Archive for 21. März 2008
Jahresgespräche
In jeder der fünf Firmen, in der ich bisher beschäftigt war, gab es mehr oder weniger gut organisierte Gespräche von Mitarbeitern und Vorgesetzen. Die tollste Erfahrung war jene in der allerersten Firma, als sich die gesamte Abteilung an einem Freitag und Samstag mit einem externen Coach in einem Seminarhotel die Aufgabenverteilung selbstständig neu regeln durfte. Der Motivationsschub bei meinen Kollegen und mir war erstaunlich. Dieses Wochenende zu toppen ist schwierig.
Dennoch ist mir eine Erinnerung geblieben: Jahresgespräche können vieles bewirken. In einer Firma habe ich beim Jahresgespräch gekündigt, in einer anderen Firma einige Tage davor. Weil ich es mir zur Angewohnheit gemacht habe, mich darauf vorzubereiten und nötigenfalls die Notbremse zu ziehen.
Auch in der Berufsschule stehen nun die Jahresgespräche an. Wie bereite ich mich darauf vor?
- Ich notiere mir seit Anfang des Jahres in einer Outlook-Notiz Themen, die ich zu Sprache bringen möchte. Was hat mir gefallen? Was hat mich gestört? Was habe ich gut gemacht? Was ist schief gegangen und warum?
- Während der Weihnachts-, Semester- oder Osterferien gehe ich für ein paar Stunden auf ein paar Tage verteilt „in Klausur“ und reflektiere das vergangene Jahr und plane die nächsten Jahre beruflich und privat vor. Im Lehrerjob ist die Sache relativ einfach, hier gibt es keine Karriereleiter zu erklimmen. Die Planung erstreckt sich also eher auf Randbereiche des Jobs: Welche Weiter- und Fortbildungen sind möglich, welche werden bezahlt und welche werde ich privat bezahlen. Wie ist die dafür notwendige Zeit mit der Schule vereinbar? Wann trete ich mein Sabbatical-Jahr an? Bei diesem Prozess unterstützt mich zB Lothar Seiwert mit seinem Buch „Wenn Du es eilig hast, gehe langsam„.
- Nachdem Psycho-Tests eine Marotte von mir sind, suche ich mir einige passende aus. Sie bestätigen meine Stärken, Schwächen, Vorlieben und Abartigkeiten. Dieses Jahr bin ich begeistert und wurde bestätigt vom Persönlichkeitstest bei Egoload (geht schnell, ist sehr treffsicher; erwartetes Ergebnis war „UD“). Ein ausführlicher Kompetenztest wird vom geva-Institut angeboten. Die 18 Euro Gebühr dafür spart man sich mit dem Gutscheincode IES3516, wenn man unter den ersten 20.000 Teilnehmern ist. Das Ergebnis wird mir in den nächsten Tagen übermittelt werden, ich bin schon gespannt. Ein harmloserer Stärken/Schwächen-Test ist bei wissen.de zu finden.
- Mit Planung, Seiwert-Rollen und Psycho-Tests gewappnet bin ich mir meist klar, was ich überhaupt will und schreibe dann meine Kündigung *scherz, haha*. Ich bereite mir auf Jahresgesprächs-Formularen (2 – 4 Seiten) einen kurzen Leitfaden für das Gespräch vor. Dieses Jahr nehme ich die vom Schulamt Gießen netterweise ins Netz gestellten Formulare zu Hilfe. (Wären diese Formulare Teil unser Firmenkultur, würde ich natürlich die hauseigenen verwenden.)
In manchen Firmen waren diese Jahresgespräche mit den Gehaltserhöhungen mehr oder weniger verbunden. Diese „Last“ fällt bei Jahresgesprächen mit Lehrern weg. Wir können uns also voll und ganz auf das konzentrieren, worauf es wirklich ankommt: Feedback, Aufgaben, Ressourcen und Verantwortlichkeiten.
Add comment 21. März 2008
Aufmerksamkeit im Klassenzimmer
Seth Godin fragt: „You were going to spend how much to distract me from what I was doing?“
Wieviel ist der Lehrer im Klassenzimmer und zuhause bereit auszugeben, damit die Schüler seine Aufmerksamkeit haben? Was genau in einer Unterrichtsstunde ist es wert, diese Aufmerksamkeit mit Zeit und Energie zu „kaufen“?
Und umgekehrt: Wieviel Aufmerksamkeit wird Zielen gewidmet, die unwesentlich oder völlig irre sind? Dazu folgende Beobachtung von heute morgen:
Für mich hat vor einigen Tagen die Laufsaison wieder begonnen. Ich laufe viel auf Straßen, regelmäßig auf einer wenig befahrenen (weil umfahrenen) Hauptstraße. Dabei passiert es aber doch dann und wann, dass ein Auto vor und eines hinter mir fährt. Ein Fahrzeug (Auto Nr. 1) kommt mir entgegen, eines (Auto Nr. 2) will mich überholen. Auto Nr. 1 versucht zwei Dinge: Mich nicht zu rammen (nett!!) und mich auch nicht zu streifen (auch nett!!). Auto Nr. 2 weiß, dass Auto Nr. 1 ein wenig Richtung Mittellinie schlenkert, damit es mir ausweichen kann. Beide konzentrieren sich darauf, dass wir drei uns nicht unbedingt auf gleicher Höhe treffen, also Läufer, Auto1 und Auto2 nebeneinander. Dann wäre es eng und nicht so gemütlich auf der Straße. Lustigerweise treffen wir uns in 9 von 10 solchen Begegnungen grundsätzlich immer nebeneinander. Die Aufmerksamkeit von Auto1 und Auto2 liegt auf mir, beide drosseln ihre Geschwindigkeit immer so, dass wir für einen kurzen Moment zu dritt nebeneinander die Hauptstraße benutzen. Durch Aufmerksamkeit auf das, was nicht eintreffen sollte, trifft gerade das ein.
Andere Geschichte: Englisch, question tags. Ich erzähle den Schülern, wie die Bildung von Question Tags funktioniert. Zum Beispiel „Susan is tired, isn’t she?“ Das „is“ wird also einfach verneint. Funktioniert oft, aber nicht immer. Zum Beispiel bei „I am tired“ funktioniert „am’t I“ ja nicht, es muss heißen: „I am tired, aren’t I“ oder „… am I not?“
Ergebnis: Beim Abfragen der Schüler eine Woche später, wussten viele, dass „am’t I“ nicht funktioniert, hatten aber keine Ahnung, wie es richtig lauten sollte. Die Aufmerksamkeit auf das, wie es nicht funktioniert, hindert uns am Weiterkommen.
Die Aufmerksamkeit, die wir gegenüber anderen Menschen haben, beeinflusst unser Verhalten. Marshall Rosenberg erzählt im Buch „Gewaltfreie Kommunikation“ im Kapitel „Ärger vollständig ausdrücken“ folgende Begebenheit:
In einem Heim für schwer erziehbare Kinder schlichtete er eine Rauferei und bekam mit dem Ellbogen unabsichtlich eine Schlag auf die Nase. Der Verursacher war ein Kind, das er in Gedanken als „verzogenenes Gör“ bezeichnet hatte. Er wurde so wütend, dass der Mühe hatte, nicht zurückzuschlagen. Tags darauf eine ähnliche Rauferei. Diesmal bekam er von einem Kind, das er als „bedauernswertes Wesen“ betrachtete ebenso unabsichtlich einen Schlag auf dieselbe Nase und empfand dabei überhaupt keinen Ärger. Die Aufmerksamkeit auf unsere Vorurteile hindert uns daran, fair zu sein.
Versuchen wir also unsere Aufmerksamkeit im Klassenzimmer auf die wesentlichen und die positiven Elemente zu legen, damit Lernen stattfinden kann:
- Wertschätzung von Menschen
- Weckung von Neugier
Noch was? Nö, ich glaube nicht.
1 comment 21. März 2008



