Archive for Februar 2008
„Nirgendwo scheint die Lehrerarbeit wirklich gesund zu sein“
sagte (der nunmehr pensionierte) Professor Uwe Schaarschmidt, der über 20000 Pädagogen zu ihrem Job in der „Potsdamer Lehrerstudie“ befragt hat. Sein interessanter Artikel „Beneidenswerte Halbtagsjobber?„, sein Interview „Die Ausgebrannten“ in der „Zeit“ und seine Bücher (zB „Gerüstet für den Schulalltag„) könnten für so manche Lehrer ein Wegweiser zu einem besseren Leben sein.
Er teilt Lehrer in 4 Grundtypen ein, die zeitlebens „erstaunlich stabil“ bleiben. Ideal wäre es, ein „G-Typ“ (G wie „gesund“) zu sein. Dieser Lehrer ist engagiert, jedoch nicht zu engagiert, ist ehrgeizig, die Arbeit ist ihm wichtig, er resigniert aber selten und kann sich distanzieren, strotzt vor innerer Ruhe und Ausgeglichenheit und ist … einfach zufrieden.
Der „S-Typ“ (S wie „schonen“) schöpft seine Kraft von außerhalb des Lehrberufes und dort investiert er sie auch. Trotzdem (oder gerade deswegen) ist er ganz zufrieden. Von schulischen Problemen distanziert er sich am besten von allen, er hat wenig beruflichen Ehrgeiz und verausgabt sich sicher nicht. Der S-Typ wird gemacht: Durch mangelnde Karrieremöglichkeiten und/oder schlechte Arbeitsbedingungen. Schonung steht auch für Schutz.
Bleiben noch die zwei Risikotypen „A“ und „B“, der laut seiner Studie in allen Schultypen mehr als die Hälfte aller Lehrer angehören. Kaum wer entwickelt sich von einem Risikotyp zu einem „G“ oder „S“ Typ, das Gegenteil ist meistens der Fall.
Der „A“-Typ rackert sich ab: Er zeigt überhöhtes Engagement, kann kaum Abstand von Problemen im Beruf nehmen, entspannt nicht, findet seine innere Ruhe nur schwer und ist somit wenig zufrieden. Eine Gefahr für ihn ist die „Gratifikationskrise“ – großer Arbeitseinsatz ist verbunden mit ausbleibendem Erleben von Anerkennung. Die Infarktgefahr bei ihm ist durchaus gegeben.
Der „B“-Typ hat viel gemeinsam mit dem Muster S. Jedoch kann er sich nicht distanzieren, sondern resigniert, ist wenig motiviert und versucht, mit der ihm verbliebenen Kraft „irgendwie“ über die Runden zu kommen. Der Burn-Out naht.
Die befragten Lehrer geben an, dass sie destruktives Verhalten von schwierigen Schülern verbunden mit großen Klassen und hoher Stundenanzahl als die Top3 der Belastungsfaktoren empfinden. Dabei wiegt eine schwierige Klasse, verbunden mit hoher Stundenanzahl viel schwerer als dieselbe Klasse bei insgesamt weniger Stunden.
Schaarschmidt empfiehlt, die Rahmenbedingungen für den Lehrerjob zu ändern:
- Entlastung der Lehrer von nicht bewältigbaren erzieherischen Aufgaben, sie dürfen mit diesen Problemen nicht allein gelassen werden. Helfen könnten: Politik, Eltern, Lehrerschaft, Sozialarbeiter, Psychologen, …
- Voraussetzungen schaffen, damit Lehrer mehr eigenverantwortlich Handeln können. Weg mit den Reglementierungen von außen, die jede pädagogische Arbeit nur unnötig erschweren. Mehr Muße und Kontinuität für schulische Aufgaben statt ständiger Kampagnen. Schaffung von beruflichen Alternativen bei Erreichen der persönlichen Belastungsgrenze.
Der Führungsstil der Schule sollte zudem kooperativ-unterstützend sein, im Kollegium sollte ein Klima der Offenheit und Unterstützung vorherrschen. Der Erholungswert von Pausen sollte gesteigert werden.
Einem guten Viertel aller Lehrer mangelt es lt. Studie an sozial-kommunikativen Kompetenzen und am Selbstvertrauen. Wer sich ständig die Frage stellt, ob er ein guter Lehrer ist, der schwächt sich selbst. Hier muss bereits beim Aufnahmeverfahren für den Lehrerjob selektiert werden.
Was sollte der Lehrer dazu beitragen? Lebenslange Weiterbildung zur Kompetenzentwicklung, lernen aus Rückmeldungen und nicht zuletzt: körperlich fit bleiben.
Auf der Homepage des Verbandes für Bildung und Erziehung kann sich das ganze Lehrer-Kollegium (anonym) im Arbeits-Bewertungs-Check testen lassen. Welche Typen sind vertreten, wo stehen wir? Interessant, finde ich. Wie bringe ich nur die Kollegen dazu, hier mitzumachen?
4 comments 25. Februar 2008
Wenn Lehrer zusammenarbeiten …
würden. Seit einigen Wochen grüble ich darüber nach, warum die Zusammenarbeit zwischen Lehrern oft manchmal so schwierig und frustrierend ist. Derzeit gefällt mir zu diesem Thema folgende Analogie:
Wenn meiner Schwiegermutter ein Kochrezept von einer Bekannten empfohlen wird, dann schreibt sie es (handschriftlich) in ein Heft. Möchte eine Freundin meiner Schwiegermutter ein Kochrezept haben, dann schreibt sie es der Freundin (handschriftlich) ab. Heutzutage gibt es Google. Dort tippe ich Zutaten ein, die ich gerade im Kühlschrank habe, und Google spuckt Rezepte aus. Oder ich tippe ein Thema ein: „grillen“, „griechische küche“ usw.
Was waren aber die Zwischenstufen vom Heft bis zu Google? Als die ersten „Heimcomputer“ erschwinglich wurden, wurden Kochrezepte getippt und auf Diskette gespeichert. Diese Disketten konnten ausgetauscht werden. Später gab es diese Disketten oder CDs als kommerzielle Kochrezepte-Sammlungen sogar zu kaufen. Als das Internet populär wurde, entstanden erste Kochrezept-Communities. Eine der ältesten, die ich seit über 10 Jahren noch immer regelmäßig nutze ist das Unix-Kochbuch, das es seit 1994 gibt und völlig gratis feine Rezepte zur Verfügung stellt. Derzeit steht der Kochrezepte-Zug beim Rezepte-Wiki, wo jeder seine Rezepte einpflegen kann und gleichzeitig von den Mitmotivierten profitiert.
Die Zusammenarbeit zwischen Lehrern kann in ähnlichen Evolutionsstufen erfolgen. Da wäre zuerst einmal die handschriftlich Kochrezepte-Sammlung: Jeder erstellt sich seine Unterrichtsvorbereitung alleine. Hat er einen guten Draht zu Kollegen, lassen die ihn schon mal das eine oder andere Arbeitsblatt abschreiben. Selbstverständlich nur auf Anfrage. Will heißen: Sie geben ihm eine Kopie davon, keinesfalls eine elektronische Version. Dieser Austausch erfolgt naturgemäß nach dem Motto: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Erhält die Kollegenschaft über kürzere oder längere Zeit weder Auge noch Zahn, dann kommt die Zusammenarbeit zum erliegen.
Eine moderne Version der Zusammenarbeit ist der elektronische Austausch – Kochrezepte auf Diskette oder moderner: Auf USB-Stick. Hier sitzen zwei Kollegen ein trauter Einsamkeit vor dem Bildschirm, sehen sich einige Arbeitsblätter im Word-Format durch. Beide haben folgenden Standard-Dialog bestens eingeübt:
A: „Das habe ich zum Thema X gemacht. Möchtest Du haben?“
B: „Ja, bitte. Das wäre ganz furchtbar nett von Dir.“
A: „Okay, dann kopiere ich Dir das auch. Das habe ich zum Thema Y. Möchtest Du das auch haben?“
B: „Ja, das bitte auch. Vielen, vielen Dank.“
A: „Und das habe ich…“ usw.
Die nächste Stufe der Evolution weg vom primitiven Einzeller hin zum denkenden Menschen ist eine zentrale Ablage aller Unterrichtsvorbereitungen, auf die jeder, ohne auf Knien zum Kollegen kriechen zu müssen, Zugriff hat. Idealerweise ist die Ablage elektronisch und hat den angenehmen Nebeneffekt, dass ein gewisser Unterrichtsstandard (Qualitätsstandard) entsteht. Es wird darauf vertraut, dass jeder seinen Beitrag leistet. Bei zuwenig Vertrauen könnte die Arbeitsbelastung fair verteilt werden. Zusammenarbeit im Team, traumhaft.
Diese Evolutionsstufe hat uns aber leider noch immer nicht aus der dörflichen Gemeinschaft in die weite Welt hinausbefördert. Wie viele Unterrichtsstunden zum Thema „Bankomatkarte“ werden wohl jährlich im deutschsprachigen Raum erstellt. Was kostet das dem Steuerzahler? Wieviele (eigentlich sinnlose) Stunden kostet das den Lehrern? Und den Schülern?
Die Analogie zur EDV-Welt funktioniert auch hier: Früher war die Schwierigkeit, wie etwas zu machen ist, zB wie bringe ich ein Foto auf meine Homepage. Heute, mit Digicams, Fotohandy und Browser ist das kein Problem mehr. Heute kann sich auch ein unterdurchschnittlich versierter User darauf konzentrieren, was auf dem Foto zu sehen ist, eine qualititative Steigerung.
Genauso könnte es mit Unterrichtsvorbereitungen sein: Die Arbeit, wie wird ein Thema unterrichtet, kann zwischen den Lehrern aufgeteilt werden. Jeder Lehrer könnte die gewonnene Zeit nutzen, um die Qualität seines Unterrichtes zu verbessern.
Eine schul- und länderübergreifende Zusammenarbeit zwischen Lehrern wäre ab sofort mit billigen Breitband-Internetanschlüssen und Systemen wie Wikis möglich. Dabei würden Lehrer völlig uneingennützig ihre Vorbereitungen unter der common creative licence ins Netz stellen und andere davon profitieren lassen.
Funktioniert nicht? Warum hat das bei Wikipedia, beim Apache-Webserver („Open Source“), bei den Amazon-Rezension usw. funktioniert? Warum gibt es Tonnen von Freeware und Open-Source wie Gimp, Open-Office, Antivir, Firefox oder Thunderbird, die oft kommerziellen Programmen das Wasser reichen können, wenn sie nicht sogar besser sind? (Anmerkung: Dass es etliche tolle Initiativen wie zB das ZUM-Wiki, OBIS oder die Flickr-Tafelbilder gibt muss ich hier jetzt einfach ignorieren, weil breite Masse der Lehrer dieses Initiativen nicht nutzt.)
In den letzten Monaten habe ich versucht, zumindest über die USB-Stick-Ebene hinauszukommen. Ich bin bei vier Mini-Versuchen (Podcasts von und für Schüler, Beiträge für Homepage, Zeitungsartikel-Pool und DVD-Doku-Archiv) so richtig schön gescheitert. Dass alle vier Projekte einfach nur schlecht waren, glaube ich nicht. Für mich stellte sich also wochenlang die Frage: Warum?
Nach Gesprächen mit Kollegen erscheinen mir zwei Aussagen am logischsten:
1. „Ich hätte dir gleich sagen können, dass das nicht funktioniert.“ und „Das geht im Alltagstrott unter.“
2. „Unter den (jungen) Lehrern herrscht so ein Konkurrenzdenken.“
Den Spruch unter Punkt 1 ist ein alter Bekannter, den man wahrscheinlich in jeder „normalen“ Firma auch manchmal hört. Dem schenke ich nicht weiter Beachtung, wenigstens habe ich es versucht.
Der Punkt 2 erscheint mir interessanter, denn diese Sichtweise war mir neu. Lehrer und Konkurrenzdenken? Warum? Lehrer sind doch mit dem Berufseinsteig bereits am Ende der Karriereleiter angekommen. Der Unterrichtserfolg lässt sich kaum zuverlässig messen und wird auch kaum gemessen? Wozu also Konkurenzdenken?
Je mehr ich aber über diesen Satz nachdenke, desto logischer erscheint er mir: Wenn jede Innovation eines anderen Lehrers als Bedrohung der eigenen Person bzw. Karriere gesehen wird, dann ist jede Innovation eines Anderen automatisch zum Scheitern verurteilt.
Es ist wie am Kinderspielplatz: Anstatt gemeinsam an einer riesigen, schönen Sandburg-Schule zu bauen, bastelt jeder in seiner kleinen Sandkiste an seinem kleinen Sandburg-Fach herum. Manchmal wird ein Schauferl oder ein Küberl ausgetauscht, natürlich nur unter Freunden. Je nach persönlicher Präferenz lädt man den einen oder anderen mal in die eigene Sandkiste ein, wenn gestritten wird, dann wirft man ihn wieder aus seiner Sandkiste. Meine vierjährige Tochter drückt es immer so schön aus: „Der Max (Name geändert), der ist heute nicht mehr mein Freund, der ist blöd.“
Gedankensprung zur nächsten Frage, die sich nach alldem stellt: Wohin also mit der Kreativität und Innovationen von Lehrern? In einen Nebenjob, anderen Job, ein Kabarett, einen Roman oder … einen Blog?
10 comments 20. Februar 2008



