Das Wesentliche einer Unterrichtsstunde, Beispiel: Demokratie

Wir haben in der Lehrerausbildung noch gelernt, dass sich der Lehrer vor einer Unterrichtsstunde sogenannte “Feinziele” setzen soll. Das Grobziel ist das Thema der Stunde(n), die Feinziele eine Art Zwischenziele. Werden sie richtig formuliert, so können sie auch gleich zum nächsten Test in eine Aufgabe bzw. Frage umgewandelt werden.

Beispiel Grobziel: “Das österreichische Wahlrecht”, Feinziel: “Die Schüler nennen die fünf Grundsätze des Wahlrechts”, Testaufgabe: “Nennen Sie die fünf Grundsätze des Wahlrechts.”

Wie kommt man nun auf das Feinziel? Naja, eine Methode ist, sich auf die fett gedruckte Zusammenfassung im Buch zu stürzen und daraus seine Feinziele abzuleiten. Ist zielführend, zeitsparend, aber nicht wahnsinnig kreativ und für die Schüler (vielleicht!) etwas langweilig.

Eigentlich sollten die Feinziele das Wesentliche einer Unterrichtseinheit beschreiben. Was aber ist wesentlich? Vera F. Birkenbihl beschreibt im Buch “Das innere Archiv” im Kapitel “Informations-Flut” (… und nichts anderes ist vorhanden, wenn ich mir das ansehe, was ich den Schülern vermitteln soll im Vergleich zur Zeit, die zur Verfügung steht…) drei Kategorien von Informationen:

  1. Kategorie 1: Wesentliche Informationen: wichtig und wertvoll, ändern sich nicht laufend.
  2. Kategorie 2: Info-Müll, also isolierte Fakten, Daten ohne Wert, Kreuzworträtsel-Wissen, viele Infos in Zeitungen und Nachrichten-Sendungen. Super zu prüfen, schwierig zu lernen. Nur die Frust-Resistenten bekommen hier ein Sehr Gut. (*satire* Gibt es in der Schule natürlich nicht, weil alles, was der Herr Lehrer sagt, ganz ungemein wichtig ist. */satire).
  3. Kategorie 3: Update-Wissen kann bedingt wertvoll sein, unter gewissen Umständen. (Da verstehe ich Fr. Birkenbihl nicht ganz, sie erzählt hier von Software- und Hardware Updates … vielleicht meint sie eine laufende Überprüfung von wesentlichen Infos und die anschließende Entscheidung, ob wir diese Infos brauchen oder nicht. Lassen wir diese Kategorie einfach mal für die Unterrichtsplanung weg.)

Okay, ran ans Ziel: Was ist wesentlich an meiner Unterrichtsstunde? Im wirklichen Leben muss ja jeder selbst entscheiden, was für ihn wesentlich ist. Im Unterricht entscheidet der Lehrer, was wesentlich für die Schüler sein könnte. Eleganterweise sollten sich Lehrer fragen: Was ist wesentlich und weckt Interesse zugleich?

Bleiben wir beim Fach “Politische Bildung”. In irgendeiner Unterrichtseinheit wird Demokratie besprochen. Was ist das Wesentlich an der Demokratie? Wenn wir das Fettgedruckte des Lehrbuches nehmen, dann sollte der Schüler beispielsweise mit den Begriffen “Exekutive”, “Legislative” und “Judikative” was anfangen können. Persönlich spannender finde ich aber Situationen, wo diese Trennung laut Lehrbuch und Theorie und Schönrederei eben nicht stattfindet. Wo diese Grenzen butterweich werden und sich die Schüler ausmalen, was passiert, wenn diese Grenzen hie und da überschritten werden. Zum Beispiel Exekutive und Legislative in einer Koalition, wenn dieselbe Regierung jene Gesetze ausführt, die sie soeben im Parlament beschlossen hat. Gewaltentrennung? Oder bei der Institution des Untersuchungsrichters (Judikative), der nach kriminalistischer Manier Fälle untersucht, mit genügend Beweisen dann dem Staatsanwalt (auch Judikative) vorlegt, die dieser dann zur Anklage bringen oder in die Schublade verschwinden lassen kann. Und wenn der Justizminister (Exekutive und Regierung) dem Staatsanwalt ein wenig ins Ohr flüstert (… Sie wissen ja, in Österreich geht immer ein bisserl was…), dann ist die Schublade halt ein wenig näher als die Anklagebank. Da sind wir dann schon verdammt nahe am Absolutismus. Und das es nicht immer beim Flüstern zwischen den drei Gewalten bleibt, das kann man ja in den Zeitungen von voriger Woche nachlesen.

Was ist also das Wesentlich an der Gewaltentrennung (in Österreich)? Dass sie meistens und oft funktioniert, aber eben nicht immer. Das könnte spannend sein, für unsere Schüler. Spannender zumindest als “Exekutive”, “Legislative” und “Judiaktive”. Aber diese drei Begriffe lernen sie beim Erzählen solcher “Räubergeschichten” sowieso nebenbei.

Vielleicht könnte man ja in dieser Stunde einiges aus dem Leben des Wolfgang Aistleitners erzählen, der mit einem verdammt guten Theaterstück dann und wann durch Österreichs Lande tourt: “Der Fluch des Montesquieubehandelt ebendiese Problematik. Inhalt: Eine Pharmafirma schmiert den Gesundheitsminister, um ein Medikament auf den Markt bringen zu dürfen. Ein Untersuchungsrichter wird vom Staatsanwalt mundtot gemacht. Die Medien dürfen auch ein wenig mitspielen, sind aber eher hilflos (also: von wegen vierte Gewalt im Staate…).

Nebenbei bemerkt: Im oben verlinkten Interview bemerkt Aistleitner, dass er vermutlich mehr erreicht, wenn er seine Probleme mit dem Justizsystem in einem Kabarettstück verarbeitet, anstatt in Fachzeitschriften zu schreiben. Da fällt mir ein: Gibt es schon ein (gutes) Kabarett unser Schulsystem?

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One thought on “Das Wesentliche einer Unterrichtsstunde, Beispiel: Demokratie

  1. Schlechte Lehrer wollen die Macht behalten « Lernen Heute

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