Archive for April 2009
Tipp für die Lehrerausbildung: Die Top Lehrer/innen-Blogs 2009
Der Lehrerfreund ruft am (oder ab?) Sonntag, den 19. April 2009 auf, die besten Lehrer/innen-Blogs zu wählen. Die Blogs sind nach Geburtsdatum (dem allerersten Blogeintrag) kategorisiert in Säuglinge, Etablierte und Veteranen. Eine Jury wählte aus 70 vorgeschlagenen Blogs die zehn Besten aus.
Würde ich an einer Pädagogischen Hochschule unterrichten, dann würde ich das Lesen einiger dieser Blogs als Ausbildungsbestandteil im Fach Didaktik, Pädagogik o. ä. einführen. Regelmäßige Kommentare und die Diskussion ausgewählter Beiträge könnten Bestandteil von Seminaren oder Hausarbeiten sein. Wenn Studierende oder Professoren schon nicht selber bloggen, dann könnten sie zumindest dieses wertvolle Potential nutzen. Dies könnte angehende Lehrer damit vertraut machen, guten Unterricht über Internet auszutauschen oder sich über Blogs oder was-da-auch-demnächst-noch-kommen-mag, weiterzubilden. Wer meint, das sei zuwenig wissenschaftlich, der sollte sich fragen, ob unsere Kinder eher Wissenschaftler oder Pädagogen im Klassenzimmer brauchen.
Die Top10-Liste der Lehrer/innen-Blogs ist jedenfalls eine tolle Auswahl für angehende und aktive Lehrer. Prädikat: besonders wertvoll.
P. S.: Selbstverständlich freut es mich sehr, dass mich der Lehrer/innen-Freund in die Vorauswahl der Säuglinge gewählt hat. Unter die Top3 hat es für mich nicht geklappt, macht aber nichts. Ein großes Dankeschön an die Redaktion. Unter den Top70 waren etliche gute Blogs dabei, auf die ich in den letzten 3 Jahren trotz hartnäckiger Suche nach Lehrer-Blogs noch nicht gestoßen bin. Ein besseres Blog-Verzeichnis für Unterrichtende gibt es derzeit nicht.
3 comments 18. April 2009
Wenn gute Vorschläge von Affen einfach nicht akzeptiert werden
„Lemim“ (anonym) schreibt im Kommentar zu vorigem Blog-Posting „Lehrer nach Leistung bezahlen?“ einen kurzen Satz, der einige Tage kreisend in meinem Kopf verbrachte:
„Schade, dass sowas von den Verantwortlichen nicht gelesen wird!“
Mal abgesehen von diesem Blog-Beitrag und abgesehen, ob der Inhalt gut, durchführbar, bezahlbar, politisch durchsetzbar, akzeptabel für diese oder jene Menschen ist: Es immer wieder interessant, wie sich Einzelne eine blutige Nase oder zumindest ein Päckchen Frust holen, wenn sie Vorschläge vorbringen, die Organisationsabläufe ändern.
Da hilft es auch oft nichts, wenn sich manche in Guerilla-Taktik-Manier akribisch auf Gegenargumente vorbereiten, in einem zweiten Schritt diesen Vorschlag mal im Pausenraum vorbringen, in 60 Sekunden 20 weitere Gegenargumente sammeln und diese Gegenargumente wiederum gewissenhaft und logisch zu entkräften versuchen. Neinnein, selbst die beste Idee scheitert dann an … ja, woran? Angst vor Veränderungen? Bequemlichkeit? Nicht-lernen-wollen?
Robert Cialdini („Die Psychologie des Überzeugens„) bringt eine weitere Ursache: Autorität und Status. Er berichtet von einer Studie über japanische Affenhorden aus dem Jahre 1970: Jungen Affen, die in der Hierarchie der Horde weit unten standen, wurde als neues Nahrungsmittel Karamellbonbons gefüttert. Die jungen Affen waren natürlich begeistert von den Bonbons, diese Vorliebe verbreitete sich aber nur im Schneckentempo in der übrigen Horde. Nach 18 Monaten hatten erst 51 Prozent der Affen eine Vorliebe für Karamellbonbons erworben, kein einziger Anführer kannte diese.
Ganz anders war es, als man den Anführern Weizen als neues Nahrungsmittel anbot. Innerhalb von vier Stunden hatte sich das Nahrungsmittel in der Horde durchgesetzt.
Cialdini schreibt „In Affenhorden, in denen strenge Machthierarchien bestehen, finden neue Errungenschaften nur dann rasch Verbreitung, wenn sie zuerst einem der dominierenden Tiere beigebracht werden. Wird die Sache zuerst einem tiefer stehenden Tier vermittelt, bleibt ihr Wert dem Rest der Gemeinschaft weitestgehend unbekannt.“
Sollten Sie also in einem Umfeld Vorschläge vorbringen, in denen strenge Machthierarchien bestehen, dann wundern Sie sich nicht, wenn diese abgelehnt werden. Erklimmen Sie erst die Karriereleiter, am besten ganz rauf. Dann machen Sie ihre Vorschläge. Und wenn Ihre Vorschläge dann immer noch nicht greifen, dann könnte es daran liegen, dass es mehrere dieser Leitern gibt, auf denen andere stehen.
6 comments 18. April 2009
Lehrer nach Leistung bezahlen?

Daniel Ariely
Die besten Sachbücher sind immer die, deren Inhalt das bestätigt, was unser Bauch wusste und unser Geist bestenfalls ahnte. Bei mir geschehen bei Daniel Arielys Buch „Denken hilft zwar, nützt aber nichts„.
Im Kapitel 4 beschreibt er den Unterschied zwischen „sozialer Norm“ und „Marktnorm“.
Beispiel:
Marktnorm: Rechtsanwälte wurden von einer gemeinnützigen Organisation gebeten, bedürftige Rentner ihre Dienste kostengünster als für andere, etwa um 30 Dollar pro Stunde anzubieten. Die Anwälte lehnten ab. Ihr Marktwert war höher.
Soziale Norm: Daraufhin fragte der Projektleiter der gemeinnützigen Organisation die Anwälte, ob sie ihre Dienste kostenlos anbieten würden. Mit überwältigender Mehrheit sagten die Anwälte zu. Die Anwälte zogen nun soziale Normen heran und waren bereit, ihre Zeit kostenlos zur Verfügung zu stellen.
Im Buch bringt Ariely noch etliche (längere) Beispiele, hier sein Fazit: Sobald von Geld die Rede ist (also auch, wenn wir den Wert von Geschenken mitgeteilt bekommen haben), bewerten wir Tätigkeiten mit der Marktnorm. Wir bemühen uns entsprechend der Entlohnung und machen Schluss, wenn das Zeit-Geld-Guthaben erschöpft ist. Geld bewirkt (in weiteren Experimenten bewiesen), dass wir weniger oft um Hilfe bitten. Wir werden egoistischer und selbstsicherer, wollen mehr Zeit alleine verbringen und wählen eher Aufgaben aus, die wir alleine bewältigen können.
Für das Klassenzimmer bedeutet Geld das berühmte „Plus“ oder eben eine Note. Wen wundert es, wenn eine Gruppenarbeit da nicht funktioniert?
Anders die soziale Norm: Darunter versteht man freundliche Bitten (Dienste, Tätigkeiten), die unentgeltlich erfüllt werden. Wir erwarten keine sofortige Belohnung, beide Seiten freuen sich, eine unmittelbare Gegenleistung ist nicht notwendig. Kleine Geschenke sind erlaubt, wenn uns nicht das Preisschild unter die Nase gehalten wird. Darum ist es auch so peinlich, wenn wir das Preisschild nicht entfernt haben. Soziale Normen sind in unserer Natur und unserem Bedürfnis nach Gemeinschaft verankert. Und das Wichtigste: Wir bemühen uns aufgrund der sozialen Normen mehr, als wenn Marktnormen im Spiel sind.
Darum funktioniert Open Source, Wikipedia usw. Hier die Marktnorm anzuwenden und dafür Geld zu geben bzw. nehmen, würde ein Vermögen kosten.
Was Jobs betrifft, so war früher die Trennung „soziale Norm“ und „Marktnorm“ sehr einfach. Wenn die Fabriksirene heulte, schalteten wir von einer Norm zur anderen um. Einfach und klar.
In Kreativjobs, zu denen der Lehrerjob gehört, ist diese strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit aufgehoben. Feste Arbeitszeiten sind hier (bis auf die Lehrverpflichtung) abgeschafft. Wer hier mit Marktnormen misst, indem er Stunden und Minuten gegen Geld aufwiegt, der bekommt einen Lehrer für Fließbandarbeiter.
Ariely meint:
„Statt die Aufmerksamkeit von Lehrern, Eltern und Kindern auf Prüfungsergebnisse, Gehälter und Wettbewerb zu richten, wäre es vielleicht besser, bei uns allen Zielstrebigkeit, ein Bewusstsein für die große Aufgabe und Stolz auf Bildung zu wecken. [...] Vor geraumer Zeit sangen die Beatles: „Can’t Buy Me Love“. Dies trifft auch auf die „Liebe“ zum Lernen zu. Wenn man es versucht, vertreibt man sie womöglich.“
Das Bildungssystem sollte daher an sozialen Zielen (Armut, Menschenrechte, Umweltschutz, …), technischen Zielen (Nanotechnologie, Energiesparen, …) und medizinischen Zielen (Heilverfahren gegen Krebs, Diabetes, Fettleibigkeit, …) ausgerichtet werden. Eltern, Lehrer und Schüler erkennen dann den höheren Sinn der Bildung und bringen somit mehr Begeisterung und Motivation mit.Und Ariely sagt:
„Aber wir sollten auch viel Mühe darauf verwenden, Bildung als Wert an sich zu vermitteln, und aufhören, die Zahl der Unterrichtsstunden mit der Qualität der Bildung, die ein Schüler erhält, zu verwechseln. [...] Es ist unsere gesellschaftliche Aufgabe, Kinder dazu zu bringen, dass sie genauso viel über Nobelpreisträger wissen wollen, wie sie schon über Fussballspieler wissen.“
Ergänzend dazu:
- ein FAZ-Artikel von heute: „Von privaten Schulen lernen“ (siehe dort „Dynamische Lehrkonzept“, Stichwort Motivation, via Twitter scheppler)
- ein ZEIT-Artikel, der nicht ganz dieser Meinung ist: „Boni für die Besten“ (auch via Twitter scheppler)
- mein Blog-Beitrag vom Vorjahr „Lehrerleistung messen„.
Dieses Jahr frage ich mich: Vielleicht messen wir irgendwann mal Lehrerleistungen. Gut. Entlohnen wir Mehrleistung auch monetär? Motiviert das wirklich? Oder sollten wir uns darauf beschränken, Ungerechtigkeiten des Systems auszubügeln und versuchen, die „soziale Norm“ in der Schule zu etablieren. Und dann frage ich mich noch: Wer ist „wir“? Die Bildungsministerin oder die Gewerkschaft? Oder alle anderen vielleicht?
5 comments 14. April 2009



