Archive for März 2009
Etherpad – das Klasse(n)-Notizbuch
www.etherpad.com lässt sich ohne vorherige Anmeldung als Notizblatt nutzen. Dabei können mehrere Personen gleichzeitig ohne Zeitverzögerung in dasselbe Dokument schreiben. Jeder Tastendruck kann live am Bildschirm mitverfolgt werden.
„Google Text und Tabellen“ kann das zwar (mit einer Zeitverzögerung von 5 – 15 Sekunden) auch, allerdings ist hier bekanntlich eine Anmeldung erforderlich. Leider ist es an unserer Schule nicht Standard, dass Schüler eine E-Mail Adresse besitzen, von einem Google-Account überhaupt nicht zu reden. Bis dass sich meine Gruppe irgendwo angemeldet hat, vergehen oft 30 – 40 Minuten (Wechsel in den Computeraum, Anmeldung im System, Starten von IE – neinnein – der ist alt – lieber den Firefox – „woistderversteckt“ -“hilfedersagtwasvoneinerunsicherenverbindung“ – „bittedieseitedocs.googl.comgehtnicht“ usw). Wenn ich beispielsweise in Wirtschaftskunde pro 40-Stunden-Lehrgang ein- oder zweimal einen freien EDV-Raum nutze, dann hat diese eine Stunde „Google-Docs“-Anmeldung ein äußerst schlechtes Zeit-Nutzen-Verhältnis. (Klar könnten dann andere Lehrer Google-Docs nutzen – aber: wer kennt das schon?? Und: Wer will das schon?)
Deshalb schien mir etherpad, das ohne Anmeldung funktioniert, sehr geeignet für gelegentliche gemeinsame Notizen. Deshalb probierte ich etherpad heute in einer Doppelstunde Wirtschaftskunde aus:
Vorbereitung zuhause: Anlegen einer etherpad-Seite – Einfach eine Seite aufrufen, wie www.etherpad.com/werner. Gibt es die Seite noch nicht, dann erscheint ein Button „Create Pad“. Der URL wird für immer und ewig gespeichert und wird nicht gelöscht. Allerdings gibt es aufgrund der fehlenden Anmeldung auch keinen Schutz der Seite – jeder kann reinschreiben, wenn der URL bekannt ist. Deshalb vielleicht lieber eine kryptische URL verwenden. Danach notierte ich die einzelnen Kapitelüberschriften der Gruppenarbeiten im Pad.
Doppelstunde Wirtschaftskunde:
- Zwei Schüler bekamen jeweils eine Aufgabe zugewiesen (Kapitelüberschriften im Buch, wie im Pad angelegt). In einer knappen Viertelstunde fassten sie das jeweilige Buchkapitel zusammen und präsentieren es anschließend ihren Kollegen. Auftretende Fragen werden geklärt. Erste Stunde beendet.
- Zweite Stunde: Wechsel in den EDV-Raum. Schüler rufen vorbereitete etherpad-Seite auf. Pro Benutzer kann eine Farbe ausgewählt werden und der „unknown“-Username mit dem eigenen Namen überschrieben werden. Eine Schüler diktiert, der andere tippt.Härtetest: 8 Benutzer gleichzeit auf einem etherpad? Die Verbindung bricht macnhmal zusammen, das kann aber auch an unserem Schulnetzwerk liegen. Ein „Re-Connect“ ist möglich, manchmal verschwinden aber die getippten Beiträge.
Abhilfe schaffte der normale Zubehör-Editor (Start-Programme-Zubehör-Editor): Hier tippten die Schüler ihre Zusammenfassung ein und kopieren das Ergebnis dann ins etherpad. Hinweis: Wenn aus Winword-Dokumenten ins etherpad kopiert wird, dann werden jede Menge Steuerzeichen mitübernommen, also: don’t do that.
Beliebig viele Zwischenstände können mit dem Button „Save Now“ gespeichert und auch wieder zurückgeholt werden.
Schüler notieren unter ihren jeweiligen Beiträgen die Namen, das braucht der Lehrer für die Punktevergabe. Schüler/Lehrer können am Beamer bzw. am eigenen Schirm mitverfolgen, wie das Dokument wächst und sich Tippfehler gegenseitig ausbessern. Macht Spaß. Eine Chat-Funktion gäbe es auch, macht aber nur bedingt Sinn, wenn alle gleichen Raum sitzen
- Wenn noch Zeit bleibt: Schüler stellen Fragen zum Stoffgebiet mit Hilfe der Fish-Bowl-Methode. Währenddessen kopiert ein Freiwilliger das erstellte Dokument in eine Textverarbeitung, formatiert die Überschriften und druckt für jeden Beteiligten ein Exemplar.
Fazit: Schüler erarbeiten Stoffgebiete selbstständig, trainieren Kurzpräsentationen, fassen Texte zusammen, ordnen, systematisieren und gehen mit einer (hoffentlich passablen) Zusammenfassung aus dem Unterricht. Wenn dort oder da was fehlt oder nicht richtig ist, dann kann von der Lehrkraft ruzck-zuzk drübergearbeitet werden.
6 comments 17. März 2009
Nachtrag zu: „Blogs im 50-Minuten-Unterricht“
Vorgestern habe ich mit 11 SchülerInnen versucht, das Thema „Konsumentenschutz“ im Fach Wirtschaftskunde mit Hilfe eines Blogs zu behandeln. Das Ergebnis findet sich im Beitrag „Blogs im 50-Minuten-Unterricht„.
Den SchülerInnen waren Blogs weitgehend unbekannt und erfahrungsgemäß haben auch nicht viele eine in der Schule abrufbare E-Mail-Adresse. Ziel war es, dass die SchülerInnen ohne großen Administrationsaufwand Fragen ins Web stellen und diese gegenseitig beantworten.
So lief es ab:
- Ein EDV-Raum war für uns reserviert und glücklicherweise dann auch wirklich frei.
- Nach 10 Minuten waren die Schüler im Netzwerk angemeldet und alle hatten die (etwas langsame) Blog-Seite geöffnet.
- Weitere fünf Minuten später hatte ich die Vorgehensweise erklärt und die SchülerInnen legten los. Vier Kommentare verirrten sich auf einen falschen Blog-Eintrag, aber kein Problem.
- Einige Geschäftsfälle blieben unbeantwortet. Die letzen 10 Minuten gab ich den Auftrag, keine neuen Fragen mehr hineinzustellen sondern die bestehenden Geschäftsfälle zu beantworten.
- Insgesamt wurden 60 Beiträge gepostet. Das heißt, dass jeder Schüler zirka 5 Beiträge in zirka 40 Minuten geschrieben hat.
Das habe ich gelernt:
- Die SchülerInnen sollten sich zwar anonym im Netz bewegen. Ich selbst sollte aber doch die Nicknames kennen. Das heißt auch, dass sich die SchülerInnen immer mit dem selben Nick kommentieren müssen.
- Ich habe keine Punkte bzw. Noten für die geleistete Arbeit gegeben. Das war gut. Noten stören Kreativität.
- Irgendwann dachte ich: Wie prüfe ich das, was wir jetzt gerade machen? Zu einer Schülerin sagte ich dann: „Am Ende drucken wir alles aus, ich suche die besten Geschäftsfälle heraus und die müssen Sie dann lernen.“ Sie sah mich relativ erschrocken an. Zu Recht. Ich habe diese Idee wieder verworfen und war dann ein wenig ratlos und überlegte, was ich nun aus diesem Experiment machen sollte, um was „handfestes“ zum Prüfen zu haben.
Dann las ich dann den wunderbaren Blog-Beitrag „Two Paradoxes“ von Franz Kuehmayer, der mich diese Stunde aus einer anderen Perspektive betrachten ließ.
„The paradox of the knowledge society is that it does not ask students to acquire more knowledge.“
(Okay, bitte kurz den Aufschrei unterdrücken: „Die werden immer schlechter un die wissen immer weniger. Ich kann die Tests heute sowieso nicht mehr geben, die ich vor 5 Jahren noch gegeben habe.“)
Die SchülerInnen müssen nicht notwendigerweise mehr wissen, als sowieso im Buch steht, nur weil wir mal eine Stunde den EDV-Raum benutzt haben. Dafür wissen Sie jetzt, wo sie Infos finden, die nicht im Buch stehen.
Kuehmayer schreibt dann noch:
„So the knowledge economy does not necessarily ask for acquiring new knowledge, but it requires to learn how to create, to find, to combine, to use knowledge in new ways and in better ways.“
Was lernten die SchüerInnen während dieser 50 Minuten:
- Die Seite www.konsumentenberater.at gibt Auskunft bei vielen Fragen der Muss-ich-haben-Gesellschaft.
- Geschäftsfälle wurden erfunden, Fragen formuliert, Antworten dazu gesucht und oft gefunden.
- Blogs können kommentiert werden. Die Kommentare können auch kommentiert werden.
- Jeder kann weltweit das Lesen, was gerade geschrieben wurde.
- Nicknames sollten im Internet verwendet werden, wenn man anonym bleiben möchte.
- Nicht mal der Lehrer kann herausfinden, was ich geschrieben habe, wenn er meinen Nickname nicht weiß.
Doch eine ganze Menge. Prüfen kann ich auch die zwei Seiten im Buch, oder?
5 comments 6. März 2009
Blogs im 50-Minuten-Unterricht: www.konsumentenberater.at
Dies ist kein „normaler“ Blog-Eintrag, sondern ein Unterrichtsexperiment. Sind Blogs sinnvoll in einer 50-Minuten-Einheit einzusetzen, wenn die Schülerinnen und Schüler sich vorher weder im System angemeldet noch Blog-Erfahrung haben? (Die Unterrichtseinheit findet am 4. März 2009 von 14:30 – 15:20 statt)
Liebe Schülerinnen und Schüler,
Bitte lösen Sie folgende Aufgabe zum Thema „Konsumentenschutz“:
- Besuchen Sie die Seite www.konsumentenberater.at
- Wählen Sie ein beliebiges Thema aus und erstellen Sie dazu einen kurzen Geschäftsfall. Dieser Geschäftsfall muss mit Hilfe von www.konsumentenberater.at lösbar sein.
- Schreiben Sie Ihren Geschäftsfall in das Kommentarfeld (Unter „Comments“, „leave a comment“ bzw. „Add your own“) und wählen Sie „Submit“ (Siehe Muster-Geschäftsfall CD-Player)
- Wählen Sie eine Frage eines Mitschülers, die maximal eine Antwort hat und beantworten Sie diese ebenfalls mit der Kommentarfunktion. Bitte nicht einfach nur „ja“ oder „nein“, sondern geben Sie auch eine ausführliche Begründung an. Verlassen Sie sich nicht auf die Antworten Ihres Vorgängers, recherchieren Sie bitte selbst.
- Beantworten Sie eine zweite Frage. Wenn Sie keine freien Fragen mehr finden, dann stellen Sie wieder eine neue Frage.
- Überprüfen Sie von Zeit zu Zeit Ihre eigenen Fragen. Falls diese bereits zwei Antworten haben, dann geben Sie einen Kommentar ab, ob die Antworten richtig sind. Wenn sie falsch sind, stellen Sie die Antworten richtig.
- Lesen Sie weiter bei Punkt 3.
Bitte arbeiten Sie nicht mit Ihren richtigen Namen, verwenden Sie Nicknames.
63 comments 4. März 2009
Lehrerarbeitszeit – 2 Stunden für mehr Qualität
Ich ging neulich laufen. Dienstag vormittags, wo anständige andere Menschen arbeiten. Ah ja, die obligatorische Rechtfertigung dafür: Ich hatte Montag abends (so zirka von 20.00 bis 00:30 Uhr) meinen Unterricht für Dienstag nachmittag vorbereitet, deshalb konnte ich mir das leisten. Mitten im Wald traf ich einen Waldarbeiter. Schwitzend und fluchend sägte er mit einer altmodischen Handsäge an einem Baum herum. Ich fragte ihn, warum er keine Motorsäge verwendete. Er sagte, dazu hätte er kein Geld, er müsse sparen. Dann sagte ich ihm (… jaja, typisch Lehrer), er solle doch wenigstens seine Säge schärfen. Dazu meinte er, er hätte dazu keine Zeit, er müsse heute noch mit diesem Baum fertig werden. Und er meinte, ich solle ihn doch gefälligst nicht stören und er sägte doppelt so schnell weiter. Und fluchte dabei doppelt so laut.
(Frei nach Stephen Covey)
Mit zwei Stunden ohne begleitende Maßnahmen sparen wir am Wesentlichen: An der Qualität derer, die qualitativ hochwertigen Unterricht produzieren sollten: An den Lehrern, an deren Energie, Begeisterung, Motivation und Lern- und Fortbildungsbereitschaft. Am genau jenem Werkzeug, das Lernen einfach machen sollte. Engagierte Lehrer werden zwei Stunden mehr Unterricht bei erhöhtem Zeitaufwand vermutlich ähnlich gut vorbereiten wie ihren jetzigen Unterricht. Doch was dabei etwas mehr auf der Strecke bleibt ist:
- Kreativität, den Unterricht spannend gestalten zu können (Kreativität braucht Zeit)
- Zeit, um neue Methoden zu erfahren und ausprobieren zu können
- Zeit, um am aktuellen Stand der Didaktik, Pädagogik zu bleiben.
- Zeit, um sich neue Technologien (Wiki, Weblogs, Podcasts, Google Text und Tabellen, Twitter, etc.) anzueignen
- Zeit, um Projekte zu planen und zu gestalten, die begleitend oder außerhalb des Unterrichts stattfinden
Was ist das eigentliche Ziel, was brauchen Schüler?
Schüler brauchen jene Qualifikation, die sie für die Gesellschaft wertvoll macht. So wertvoll, dass sie damit Geld verdienen können. Zumindest für die nächsten 5 Jahre bis nach dem Schulabschluss. Bis dahin sollten sie das Lernen gelernt haben, sich selbständig Wissen aneignen können und ein Gefühl für die richtigen Dinge haben. (Wo wird das eigentlich unterrichtet?). Danach sind sie selbst dafür verantwortlich, dass sie für ihre Arbeitgeber beschäftigbar bleiben. Nicht der Staat und nicht die Arbeitgeber sind dafür verantwortlich. Und auch nicht der Obama.
Mark Twain meinte sinngemäß: „Nachdem wir das Ziel völlig aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen“.
Mehr Zeit und Energie in ein dummes System zu investieren wird uns beim nächsten PISA-Test nicht wirklich helfen. Sofern der PISA-Test überhaupt als Maßstab für eine wettbewerbsfähige Gesellschaft gelten kann. Die Handsäge gehört endlich gegen eine Motorsäge ausgetauscht. Investitionen und gravierende Änderungen sind notwendig. Selbstverständlich werden diese Änderungen sowohl Lehrern als auch dem Geldsäckl weh tun. Aber den Status-quo einfach erhalten und das Hamsterrad ein bisserl schneller laufen zu lassen hilft keinem der Beteiligten.
In einem wunderbaren Blog-Eintrag hat Franz Kuehmayer einen 10 Punkte Plan zur Anhebung der Bildungsqualität vorgestellt, den ich hier einfach mal reinkopiere:
- Anrecht auf einen sinnvoll ausgestatten persönlichen Arbeitsplatz zum Vorbereiten / Nachbereiten – in der Schule
- Anspruch auf x Stunden professionelles Mentoring pro Monat
- Gelegenheit, regelmäßig am Unterricht anderer Lehrerkollegen teilzunehmen, um Erfahrungen und Best Practices auszutauschen.
- Anrecht, an externen Konferenzen und Kongressen teilzunehmen, um neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Pädagogik und auf ihrem jeweiligen Fachgebiet kennenzulernen
- Anrecht regelmäßiges ausführliches Feedback zu seiner Leistung zu erhalten
- Einrichtung von verpflichtender Elternpartizipation dergestalt, dass pro Kind mehr Zeit bleibt, als die obligatorischen 5 Minuten pro Semester am Elternsprechtag.
- Als neuer Lehrer Anrecht auf Begleitung durch einen erfahrenen Lehrer, der im ersten Jahr als Coach zur Seite gestellt wird, und ihm in der Klasse und abseits des Unterrichts hilft und ihn unterstützt
- Leistungsorientierte Anerkennung – gute Lehrer sollen sichtbar und erlebbar belohnt werden, auch finanziell.
- Lehrer, die nach dem Unterricht länger in der Schule bleiben wollen, um vorzubereiten, dürfen nicht vom Schulwart des Hauses verwiesen werden
- Verpflichtend Teamwork-orientierte Arbeit zur Erstellung von Vorbereitungen, um Erfahrungen zu nutzen und vorhandenes Unterrichtsmaterial wiederzuverwenden. Lernen von den Besten.
Hand in Hand mit einer Arbeitszeitänderung sollte eine Dienstrechtsänderung zugunsten von Qualifikation von Lehrern gehen. Vielleicht sollte sich irgendwer mal zwei Stunden pro Woche Gedanken über das Dienstrecht machen?
5 comments 3. März 2009



