So oder so ähnlich haben Innovationen in der Schule Sinn
12. Juni 2009
Seth Godin hat auf seinem Blog auf das Video „Guy starts dance party“ verlinkt. Das Video erinnert mich an Innovationen in der Schule.
Lasst mich das Video kurz aus Schulsicht beschreiben:
Die breite Masse liegt in der Komfortzone und tut entspannt das, was sie immer schon gemacht hat. Da springt ein (offensichtlich) völlig Verrückter auf und macht das, was keiner sonst macht: Er hampelt irgendwie herum. Vermutlich strengt er sich an, aber es scheint auch Spaß zu machen. Die anderen sehen zu. Warten ab. Denken: „So kann ich nicht tanzen“, „Dafür bin ich zu alt“, „Wo hat der das bloß gelernt?“, „Wie kommt der auf das?“, „Der muss ja jede Menge überschüssige Energie haben“, „Der spinnt“, „Ich verstehe überhaupt nicht, was das für einen Sinn haben soll“, „Jaja, wieder einer der sich in Szene setzen will, Angeber“, „Lasst ihn doch, irgendwann geht ihm die Puste aus und dann fällt er auf die Nase“, „Darf der denn das?“, „War das nicht der, den ich vorhin mit Drogen gesehen habe?“.
Nach (relativ) langer Zeit kommt ein Zweiter, dann ein Dritter. Und das ist der Guy #3, den Seth Godin als Auslöser für gelungene Innovationen nennt. Der Dritte macht’s, dass sich plötzlich andere trauen, mitmachen, probieren, mitgerissen werden und plötzlich die Komfortzone zu einem seltsamen Ort wird, wo nur noch eine Minderheit herumliegt.
Was heißt das für die Schule?
Innovative Lehr- und Lernformen finden hinter verschlossenen Klassentüren statt. Geniale Projekte landen in der Schublade. Der Lehrer und 26 Schüler waren begeistert. Na toll. Würde Guy (or Girl #1) allein im Zimmer herumtanzen, dann würde sich zwar Körper und Geist außerhalb der Komfortzone bewegen. Für den Tänzer gut, für den Rest der Welt: nicht existent.
Daraus folgt für Lehrer: Raus aus dem Klassenzimmer! Lasst die Leute zusehen!
Andere Lehrer könnten sich neue Unterrichtsformen aneignen, kopieren, könnten mittanzen und hätten gemeinsam mehr Freude am Unterrichten. Gruppen-Feeling.
Aber wie können wir raus aus dem Klassenzimmer?
Indem Lehrer und Schüler beispielsweise bloggen, twittern, Wikis benutzen und Podcasts erstellen. Vielleicht lässt man sie auch dann und wann (in Barcamps?) ein wenig darüber berichten? Jetzt könnte man meinen das auch (die von mir sehr geschätzten) schulischen Präsenzveranstaltungen wie Tage der offenen Tür, Theateraufführungen, usw das bewirken, aber hier ist das erreichbare Publikum ungleich kleiner als im Web und … darauf kommt’s mir an: Vom Endergebnis lernt kaum wer was, das Endergebnis ist nicht unbedingt wesentlich.
Was aber ist wesentlich?
Das Wesentliche ist, dass nicht allein das Endergebnis sichtbar wird, sondern der Prozess der Erstellung. Die Schwierigkeiten die überwunden werden mussten. Der Lernprozess. Der Vorher-Nachher Zustand. Die best-practices. Das „wie“, das „how-to“ und faq (… bitte mitrappen…, gemeinsam und laut: „das wie, how-to und faq“). Dafür braucht es Mut, Toleranz und eine Fehlerkultur, denn fehlerlos wird dabei überhaupt nichts sein. Und es wird sehr oft seltsam und unvernünftig aussehen, wenn Einzelne was machen, was andere noch nicht gemacht haben. Haben wir den Mut unsere Fehler im Web zu präsentieren?
Beispiel:
Beim Lörnie Award werden jährlich vom Bundesministerium die besten e-learning Projekte ausgezeichnet. Ausgezeichnet wird immer das Endergebnis, der Content. Was aber für Lehrkräfte interessant wäre: Wie haben die Preisträger das gemacht? Wieviel Aufwand war das? Kann ich die Methode in meine Klasse übertragen? Wie? Welche Fehler wurden schon gemacht und welche muss ich unbedingt wieder machen, um einen Lerneffekt bei meinen Schülern zu erzielen? Hier die Seite, die zig-Stunden guten Unterricht enthält: Der Lörnie Award. Aber beim Tanzen kann ich denen nicht zuschauen. Schade.
P. S.: Der Song aus dem Video ist übrigens von Santogold – „unstoppable“.
Entry Filed under: Didaktik, Methoden, Unterricht. Schlagworte: Methoden, Unterricht.
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1. ats20.de | 12. Juni 2009 at 5:06
Neues wagen….
Lernen heute über sinnvolle Innovationen in der Schule….
2.
Lisa Rosa | 12. Juni 2009 at 6:58
Genau! Die vielen good-practice-Projektergebnisse, die einen zu Bewunderungen für das Produkt hinreißen, machen nicht unbedingt immer Mut, sondern können auch entmutigen. („So schaffe ich das nie!“) Interessant ist dann immer zu erfahren, dass diese Projekte anfangs oft beinahe in die Hose gegangen wären oder durch Durststrecken hindurchmussten, in denen man sich wundert, warum der Lehrer bzw. die Beteiligten insgesamt nicht aufgegeben haben. Interessant ist auch zu erfahren, dass viele hervorragende Projekte Projekte im zweiten Anlauf sind! Die Prozesse hinter den Ergebnissen – die möchte man beobachten dürfen!
3.
Stemmer | 27. Juni 2009 at 5:34
kann alles genau nachvollziehen; würde es genau so begründen; edumoodle mit seinen 1000en Kursen könnte es vorzeigen; einige geben ihre Kurse bereits frei, damit ihnen andere bei TUN zuschauen können. Noch besser, spannender wird es , wenn sich einige zusammentun, um über die Klassengrenzen Unterricht gemeinsam planen, durchführen, einander beobachten(coachen) und dann die Erkenntnisse analysieren. Dies soll eines der Ziele von eLSA-advanced werden, soferne es das Projekt überhaupt geben wird (Finanzierung).
Versuchen werden wir (das bmukk) es auch bei den Neuen Mittelschulen – mal sehen, wie der Sachverhalt in einem Jahr ausschauen wird. Ich bin optimistisch.
Danke für die klare Aussage – keep swinging
4.
LisiWieland | 30. Juni 2009 at 11:45
Schließe mich meinen Vor-Bloggern!
Innovation und Schulsystem scheint oberflächlich ein Widerspruch zu sein. Ist es aber überhaupt nicht! Alles ist möglich – die Grenzen machen nur (manche) Menschen.
Und ebenso überschreiten (manche) Menschen diese Grenzen und beweisen das Gegenteil. Manchmal sind (diese) Menschen auch überzeugend! Und insprieren jemand anderen. Und dann kommt auch noch Guy/Girl #3 dazu. (Egal wie alt er/sie ist).
Und dann gehts sowieso dahin und es wird ein Selbstläufer (manchmal mehr, oder manchmal weniger). Die Kids machen das am besten vor. Da können wir am meisten lernen.
Stichwort KREATIVITÄT (auch nach dem denkwürdigen EU-Jahr): die Bereitschaft, jeden Augenblick neu zu erleben und eine passende Antwort für jede spezifische Herausforderung zu finden – egal ob gesprochen, geschrieben, gelebt oder sonst etwas…
Jedenfalls DANKE für den super Input!! (Video und Artikel)
5.
Nachrichten | 8. Juli 2009 at 11:53
Ein sehr interessanter Artikel. Sollten Sie noch weitere Informationen haben – wurde ich mich freuen
6.
stephanie hannover | 5. August 2009 at 10:43
ja, menschen verhalten sich oft wie die lemminge…. toll das es noch einige mutige gibt. der cloip zeigt gut was ich auch schon oft erlebt habe.einfach anfangen, ohne über die „konventionen“ nachdenken, dann trauen sich auch die anderen…. ist aber nicht immer einfach….aber dennoch schön zu erleben wie sich einige sogar anschliessend bedanken! und auf den „guten“ schulen bei denen ich war waren wir nicht immer nur „IM“ klassen zimmer! wir sind rausgegangen (hatten z b einen park nebendran) einfach weil das wetter so toll war! schreiben und oder diskutieren kann überall praktiziert werden UND die guten lehrer waren MENSCHEN! die machten auch bei spässen mit! zb beim rückwärtstag, 50′er jahretag, blauer tag… ! hier wurden zb die haare gefärbt! die klammotten entsprechend UM koordiniert (Zipper hinten bei der hose; netter nebeneffekt: mehr verständnis für den zeitaufwand fürs wasserlassen der mädels von seiten der herren der schöpfung die nun auch mal die „hosen runter lassen mussten“!) also manchmal hilfts wenns „respektloser“ aber dafür „vertrauter“ zugeht! ist nur meine beobachtung/erfahrung.
vlg
7.
Andrea Matter | 4. September 2009 at 3:21
Dieser Beitrag hat mich wirklich inspiriert! Danke dafür!
Es ist offenbar wirklich ansteckend, wenn sich einmal ein paar zusammengetan haben. Erinnert mich auch etwas daran, dass man eher in ein volles Restaurant geht, als in eins, das leer ist…
Schöner Beitrag!