Archive for Juni 2009
Studie: Lesen als Krankheit
Psychologen der Sigismund-Freund-Staatsuniversität Wien haben eine neue Studie zum Thema Lesen vorgestellt. Die Autoren der Studie schlagen vor, das Lesen von Büchern als Krankheit zu betrachten und die Therapie dagegen von den Krankenkassen bezahlen zu lassen.
Die Uni führte ein Forschungsprojekt zum Leseverhalten bei Wiens Jugendlichen durch. Demnach gaben 72 Prozent der Befragten an, sich regelmäßig mit Büchern zu beschäftigen, das heißt, entweder täglich oder zwei bis dreimal in der Woche zu aufzuschlagen.
Insgesamt wurden 1.061 Fragebögen von Schülern aus Gymnasien, Realgymnasien und kooperativen Mittelschulen in Wien ausgefüllt. Die Schüler besuchten die dritte, vierte oder fünfte Schulstufe und waren im Durchschnitt 14 Jahre alt. Der Frauenanteil der Befragten lag bei 45 Prozent.
Krankhaftes Bücherlesen: Zwölf Prozent
131 Schüler (zwölf Prozent) wiesen laut Studie ein pathologisches, also krankhaftes, Leseverhalten auf, so Studienleiter Domestik Betthany bei der Präsentation am Dienstag in Wien. Die Schüler mussten für diese Einstufung mindestens drei der üblichen Kriterien erfüllen, wie sie auch bei der Messung von Suchterkrankungen angewendet werden.
Im Bereich der pathologischen Leser wurde wiederum zwischen Missbrauch und Abhängigkeit unterschieden. Schließlich lasse sich bei 2,7 Prozent der Schüler eine Abhängigkeit feststellen, wobei wiederum 90 Prozent davon weibliche Jugendliche seien. Während der Anteil der Jungen im Bereich des Missbrauchs noch bei 31 Prozent liege, seien es bei der Abhängigkeit nur noch zehn Prozent.
4,5 Stunden täglich sind „krankhaft“
Die täglichen Lesestunden lagen bei etwas mehr als zwei Stunden täglich bei den nicht krankhaften Lesern. Gefährdete Personen würden sich im Durchschnitt über 4,5 Stunden täglich mit Lesen beschäftigen. Besonders hoch sei die Lesedauer bei abhängigen Lesern, diese würden an Schultagen etwa sechs Stunden täglich lesen, am Wochenende steige die Zahl auf durchschnittlich acht Stunden pro Tag.
Einflussfaktoren zu Hause
Signifikant sei bei krankhaften Lesern, dass sie im Durchschnitt ein Jahr früher mit dem Lesen von Büchern begonnen haben, so Betthany. Zudem würden sie häufiger aus einer „Broken Home“-Situation kommen, wie sie etwa durch das dauerhafte Fehlen eines Elternteiles gekennzeichnet sei. „Möglicherweise ist hier die elterliche Kontrolle nicht so da“, meint Betthany.
Auffällig sei auch, dass pathologische Bücherleser auch zumeist aus Familien mit signifikant höherem Leseverhalten kämen. „Eltern und Geschwister, die Bücher lesen, können als Rollenvorbilder auf das Kind Einfluss nehmen“, so Betthany.
Charakteristika für Sucht
Krankhafte Leser würden, so Betthany, schlechter mit erlebten Stresssituationen umgehen können und ein geringeres Maß an funktionalen Bewältigungsstrategien aufweisen. „Charakteristisch für jede Suchtform ist, dass, wenn man sich in einer negativen Situation befindet, sich in die Sucht flüchtet, weil diese entlastet“, so Betthany. Knapp 36 Prozent gaben an, sich als Reaktion auf Ärger oder Traurigkeit „immer“ Büchern zuzuwenden. 23 Prozent würden das „meistens“ machen.
Charakteristisch für krankhaften Lesekonsum sei auch der Zuwachs der Gereiztheit und Langeweile, nachdem das Buch beendet wurde. „Ein Symptom, das bei der Gruppe der nicht pathologischen Leser nicht der Fall ist“, erklärt Betthany. „Es geht darum, zunächst positive Gefühle zu haben, um die negativen zu vermeiden. Dieses Verhältnis verschiebt sich aber mit der Zeit, was zur Steigerung der Sucht führt.“ Typisch für die Sucht sei auch, dass man sich häufig am Tag gedanklich mit dem Bücherlesen beschäftige.
Länger lesen als geplant
Als „schockierend“ bezeichnet Betthany das Ergebnis auf die Frage, ob die befragte Person schon einmal gelesen habe, obwohl sie sich vorgenommen habe, das nicht zu tun, bzw. länger gelesen haben als vorgenommen. Rund 16 Prozent der krankhaften Leser gaben an, meistens in dieser Situation zu sein, vier Prozent gehe es immer so.
Problem Harry Potter
Ein besonderes Problem seien Massively Multi Sequel Fantasy-Outstanding-Thrilling Books (MMSFOTB) wie „Harry Potter“, die ein besonders hohes Suchtpotenzial hätten. Die entscheidenden Faktoren seien etwa das darin eingebaute Fortsetzungssystem, die ständige Verfügbarkeit, das pausenlose Geschehen (andere lesen die Bücher schneller und haben daher einen Wissensvorsprung), das Gruppengefühl (gemeinsames Diskutieren von Handlungssträngen) sowie der eventuelle Verlust von Prestige bei geringerem Insiderwissen.
„Es geht uns nicht darum zu sagen, Bücher sind schlecht“, so Betthany. Es sollte jedoch das Suchtpotenzial von Büchern anerkannt werden. Eine weitere Maßnahme wäre die Übernahme der Therapiekosten durch die Krankenkassen, so Betthany. Mit einer Therapie lasse sich feststellen, warum die Person zur Lesesucht neige und was die Hintergründe seien.
Eltern empfiehlt Betthany unter anderem, die „Bücher nicht zu verteufeln“, besser sind zeitliche Regeln, wann gelesen werden darf, die Leseecke im familiären Raum zu positionieren und auch das Lesen nicht als Belohnung oder Bestrafung einzusetzen. Dem Lesen komme dadurch zu große Bedeutung zu.
(Anmerkung: Die vollständige Studie kann hier gelesen werden: Futurezone, ORF)
Folgendes Video (wie die Studie auch) kommt aus den Anfängen des Buchdruckes:
16 comments 16. Juni 2009
So oder so ähnlich haben Innovationen in der Schule Sinn
Seth Godin hat auf seinem Blog auf das Video „Guy starts dance party“ verlinkt. Das Video erinnert mich an Innovationen in der Schule.
Lasst mich das Video kurz aus Schulsicht beschreiben:
Die breite Masse liegt in der Komfortzone und tut entspannt das, was sie immer schon gemacht hat. Da springt ein (offensichtlich) völlig Verrückter auf und macht das, was keiner sonst macht: Er hampelt irgendwie herum. Vermutlich strengt er sich an, aber es scheint auch Spaß zu machen. Die anderen sehen zu. Warten ab. Denken: „So kann ich nicht tanzen“, „Dafür bin ich zu alt“, „Wo hat der das bloß gelernt?“, „Wie kommt der auf das?“, „Der muss ja jede Menge überschüssige Energie haben“, „Der spinnt“, „Ich verstehe überhaupt nicht, was das für einen Sinn haben soll“, „Jaja, wieder einer der sich in Szene setzen will, Angeber“, „Lasst ihn doch, irgendwann geht ihm die Puste aus und dann fällt er auf die Nase“, „Darf der denn das?“, „War das nicht der, den ich vorhin mit Drogen gesehen habe?“.
Nach (relativ) langer Zeit kommt ein Zweiter, dann ein Dritter. Und das ist der Guy #3, den Seth Godin als Auslöser für gelungene Innovationen nennt. Der Dritte macht’s, dass sich plötzlich andere trauen, mitmachen, probieren, mitgerissen werden und plötzlich die Komfortzone zu einem seltsamen Ort wird, wo nur noch eine Minderheit herumliegt.
Was heißt das für die Schule?
Innovative Lehr- und Lernformen finden hinter verschlossenen Klassentüren statt. Geniale Projekte landen in der Schublade. Der Lehrer und 26 Schüler waren begeistert. Na toll. Würde Guy (or Girl #1) allein im Zimmer herumtanzen, dann würde sich zwar Körper und Geist außerhalb der Komfortzone bewegen. Für den Tänzer gut, für den Rest der Welt: nicht existent.
Daraus folgt für Lehrer: Raus aus dem Klassenzimmer! Lasst die Leute zusehen!
Andere Lehrer könnten sich neue Unterrichtsformen aneignen, kopieren, könnten mittanzen und hätten gemeinsam mehr Freude am Unterrichten. Gruppen-Feeling.
Aber wie können wir raus aus dem Klassenzimmer?
Indem Lehrer und Schüler beispielsweise bloggen, twittern, Wikis benutzen und Podcasts erstellen. Vielleicht lässt man sie auch dann und wann (in Barcamps?) ein wenig darüber berichten? Jetzt könnte man meinen das auch (die von mir sehr geschätzten) schulischen Präsenzveranstaltungen wie Tage der offenen Tür, Theateraufführungen, usw das bewirken, aber hier ist das erreichbare Publikum ungleich kleiner als im Web und … darauf kommt’s mir an: Vom Endergebnis lernt kaum wer was, das Endergebnis ist nicht unbedingt wesentlich.
Was aber ist wesentlich?
Das Wesentliche ist, dass nicht allein das Endergebnis sichtbar wird, sondern der Prozess der Erstellung. Die Schwierigkeiten die überwunden werden mussten. Der Lernprozess. Der Vorher-Nachher Zustand. Die best-practices. Das „wie“, das „how-to“ und faq (… bitte mitrappen…, gemeinsam und laut: „das wie, how-to und faq“). Dafür braucht es Mut, Toleranz und eine Fehlerkultur, denn fehlerlos wird dabei überhaupt nichts sein. Und es wird sehr oft seltsam und unvernünftig aussehen, wenn Einzelne was machen, was andere noch nicht gemacht haben. Haben wir den Mut unsere Fehler im Web zu präsentieren?
Beispiel:
Beim Lörnie Award werden jährlich vom Bundesministerium die besten e-learning Projekte ausgezeichnet. Ausgezeichnet wird immer das Endergebnis, der Content. Was aber für Lehrkräfte interessant wäre: Wie haben die Preisträger das gemacht? Wieviel Aufwand war das? Kann ich die Methode in meine Klasse übertragen? Wie? Welche Fehler wurden schon gemacht und welche muss ich unbedingt wieder machen, um einen Lerneffekt bei meinen Schülern zu erzielen? Hier die Seite, die zig-Stunden guten Unterricht enthält: Der Lörnie Award. Aber beim Tanzen kann ich denen nicht zuschauen. Schade.
P. S.: Der Song aus dem Video ist übrigens von Santogold – „unstoppable“.
7 comments 12. Juni 2009
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