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Bildungskongress in Düsseldorf #bk09
Gelungene Präsentation vom Hirnforscher und Psychologen Peter Kruse (hier der Wikipedia-Eintrag und die Youtube-Playlist) über Internet, Schule und den Rest der Welt:Tweets zu diesem Thema: http://search.twitter.com/search.atom?q=%23bk09
Die Aufzeichnung des Vortrages kann bei dnadigital angesehen werden (einfach das Politiker-blabla überspringen).
Neu für mich war die Einführung des Begriffs „Digital inhabitants“, weil ja die „Alten“ im Begriff „digital natives“ wegen eines zu frühen Geburtsdatums und des Handikaps, nicht mit Playstation, Handy und Co als 5jährige in Berührung gekommen zu sein, ausgegrenzt waren, obwohl sie manchmal wie Kruse gleich viel oder mehr Ahnung von Web2.0 haben als ein „nach-90-er“. Andererseits können wiederum manche Jugendliche mit Facebook, Twitter und Wikis wiederum nichts anfangen. Deshalb der „digitale Einwohner“. Agreed.
Erstaunlich, dass wieder mal das „Cluetrain-Manifest“ erwähnt wurde. Ich habe es damals gelesen, aber ich konnte nicht so recht erklären, warum es mich so faszinierte. 10 Jahre später ist alles klar, das Buch war in manchen Bereichen seiner Zeit voraus. Jetzt passt es genau und beschreibt die Mechanismen, mit der Social Software die Politik, Wirtschaft und hoffentlich auch das Bildungssystem verändern kann: „Märkte sind Gespräche“.
So, das war ein alljährlicher chaotischer Ratz-Fatz-Blitzeintrag. Der Kruse-Vortrag ist es wert, nochmal reinzuhören, die youtube Videos dazu rauszusuchen und ein paar Zitate mitzuschreiben.
Add comment 27. August 2009
Tipp für die Lehrerausbildung: Die Top Lehrer/innen-Blogs 2009
Der Lehrerfreund ruft am (oder ab?) Sonntag, den 19. April 2009 auf, die besten Lehrer/innen-Blogs zu wählen. Die Blogs sind nach Geburtsdatum (dem allerersten Blogeintrag) kategorisiert in Säuglinge, Etablierte und Veteranen. Eine Jury wählte aus 70 vorgeschlagenen Blogs die zehn Besten aus.
Würde ich an einer Pädagogischen Hochschule unterrichten, dann würde ich das Lesen einiger dieser Blogs als Ausbildungsbestandteil im Fach Didaktik, Pädagogik o. ä. einführen. Regelmäßige Kommentare und die Diskussion ausgewählter Beiträge könnten Bestandteil von Seminaren oder Hausarbeiten sein. Wenn Studierende oder Professoren schon nicht selber bloggen, dann könnten sie zumindest dieses wertvolle Potential nutzen. Dies könnte angehende Lehrer damit vertraut machen, guten Unterricht über Internet auszutauschen oder sich über Blogs oder was-da-auch-demnächst-noch-kommen-mag, weiterzubilden. Wer meint, das sei zuwenig wissenschaftlich, der sollte sich fragen, ob unsere Kinder eher Wissenschaftler oder Pädagogen im Klassenzimmer brauchen.
Die Top10-Liste der Lehrer/innen-Blogs ist jedenfalls eine tolle Auswahl für angehende und aktive Lehrer. Prädikat: besonders wertvoll.
P. S.: Selbstverständlich freut es mich sehr, dass mich der Lehrer/innen-Freund in die Vorauswahl der Säuglinge gewählt hat. Unter die Top3 hat es für mich nicht geklappt, macht aber nichts. Ein großes Dankeschön an die Redaktion. Unter den Top70 waren etliche gute Blogs dabei, auf die ich in den letzten 3 Jahren trotz hartnäckiger Suche nach Lehrer-Blogs noch nicht gestoßen bin. Ein besseres Blog-Verzeichnis für Unterrichtende gibt es derzeit nicht.
3 comments 18. April 2009
Wenn gute Vorschläge von Affen einfach nicht akzeptiert werden
„Lemim“ (anonym) schreibt im Kommentar zu vorigem Blog-Posting „Lehrer nach Leistung bezahlen?“ einen kurzen Satz, der einige Tage kreisend in meinem Kopf verbrachte:
„Schade, dass sowas von den Verantwortlichen nicht gelesen wird!“
Mal abgesehen von diesem Blog-Beitrag und abgesehen, ob der Inhalt gut, durchführbar, bezahlbar, politisch durchsetzbar, akzeptabel für diese oder jene Menschen ist: Es immer wieder interessant, wie sich Einzelne eine blutige Nase oder zumindest ein Päckchen Frust holen, wenn sie Vorschläge vorbringen, die Organisationsabläufe ändern.
Da hilft es auch oft nichts, wenn sich manche in Guerilla-Taktik-Manier akribisch auf Gegenargumente vorbereiten, in einem zweiten Schritt diesen Vorschlag mal im Pausenraum vorbringen, in 60 Sekunden 20 weitere Gegenargumente sammeln und diese Gegenargumente wiederum gewissenhaft und logisch zu entkräften versuchen. Neinnein, selbst die beste Idee scheitert dann an … ja, woran? Angst vor Veränderungen? Bequemlichkeit? Nicht-lernen-wollen?
Robert Cialdini („Die Psychologie des Überzeugens„) bringt eine weitere Ursache: Autorität und Status. Er berichtet von einer Studie über japanische Affenhorden aus dem Jahre 1970: Jungen Affen, die in der Hierarchie der Horde weit unten standen, wurde als neues Nahrungsmittel Karamellbonbons gefüttert. Die jungen Affen waren natürlich begeistert von den Bonbons, diese Vorliebe verbreitete sich aber nur im Schneckentempo in der übrigen Horde. Nach 18 Monaten hatten erst 51 Prozent der Affen eine Vorliebe für Karamellbonbons erworben, kein einziger Anführer kannte diese.
Ganz anders war es, als man den Anführern Weizen als neues Nahrungsmittel anbot. Innerhalb von vier Stunden hatte sich das Nahrungsmittel in der Horde durchgesetzt.
Cialdini schreibt „In Affenhorden, in denen strenge Machthierarchien bestehen, finden neue Errungenschaften nur dann rasch Verbreitung, wenn sie zuerst einem der dominierenden Tiere beigebracht werden. Wird die Sache zuerst einem tiefer stehenden Tier vermittelt, bleibt ihr Wert dem Rest der Gemeinschaft weitestgehend unbekannt.“
Sollten Sie also in einem Umfeld Vorschläge vorbringen, in denen strenge Machthierarchien bestehen, dann wundern Sie sich nicht, wenn diese abgelehnt werden. Erklimmen Sie erst die Karriereleiter, am besten ganz rauf. Dann machen Sie ihre Vorschläge. Und wenn Ihre Vorschläge dann immer noch nicht greifen, dann könnte es daran liegen, dass es mehrere dieser Leitern gibt, auf denen andere stehen.
6 comments 18. April 2009
Lehrer nach Leistung bezahlen?

Daniel Ariely
Die besten Sachbücher sind immer die, deren Inhalt das bestätigt, was unser Bauch wusste und unser Geist bestenfalls ahnte. Bei mir geschehen bei Daniel Arielys Buch „Denken hilft zwar, nützt aber nichts„.
Im Kapitel 4 beschreibt er den Unterschied zwischen „sozialer Norm“ und „Marktnorm“.
Beispiel:
Marktnorm: Rechtsanwälte wurden von einer gemeinnützigen Organisation gebeten, bedürftige Rentner ihre Dienste kostengünster als für andere, etwa um 30 Dollar pro Stunde anzubieten. Die Anwälte lehnten ab. Ihr Marktwert war höher.
Soziale Norm: Daraufhin fragte der Projektleiter der gemeinnützigen Organisation die Anwälte, ob sie ihre Dienste kostenlos anbieten würden. Mit überwältigender Mehrheit sagten die Anwälte zu. Die Anwälte zogen nun soziale Normen heran und waren bereit, ihre Zeit kostenlos zur Verfügung zu stellen.
Im Buch bringt Ariely noch etliche (längere) Beispiele, hier sein Fazit: Sobald von Geld die Rede ist (also auch, wenn wir den Wert von Geschenken mitgeteilt bekommen haben), bewerten wir Tätigkeiten mit der Marktnorm. Wir bemühen uns entsprechend der Entlohnung und machen Schluss, wenn das Zeit-Geld-Guthaben erschöpft ist. Geld bewirkt (in weiteren Experimenten bewiesen), dass wir weniger oft um Hilfe bitten. Wir werden egoistischer und selbstsicherer, wollen mehr Zeit alleine verbringen und wählen eher Aufgaben aus, die wir alleine bewältigen können.
Für das Klassenzimmer bedeutet Geld das berühmte „Plus“ oder eben eine Note. Wen wundert es, wenn eine Gruppenarbeit da nicht funktioniert?
Anders die soziale Norm: Darunter versteht man freundliche Bitten (Dienste, Tätigkeiten), die unentgeltlich erfüllt werden. Wir erwarten keine sofortige Belohnung, beide Seiten freuen sich, eine unmittelbare Gegenleistung ist nicht notwendig. Kleine Geschenke sind erlaubt, wenn uns nicht das Preisschild unter die Nase gehalten wird. Darum ist es auch so peinlich, wenn wir das Preisschild nicht entfernt haben. Soziale Normen sind in unserer Natur und unserem Bedürfnis nach Gemeinschaft verankert. Und das Wichtigste: Wir bemühen uns aufgrund der sozialen Normen mehr, als wenn Marktnormen im Spiel sind.
Darum funktioniert Open Source, Wikipedia usw. Hier die Marktnorm anzuwenden und dafür Geld zu geben bzw. nehmen, würde ein Vermögen kosten.
Was Jobs betrifft, so war früher die Trennung „soziale Norm“ und „Marktnorm“ sehr einfach. Wenn die Fabriksirene heulte, schalteten wir von einer Norm zur anderen um. Einfach und klar.
In Kreativjobs, zu denen der Lehrerjob gehört, ist diese strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit aufgehoben. Feste Arbeitszeiten sind hier (bis auf die Lehrverpflichtung) abgeschafft. Wer hier mit Marktnormen misst, indem er Stunden und Minuten gegen Geld aufwiegt, der bekommt einen Lehrer für Fließbandarbeiter.
Ariely meint:
„Statt die Aufmerksamkeit von Lehrern, Eltern und Kindern auf Prüfungsergebnisse, Gehälter und Wettbewerb zu richten, wäre es vielleicht besser, bei uns allen Zielstrebigkeit, ein Bewusstsein für die große Aufgabe und Stolz auf Bildung zu wecken. [...] Vor geraumer Zeit sangen die Beatles: „Can’t Buy Me Love“. Dies trifft auch auf die „Liebe“ zum Lernen zu. Wenn man es versucht, vertreibt man sie womöglich.“
Das Bildungssystem sollte daher an sozialen Zielen (Armut, Menschenrechte, Umweltschutz, …), technischen Zielen (Nanotechnologie, Energiesparen, …) und medizinischen Zielen (Heilverfahren gegen Krebs, Diabetes, Fettleibigkeit, …) ausgerichtet werden. Eltern, Lehrer und Schüler erkennen dann den höheren Sinn der Bildung und bringen somit mehr Begeisterung und Motivation mit.Und Ariely sagt:
„Aber wir sollten auch viel Mühe darauf verwenden, Bildung als Wert an sich zu vermitteln, und aufhören, die Zahl der Unterrichtsstunden mit der Qualität der Bildung, die ein Schüler erhält, zu verwechseln. [...] Es ist unsere gesellschaftliche Aufgabe, Kinder dazu zu bringen, dass sie genauso viel über Nobelpreisträger wissen wollen, wie sie schon über Fussballspieler wissen.“
Ergänzend dazu:
- ein FAZ-Artikel von heute: „Von privaten Schulen lernen“ (siehe dort „Dynamische Lehrkonzept“, Stichwort Motivation, via Twitter scheppler)
- ein ZEIT-Artikel, der nicht ganz dieser Meinung ist: „Boni für die Besten“ (auch via Twitter scheppler)
- mein Blog-Beitrag vom Vorjahr „Lehrerleistung messen„.
Dieses Jahr frage ich mich: Vielleicht messen wir irgendwann mal Lehrerleistungen. Gut. Entlohnen wir Mehrleistung auch monetär? Motiviert das wirklich? Oder sollten wir uns darauf beschränken, Ungerechtigkeiten des Systems auszubügeln und versuchen, die „soziale Norm“ in der Schule zu etablieren. Und dann frage ich mich noch: Wer ist „wir“? Die Bildungsministerin oder die Gewerkschaft? Oder alle anderen vielleicht?
5 comments 14. April 2009
Lehrerarbeitszeit – 2 Stunden für mehr Qualität
Ich ging neulich laufen. Dienstag vormittags, wo anständige andere Menschen arbeiten. Ah ja, die obligatorische Rechtfertigung dafür: Ich hatte Montag abends (so zirka von 20.00 bis 00:30 Uhr) meinen Unterricht für Dienstag nachmittag vorbereitet, deshalb konnte ich mir das leisten. Mitten im Wald traf ich einen Waldarbeiter. Schwitzend und fluchend sägte er mit einer altmodischen Handsäge an einem Baum herum. Ich fragte ihn, warum er keine Motorsäge verwendete. Er sagte, dazu hätte er kein Geld, er müsse sparen. Dann sagte ich ihm (… jaja, typisch Lehrer), er solle doch wenigstens seine Säge schärfen. Dazu meinte er, er hätte dazu keine Zeit, er müsse heute noch mit diesem Baum fertig werden. Und er meinte, ich solle ihn doch gefälligst nicht stören und er sägte doppelt so schnell weiter. Und fluchte dabei doppelt so laut.
(Frei nach Stephen Covey)
Mit zwei Stunden ohne begleitende Maßnahmen sparen wir am Wesentlichen: An der Qualität derer, die qualitativ hochwertigen Unterricht produzieren sollten: An den Lehrern, an deren Energie, Begeisterung, Motivation und Lern- und Fortbildungsbereitschaft. Am genau jenem Werkzeug, das Lernen einfach machen sollte. Engagierte Lehrer werden zwei Stunden mehr Unterricht bei erhöhtem Zeitaufwand vermutlich ähnlich gut vorbereiten wie ihren jetzigen Unterricht. Doch was dabei etwas mehr auf der Strecke bleibt ist:
- Kreativität, den Unterricht spannend gestalten zu können (Kreativität braucht Zeit)
- Zeit, um neue Methoden zu erfahren und ausprobieren zu können
- Zeit, um am aktuellen Stand der Didaktik, Pädagogik zu bleiben.
- Zeit, um sich neue Technologien (Wiki, Weblogs, Podcasts, Google Text und Tabellen, Twitter, etc.) anzueignen
- Zeit, um Projekte zu planen und zu gestalten, die begleitend oder außerhalb des Unterrichts stattfinden
Was ist das eigentliche Ziel, was brauchen Schüler?
Schüler brauchen jene Qualifikation, die sie für die Gesellschaft wertvoll macht. So wertvoll, dass sie damit Geld verdienen können. Zumindest für die nächsten 5 Jahre bis nach dem Schulabschluss. Bis dahin sollten sie das Lernen gelernt haben, sich selbständig Wissen aneignen können und ein Gefühl für die richtigen Dinge haben. (Wo wird das eigentlich unterrichtet?). Danach sind sie selbst dafür verantwortlich, dass sie für ihre Arbeitgeber beschäftigbar bleiben. Nicht der Staat und nicht die Arbeitgeber sind dafür verantwortlich. Und auch nicht der Obama.
Mark Twain meinte sinngemäß: „Nachdem wir das Ziel völlig aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen“.
Mehr Zeit und Energie in ein dummes System zu investieren wird uns beim nächsten PISA-Test nicht wirklich helfen. Sofern der PISA-Test überhaupt als Maßstab für eine wettbewerbsfähige Gesellschaft gelten kann. Die Handsäge gehört endlich gegen eine Motorsäge ausgetauscht. Investitionen und gravierende Änderungen sind notwendig. Selbstverständlich werden diese Änderungen sowohl Lehrern als auch dem Geldsäckl weh tun. Aber den Status-quo einfach erhalten und das Hamsterrad ein bisserl schneller laufen zu lassen hilft keinem der Beteiligten.
In einem wunderbaren Blog-Eintrag hat Franz Kuehmayer einen 10 Punkte Plan zur Anhebung der Bildungsqualität vorgestellt, den ich hier einfach mal reinkopiere:
- Anrecht auf einen sinnvoll ausgestatten persönlichen Arbeitsplatz zum Vorbereiten / Nachbereiten – in der Schule
- Anspruch auf x Stunden professionelles Mentoring pro Monat
- Gelegenheit, regelmäßig am Unterricht anderer Lehrerkollegen teilzunehmen, um Erfahrungen und Best Practices auszutauschen.
- Anrecht, an externen Konferenzen und Kongressen teilzunehmen, um neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Pädagogik und auf ihrem jeweiligen Fachgebiet kennenzulernen
- Anrecht regelmäßiges ausführliches Feedback zu seiner Leistung zu erhalten
- Einrichtung von verpflichtender Elternpartizipation dergestalt, dass pro Kind mehr Zeit bleibt, als die obligatorischen 5 Minuten pro Semester am Elternsprechtag.
- Als neuer Lehrer Anrecht auf Begleitung durch einen erfahrenen Lehrer, der im ersten Jahr als Coach zur Seite gestellt wird, und ihm in der Klasse und abseits des Unterrichts hilft und ihn unterstützt
- Leistungsorientierte Anerkennung – gute Lehrer sollen sichtbar und erlebbar belohnt werden, auch finanziell.
- Lehrer, die nach dem Unterricht länger in der Schule bleiben wollen, um vorzubereiten, dürfen nicht vom Schulwart des Hauses verwiesen werden
- Verpflichtend Teamwork-orientierte Arbeit zur Erstellung von Vorbereitungen, um Erfahrungen zu nutzen und vorhandenes Unterrichtsmaterial wiederzuverwenden. Lernen von den Besten.
Hand in Hand mit einer Arbeitszeitänderung sollte eine Dienstrechtsänderung zugunsten von Qualifikation von Lehrern gehen. Vielleicht sollte sich irgendwer mal zwei Stunden pro Woche Gedanken über das Dienstrecht machen?
5 comments 3. März 2009
Das kluge Schulsystem …
hat als Systemteilnehmer kluge Leute. Diese klugen Leute sind im Schulsystem entweder hoch zu Ross (Amtsschimmel) oder an der Front (Lehrer, Schüler) anzutreffen.
Kluge Systemteilnehmer (Behörde, Lehrer, Schüler) tun Dinge, die andere nicht so gerne tun oder wo andere den Mut nicht dazu haben:
Sie ermöglichen Ausnahmen von Regeln, wenn es die jeweilige Situation erfordert. Nicht um zu manipulieren, sondern um ein größeres Ziel zu erreichen. Sie wissen, wann und wie sie improvisieren können und sie haben auch den Mut dazu. Denn die wirkliche Welt ist komplex und ändert sich rascher als alle Regeln. Und eines wissen sie genau: Regeln verhindern Chaos, erzeugen aber letztendlich nur Mittelmaß.
Einige dieser klugen Systemteilnehmer wurden vielleicht schon als Genies geboren. Aber bei weitem nicht alle, denn Klugheit hat mit Genialität kaum etwas zu tun. Leute werden klug durch die Erlaubnis zu improvisieren, neue Sachen auszuprobieren und manchmal zu versagen.
Nicht wenige bleiben auf der Strecke. Denn sogar die Ambitioniertesten unter ihnen geben auf, wenn sie immer gegen den Strom schwimmen müssen.
Doch viele schaffen es. Vor allem, wenn sie kluge Kollegen, Berater, Vorbilder und Lehrer haben, die ihnen eines lehren: Respekt.
Respekt vor sich selbst, vor den Klassenkollegen, vor den Lehrern und vor allem: Respekt vor dem Lernen.
(inspiriert und mehr oder weniger frei nach Barry Schwartz: „The real crisis? We stopped being wise“)
3 comments 17. Februar 2009
Wozu Schule?

fragt Seth Godin in einem Blog-Beitrag und gibt gleich 27 Antworten:
- Become an informed citizen
- Be able to read for pleasure
- Be trained in the rudimentary skills necessary for employment
- Do well on standardized tests
- Homogenize society, at least a bit
- Pasteurize out the dangerous ideas
- Give kids something to do while parents work
- Teach future citizens how to conform
- Teach future consumers how to desire
- Build a social fabric
- Create leaders who help us compete on a world stage
- Generate future scientists who will advance medicine and technology
- Learn for the sake of learning
- Help people become interesting and productive
- Defang the proletariat
- Establish a floor below which a typical person is unlikely to fall
- Find and celebrate prodigies, geniuses and the gifted
- Make sure kids learn to exercise, eat right and avoid common health problems
- Teach future citizens to obey authority
- Teach future employees to do the same
- Increase appreciation for art and culture
- Teach creativity and problem solving
- Minimize public spelling mistakes
- Increase emotional intelligence
- Decrease crime by teaching civics and ethics
- Increase understanding of a life well lived
- Make sure the sports teams have enough player
Meine Zustimmung zum Istzustand. (Naja, bis auf das Sports-Team, das haben wir nicht.) Interessant wäre eine Liste, wozu Schule gut sein sollte. Knifflig. Ich werde mal die fragen, die es wirklich betrifft, nämlich die Schülerinnen und Schüler.
1 comment 31. Januar 2009
In Informatik lernen sie bestimmte Standardprogramme zu öffnen und zu schließen, glaube ich
Wie heißt es so schön: „Die sprechen mir aus der Seele.“ Eine wunderschöne Diskussion vom D21-Jahreskongress.
<begin SATRIRE>Ich werde sofort Montag morgen den Erlass beantragen, der Bildungsverantwortliche dazu verpflichtet, diese 1,3 Stunden kurze aber intensive Diskussion mindestens einmal täglich zu sehen. </end SATIRE>.
<begin BEFÜRCHTUNG>Auch wenn ich den Clip vorher auf Videokassette überspielen muss.</end BEFÜRCHTUNG>
Starring: Gabi Reinmann (e-denkarium), der IT-fitteste Lehrer Deutschlands Olaf Kleinschmidt und andere am Podium. Und einige aus demPublikum.
Das Zitat aus der Überschrift ist übrigens bei Timecode 10:45 zu finden. Empfehlenswert ist der gesamte D21-Kanal bei zaplive.
(posting durch vodpod firefox-extension for wordpress)
1 comment 15. November 2008
Fragen machen schlau
Vor einigen Tagen habe ich meinen zweiten John Holt gelesen: Wie kleine Kinder schlau werden. Selbständiges Lernen im Alltag Und da begab es sich, dass meine Tochter mit ihren fünfeinhalb Jahren von mir verlangte, ihr ein paar Rätsel aufzugeben, die ich auf Kärtchen schreiben sollte, die sie vorbereitet hatte und die ich sie dann fragen sollte. Im Trivial-Pursuit-Stil, so habe ich das jedenfalls angenommen. So wie in der Schule.
Und als Fan von John Holt schrillten in meinem Gehirn die Alarmglocken: „Don’t do that!“. Denn John Holt meint:
Es ist wahrscheinlich, dass zuviel Ausfragerei ein Kind auf den Gedanken bringt, Lernen sei nicht ein Herausfinden, wie etwas funktioniert, sondern ein Antwortempfangen und -geben, das Erwachsenen gefällt. Kinder haben ein ungesichertes und vorläufiges Verständnis von der Welt. Wenn wir ihnen zuviel Fragen stellen oder sie mit zuviel Schärfe stellen, schwächen wir es dadurch eher. Ihr Verständnis wächst schneller, wenn wir imstande sind, ihnen zu vertrauen und im übrigen in Ruhe zu lassen.
Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass ich die Fragen eher nicht stellen sollte. Nächstes Jahr fängt für sie die Volksschule an, da lernt sie noch früh genug, von Erwachsenen erwartete Antworten zu geben.
Für mich selbst war es spannender, wenn meine Tochter Fragen erfand und wir sie dann gemeinsam zu beantworten versuchten, darüber redeten und dabei neue Fragen entwickelten. Sie fand das überhaupt nicht spannend. Also schlug ich ihr vor, abwechselnd Fragen zu stellen. Das fand sie ebenso uncool. Sie schmollte. Ich auch. Nach ein paar Minuten legten wir dann los.
Meine erste Frage war: „Welche Farbe hat ein Kürbis“. Meine zweite war: „Worauf reitet Bibi Blocksberg?“. Zu mehr kam ich nicht, denn meine Tochter sagte mir in rasantem Tempo Fragen an und ich hatte damit zu tun, diese auf Kärtchen festzuhalten, bevor schon die nächsten dahersprudelten. Beispiele gefällig?
- Was brauchen die Augen?
- Warum habe ich Schnupfen?
- Warum müssen Kinder ins Bett gehen?
- In welcher Jahreszeit kann man baden?
- Warum fallen die Blätter vom Baum?
- Was brauchen Menschen zum Trinken?
- Warum müssen Fische im Wasser sein?
- Warum kann Bibi Blocksberg mit dem Besen fliegen?
- Warum zerplatzen Luftballons?
- Warum verblühen Pflanzen?
- Warum wurde Jesus ans Kreuz genagelt?
- Warum stechen Bienen?
- Wieso leuchtet eine Lampe?
- Warum wachsen Blumen in der Erde?
Als ich ihr diese Fragen dann stellte und sie ganz erstaunliche Antworten gab, erntete ich vernichtende Kritik für meine eigenen zwei Fragen von ihr. Schon klar, ich habe sie wieder mal unterschätzt.
Und jetzt frage ich mich selbst: Wie lange schafft sie es, solche Fragen zu stellen. Und wann wird sie dazu übergehen, Fragen im Erwachsenen-Stil zu stellen? Fragen wie: Welche Farbe hat ein Kürbis?
Hoffentlich nie.
7 comments 28. Oktober 2008
Bürokratisierte Lehranstalten im Offline-Modus
Über den derzeit wohl besten Blog über Schule und Lernen, dem D21-Projektblog mit seinem fleißigsten Autor René Scheppler, wurde ich auf den Spiegel-Artikel „Merkel kürt IT-Superlehrer – doch der ist keiner mehr“ aufmerksam. Im Artikel heißt es:
Ausgerechnet der „IT-fitteste Lehrer Deutschlands“ hat sich beurlauben lassen, weil ihm die Schule zu träge ist. [...] Im Streit getrennt hat er sich von der Elitesportschule nicht, aber der Vorzeigelehrer hätte gern viel mehr erreicht. Es blieb dabei, dass er den eigenen Unterricht in Mathe, Physik, Informatik komplett digitalisierte – in anderen Klassen wurde weiter klassisch mit Tafel und Zeigestock unterrichtet. Kleinschmidts Ideen überzeugten zwar viele Schüler, das Sportförderzentrum und Sponsoren, doch sie erreichten nicht die ganze Schule. Auch wenn es ihm gelang, Projektmittel und prominente Partner, Beamer und andere Geräte aufzutreiben: Kleinschmidt blieb am Ende ein begeisterter Solist und zog sich deshalb zurück.
Während sich die reale Welt in den letzten Jahren im Bereich der Kommunikation (Handy, E-Mail, Google, …) rasant verändert hat und kaum wiederzuerkennen ist, fährt die Schule zu einem großen Teil in einem Fahrwasser, das sich in den letzten 10 20 30 40 50 60 70 Jahren (nichtzutreffendes streichen) kaum verändert hat. Kommunikation wurde so einfach und billig wie noch nie. Die Schule hat das noch nicht begriffen und nützt diese Tatsache zu selten. Dumm, denn Lernen besteht aus Kommunikation. Indem Schule zeitgemäße Kommunikationsmittel nicht zulässt, verhindert sie Lernen. Verhinderung von Lernen verhindert eine gute Zukunft. Ich als Kind würde mir das nicht gefallen lassen.
Lehrer werden bezahlt, 50 Minuten Unterricht zu halten. Ich werde nicht für diesen Blog bezahlt, ich werde nicht bezahlt, innovativ zu sein. Ich bekomme kein Geld, wenn ich alternative Lehrmethoden einsetze, ich bekomme keine Geld, wenn ich mich monatelang mit Web 2.0 auseinandersetze, herumprobiere, plane, verwerfe, ausprobiere, scheitere und manchmal Erfolge feiern kann. Und wissen Sie was? Ich will auch kein Geld dafür. Guter Unterricht macht Spaß. Aber ich will zwei Dinge:
- Ich möchte keine bürokratischen Felsen in den Weg gelegt bekommen.
- Ich will mich mit Gleichgesinnten austauschen. Und die gibt es nicht an jeder Schule zuhauf.
Wenn beispielsweise eine Pädagogische Hochschule aus einem anderen Bundesland mich einlädt, anderen Lehrern über meine Aktivitäten mit Wikis, Weblogs und Podcasts im Unterricht zu berichten, dann lehnt die Schulbehörde sowohl Dienstreiseauftrag als auch Sonderurlaub ab und verlangt von mir, dass ich mich einen Tag karenzieren lasse. Weil die Veranstaltung in einem anderen Bundesland stattfindet, weil sie nicht vor Berufsschullehrern sondern AHS und APS-Lehrer stattfindet und weil ansonsten eine Doppelbezahlung erfolgt. Juristen meinen, dass so eine Aktivität in die Kategorie „reines Privatvergnügen“ fällt und in etwa einem Hallenbadbesuch mit meinen Kindern entspricht. Natürlich hätte der Lehrer „Parteienstellung“ bei einer Ablehnung. Aber muss ich darum kämpfen, mehr arbeiten zu dürfen? Nach einer intensiven Vorbereitungszeit für diesen Workshop musste ich fünf Tage vor der Veranstaltung deshalb leider absagen.
Ist es verständlich, dass manche Lehrer sich irgendwann aus der Schule zurückziehen? Noch dazu, wo trotz Finanzkrise derzeit 3800 IT-Stellen allein in Österreich zu besetzen sind?
Die derzeitige Organisation und das derzeitge Schulrecht sollte dringend reformiert werden. Die Möglichkeit, innovativ zu sein, im Team zu arbeiten und die Möglichkeit von schulübergreifenden Kooperationen bzw. Austausch sollte im Dienstrecht (oder wo immer die Juristen das hinschreiben wollen) verankert werden. Gewerkschaften sollten Veränderungen nicht verhindern, sondern gemeinsam mit dem Gesetzgeber vorantreiben. Lebenslanges Lernen sollte Alltag für Lehrer werden, von der Schulbehörde unterstützt und von der Kollegenschaft toleriert werden. Pädagogische Hochschulen sollten über die veränderte Welt da draußen informiert werden. Lasst die Schulen endlich frei.
Zum Beispiel so:
Veränderungen bringen aber vorerst einmal Angst, Unsicherheit und viele, viele Krisen. Würde die Schule samt Lehrern und Schülern das aushalten? Oder halten wir es aus, nochmal 10 20 30 40 50 60 70 Jahre (nichtzutreffendes streichen) nichts zu verändern?
Andererseits: So furchterregend waren die chinesischen Kids im Video ja nicht. Und das Whiteboard hat auch keinem einen Stromschlag versetzt, soweit ich weiß.
6 comments 17. Oktober 2008



