen Medien. Eine der Hauptaussagen des Vortrags war, dass Ego-Shooter die Verharmlosung von Gewalt bei Jugendlichen tendenziell fördern, was ja im Normalfall ein wenig differenziert betrachtet werden müsste. Spannend ist auch die Aussage, dass ein Großteil der Jugendlichen verneint, dass häufige Computerspiele Auswirkungen auf die schulischen Leistungen haben. Logisch finde ich die Aussage, dass Computerspielen das Lernen stört: Durch die spannende Szenerie im Spiel steigt der Stresspegel im Körper (=der Cortisol-Spiegel), der wiederum Lernen schwieriger macht. Wird vor dem Lernen computergespielt, stört der hohe Cortisol-Spiegel die Erinnerungsfähigkeit, wird erst nach dem Lernen gespielt, ebenfalls. Ich hab’s meinen Schülern immer mit Fernsehen gepredigt: Nie nach dem Lernen fernsehen, weil fernsehen viel spannender als Lernen ist – deshalb merken wir uns das Fernsehprogramm und nicht den Lernstoff.

Von der Uni Wien kam Julia Wippersberg (Twitter-Profil) und machte Schulen ein Angebot, das sie nicht ablehnen können: Sie möchte mir ihrem soeben frisch gegründeten Institut für Medienkompetenz für Schüler, Eltern und Lehrer Medienkompetenz-Workshops veranstalten. Ich hatte den Eindruck, der Schwerpunkt würde auf Facebook liegen, bin mir aber nicht sicher. Interessierte Schulen bzw. Lehrer mögen sich bitte bei ihr melden. In ihrem Powerpoint-Vortrag ging es um den Medienkompetenz-Begriff nach Baacke, wer für die Ausbildung zuständig ist, wo diese stattfinden sollte. Dabei schwirrten mir einige Gedanken durch den Kopf wie: Es sind nicht so die Schüler, die eine Facebook-Schulung benötigen. Es sind die Lehrer und die Eltern. Wenn ich meine 350 Facebook-Schüler-Freunde beobachte, dann sind die ganz gut, was die kompetente Nutzung von Facebook betrifft. Nachholbedarf haben die Zaungäste und die von den alten Medien verzerrt Informierten, also Lehrer und Eltern!

Das Highlight des Tages war für mich Gerhard Jelinek vom ORF, der Redakteur der Sendung “Menschen & Mächte” und Leiter der Doku-Abteilung im ORF.  In einer Mischung aus beruflichen und privaten Episoden erklärte Jelinek die Medienwelt und spannte den Bogen vom ORF über PRO7/Sat1 bis hin zu Boulevard-Blättern wie “Österreich” und “Heute”. Zusammfassung: “It’s the economy, stupid!”. (Der Vortrag ist hier online abrufbar.)

Ein paar Notizen, aus dem Zusammenhang gerissen:

  • Das Durchschnittsalter der Zuseher der ZIB1: 64 Jahre. Kein Tippfehler: vierundsechzig Jahre, ja: Durchschnitt. Ich glaub’s kaum. Kann es sein, dass die Geräte zur Einschaltquoten-Messung nur an Pensionisten ausgegeben werden?
  • Filmempfehlung: Wie Politik funktioniert sieht man am besten in Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt. (Schüsselszene, als es um die Bombardierung irgend eines Landes geht, das von der Affäre des Präsidenten mit einer minderjährigen Schülerin ablenken soll: “Why Albania?” – “Why not Albania?”)
  • Jelinek liest bei Ereignissen in der arabischen Welt bei den Al-Jazeera-Blogs mit. Muss ich mir für den Unterricht vormerken – nützlich für Politische Bildung fächerübergreifend mit Englisch.

Last but not least: In der abschließenden Podiumsdiskussion stellte Angelika Plank von der Kunstuniversität Linz stellte das neue Lehramtsstudium des “Mediengestalters” vor, das in Fächerkombinationen ab sofort belegt werden kann.

Hat sich das Hinfahren also gelohnt? Nun ja, vermutlich hätte ich mir nicht alle Vorträge online angesehen. Vermutlich hätte ich mich nicht so nett mit ein paar Kolleginnen und Kollegen austauschen können. Vermutlich hätte ich zuhause nicht leckeren Lachs, Antipasti und Törtchen zubereitet. Mit den Tagesausflügen ist das wohl so wie mit dem Laufen gehen: Umziehen und die ersten Schritte im Regen sind grausam, aber im Nachhinein ist es meistens toll.

Traraaaa: LehrerInnen, Aus- und Vorbildung neu

Frischgebackene Pädagogen sollen nach einem Wunsch der derzeitigen österreichischen Regierungsparteien (vertreten durch das Sprachrohr einer Experten-Kommission) nach 3 Jahren Uni-Bachelor-Ausbildung in der Klasse unterrichten. Danach ist nebenbei der Master nachzuholen. Im Gegenzug dazu, werden die Lehrerarbeitsplätze durchlässiger: Ein Schultypenwechsel sollte damit möglich sein. Auf der Homepage des bm:ukk ist dies unter “LehrerInnenbildung NEU” inklusive vieler Stellungnahmen dazu nachzulesen.

Mir gefällt das aus folgenden Gründen:

  • Guter Unterricht hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, akademisch schönschreiben wissenschaftlich arbeiten zu können. Ob jemand Kinder bzw. Jugendliche erreicht, hat kaum etwas mit der Anzahl der Studienjahre zu tun. So wie ein Arzt, bei dem sich seine Patienten wohfühlen, nur teilweise an seinen Noten vor bzw. während der Uni gemessen werden kann.
  • Die Sackgasse “Lehrberuf” wird endlich offener, Abzweigungen in andere Schultypen sollten möglich sein: Vom Volks- zum Hauptschullehrer (wenn die Klein-Volksschule zusperrt), von der Handelsschul-Lehrerin zur Berufsschullehrerin, vom HTL-Lehrer zum Kindergartenpädagogen. Vielleicht sogar auf Zeit, mit Rückkehrmöglichkeit? Warum nicht? Ich fände das spannend und würde das liebend gerne nutzen. Frei nach dem Motto: Die einzige Konstante unserer Zeit ist die Veränderung.
  • Schulen suchen sich ihre Lehrer selber aus. Lehrer können sich an Schulen bewerben. Schön.
  • Einen Master (nebenbei, zusätzlich) zu machen, während hauptberuflich (oder nebenbei oder zusätzlich) unterrichtet wird, sollte dieses Studium praxisnäher werden lassen als ein Master vor dem Lehrerleben.

Was aber noch diskutiert werden sollte:

  • Die Tendenz, immer mehr in kürzer Zeit von Arbeitnehmern zu verlangen ist zwar ein Merkmal unserer Zeit, aber in drei Jahren den Super-Lehrer hinsichtlich Fachwissen und Pädagogik vom Bachelor-Fließband laufen zu lassen wird nicht so richtig funktionieren. Irgendwann hat das negative Folgen hinsichtlich Qualität und Psyche von Arbeitnehmern.  (Andererseits wissen alle Lehrer, dass ihre Ausbildung an den Hochschulen dort und da verbesserungswürdig ist und dort sinnlose Zeit oft gut bezahlt wird. So verbesserungswürdig, dass das Abschleifen von Kanten eher nicht genügt…)
  • Ob ein Englisch-, Latein-, Mathe-Bachelor für die 5. Klasse Gymnasium reicht? Naja, versuchen wir es.
  • Die Regierung rechnet offensichtlich damit, dass sich alle Pädagogen zusätzlich zum Unterricht ständig weiterbilden. Dazu gehörte allerdings eine neue Weiterbildungskultur in den Schulen. Die sehe ich weit und breit nicht, sehe auch keine Lösung. Wer sich weiterbildet ist derzeit ein Störfaktor in der Schule: Kollegen, die bereits am Limit sind, müssen zusätzliche Stunden übernehmen, die sie lieber zur Aufrechterhaltung der Qualität des eigenen Unterrichts, zur Verbesserung desselben oder einfach zur Erholung nutzen möchten.
  • Sobald sich der Schulstandort Pädagogen in hire & fire Manier selbst aussuchen kann, wird die Mobbing-Debatte im Schulbetrieb um einen hohen Faktor brisanter. Was Parteipolitik betrifft, so könnte die Mitgliedschaft und Mitarbeit bei der “richtigen” Fraktion wieder ein Muss werden, was ich derzeit nicht so empfinde.
  • Die Entlohnung der Pädagogen aufgrund des Schmalspur-Bachelors zu kürzen (so wie das im anderen öffentlichen Dienst gerade versucht wird), wäre ein falscher Weg. Dann gibt es bald keine Lehrer mehr.
  • Auf den “Nebenbei-Master” bin ich schon gespannt. Derzeit machen schon einige meiner Berufsschul-Lehrer Kollegen (und ich auch) einen Master bzw. liebäugeln damit. Beim Vergleich der Master-Programme bzw. deren Absolventen scheint es mir aber hier auch haushohe Unterschiede zu geben: Den einen wird er nachgeworfen, die anderen verdienen ihn sich blutig. (Bitte mir diese drastische Ausdrucksweise zu verzeihen, aber derzeit wächst bei mir etwas der Frust, wenn ich nicht mal die Zeit finde, an einer Weihnachtsfeier teilzunehmen, weil ich für die Fernuni-Hagen eine Aufgabe am Montag abgeben muss und ich mit den zu lesenden Skripten sowieso schon einige Wochen im Hintertreffen bin. Bald sind Weihnachtsferien, da wird dann wieder durchgearbeitet und Rückstände aufgeholt. Selbstmitleid…… buhuuu…)

Die Zeit ist schon lange reif für Veränderungen im Schulbetrieb. Begonnen werden muss mit jenen, die Unterricht gestalten, also bei uns Lehrern. Dass dieser Regierungsplan (aus Schulsicht) eine Extremposition darstellt und bei der Realisierung vermutlich wieder eine halbherzige und österreichische Lösung herauskommt, das ist ziemlich sicher. Während der Lehrerausbildung meinte ein Vortragender, dass die notwendige 2/3-Mehrheit für Änderungen im Schulsystem eine gute Sache sei, weil sich Schule dann nicht nach jeder Wahl ändert. Wo Licht ist, da ist auch Schatten.

Rückschau 5. eLearning Didaktik Fachtagung in Wien

Fachtagung (Symbolfoto)

Fachtagung (Symbolfoto)

Vom 20. – 21. Oktober 2010 fand im TGM in Wien die 5. eLearning Didaktik Fachtagung statt. Über 40 Beiträge wurden mit einem OpenReview Verfahren ausgewählt und in die Kategorien “Mobile und virtuelle Welten”, “Musik und Multimedia”, “Wirtschaft”, “Mit Netbooks unterrichten”, “Mathematik” und “Fremsprachen” eingeteilt und in drei Hörsälen angenehm pünktlich und professionell abgespult. Weil ich meinen Time-Turner zuhause vergessen hatte, konnte ich “nur” knapp 18 Vorträge hören.

Hier einige Notizen zu den Vorträgen:

Seinen Ruf als “Popstar der Mathematik” wurde Rudolf  Taschner gerecht, als er in unterhaltsamer Form seine Gedanken zur Computerisierung laut aussprach: Das schultaschengewichtserleichternde ipad als Schiefertaferl wie zu Gauss’ Zeiten (“steht ja nichts wichtiges drauf, kann ja gleich wieder gelöscht werden”), die Wichtigkeit des Verstehens in der Mathematik (“jedes Kind muss verstehen, dass man bei einem Kredit mehr zurückzahlt, als man bar hinlegen muss, das Kind könnte später ja auch Politiker werden”), die Skurriliät von Prüfungen (“das stellt der Lehrer fragen, die er selber viel besser beantworten kann”) und über das vielzitierte Abholen der Kinder im Unterricht (“das Abholen übernimmt die ÖBB, für Lehrer genügt es, wenn sie die Welt der Kinder verstehen”).

Statt “lebenslangem Lernen” plädiert Taschner für “lebenslang verstehen wollen”. Übrigens funktioniert verstehen in der Teamarbeit nicht wirklich gut (“Ich versteh ich Hälfe, du verstehst die Hälfte, gemeinsam haben wir alles verstanden…”). Als Zukunftsziel sollten wir versuchen, “die Maschine zu verwenden und mündig zu bleiben”.

Anschließend präsentierte Markus Hohenwarter, Institutsvorstand für Didaktik der Mathematik an der JKU Linz, GeoGebra, eine Open-Source-Lösung, die im Zuge seiner Diplomarbeit entstanden ist und nun weltweit an etlichen Schulen eingesetzt wird. Geogebra verbindet Geometrie, Algebra und Analysis auf benutzerfreundliche Weise. Konstruktionen mit Punkten, Vektoren, Geraden sowie die Erstellung von Kegelschnitten und Funktionen können dynamisch mit der Maus verändert werden. Hohenwarter verglich den Schritt, GeoGebra als Open-Source zur Verfügung zu stellen mit einem Zitat von Warren Buffett: “If you want to go fast, go alone. If you want to go far, go together.”

Im Zuge der Einführung des Learning-Management-Systems “LMS – elearning mit System” an sieben verschiedenen Handelsakademien im Burgenland untersuchte Herbert Gabriel, warum IT trotz einheitlicher Bedingungen in verschiedenen Schulen unterschiedlich intensiv genutzt wird. Dabei fand er beispielsweise heraus, dass LehrerInnen, die bei einem Persönlichkeitstest das Merkmal “gewissenhaft” erhielten, die Lernplattform intensiver nutzten, als jene, bei denen dieses Merkmal nicht so ausgeprägt war. Sowohl Lehrer als auch Lehrerinnen nutzten die Lernplattform in den untersuchten Schulen ähnlich oft, signifikant war aber ein Rückgang der Nutzung bei männlichen Lehrern über 50 oder anders gesagt: Lehrerinnen über 50 nutzen Lernplattformen fast doppelt so häufig wie gleich alte Lehrer.

Birgit Raab-Pfisterer von der Hak Bruck/Leitha zeigte das kollaborative Mind-Mapping Tool Mindmeister, das sie in einer Unterrichtssequenz zur Unternehmensgründung benutzte und erinnerte mich daran, mit den Schülern wieder mal das exzellente Spiel “Start up! Vom Lehrling zum Chef” zu spielen. Uwe Gutwirth stellte das betriebswirtschaftliche Online-Spiel “Fish Market” vor, das auf der Plattform “Accounting Training System” nach Angabe einer kostenlosen Registrierung einige Tage lang spielbar ist. Das Spiel ist eine Kombination aus Unternehmensplanung, Strategie, Rechnungswesen und Ökologie und kann mit zwei bis vier Teams rundenbasiert in verschiedenen Schwierigkeitsgraden gespielt werden. Beim höchsten Schwierigkeitsgrad sind praxisnahe Rechnungswesen-Kenntnisse unbedingt erforderlich. Wenn das Spiel alleine ausprobiert wird, sollte es in verschiedenen Browsern (also z. B. Firefox und Internet-Explorer) gestartet werden, sonst funktioniert die Simulatin von zwei Teams nicht.

Karin Osunbor von der PH-Niederösterreich zeigte für das Fach Englisch einige nette Homepages, wie zum Beispiel Digger and the Gang, den Storymaker, english-4u.de oder makebeliefscomix.com. Walter Steinkogler, Betreuer von e.schule.at, einem Themenportal für Englisch, berichtete von einer User-Umfrage und gab Ausblicke, wie sich das Portal in nächster Zeit entwickeln wird. Den ersten Tag beendete Marianne Wagner mit einer Sequenz für den Französch-Unterricht, wo sie Voki verwendete. Mit voki können Schüler Avatare erstellen, die dann eingegebene Texte oder hochgeladene Soundfiles sprechen. Marianne Wagner benutzte das Tool, um mit Schülern die Aussprache von französischen Reimen zu üben.

Am zweiten Tag stellte Daniela Denk von Microsoft das “Lernen in der Cloud” vor. Mit Office 365, das bis vor kurzem noch “Microsoft Online Services” hieß, erhalten User eine Online-Festplatte mit 25 GB Kapazität, Skydrive genannt, und 10 GB für E-Mails. Das Paket, das Word, Excel, Powerpoint, Outlook und OneNote enthält ist so flexibel, dass ein Login auf einer Schul-Homepage integriert werden kann und in der Schule benötigte Dienste, wie beispielsweise eine Raum-Reservierung online abgewickelt werden können.

Klaus Edel zeigte die Themendossiers für Politische Bildung unter www.didactics.eu her. Hier sind Unterrichtsmaterialien, methodisch-didaktische Vorgehensweisen und einige Filme zur Thematik, beispielsweise die Wochenschauen vom 1. Mai von 1912 bis heute zu finden. Ebenfalls aus dem Bereich Politische Bildung kommt www.polipedia.at, ein Wiki das unter dem Motto “Demokratie – Politik – Partizipation” steht, vom Demokratiezentrum Wien in Kooperation mit der Uni-Salzburg betrieben wird und in dem Schüler aktiv partizipieren können.

Hubert Egger sprach über den Themenbereich “Gewaltspiele im Unterricht – Sozialkompetenz mit EgoShooter”. Besonders beeindruckt hat mich, dass er mit einer Schülergruppe eine Exkursion zu einem Schießstand eines Polizei-Sportvereins durchführte und die SchülerInnen dort Gelegenheit hatten, Waffen auszuprobieren. Danach wurde reflektiert, wie die Realität in Filmen bzw. Shootern dargestellt wird. Übrigens führt Hubert Egger zum Thema ein Wiki unter www.gewaltspiele.at.

Die IKT-Kompetenz von Lehrern zu steigern, hat sich die soeben gestartete Initiative ICTeacher.eu auf die Fahnen geheftet. Bei diesem Programm erhalten interessierte Lehrer eine praxisnahe, anwendbare und für den eigenen Schultyp zugeschnittene IKT-Ausbildung.

Rene Schwarzinger stellte www.linuxadvanced.at vor, einer Initiative, die Chancengleichheit für die Bildung durch die Verwendung von Open-Source Software herstellen möchte. Auf einem bootfähigen USB-Stick finden sich Programme wie Gimp, Audacity, Openoffice.org, Kino, Iceweasel, Icedove, K3B, Geogebra, wxMaxima, KTouch usw. Speziell für Schulen entwickelte Lehrer-Tools (LA-TS genannt), gewährleisten einen vernünftig durchführbaren Unterricht. Das Paket wird laufend verbessert, ist schon in einigen Schulen im Einsatz, Feedback ist willkommen.

Andreas Wildberger von der ISPA, der Dachorganisation der Internet-Wirtschaft, momentan beschäftigt, sich gegen die Forderung der Filmindustrie nach Internet-Blockaden zu wehren, kündigte den Safer Internet Day am 8. Februar 2011 an, der unter dem Motto “It’s more than a game, it’s your life” steht und an dem die sichere Nutzung von Internet, Handy und Computerspielen stärker verankert werden soll. Übrigens kündigte auch Christian Dorninger vom bm:ukk an, dass bei den nächsten Wettbewerben Web 2.0 eine stärkere Rolle als bisher spielen wird.

Die Tagung beendete Jürgen Seifried von der Uni Konstanz, der über Evaluation von Lernen mit Neuen Medien sprach. Er wies auf das Evaluationsinstrument Inventar zur Computerbildung (INCOBI) hin und präsentierte eine neue Studie, bei der Rechnungswesen und BWL mit und ohne neue Medien unterrichtet wurde. Zwei Detailergebnisse (die, wie er sagte, noch zu überprüfen sind): 1) 30 – 40 % der verwendeten Unterrichtszeit langweilen sich die Schüler. 2) Der Einsatz von PCs im Unterricht steigert die Langeweile. Ich hoffe, die Studie gibt’s demnächst irgendwo zum Runterladen.