Archive for Juni 2008

Klippert sagt: „Hyperaktive Lehrer …

verhindern die Selbstständigkeit der Schüler“ und somit das Erlernen einer Basiskompetenz unserer Zeit. Vorige Woche war ich am Methodentag für oö Lehrerinnen und Lehrer in Puchberg bei Wels und bin frisch inspiriert zurück an der Schule. So motiviert, dass ich nicht mal Griechenland-Russland sehen möchte und mich stattdessen über guten Unterricht auslasse.

Nach Klippert sollten sich Lehrer sich mit Hilfe eines Methodenmixes von der Rolle als Oberhäuptling, als „Der, der alles weiß“ zu einer helfenden und unterstützenden Rolle als Coach entwickeln. Oberstes Ziel ist, die Schüler zu aktivieren.

Gut, dass sich im Unterricht nicht alle Schüler melden, die nichts verstanden haben„, sagte Klippert lächelnd. „Wir Lehrer sollten froh sein, dass die Schüler im traditionellen Frontalunterricht so schön abschalten und sich ausklinken können, das machen nämlich 80 % der Schüler.“ Was würde geschehen, wenn sich alle Schüler melden würden, die den Stoff nicht begriffen haben? Was würde geschehen, wenn alle Schüler eine Meinung, eine Idee, eine Kritik, eine Frage zum Unterrichtsstoff hätten und DIESE AUCH FORMULIEREN würden? Der Super-GAU der schön auf die Minute geplanten Unterrichtsstunde!

Wir müssen die Schlupflöcher der Inaktivität stopfen“ ist Klipperts Maxime. Als angenehmer Nebeneffekt muss der Lehrer seine Dompteur-Rolle etwas weniger oft spielen. Wie geht das?

Mit Lernspiralen, beispielsweise so:

  1. Schüler hören einen kurzen Frontalvortrag, sehen einen Video-Clip oder hören einen Podcast. Dabei schreiben sie mit. Oder sie lesen einen Text und bearbeiten ihn mit der Markiertechnik. (Mikro-Kompetenz: zuhhören und gleichzeitig stichwortartig mitschreiben bzw. sinnerfassend lesen)
  2. Schüler werden nach Zufallsprinzip in Gruppen (2 – 4 Personen) eingeteilt und sprechen über das, was sie gehört haben. (Kompetenz: kommunzieren, sprechen, zuhören, diskutieren)
  3. Schüler erstellen in Einzelarbeit eine Mind-Map über das, was sie eben diskutiert haben (Mikro-Kompetenz Mind-Map)
  4. Mit Hilfe der Kugellager-Methode anhand der Mind-Map erzählen und lassen sich die Schüler das eben (… nun können wir es schon so nennen… ) Erlernte erzählen.
  5. Schüler erstellen eine Kurz-Präsentation des Erlernten. Das Los entscheidet, wer präsentiert (damit sich jeder innerlich darauf vorbereitet). (Kompetenz präsentieren, vortragen)
  6. Schüler erstellen Quizkärtchen. Diese Kärtchen können zur Wiederholung genutzt werden.
  7. Schüler spielen ein Frage-Antwort-Spiel im Plenum. Oder sie teilen sich in zwei Gruppen und spielen gegeneinander. Klippert betont, dass sie beim Antworten Blickkontakt mit dem Fragesteller halten sollen, nicht mit dem Lehrer.
  8. Zum Schluss gibt der Lehrer noch ergänzende Hinweise.

Spielt man diese Lernspirale durch, hat der Schüler den Stoff so oft gehört, dass er ihn kaum noch pauken muss. Klar können einzelne Punkte gestrichen werden, klar reicht nie eine Unterrichtseinheit für alles aus. Klar muss der oft so umfangreiche Unterrichtsstoff auf das Wesentliche gekürzt werden. Was die Schüler aber aus der Lernspirale mitnehmen ist neben dem Stoff jede Menge an Kompetenzen. Und die sind mindestens gleich wichtig wie der Unterrichtsstoff, der nach einigen Wochen sowieso aus dem Gedächtnis gelöscht wird. Wie präsentiert wird, wie zusammengefasst wird, wie eine Mind-Map erstellt wird, wie Blickkontakt zum Fragesteller gehalten wird, das alles wird trainiert, geübt, wiederholt und schließlich internalisiert. Das wird nicht vergessen.

Klinkt sich ein Schüler aus, so entsteht oft ein Gruppendruck, den Klippert „Geschwisterliche Erziehungsarbeit“ nennt. Klinkt sich ein Schüler dann trotzdem noch aus, so gab ein anderer Vortragender den (seiner Meinung nach unpädagogischen, aber wirksamen) Tipp, den Schüler einfach die Arbeit alleine fertigstellen zu lassen und ihn am Ende zu prüfen.

Frisch motiviert habe ich eine Mini-Lernspirale aus dem Stehgreif am nächsten Tag ausprobiert, und sie hat prima geklappt:

  1. Schüler lasen einen englischen Text in Einzelarbeit und strichen sich unbekannte Wörter an.
  2. In Vierer-Gruppen sprachen sie über die Wörter, tauschten schon gewusste aus und schlugen im Wörterbuch nach.
  3. Danach lasen sie sich den Text einem Partner flüsternd vor. (Da hätte ich aber lieber vorher mal selbst zwecks richtiger Aussprache selbst laut vorlesen sollen).
  4. Mit dem Partner formulierten sie drei Fragen zum Text und schrieben diese auf Streifchen.
  5. Mit diesen Fragen besuchten sie die anderen Gruppen, stellten ihre Fragen und beantworteten die Fragen der anderen Gruppen.
  6. Nach 40 Minuten lösten sie ein dazugehöriges Arbeitsblatt (Einsetzübung und Vokabelliste).

Einige Profi-Klippert-Schulen berichteten dann anschließend in Workshops über ihre Vorgehensweisen. Beispielsweise halten sie am Schulanfang Methodentage für die Schüler ab, damit jeder Schüler die Markiertechnik beherrscht. In Konferenzen werden die Lehrer mit den Klippert-Methoden vertraut gemacht.

Bei Interesse gibt es hier beim Lehrerfreund ein Video vom Meister, dort eine Kurzbeschreibung, hie eine Linkliste, und da noch Materialien und Beispiele.

Buchtipp: Klippert Methodentraining (mit DVD) oder gleich die ganze Buchserie in Klippert für die Sekundarstufe (4 Bücher inkl. Methodentraining).

6 comments 14. Juni 2008

e-LISA Academy Online Seminar – Bericht

Bei der e-LISA Academy können „kooperative Online-Seminare“ besucht werden. Normalerweise sind diese kostenpflichtig, wir Lehrer haben aber drei Freitickets, können also im Schuljahr drei dieser Seminare kostenlos besuchen. Ausprobieren wollte ich so ein Moodle-Seminar schon lange mal, vor einigen Wochen habe ich es dann geschafft: Meine Motivation war vorhanden und ein freier Platz im 4-Wochen-Seminar „Konflikte in der Klasse lösen“ ebenfalls.

Am Anfang: Skepsis.

Moodle kenne ich, verwende ich auch dann und wann in meinem Unterricht. Trotzdem konnte ich mir ein Konfliktseminar via Moodle nicht so recht vorstellen. Was kann das schon für ein Psychologie-Seminar sein, ohne Sesselkreis, ohne Rollenspiele, ohne Spielchen und ohne netten Pausengespräche? Da kann ich doch auch ein Buch lesen, oder?

Aber dann:

Parallel zu den lesenswerten Wochenskripten bekamen wir 8 Teilnehmer auf die vier Wochen verteilt insgesamt 15 sogenannte eTivities: abwechslungsreiche Aufgaben, die wir in Moodle Foren stellten. Dazu gehörte auch oft, dass wir die Beiträge der anderen Teilnehmer kommentieren. Beispiele für diese Aufgaben waren „Mobbing-Erfahrungen“, „Linktipps geben“, „Ein Kennenlernspiel, das ich mag“, „Erstellung eines Wut-Glossars“, „Eine Konfliktgeschichte“, … Bei allen Aufgaben wurde viel Wert auf persönliche Erfahrungen und Anwendungen für die Praxis gelegt.

Nach wenigen Tagen wurde mir der Vorteil dieser Seminarform klarer: Im Präsenzseminar erzählt jeder spontan seine Erlebnisse, die er mit dem Thema hat. Im Online-Seminar sind diese wohlüberlegt, gut formuliert und ausdruckbar, somit qualitativ hochwertiger. Auch das Feedback der anderen Teilnehmer habe ich sehr konstruktiv empfunden.

Die „netten Pausengespräche“ gab es (bei mir) nicht in dem Ausmaß wie bei Präsenzseminaren, wenn kommunziert worden ist, war es immer sehr themenbezogen, also sehr effektiv.

Der Zeitaufwand:

Samstags wurden immer die neuen Aufgaben freigeschalten, Abgabetermin war eine Woche später, am Sonntag. Dazwischen gab es immer wieder weitere Abgabetermine, wenn zB die Beiträge der anderen Teilnehmer kommentiert werden sollten. Anfangs arbeitete ich fast täglich am Seminar, ab der zweiten Woche reduzierte sich das auf zwei Abende: Sonntag- oder Montagabend löste ich die eTivities der kommende Woche und Freitagabend kommentierte ich die Beiträge der anderen Teilnehmer. Insgesamt ist der veranschlagte Zeitaufwand von insgesamt 30 Stunden realistisch (+/- 6 Stunden, geschätzt).

Abschlussarbeit:

In der letzten Woche wurde eine Abschlussarbeit zum Thema verlangt. Die war nicht weiter schlimm oder viel aufwändiger als die vorigen eTivities. Vor der Finalisierung durfte jeder Teilnehmer zur Arbeit eines anderen Feedback geben. Diese Arbeiten waren qualitativ hochwertig, ich kann einige davon in meinem Berufsschul-Unterricht praktisch verwenden, obwohl die Teilnehmer bunt gemischt aus allen Schultypen kamen.

Seminarleitung und Bewertung:

Für den erfolgreichen Abschluss des Seminars waren 46 der 88 erreichbaren Punkte zu erreichen. Die Abschlussarbeit brachte 32 Punkte, Peer-Review einer anderen Abschlussarbeit 12 Punkte, der Rest verteilt esich auf die eTivities. Man konnte einige Aufgaben streichen und das Kursziel trotzdem erreichen. Die Aufgaben waren aber so abwechslungsreich, dass ich diese Möglichkeit nicht genutzt habe. Vor der Bewertung braucht niemand Angst zu haben: Wird die Aufgabe gemacht, erhält man die Punkte, ganz einfach. Darüber hinaus gab die Seminarleiterin Birgitta Loucky-Reisner immer wieder kompetentes Feedback, gute Tipps und hatte auch ein offenes Ohr für Terminverschiebungen, wenn ein Teilnehmer seine Aufgaben nicht rechtzeitig erledigen konnte.

Kompetenzen:

Neben der Fortbildung zum eigentlichen Thema Konflikte, was die Bereiche Konfliktwissen, Mediation, Hilfreiche Haltungen, Mobbing, Prävention, Kooperationsspiele, Kennenlernspiele und Peeransätze abdeckt, lernen die Teilnehmer zu formulieren, Kritik zu üben, zu reflektieren und kreativ zu schreiben. Für meinen eigenen Moodle-Unterricht habe ich viele Anregungen aus diesem Seminar geholt.

Fazit:

Mal was anderes. Das nette Hotel fällt zwar bei dieser Seminarform aus, dafür müssen aber auch keine Vertretungsstunden vorbereitet werden, die Kollegen leiden nicht unter meiner „Seminarwut“ und für die Schüler läuft alles seinen gewohnten Gang. Der Arbeitgeber spart sich Taggeld, Reisekosten, Hotelkosten, ich spare mir Sprit, Zeit und bin auf „Seminar“, wenn die Kinder im Bett sind. Als alleinige Seminarform möchte ich das nicht haben, aber 2 – 3 Mal pro Jahr ergänzend ist ein „kooperatives Online Seminar“ empfehlenswert.

Add comment 12. Juni 2008


RSS-Feed

RSS-Feed Twitter Button from twitbuttons.com
Werner Prüher's Facebook Profile

Top-Beiträge

Kommentare

Norbert zu Kein Rezept für gehirngerechte…
Nico zu Was ist ein Streber?
1000sunny zu Kein Rezept für gehirngerechte…
Anknüpfungsspazierga… zu ABC-Listen zur Wiederholung im…
Coaching Mittelstand zu Kein Rezept für gehirngerechte…

Stichwortwolke

Berufsschule Bildung Buchtipp Didaktik Fundstücke Klatsch Konnektivismus Lernen Methoden Podcast Psychologie Unterricht Web2.0 Wiki Wirtschaftskunde-Podcast

Twitter

del.icio.us

Blogroll

MyWorld

Watch videos at Vodpod and other videos from this collection.

My Facebook- Fotos


Blog Stats

Meta